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Über dieses Buch

Die Entwicklung von ostdeutschen Städten und Regionen ist seit 1990 von vielfältigen Umbrüchen geprägt. Ein Nebeneinander von Schrumpfung und Wachstum, Abriss und Neubau, Strukturproblemen und Entwicklungsimpulsen kennzeichnet die Regionalentwicklung in Ostdeutschland. Die Untersuchung dieser räumlichen Unterschiede und Besonderheiten ist Gegenstand der humangeographischen Forschung an ostdeutschen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Der Band gibt einen Überblick über Arbeiten zur Politischen Geographie, zum wirtschaftlichen Strukturwandel und dessen politischer Ökonomie, zum sozialen Wandel, zu den Veränderungen ländlicher Räume, zu den Umbrüchen ostdeutscher Städte und zur Transformation von Mensch-Naturverhältnissen in Ostdeutschland. Die Beiträge bieten eine geographische Perspektive auf die verschiedenen Facetten, Entwicklungspfade und Widersprüche der gesellschaftlichen Transformationen in den neuen Bundesländern.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Regionalentwicklung in Ostdeutschland – Geographien einer Transformation. Zur Einleitung

Diese Einleitung zum Sammelband „Regionalentwicklung in Ostdeutschland“ gibt einen kurzen Überblick über die bisherige Forschung zu Ostdeutschland, deren Erkenntnisse oft an der westdeutschen Realität als Vergleichsgröße gemessen werden. Dazu zählen Befunde zu Abwanderung, demographischem Wandel und wirtschaftlicher Strukturschwäche. Es wird argumentiert, dass der Blick über vereinheitlichende und stereotype Bilder von Ostdeutschland hinaus gehen muss. Der Beitrag der Geographie zu dieser Diskussion wird darin gesehen, Ostdeutschland nicht als feststehende Raumkategorie, sondern als „gewordene Region“ zu betrachten. Eine geographische Perspektive fokussiert auf die Einbettung Ostdeutschlands in überregionale und internationale Entwicklungen, sowie auf die kleinräumigen Differenzierungen und Ungleichheiten, die auch innerhalb Ostdeutschlands bestehen. Letztlich ist Ostdeutschland als politische Raumkategorie zu verstehen, die gleichzeitig Ausdruck und Ort der Aushandlung verschiedener politischer Interessen ist.

Sören Becker, Matthias Naumann

Die Politische Geographie Ostdeutschlands

Frontmatter

Kapitel 2. Der „Osten“ ist anders!? Anmerkungen zu den Diskursen über die politischen Einstellungen in Ostdeutschland

Der Beitrag thematisiert die Unterschiede der politischen Einstellungen bei „Ostdeutschen“ und bei „Westdeutschen“ sowie deren Plausibilisierungen und Interpretationen. Dazu werden zum einen Überlegungen angestellt, welchen Stellenwert das Räumliche und der „Westen“ bei der politischen Konfiguration des „Ostens“ besitzen. Zum anderen wird auf einer erkenntnistheoretischen Ebene diskutiert, was aus dem Blick geraten kann, wenn Fragen nach der Andersartigkeit des „Ostens“ und der politischen Einstellung seiner Bewohner*innen gestellt und beantwortet werden. Der Beitrag soll darauf aufmerksam machen, dass in den wissenschaftlichen und politischen Debatten über das Anderssein des „Ostens“ und die politischen Einstellungen der „Ostdeutschen“ blinde Flecken auftauchen, die es auszuleuchten gilt.

Manfred Rolfes

Kapitel 3. Eliten in Ostdeutschland. Repräsentationsdefizit und Entfremdung der Ostdeutschen?

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Repräsentation von Ostdeutschen in den Eliten Gesamtdeutschlands und der neuen Länder. Ausgehend von einem funktionalen Begriff, der Eliten als Entscheidungsträger innerhalb von Institutionen und Organisationen versteht (Positionseliten), wird ein Überblick über den Anteil von Menschen mit ostdeutschem Hintergrund in verschiedenen gesellschaftlichen Funktionsbereichen (Sektoren) gegeben. Während innerhalb der politischen Mandatsträger*innen (politische Exekutivelite) eine relativ hohe Repräsentation beobachtet werden kann, ist diese etwa in den Elitesektoren Wirtschaft und Wissenschaft schwächer ausgeprägt. Die anhaltend ungleiche Verteilung wird mit spezifischen Rekrutierungslogiken in den Eliten erklärt; unter anderem sind weiterhin die Folgen der Vereinigung und der Zugang zu Netzwerken relevant.

Raj Kollmorgen

Kapitel 4. Die Polizei in Sachsen. Umstrukturierungen und Veränderung polizeilicher Praxis

Der Beitrag problematisiert die Polizei in Sachsen als Untersuchungsgegenstand einer kritischen Kriminalgeographie. Auf Grundlage einer empirischen Untersuchung wird die strukturelle Entwicklung der Polizei in Sachsen seit 1990 rekonstruiert. Anschließend wird argumentiert, dass in dieser Entwicklung die Befugnisse der Polizei, in soziale Konflikte im öffentlichen Raum einzugreifen, ausgebaut worden sind. Diese Verpolizeilichung sozialer Konflikte zeigt sich u. a. durch die Verstärkung der Präsenz der Polizei bei konkreten Gefahren und die Steigerung der Deutungshoheit der Polizei als politische Akteurin. Aus Sicht einer kritischen Kriminalgeographie gilt es, die damit einhergehende Verdinglichung der durch vielfältige Konflikte geprägten Stadträume als gefährliche Viertel als handlungsleitenden Aspekt regionaler Entwicklungspolitik zu kritisieren.

Sophie Perthus

Kapitel 5. Ostdeutsche Grenzregionen. Zwischen Systemtransformation, EU-Osterweiterung und alltäglichem Bordering

Die ostdeutschen Grenzregionen sind zusätzlich zu den Anpassungsprozessen nach der Wiedervereinigung von weiteren Transformationsprozessen betroffen. Insbesondere die Öffnung der Europäischen Binnengrenze führt hier zu neuen Verknüpfungen, aber auch zu Abgrenzungen in grenznahen Regionen. Der Beitrag beschreibt die Veränderungen der Grenzregime an der deutschen Ostgrenze und deren Auswirkungen, sowohl auf politischer Ebene als auch hinsichtlich der alltagsweltlichen (Re-)Konstruktion von Grenzen.

Hans-Joachim Bürkner

Kapitel 6. Geographien der Unsicherheit. Bürgerwehren an der ostdeutschen EU-Binnengrenze

Dieser Beitrag beschäftigt sich aus sozialgeographischer Sichtweise mit neuen Praktiken der Sicherheit an der ostdeutschen Grenze zu Polen, und zwar mit Bürgerwehren als Phänomen des Vigilantismus. Das Phänomen wird dabei eingeordnet in sich verändernde Grenzregime, die durch drei räumliche Transformationen geprägt werden: 1) Reskalierungen im Zuge der Europäischen Einigungsprozesse, 2) Versicherheitlichung als Ausdruck der fortwährenden Orientierung auf die Herstellung von Sicherheit und 3) Ent-Ortungen im Sinne der Verlagerung der räumlichen Praktiken der Überwachung in grenzferne Räume. Diese Kombination von Prozessen kann, oft auch im Zusammenspiel mit weiteren Unsicherheitsfaktoren, zu einem verringerten Sicherheitsempfinden in der Bevölkerung führen, das sich in vigilantischen Praktiken entlädt. Der Beitrag ordnet diese Entwicklungen konzeptionell ein und plädiert auf Basis dieser Diskussion für eine sensible humangeographische Forschung in von Umbrüchen geprägten Regionen.

Kristine Beurskens, Judith Miggelbrink

Wirtschaftlicher Strukturwandel und Politische Ökonomie

Frontmatter

Kapitel 7. Wirtschaftsräumliche Struktur und Entwicklung Ostdeutschlands. Ein Überblick

Der Beitrag gibt einen Überblick über die wirtschaftsräumliche Entwicklung Ostdeutschlands. Hierfür werden zunächst charakteristische Strukturmerkmale ostdeutscher Unternehmen betrachtet. Im Anschluss widmen sich die Autoren Fragen der regionalen Konvergenz und Differenzierung. Unter Rückgriff auf verschiedene Strukturindikatoren werden die ostdeutschen Landkreise in diesem Zusammenhang in drei Typen unterteilt. Die Analyse zeigt, dass ein Großteil der ostdeutschen Flächenkreise nur über geringere Entwicklungspotenziale verfügt, während wenige Landeshaupt- und kreisfreien Universitätsstädte als zukunftsträchtige Wachstumsinseln hervortreten.

Sebastian Henn, Susann Schäfer

Kapitel 8. Kapitalmangel und Transferabhängigkeit. Zur Politischen Ökonomie Ostdeutschlands

Die Politische Ökonomie Ostdeutschlands ist geprägt durch die strukturelle Abhängigkeit vom westdeutschen Landesteil. Dabei schlägt sich das Fehlen einer lokalen Eigentümerklasse in einer dauerhaften Transferabhängigkeit nieder. Der Beitrag rekonstruiert diese bis heute andauernde Situation anhand der politischen Richtungsentscheidungen im Wiedervereinigungsprozess, quantifiziert den Umfang der West-Ost-Transfers und entwickelt eine kritische Perspektive auf die ökonomischen Zukunftsaussichten Ostdeutschlands. Es wird gezeigt, dass um die Bedingungen der transfergestützten Ökonomie auf höchster politischer Leitungsebene immer wieder aufs Neue gerungen werden muss.

Dominik Intelmann

Kapitel 9. Finanzialisierung in Ostdeutschland

Die Finanzialisierung als Bedeutungsgewinn der finanzwirtschaftlichen Akteure gegenüber den realwirtschaftlichen Akteuren nimmt in Ostdeutschland einen speziellen Verlauf. Aufgrund der ökonomischen Schwäche zahlreicher ostdeutscher Regionen sind die dortigen öffentlichen und privaten Einnahmequellen leichter für eine Finanzialisierung zugänglich. Der kleinteilige, extern kontrollierte ostdeutsche Unternehmenssektor ist dagegen vor einem Zugriff von Finanzinvestoren stärker geschützt. Wenn Finanzinvestoren Unternehmen in Ostdeutschland übernehmen, dann fließen die dabei erzielten Gewinne überwiegend an regionsexterne Finanzzentren. Bei den Auswirkungen der Finanzialisierung auf die Regionalentwicklung ist demnach zwischen privatem und öffentlichem Sektor zu unterscheiden.

Christoph Scheuplein

Kapitel 10. Finanzbedarfe der Mittelzentren in Ostdeutschland. Fiskalische Herausforderungen für Mittelzentren durch den demographischen Wandel und eine ländlich-periphere Lage

Der Beitrag stellt die spezifischen fiskalischen Herausforderungen ostdeutscher Mittelzentren bei der Erbringung zentralörtlicher Leistungen heraus. Besondere Herausforderungen ergeben sich durch den demographischen Wandel, die ökonomische Transformation und die ländlich-periphere Lage. Konzeptionell beruht der Beitrag auf der Debatte um finanzielle Asymmetrien in Zentrum-Peripherie-Strukturen. Diese werden anhand ausgewählter Beispiele empirisch illustriert. Der kommunaleKommunalfinanzen Finanzausgleich ist für die Finanzausstattung ostdeutscher Kommunen von besonderer Bedeutung. Daher diskutiert der Beitrag abschließend Handlungsoptionen zur Berücksichtigung zentralörtlicher Aufgaben bei der Bestimmung kommunalerKommunalfinanzen Finanzbedarfe.

Frauke Richter, Daniel Schiller

Kapitel 11. Internationale Fachkräfte auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt. Ein Beitrag zur Minderung des Fachkräftemangels?

Vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Fachkräftemangels in ostdeutschen Unternehmen diskutiert dieser Beitrag den aktuellen Einbezug von Ausländern in den ostdeutschen Arbeitsmarkt und damit in Zusammenhang stehende Herausforderungen. Zunächst gehen die Autoren auf den Begriff und mögliche Ursachen des Fachkräftemangels ein, bevor sie einen Überblick zur historischen wie aktuellen Einbindung ausländischer Fachkräfte in den ostdeutschen Arbeitsmarkt geben. Abschließend werden die Perspektiven von Unternehmen in Bezug auf die Anwerbung und Integration von ausländischen Fachkräften am Beispiel hochqualifizierter Migranten im Freistaat Thüringen thematisiert.

Susann Schäfer, Sebastian Henn

Kapitel 12. Kreative Ökonomien in der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg

Die Kreativwirtschaft bietet vielfältige Entwicklungspotenziale in ostdeutschen Städten und Regionen. Am Beispiel der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg diskutiert der Artikel die Abgrenzung, Entwicklung und den Beitrag der kreativen Wirtschaftszweige für die wirtschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands. Berlin kann dabei als Hauptstadt der Open Creative Labs (Orte für Innovation und Experimente) gekennzeichnet werden, eine Entwicklung, die mittlerweile auch auf Brandenburg ausstrahlt.

Suntje Schmidt

Kapitel 13. Zentralisierung, Suburbanisierung und Filialisierung. Zur Entwicklung des Einzelhandels in Ostdeutschland

Standorte des Einzelhandels besitzen prägende Bedeutung für Versorgungs- und Zentrensysteme sowie für alltägliche Mobilität und Verkehrsmengen. Entsprechend stellt die geographische Einzelhandelsforschung ein wesentliches Element der Wirtschaftsgeographie dar und ist gleichermaßen von großer Wichtigkeit für die kommunale Politik. Der Einzelhandel war unmittelbar nach der Wiedervereinigung einer der Wirtschaftsbereiche Ostdeutschlands, welcher den rasantesten Wandel und die schnellste Expansion verzeichnete. Die sehr spezielle Ausgangslage, die rasche Markterschließung durch westdeutsche Filialisten mit modernen Betriebsformen und die unterschiedlichen Phasen der Standortentwicklung führten dazu, dass sich die Einzelhandelslandschaft Ostdeutschlands noch heute von jener Westdeutschlands unterscheidet. Den Entwicklungspfad, die gegenwärtigen Merkmale der Einzelhandelslandschaft und zukünftige Herausforderungen charakterisiert der folgende Beitrag. Betrachtet wird insbesondere das Zusammenspiel zwischen dem Wandel von Standorten, Betriebsformen und Sortimenten des Angebots mit dem Käuferverhalten und der planerischen Steuerung der räumlichen Entwicklungen im Einzelhandel.

Elmar Kulke

Sozialer Wandel in Ostdeutschland

Frontmatter

Kapitel 14. „Mitteldeutschland“. Regionalentwicklung und regionale Identität aus konstruktivistischer Perspektive

Wie wurden nach der Wiedervereinigung und damit nach dem Ende der Bezirke in der DDR Regionen neu geschaffen oder historische Regionen wiederbelebt? Aus der Perspektive einer konstruktivistischen Regionalforschung diskutiert der Beitrag die Neuerfindung bzw. Wiederentdeckung „Mitteldeutschlands“ durch Medien, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Die Befunde werden in eine konzeptionelle Diskussion über die Konstruktionsprozesse von Regionen als Ausdruck gesellschaftlicher Beziehungen eingeordnet. Regionskonstruktionen stehen dabei vor der Herausforderung, technisch-funktionale Praktiken (Logik des Tauschens) mit kulturellen, identitätsstiftenden Angeboten (Logik des Teilens) zu verzahnen.

Tilo Felgenhauer

Kapitel 15. Ostdeutsche Identität im Wandel der Zeiten. 30 Jahre und noch kein Ende

Dieser Beitrag zeigt auf, dass „ostdeutsche Identität“ kein starres und homogenes Gebilde ist, welches mit einem bestimmten Inhalt an Eigenschaften und Einstellungen gefüllt werden kann. Die Fremd- und Selbstidentifikationen haben sich seit der Existenz der DDR, während des Prozesses der Wiedervereinigung und mit Blick auf verschiedene Generationen stetig gewandelt. Die ostdeutsche Identität wird auch in der Altersgruppe der „Nachwendekinder“ fortgeschrieben. Durch die Sozialisation über die Eltern, Schule und Medien, die Erfahrung symbolischer Abwertung als Ostdeutsche und die Ausgrenzung aus dem Normalitätsparadigma einer deutschen Identität, die oft mit westdeutschen Erfahrungen gleichgesetzt wird, schreibt sich Identifikation mit Ostdeutschland auch bei dieser Nachwendegeneration fest.

Daniel Kubiak

Kapitel 16. Wanderungen und Regionalentwicklung. Ostdeutschland vor der Trendwende?

Ostdeutschland gilt als ein internationales Musterbeispiel für eine stark schrumpfende und alternde Gesellschaft. Hauptursache für die ungünstige Bevölkerungsentwicklung sind alters- und geschlechtsselektive Einwohnerverluste durch die Abwanderung junger Erwachsener, namentlich junger Frauen, Richtung Westdeutschland. Zwischen 1991 und 2017 wurden 3,7 Millionen Fortzüge aus Ostdeutschland ins frühere Bundesgebiet registriert (jeweils ohne Berlin). In die Gegenrichtung verzeichnet die Statistik 2,5 Millionen Wanderungsereignisse. Im Saldo haben die ostdeutschen Bundesländer 1,2 Millionen Einwohner*innen durch Abwanderung nach Westdeutschland verloren. Die aktuellen Wanderungsstatistiken zeigen jedoch eine markante Trendwende: Im Jahr 2017 war der Wanderungssaldo der ostdeutschen Länder gegenüber dem früheren Bundesgebiet erstmals positiv. Der Beitrag diskutiert diese empirischen Entwicklungen und ordnet sie in allgemeine Tendenzen der ostdeutschen Regionalentwicklung ein.

Tim Leibert

Kapitel 17. Migrationsgeschichte Ostdeutschlands I. Von der Zeit der DDR bis in die 1990er-Jahre

Ausgehend von der Beobachtung, dass das Wissen über die GeschichteMigrationMigrationsgeschichte, ostdeutsche der Migration in der DDR bis heute marginal ist, zielt dieser Beitrag darauf ab, Informationslücken in Bezug auf die Migrationsgeschichte Ostdeutschlands zu schließen, die Spezifik von internationaler Migration in die DDR und während der 1990er-Jahre nachzuzeichnen und vor dem Hintergrund der allgemeinen Entwicklung Ostdeutschlands während dieser Zeit zu reflektieren. Damit wird eine Basis geschaffen für die Untersuchung und Einordnung jüngerer Diskurse um Migration in Ostdeutschland.

Birgit Glorius

Kapitel 18. Migrationsgeschichte Ostdeutschlands II. Internationale Migration in Ostdeutschland und ihre gesellschaftliche Wahrnehmung seit der Jahrtausendwende

Seit der Jahrtausendwende hat sich die ostdeutsche Gesellschaft durch Migration merklich verändert, wenngleich nicht überall im gleichen Maße. Während es internationale Arbeitsmigrant*innen, Studierende und Wissenschaftler*innen vor allem in die großen Städte zieht, tragen Geflüchtete durch die regionale Weiterverteilung auch in kleineren Städten und ländlichen Gemeinden zu einer sichtbaren Diversifizierung der Gesellschaft bei. Dennoch zeigen sich in Ostdeutschland signifikante Unterschiede zum bundesweiten Diskurs, wie die Wahrnehmungs- und Aushandlungsprozesse hinsichtlich Zuwanderung, Fremdheit und Zugehörigkeit sehr deutlich zeigen.

Birgit Glorius

Kapitel 19. Ostdeutschland multikulturell und postmigrantisch

Die fünf ostdeutschen Bundesländer sind in der Migrations- und Integrationsforschung aufgrund des bislang geringen Migrant*innenanteils ein vernachlässigtes Feld. Seit 2014 hat sich die Situation in Ostdeutschland durch neuen Zuzug jedoch sehr dynamisch entwickelt. Der Beitrag schlägt vor, diese neue Situation mit den Konzepten der Multikulturalität und des Postmigrantischen zu fassen. Die neue Vielfalt in Ostdeutschland setzt Anpassungs- und Lernprozesse im multikulturellen Alltag in Gang. Gleichzeitig entstehen Konflikte um Anerkennung und Teilhabe, wie sie für postmigrantische Gesellschaften typisch sind. Der Beitrag leitet daraus Impulse für eine zukünftige ostdeutsche Forschung zu postmigrantischer Multikulturalität ab und zeigt deren Relevanz für die politische sowie wissenschaftliche Debatte auf.

Jonathan Everts, Kim Anna Juraschek, Larissa Fleischmann, Florian Ringel

Kapitel 20. „Aus der eigenen Sozialisierung kann man so einfach nicht heraus“. Geographische Lehre und Forschung in und zu „Ostdeutschland“

Welche Rolle spielen geographische Institute bei der (Re)Produktion räumlichen Wissens zu „Ostdeutschland“? Dieser Frage geht der vorliegende Beitrag am Beispiel des Instituts für Geographie der Universität Leipzig nach. Anliegen des Textes ist es, die humangeographische Lehre und Forschung im Zeitraum 1996 bis 2019 aus der Perspektive des situierten Wissens zu reflektieren, nach der jedes Wissen begrenzt, partiell und lokal verortet ist. Der Text zeichnet diese Situiertheiten mittels verschiedener empirischer Zugänge, wie Interviews und Analysen von Lehr- und Forschungsthemen, nach. Dabei werden drei sich theoretisch und empirisch überschneidende analytische Kategorien von Situiertheit untersucht und ihre Implikationen für das Vermitteln geographischen Wissens zu „Ostdeutschland“ abgeleitet: Ortsbezogenheit, Wissenskollektive und wissenschaftliche Paradigmen. Mit ihrer Hilfe werden die Partialität und Verortetheit der (Re)Produktion von Wissensformationen konkret gemacht: Sie zeigen sich im Fokus auf „nahe liegende“ Städte und Regionen, im Aufgreifen spezifischer Methoden für Forschung und Lehre, im Aufbau von lokalen und nationalen akademischen Netzwerken sowie im Umgang mit fachinternen Diskussionen.

Anne Köllner, Lea Bauer, Alejandro Armas-Díaz, Vera Denzer

Ostdeutsche Städte im Umbruch

Frontmatter

Kapitel 21. Wohnungsmärkte in ostdeutschen Großstädten. Zwischen Schrumpfung und Vermarktlichung

Der Zugang zu Wohnraum und die Art der Wohnversorgung sind zentrale Faktoren regionaler Lebensbedingungen. Gleichzeitig sind Angebots- und Nachfragestrukturen auf den Immobilienmärkten ein Spiegelbild der ökonomischen und demographischen Entwicklung von RegionenDemographischer, Wandel. Dieser Beitrag gibt einen empirischen Überblick über die wechselhafte und differenzierte Entwicklung der Wohnungsmärkte in ostdeutschen Großstädten. Dabei werden drei Phasen voneinander abgegrenzt: die Überführung der Wohnbestände der DDR in die Marktwirtschaft, das Nebeneinander zwischen großflächiger Schrumpfung und kleinräumigen Wachstumsinseln um die Jahrtausendwende sowie erste Verknappungstendenzen seit 2010 in den größten Städten der neuen Bundesländer. Trotz dieser dynamischen Entwicklungen sind weiterhin strukturelle Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Wohnungsmärkten prägend, die in den jeweiligen Eigentümerstrukturen mitbegründet liegen. Darüber hinaus haben in ostdeutschen Städten und Regionen die Disparitäten zwischen einerseits Nachfrager- und andererseits Anbieterbedingungen deutlich zugenommen.

Karin Wiest

Kapitel 22. Vorzeichenwechsel der Stadtentwicklung in Ostdeutschland nach 1989. Sub-/Des-/Reurbanisierung

Die Einwohnerentwicklung ostdeutscher Städte ist komplexer als pauschale Charakterisierungen Ostdeutschlands als Abwanderungsregion nahelegen. Dieser Beitrag verwendet das Konzept der „Migration Turnarounds“, die Veränderung der siedlungsstrukturellen Ausrichtung von Wanderungsströmen, um die demographischen Entwicklungen von ostdeutschen Groß- und Mittelstädten zu erfassen. Es wird gezeigt, wie Wachstum und Schrumpfung von Städten zeitgleich oder in kurzer Zeitfolge aufgetreten sind. Diese Befunde werden in die stadtgeographische Diskussion um Suburbanisierung, Desurbanisierung und Reurbanisierung eingeordnet. Schließlich sollten diese Prozesse wegen der differenzierten Entwicklung ostdeutscher Städte nicht als allgemeine Trends verstanden werden.

Mathias Siedhoff

Kapitel 23. Ostdeutsche Großwohnsiedlungen. Zwischen Wohnungsmarktentwicklung und politischen Entscheidungen

Dieser Beitrag widmet sich einer besonderen Form ostdeutscher Wohngebiete: Großwohnsiedlungen in Plattenbauweise. Vor der Wende begehrt als Wohnanlagen mit hohem Komfort wurden sie nach der Wiedervereinigung Ausdruck der wechselhaften Wohnungsmarktentwicklung. Der Beitrag zeichnet die Genese der Großwohnsiedlungen, die häufig durch ein Nebeneinander von Rückbau und Sanierung gekennzeichnet ist. Es wird eine Typologie auf der Grundlage von städtebaulichen und sozialen Merkmalen vorgestellt. Während viele Siedlungen in Großstädten als stabil bezeichnet werden können, besteht ein zukünftiges Problem vor allem bei derzeit überalterten Quartieren mit einer großen Anzahl an Erstbeziehern.

Nico Grunze

Kapitel 24. Gentrification in ostdeutschen Städten

Gentrification hat sich seit 1990 zu einem durchgehenden Thema der Stadtforschung in Ostdeutschland entwickelt, obwohl Aufwertung und Verdrängung aus innerstädtischen Nachbarschaften zunächst kein typischer Aspekt der Stadtentwicklung nach der Wende waren. Dieser Beitrag gibt einen Überblick zu den Forschungsarbeiten in ostdeutschen Städten und versucht, die scheinbar widersprüchlichen Befunde vor dem Hintergrund der politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen in Ostdeutschland einzuordnen. Nach einer kurzen Einführung in die Theorien und Erklärungsansätze des Forschungsfeldes wird der Verlauf der Gentrification-Forschung in ostdeutschen Städten nachgezeichnet, um anschließend den spezifisch ostdeutschen Bedingungen auf den Grund zu gehen und einen Ausblick auf künftige Entwicklungen zu wagen.

Andrej Holm

Kapitel 25. Bodenwertentwicklungen in Wachstumspolen Ostdeutschlands. Eine Untersuchung am Beispiel der Städte Dresden, Erfurt und Jena

Dieser Beitrag gibt einen vertieften Einblick in die Prozesse und Ergebnisse der Ermittlung von Bodenwerten in ostdeutschen Städten. Ziel dieser Praxis der Lagebewertung ist die Herstellung einer größeren Transparenz auf den Grundstücksmärkten. Anhand ausgewählter Stadtviertel in Dresden, Erfurt und Jena wird gezeigt, dass die Entwicklung von Bodenwerten stark mit der vorhandenen Bautätigkeit und Investitionen in die Attraktivität der betreffenden Stadtviertel abhängt. Mithilfe dieser Einsichten lassen sich Förderinstrumente städtebaulicher Entwicklung effektiver einsetzen.

Andreas Ortner, Jasmin Uttner, Robert Krägenbring, Alexandra Weitkamp

Kapitel 26. Umkämpfte Internationalisierung in Berlin. Großprojekte, Tourismus, Web-Tech-Branche und Migration

Berlin sticht als einzige Millionenstadt mit internationaler Orientierung aus den allgemeinen Entwicklungstendenzen Ostdeutschlands heraus, wird jedoch häufig auch als Entwicklungsmotor für die Region gekennzeichnet. Dieser Beitrag wirft einen Blick auf die Widersprüche, die sich in der Internationalisierung der Stadt entfalten. Dies wird an vier Feldern veranschaulicht: Großprojekte in der Stadtentwicklung, das Phänomen des „New Urban Tourism“, die Internationalisierung durch die Internetwirtschaft und Konflikte um die Rolle von Migrant*innen in der Stadt. Der Beitrag zeigt, dass die Internationalisierung Berlins ein durch gesellschaftliche Interessen charakterisierter Prozess ist, der zwischen politischer Steuerung, gesellschaftlichen Konflikten und nur begrenzten Kontrollmöglichkeiten oszilliert.

Janina Dobrusskin, Valentin Domann, Henning Füller, Jenny Künkel

Kapitel 27. Städtische Protestbewegungen in Leipzig. Orientierungsversuche innerhalb einer veränderten Marktrealität

Die Umbruchs- und Transformationsphase der 1990er-Jahre stellt einen zentralen Ausgangspunkt der kritischen Auseinandersetzung mit ostdeutschen städtischen Protestbewegungen dar. Deren Auswirkungen strukturieren bis heute sowohl die Reaktionen bürgerlicher Eliten auf aktuelle Entwicklungen am Immobilien- und Mietmarkt als auch den Zugang und die Strategien stadtpolitischer Akteur*innen. In diesem Beitrag zeige ich auf, dass die Leipziger Schrumpfungserfahrungen einen Schlüsselmoment für die Konstituierung, Artikulation und Positionsbestimmung städtischer Protestbewegungen darstellen. Dies betrifft einerseits die Perspektive der alternativen Subkulturen auf die Stadt selbst, andererseits deren Reaktion auf neoliberale Einhegungsstrategien. Darauf aufbauend begreife ich die politischen Rationalitäten der Protestbewegung als Ergebnis und Terrain einer spezifischen urbanen Ordnung, um aufzuzeigen, wie diese wesentlich das Verständnis der Leipziger Konfliktarenen prägt. Der Beitrag thematisiert städtische Bewegungen als Akteur*innen einer ostdeutschen Regionalentwicklung und wirft einen kritischen Blick auf die Praxis und Wirkung dieser Bewegungen.

Rico Rokitte

Ländlicher Wandel in Ostdeutschland

Frontmatter

Kapitel 28. Zukunftsfähige Agrarstrukturen in Ostdeutschland?

Die ostdeutsche Agrarwirtschaft ist durch einen tiefgreifenden strukturellen Wandel mit zahlreichen Umbrüchen gekennzeichnet. Die ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs), die zu DDR-Zeiten noch wichtige soziale Funktionen in den ländlichen Räumen erfüllten, wurden nach der Wiedervereinigung abgewickelt und deren Nachfolgebetriebe in die „neuen“ marktwirtschaftlichen Strukturen integriert. Die weiterhin dominanten großbetrieblichen Strukturen werfen die Frage auf, inwieweit ein nachhaltiger(er) Entwicklungspfad der ostdeutschen Agrarwirtschaft erreicht werden kann. Bei aller wirtschaftlichen Effizienz ist zu konstatieren, dass die Einhaltung ökologischer, sozialer und tierwohlbezogener Standards auch in (konventionellen) ostdeutschen Agrarbetrieben kritisch gesehen wird. Insofern sollten neben dem ökologischen Landbau, der in Teilen Ostdeutschlands bereits gut positioniert ist, auch Pioniere des Wandels, die neue Praktiken im Agrarsektor etablieren, deutlich mehr Aufmerksamkeit erfahren als bisher, um den notwendigen Wandel in kleinen Schritten einzuleiten.

Christine Tamásy, Oliver Klein

Kapitel 29. Daseinsvorsorge in ländlichen Räumen. Zwischen Abbau, Umbau und Ausbau

Daseinsvorsorge ist ein zentraler Begriff in aktuellen Debatten über den Wandel des Sozialstaats. In ländlichen Räumen der DDR waren es Einrichtungen wie die Polytechnische Oberschule, das Landambulatorium, der Werksbus, das Kulturhaus oder das Neubaugebiet, die die infrastrukturelle Grundversorgung vor Ort bildeten. Die drei Jahrzehnte seit dem politischen Umbruch werden in der Literatur meist als Verlustgeschichte geschrieben, doch erfolgte parallel wie zeitversetzt neben dem Abbau auch ein grundlegender Umbau der Daseinsvorsorge etwa hinsichtlich ihrer Eigentums- und Organisationsstrukturen. Für einige Bereiche der technischen Infrastruktur ist ein Ausbau zu konstatieren. Um den Wandel der Daseinsvorsorge zu verstehen, genügt die Bezugnahme auf die postsozialistische Transformation längst nicht mehr, vielmehr sind übergreifende politökonomische Prozesse zu beachten und zukünftig empirisch im Ost-West-Vergleich zu untersuchen.

Annett Steinführer

Kapitel 30. Sesshaftigkeit in ostdeutschen ländlich-peripheren Räumen. Wie Wanderungen die Bevölkerungsstruktur langfristig verändern

Die demographische Entwicklung in Deutschland ist regional sehr unterschiedlich. Während die alten Länder seit 1990 fast durchgehend ein Bevölkerungswachstum vermelden können, gilt das für die östlichen Bundesländer einschließlich Mecklenburg-Vorpommerns erst ab 2013. Insbesondere die über Jahrzehnte anhaltenden selektiven Wanderungsverluste Ostdeutschlands, vor allem junger, gut qualifizierter Frauen, zeigen bis heute ihre Spuren in der Alters- und Geschlechtsstruktur sowohl in den Ziel- als auch in den Quellregionen der Migration. Infolgedessen entstand in den ländlich-peripheren Abwanderungsregionen der neuen Länder ein neuer Bevölkerungstypus. Diese „Residualbevölkerung“ ist Ausdruck gesellschaftlicher, kultureller und wirtschaftlicher Verwerfungen im „ostdeutschen ländlich-peripheren Raum“. Der Beitrag untersucht dieses Konstrukt in zwei Gemeinden Mecklenburg-Vorpommerns empirisch. Die Ergebnisse zeigen, dass entgegen den Erwartungen des Theorems nicht zwangsläufig von der höchsten Mortalität und höchsten Fertilität bei stärksten Wanderungsverlusten auszugehen ist.

Jochen Corthier

Kapitel 31. Alltag in ländlichen Räumen

Den Alltag von Bewohner*innen ländlicher Räume in die Prozesse von Regionalentwicklung einzubinden bzw. in die Beschreibungen regionaler Entwicklungen aufzunehmen, ist eine wichtige, aber keineswegs einfache Zielstellung. In diesem Beitrag wird es um die Frage gehen, wie Regionalentwicklung dies realisieren kann, und es wird auf drei Ebenen eine Auseinandersetzung um die Frage geführt, wie Alltag in ländlichen Räumen gesehen werden kann: 1) eine Auseinandersetzung mit dem Konzept des Alltags in der soziologischen, ethnologischen und zeitgeschichtlichen Forschung, 2) eine Darstellung empirischer Befunde in Bezug auf den Wandel und die Besonderheiten des Alltags in ländlichen Räumen in Ostdeutschland und 3) die Bedeutung des sozialen Konstruktes Alltag für die kollektive Selbstvergewisserung. Im Beitrag wird argumentiert, dass das Alltagskonzept ein geeigneter und sogar notwendiger Forschungsansatz ist, um ländliche Entwicklungen zu analysieren. Abschließend werden Konsequenzen dieses Herangehens für die Regionalentwicklung skizziert.

Stephan Beetz

Kapitel 32. „Smart Countryside“ im Osten? Zum Wandel ländlicher Räume und den Herausforderungen der Digitalisierung

Mit dem Schlagwort der Digitalisierung wird eine Vielzahl von positiven wie negativen raumbezogenen Veränderungen assoziiert. Aufbauend auf einer knappen Analyse aktueller Herausforderungen in ländlichen Räumen wird festgestellt, dass aktuell ein umfassendes Konzept für „Smart Countryside“ fehlt. Auf der Grundlage bestehender Ansätze werden Eckpunkte für ein eigenes Konzept entwickelt. Dabei wird die Bedeutung der Integration unterschiedlicher Wissensformen und eines Wissensmanagements betont. In einem weiteren Schritt werden Verknüpfungen zu normativen Diskussionslinien der Gleichwertigkeit und räumlichen Gerechtigkeit hergestellt. Ein Forschungsausblick rundet den Beitrag ab.

Thomas Weith

Kapitel 33. Raumordnung in Ostdeutschland. Labor und Innovator für die Raumentwicklung

Der Beitrag gibt einen Überblick über die Raumordnung und die Regionalentwicklung in den neuen Bundesländern nach der Wende. Während unmittelbar nach der Wende eine Übertragung von Leitbildern und Institutionen stattfand, aber mit den rasanten Transformationsprozessen der Wirtschafts- und Siedlungsentwicklung kaum Schritt halten konnte, entwickelte sich in der Folgezeit die Raumordnung in Ostdeutschland zu einem Experimentierraum für neue Ansätze und Prozesse. Der Beitrag diskutiert dies am Beispiel der Modellvorhaben Raumordnung (MORO) in der Daseinsvorsorge und anderen Feldern. Es wird gezeigt, dass die Raumordnung in Ostdeutschland auch für westdeutsche Länder als Labor für Innovationen galt.

Peter Dehne

Mensch-Natur-Verhältnisse und Infrastrukturen

Frontmatter

Kapitel 34. Verkehrspolitik und Mobilitätsentwicklung in Ostdeutschland

Dieser Beitrag diskutiert die Entwicklung der Verkehrsinfrastrukturen und des Mobilitätsverhaltens in den 30 Jahren seit der Wiedervereinigung. Die Ergebnisse verweisen auf eine differenzierte Entwicklung als Spiegel der Ausrichtung der Verkehrspolitik seit den 1990er-Jahren: Die Autobahnerreichbarkeiten haben sich flächendeckend verbessert, während das Flächennetz im Schienenverkehr gegenüber den Fernverkehrsverbindungen zwischen den Zentren eingeschränkt wurde. In den Städten wurde insbesondere der Straßenbahnverkehr erhalten und ausgebaut. In der Mobilitätspraxis zeigen sich persistente Strukturen bei den Tagesabläufen, eine hohe Bedeutung des Pendelverkehrs über größere Distanzen, Fragen des Zugangs zu Verkehrsmitteln, aber auch eine Annäherung des Modal Split zwischen Ost- und Westdeutschland.

Matthias Gather, Barbara Lenz

Kapitel 35. Ostdeutsche Kulturlandschaften im Wandel

Die Kulturlandschaftsdebatte in der deutschen Raumentwicklung führte in den 1990er-Jahren weg von einer ausschließlichen Orientierung auf den Schutz einzelner Landschaften hin zu einer Orientierung auf die Entwicklung aller Landschaften. Dies war auch durch die Notwendigkeit zu erklären, Ostdeutschland über Impulse der Regionalentwicklung zu stärken. Die Strukturbrüche der 1990er-Jahre führten in den neuen Bundesländern dazu, Kulturlandschaften als Potenziale für regionale Entwicklungsstrategien zu erschließen. Im Sinne des gewandelten raumplanerischen Anspruches, nicht nur formelle Raumordnung, sondern auch informelle Raumentwicklung zu betreiben, stand der Terminus „Kulturlandschaften“ nun auch für regionale Kooperations- und Handlungsräume. Der Beitrag stellt den Begriff der „Kulturlandschaft“ vor und diskutiert die Spezifika der Transformation ostdeutscher Kulturlandschaften sowie die Aussichten ihrer künftigen Entwicklung.

Ludger Gailing

Kapitel 36. Sanierung alter Industrieregionen in Ostdeutschland

Eine Betrachtung der Regionalentwicklung in Ostdeutschland wäre ohne die Berücksichtigung der Umweltsanierung unvollständig, denn die Umweltsituation war dort um 1989 als dramatisch einzuschätzen. In den Industrie- und Bergbauregionen hatten sich Umweltschäden vor allem im Bereich von Produktionsanlagen, Gebäuden, Böden und Grundwasser akkumuliert. Mit dem starken Rückgang der Industrieproduktion und der Modernisierung von Betrieben nach der Wiedervereinigung verringerte sich die Umweltbelastung – auf teils ungewollte Weise – erheblich. Die bereits akkumulierten Schäden bedurften dennoch der Sanierung. Auf der Grundlage der „Umweltunion“ und des Einigungsvertrags unternahmen Bund und Länder ab 1990 große Anstrengungen, diese Schäden zu beseitigen. Ziel war es, die Einheitlichkeit der ökologischen Lebensverhältnisse in Deutschland zu fördern und zugleich die wirtschaftliche Entwicklung zu unterstützen. Zurückgreifend auf eine Reihe früherer Forschungsarbeiten geben die Autoren einen Überblick zu den verschiedenen, insbesondere regional bedeutsamen Ansätzen der Umweltsanierung und vertiefen die Analyse am Beispiel des touristischen Lausitzer Seenlands, das aus mehreren stillgelegten und sanierten Braunkohlegruben entwickelt wurde.

Gerd Lintz, Peter Wirth

Kapitel 37. Tourismus und Regionalentwicklung innerhalb und außerhalb ostdeutscher Großschutzgebiete

Die Entwicklung des Tourismus in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung ist eine Erfolgsgeschichte. Im deutschlandweiten Vergleich konnten die Marktanteile erheblich gesteigert werden, sodass in manchen Regionen Tourismus zum bedeutendsten Wirtschaftsfaktor wurde, insbesondere an der Ostseeküste. Der Übernachtungstourismus ist jedoch räumlich sehr stark konzentriert, sodass nicht von flächenhaften Impulsen für die Regionalentwicklung gesprochen werden kann, während an manchen touristischen Brennpunkten Übernutzungserscheinungen auftreten. Nicht zu vernachlässigende Anteile des Tourismus in Ostdeutschland finden in den zahlreichen, fast vollständig erst nach der Wiedervereinigung ausgewiesenen Großschutzgebieten wie Nationalparks, Biosphärenreservaten und Naturparks statt. Neben ihren beträchtlichen positiven Effekten für Naturschutz, Kulturlandschaftspflege und Ökosystemleistungen bewirken diese Schutzgebiete durch ihre touristische Attraktivität auch erhebliche Beiträge zur Belebung der regionalen Wirtschaft – gerade in peripheren Regionen -, die jedoch auch nicht überschätzt werden und nicht als alleinige Pfeiler regionaler Entwicklungsstrategien dienen sollten. Im Gegensatz zu ihren westdeutschen Pendants liegt in den ostdeutschen Naturparks ein deutlich größerer Schwerpunkt auf Naturschutzaktivitäten, was sich durch die Genese dieser Schutzgebiete im Nachgang des Nationalpark-Programms der DDR erklärt.

Marius Mayer, Susanne Stoll-Kleemann

Kapitel 38. Klimapolitik in Dresden. Diskurse um Klimawandel im Kontext von Stadtentwicklungspolitik

Um dem Klimawandel zu begegnen, hat die Bundesregierung in den vergangenen Jahren ambitionierte politische Ziele vereinbart. Für die erfolgreiche Umsetzung dieser Ziele wird vor allem den Städten eine zentrale Rolle zugewiesen. Am Beispiel der Klimapolitik Dresdens zeigt der Beitrag, dass die politischen Programme jedoch nicht einfach umgesetzt werden (können), sondern in den jeweiligen Kontexten auf konkrete Rationalitäten, historische Entwicklungspfade und gesellschaftliche Machtverhältnisse treffen. So rückte der globale Klimawandel in den 1990er-Jahren zwar in bundespolitischen Debatten in den Vordergrund, in vielen ostdeutschen Städten wurden jedoch in dieser Zeit vor allem massive Umweltprobleme vor Ort und die politischen Transformationsprozesse als prioritäre Herausforderungen bewertet. Infolgedessen werden auch die klimapolitischen Ziele hinsichtlich ihrer Relevanz und Bedeutsamkeit von städtischen Akteur*innen ganz unterschiedlich bewertet und in kontextspezifischen Entscheidungs- und Handlungspraktiken angeeignet, verändert oder auch abgelehnt.

Cindy Sturm

Backmatter

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