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19.12.2016 | Recycling | Interview | Onlineartikel

"Weniger neue Rohstoffe müssen gewonnen werden"

Autor:
Günter Knackfuß
Interviewt wurde:
Kees Langeveld

ist Vizepräsident Geschäftsentwicklung des internationalen Chemieunternehmen Israel Chemicals Ltd. (ICL). Das Unternehmen produziert u. a. Düngemittel und anorganische Phosphorchemikalien.

Die Deutsche Phosphor-Plattform tritt für P-Recycling und Substitution von Phosphor ein. In den Niederlanden wird das bereits praktiziert, erklärt Kees Langeveld im Gespräch mit Springer Professional.

Springer Professional: Als Düngemittelproduzent ist ihre Firma auf dem europäischen Markt stark präsent. Warum setzen sie auch auf Phosphor-Recycling? 

Kees Langeveld: Die Israel Chemicals Ltd. (ICL) fühlt sich den ökologischen und sozialen Anforderungen unserer Zeit verpflichtet, an gesellschaftlichen Veränderungen aktiv teilzunehmen. Deshalb versucht unser Unternehmen, eine entsprechende Rolle in der "Circular Economy" (Nachhaltigkeit) zu spielen. Das betrifft auch das Recycling von Phosphor. Ein nicht zu vernachlässigender Nebeneffekt ist, dass damit die Produktionsstätten in den Niederlanden und Deutschland erhalten bleiben.

Das Werk in Amsterdam verarbeitet den Recycling-Dünger Struvit. Welche Effekte verbinden sich damit?

Das Werk in Amsterdam setzt Struvit ein als alternativen Rohstoff. Struvit wird in verschiedene Kläranlagen in den Niederlanden produziert. Es ist ein Stoff aus Magnesium, Ammonium und Phosphat, welcher bereits für Pflanzen verfügbare Nährstoffe enthält. Somit kann alles relativ einfach in die Standard Düngersorten eingranuliert werden. Die Verarbeitung in der ICL-Anlage stellt sicher, dass Keime, Bakterien usw. vernichtet werden und ein sauberes Endprodukt entsteht.

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Phosphatrecycling aus Klärschlammaschen —warum Phosphorsäure der Königsweg ist

Das Element Phosphor (P) ist für alle Lebewesen und Pflanzen essentiell. In der Natur kommt Phosphor nicht elementar, sondern allein in Form von Phosphaten vor. 


Wie und mit welchen Vorteilen funktioniert das innovative Verfahren? 

Ein großer Vorteil dieses neuen Verfahrens besteht darin, dass weniger neue Rohstoffe (sprich Rohphosphat) gewonnen werden müssen und auf diese Art und Weise unsere Gesellschaft die vorhandenen Vorräte länger nutzen kann. Einen wichtigen Nebeneffekt bildet der geringere "CO2-Footprint" bei diesem Verfahren.

Wie hat sich der Einsatz von sekundären Phosphaten seit 2010 entwickelt?

Ab 2011 wurde in Amsterdam die Verarbeitung von verschiedenen Sekundär- Phosphaten begonnen. Mittlerweile verbrauchen wir mehrere Tausend Tonnen Struvit, Asche aus Klärschlamm, Holz und Tiermehl pro Jahr und sind dabei, eine neue Dosieranlage zu bauen. Mit dieser Investition mit Kosten in Millionenhöhe werden wir eine signifikante Steigerung der Tonnagen erreichen.

Was sollte getan werden, um die Recyclingraten zu steigern?

Sehr wichtig ist eine harmonisierte Gesetzgebung in Europa auf dem Gebiet der Abfallverarbeitung (End of Waste Kriterien), so dass es ein einheitliches Verfahren für grenzüberschreitende Transporte gibt. Nicht weniger wichtig ist die Einführung realistischer Grenzwerte für Produkte aus Recyclaten: Keine unnötig niedrigen Grenzwerte, da sonst ein ökonomisch vertretbares Recycling nicht zu Stande kommen kann. Und letztendlich geht es um Transparenz von Produzenten und Behörden über Qualität, Verfahren und Umweltvorteile. 

Unter dem Dach von Recycling 2.0 streben sie neue Entwicklungen an. Wie bewerten sie den gegenwärtigen Stand?

Neben der Wiederverarbeitung von Düngemitteln sind zurzeit neue Entwicklungen in der Testphase. ICL hat Patente des RecoPhos-Verfahrens gekauft, wobei Klärschlammaschen umgewandelt werden in elementaren Phosphor (P4). Ein Rohstoff, der jetzt noch aus Ostasien kommt und für die Produktion von Flammschutzmitteln, Schmiermitteln, usw. in den ICL-Anlagen in Deutschland und den USA eingesetzt wird. Für dieses Verfahren wird aktuell eine Pilot-Anlage ausgelegt. Nach anderthalb Jahren Testphase sollen dann verschiedene Großanlagen in Deutschland und den Niederlanden errichtet werden. Diese verfügen  insgesamt über eine Aufnahme-Kapazität von 300.000 Tonnen Aschen pro Jahr. Eine andere Entwicklung ist ein Verfahren für die Produktion von gereinigter Phosphorsäure, die weiterverarbeitet wird in Lebensmitteln und Tierfutter. Diese Technologie benutzt als Rohstoffe Aschen und Salzsäure, zwei Nebenprodukte, die jetzt entsorgt werden müssen. Hiermit können 100 bis 200.000 Tonnen Asche genutzt werden, die sonst in Salzminen landen würden und damit für den Phosphorkreislauf verloren wären.

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