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Reisendes Wissen

Travelling Concepts als soziologische Kategorie

  • 2024
  • Buch

Über dieses Buch

"Viel zu wenig wird untersucht, wer weshalb mit welchen Medien Wissen auf Reisen schickt oder von Reisen mitbringt und wer auf welche Weise sich fremdes Wissen eigensinnig angeeignet, um das Eigene neu zu interpretieren. Der vorliegende Band ist ein gelungener Versuch, die Wege und Praktiken zu beleuchten, mit denen Menschen dies tun."
Jo Reichertz

Inhaltsverzeichnis

  1. Frontmatter

  2. Einleitung

    1. Frontmatter

    2. Die Tektonik des Sozialen

      Die Reise von Wissen als soziologische Idee Martin Harbusch
      Das Kapitel 'Die Tektonik des Sozialen, Die Reise von Wissen als soziologische Idee' beleuchtet die Bedeutung von Reisen für die soziale Konstruktion von Wirklichkeit und Wissen. Es betont, dass Reisen eine gewollte Irritation und die Hinwendung zum Neuen implizieren, was zu einer Erweiterung der eigenen Perspektive führt. Die Reise wird als Metapher für die sozialwissenschaftliche Forschung genutzt, die zeigt, wie Wissen in verschiedenen Kontexten reist und sich dabei verändert. Das Konzept der 'Travelling Concepts' wird vorgestellt, das die Bewegung von Wissen zwischen verschiedenen kulturellen und wissenschaftlichen Kontexten beschreibt. Besonders interessant ist die Verbindung zwischen theoretischen Überlegungen und praktischen Beispielen, die zeigen, wie Wissen in der Praxis reist und sich anpasst. Die Autoren betonen die Bedeutung der Ortsabhängigkeit von Wissen und die Notwendigkeit, die lokalen Kontexte zu berücksichtigen, um die Dynamik des Wissensreisens zu verstehen.
  3. Teil I: Kommen

    1. Frontmatter

    2. Brücken in die Lebenswelt

      Psychiatrisches Wissens auf dem Weg in den Alltag und die konnektive Leistung der Sozialen Arbeit im Spannungsfeld der psychosozialen Hilfe Martin Harbusch, René Pingel-Rathke
      Das Kapitel untersucht, wie Professionelle der Sozialen Arbeit psychiatrische Diagnosen in ihrer täglichen Praxis verwenden. Basierend auf Interviews mit Sozialarbeitenden aus verschiedenen Kontexten wird gezeigt, dass psychiatrische Kategorien in vielfältiger Weise angewendet werden, um soziale Probleme zu beschreiben und zu intervenieren. Die Studie identifiziert sechs Hauptarten der Verwendung: fundamentalistische, kritische, therapeutische, pädagogische, technische und utilitaristische Ansätze. Diese verschiedenen Verwendungsweisen werden oft gemischt und in unterschiedlichen Kontexten angewendet, um die Komplexität sozialer Probleme zu reduzieren und Lösungen zu finden. Die Sozialarbeitenden navigieren zwischen verschiedenen institutionellen und lebensweltlichen Perspektiven und überbrücken dabei die Lücke zwischen akademischen und praktischen Wissensformen. Die Studie hebt hervor, dass diese Überbrückungsleistung eine zentrale Funktion der Sozialarbeit ist und die Sozialarbeitenden als wichtige Akteure im psychosozialen Feld auszeichnet. Die Verwendung psychiatrischer Kategorien ist jedoch auch mit Herausforderungen und Dilemmata verbunden, insbesondere in Bezug auf die Verantwortung und die ethischen Implikationen der Diagnosen.
    3. Posttraumatische Belastungsstörung in Norduganda in Worten, Zahlen und Projekten

      Sung-Joon Park
      Das Kapitel untersucht die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) in Norduganda durch die Analyse von Feldforschungen, Fokusgruppeninterviews und Projekten zur psychischen Gesundheit. Es beginnt mit der Schilderung einer bewegenden Begegnung mit einer Frau namens Grace, die von ihrer traumatischen Lebensgeschichte erzählt, die durch sexuelle Gewalt, Armut, Krankheit und demütigende Konflikte geprägt ist. Die Autoren diskutieren die Rolle von Übersetzungen in der Diagnose und Quantifizierung von PTBS und kritisieren die Standardisierung von Trauma als ein reisendes Objekt, das in verschiedenen Kontexten modifiziert und transformiert wird. Besonders hervorgehoben wird die Vervielfältigung der traumatisierenden Wirklichkeiten durch Projekte und Interventionen, die oft die lokalen Bedingungen ignorieren. Das Kapitel schließt mit einer kritischen Reflexion über die unerwarteten Momente und die Kontingenz der Interaktionen in der globalen Gesundheitspolitik, die die Effektivität der Interventionen infrage stellen.
    4. Abweichende Nachrichten

      Die soziale Reise der „fake news“ Michael Dellwing
      Der Fachtext beleuchtet die historische und soziologische Entwicklung des Begriffs „fake news“ und dessen Verwendung als Mittel zur Konstruktion und Kontrolle von Informationen. Er beginnt mit der Analyse der historischen Hermeneutik des Verdachts in der Soziologie und der Rolle zentralisierter Medien bei der Verbreitung offizieller Wahrheiten. Der Begriff „fake news“ wurde zunächst in der Satire verwendet, um die visuelle Dramaturgie von Nachrichten im Massenmedienzeitalter zu parodieren. Später wurde er für absurde und oft missverstandene Meldungen verwendet, die online verbreitet wurden. In der aktuellen Debatte um Desinformation und „post-Wahrheits-Gesellschaften“ wird der Begriff als Werkzeug zur Diskreditierung abweichender Meinungen eingesetzt. Der Text untersucht, wie staatliche und konzernmäßige Medien den Begriff nutzen, um ihre Deutungshoheit zu verteidigen, und wie dezentrale Quellen versuchen, diese Kontrolle zu durchbrechen. Besonders interessant ist die Analyse der Rolle von sozialen Medien und der Herausforderungen, die sie für traditionelle Medien darstellen. Der Fachtext endet mit der Feststellung, dass die Dezentralisierung der Medien neue Möglichkeiten für die Verbreitung von Informationen eröffnet, aber auch zu einer Polarisierung und Diskreditierung abweichender Meinungen führt.
    5. Migrationshintergrund: nationale Aneignungen eines wandernden Begriffs im deutschsprachigen Raum

      Anne-Kathrin Will
      Das Kapitel 'Migrationshintergrund: nationale Aneignungen eines wandernden Begriffs im deutschsprachigen Raum' untersucht die Entwicklung und Verbreitung des Begriffs 'Migrationshintergrund' seit der Jahrtausendwende. Ausgehend von den PISA-Studien, die den Begriff als latentes Konzept für Migration einführten, wird die Reise des Begriffs durch verschiedene nationale und disziplinäre Kontexte nachvollzogen. Mieke Bals 'travelling concepts' dienen als Analysewerkzeug, um die Wanderung des Begriffs zu verstehen. Das Kapitel beleuchtet die unterschiedlichen Operationalisierungen des Begriffs in PISA-Erhebungen und nationalen Bevölkerungsstatistiken sowie die damit verbundenen Veränderungen und Implikationen. Besondere Aufmerksamkeit wird der Operationalisierung in Deutschland gewidmet, wo der Begriff seit 2005 in der amtlichen Statistik verwendet wird. Die Analyse zeigt, wie sich der Begriff im Laufe der Zeit verändert hat und welche politischen und sozialen Implikationen damit verbunden sind. Das Kapitel schließt mit einem Fazit, das die Bedeutung einer genauen Definition und Reflexion von wandernden Begriffen betont.
    6. Wie Kriminalität ‚reist‘

      Eine Annäherung an die Herausbildung institutionalisierter Wissensformen zu Kriminalität Bernd Dollinger, Holger Schmidt, Daniel Stein
      Das Kapitel untersucht Kriminalität als 'travelling concept', das heißt, wie Kriminalität durch verschiedene Kontexte und Praktiken definiert und interpretiert wird. Es wird gezeigt, dass Kriminalität nicht nur eine metaphorische, sondern eine konstitutive Bedeutung hat, da sie durch institutionelle Zusammenhänge und mediale Vermittlungen prozessiert wird. Die Analyse beleuchtet, wie Kriminalität durch Reisen zwischen Personen, Medien, Institutionen und Organisationen definiert wird und wie diese Prozesse die Wirklichkeit von Kriminalität konstituieren. Besonders hervorgehoben wird die Rolle der institutionellen Praktiken und der kulturellen Zuschreibungen, die die Bedeutung von Kriminalität prägen. Der Text betont die Notwendigkeit, die komplexen Prozesse der Bedeutungskonstitution zu verstehen, um die dynamische Natur von Kriminalität zu erfassen. Es wird auch auf die Herausforderungen und Konflikte eingegangen, die bei der Definition und Interpretation von Kriminalität entstehen können, und wie diese durch verschiedene Akteure und Institutionen verhandelt werden.
  4. Teil II: Gehen

    1. Frontmatter

    2. Reisendes Wissen – als Moment der Übersetzung?

      Konzeptuelle Überlegungen zu traveling concepts am Beispiel der multiplen Übersetzung des Alevitentums Elif Yıldızlı
      Das Kapitel 'Reisendes Wissen – als Moment der Übersetzung? Konzeptuelle Überlegungen zu traveling concepts am Beispiel der multiplen Übersetzung des Alevitentums' untersucht, wie sich religiöses Wissen durch Migration und Urbanisierung verändert. Die Aleviten, eine religiöse Minderheit in der Türkei, haben sich historisch in dörflichen Strukturen organisiert, aber mit der Urbanisierung haben sich ihre Organisationsformen und die Tradierung religiösen Wissens gewandelt. Die Autoren analysieren diese Veränderungen durch das Konzept des 'Reisenden Wissens', das die Übersetzung von Wissen zwischen verschiedenen Kontexten beschreibt. Besonders interessant ist die Fallstudie eines jungen dede, der die Herausforderungen und Spannungen zwischen traditionellen und modernen Formen des Alevitentums verdeutlicht. Die Analyse zeigt, wie sich die Rolle und Funktion der dede s im urbanen Kontext verändert hat und wie sie zwischen verschiedenen Wissensordnungen übersetzen müssen. Das Kapitel hebt sich durch seine tiefenhermeneutische Auswertungsmethode und die detaillierte Betrachtung der Übersetzungsverhältnisse hervor, was es zu einem wertvollen Beitrag für die Forschung in den genannten Disziplinen macht.
    3. Zu den Reisen einer Methode

      Über die Auslassungen in der transatlantischen Ethnografierezeption oder ‚Wie schreibe ich (k)einen ethnografischen Bestseller?‘ Debora Niermann
      Der Beitrag untersucht die Rezeption und Bedeutung des ethnografischen Bestsellers in der US-Soziologie. Es wird die Entwicklung und die Auslassungen in der transatlantischen Ethnografierezeption beleuchtet und die Möglichkeiten zur Verbesserung der gegenseitigen Wahrnehmung und Zusammenarbeit diskutiert. Der Text präsentiert eine reflexive Kontextualisierung der Ethnografie als bewanderte Kosmopolitin und begründet die notwendige Beschäftigung mit den Auslassungen in der transatlantischen Ethnografierezeption. Es werden drei Grundprinzipien zur textuellen Produktion einer erfolgreichen ethnografischen Monografie formuliert und die Reisebewegungen der Ethnografie, sowohl mit als auch ohne räumliche Distanz, analysiert. Abschließend werden Überlegungen zum ethnografischen Reisen in Raum und Zeit angestellt.
    4. Reisende Konzepte in einer Multi-Sited Ethnography

      Zur Konstruktion von Fremdheit und Vertrautheit bei sogenannten Autismus-Spektrum-Störungen Pao Nowodworski, Marie Marleen Heppner
      Das Kapitel beleuchtet die Konstruktion von Fremdheit und Vertrautheit bei Autismus-Spektrum-Störungen in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten. Es nutzt die Methoden der multi-sited ethnographischen Methode und der ‚travelling concepts‘, um zu zeigen, wie diese Konzepte in medizinischen, familiären und schulischen Settings interpretiert werden. Die Analyse basiert auf empirischen Daten und rekonstruiert die Wissensbestände der Akteure in diesen verschiedenen Feldern. Die Studie zeigt, wie Fremdheit und Vertrautheit sich gegenseitig bedingen und wie sie in unterschiedlichen Kontexten ausgeprägt sind. Besonders hervorhebenswert ist die detaillierte Untersuchung der kommunikativen Begegnungen und der Wissensbestände in den verschiedenen Feldern, die ein tiefes Verständnis der sozialen und kulturellen Dynamiken bei Autismus-Spektrum-Störungen ermöglicht.
  5. Teil III: Bleiben

    1. Frontmatter

    2. Flanieren als Methode

      Drei Wissensformen begegnen sich auf Augenhöhe Stephanie Kernich
      Der Beitrag 'Flanieren als Methode' erweitert die Kategorie der reisenden Wissensformen um die Figur des Flanierenden und betont die Bedeutung der Alltagswirklichkeit und der Geschwindigkeit des Reisens. Flanieren wird als eine langsame Art des Reisens in der Alltagswirklichkeit beschrieben, die eine tiefgehende Wahrnehmung und Interaktion mit der Umgebung ermöglicht. Die theoretische Beschäftigung mit der Figur des Flanierenden wird durch das 'Begehungsinterview' als methodische Umsetzung ergänzt, bei dem drei unterschiedliche Wissensformen miteinander empirisch erfasst und analysiert werden: die der interviewten Person, der begleitenden SozialwissenschaftlerIn und die der gebauten Umwelt. Diese Methode ermöglicht es, die Wechselwirkungen zwischen personalen AkteurInnen und ihrer Alltagswirklichkeit zu untersuchen. Besonders hervorhebenswert ist die detaillierte Beschreibung des Begehungsinterviews als Methode zur empirischen Erforschung und die Betonung der Bedeutung der Geschwindigkeit des Reisens in der Alltagswirklichkeit.
    3. Knowledge Cultures and Traveling Concepts

      How psychological concepts journeyed across the Berlin Wall Christine Leuenberger
      Das Kapitel 'Knowledge Cultures and Traveling Concepts' untersucht, wie psychologische Konzepte während der Teilung Deutschlands zwischen Ost und West reisten und sich entwickelten. Es beleuchtet die sozialistische Psychologie in der DDR und die Interaktionen zwischen Ost und West vor 1989. Der Autor argumentiert, dass trotz der politischen und ideologischen Trennung durch die Berliner Mauer, psychologische Ideen und Praktiken zwischen den beiden Seiten ausgetauscht wurden. Besonders hervorgehoben wird die Neudefinition von Neurosen in der sozialistischen Psychologie und die Einflüsse internationaler Netzwerke und Konzepte auf die ostdeutsche Psychologie. Die Analyse zeigt, dass die Entwicklung psychologischer Theorien und Praktiken durch lokale, nationale und internationale Faktoren beeinflusst wurde, was zu einer komplexen und dynamischen Landschaft führte. Der Text bietet eine detaillierte Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Politik und Kultur, die das Verständnis der Psychologie in der DDR bereichern.
    4. Denken und Deuten in Metaphern

      Reisendes Wissen und interpretative Sozialforschung Max Kaufmann
      Der Beitrag beleuchtet die zentrale Rolle von Metaphern im menschlichen Denken und Deuten, insbesondere im Kontext von Krisen wie der Covid-19-Pandemie. Metaphern werden nicht nur als sprachliche Stilmittel, sondern als komplexe und kohärente Konzepte verstanden, die unser Denken und Handeln strukturieren. Sie dienen als Mechanismen der interpretativen Welterschließung und ermöglichen es, Unbegreifliches zu begreifen und Unbekanntes zu ordnen. Der Text analysiert, wie Metaphern in der alltäglichen und sozialwissenschaftlichen Interpretation verwendet werden und welche Erkenntnismöglichkeiten sie bieten. Besonders interessant ist die Verbindung von Metaphern mit dem Konzept des reisenden Wissens, das Wissen und Bedeutungen transportiert. Der Beitrag zeigt, wie Metaphern in der interpretativen Sozialforschung eingesetzt werden können, um neue Deutungen und Handlungsmöglichkeiten zu erschließen. Ein empirisches Beispiel aus der Personalrekrutierung in einem Großunternehmen veranschaulicht die praktische Anwendung metaphorischer Deutungen in der sozialwissenschaftlichen Forschung.
Titel
Reisendes Wissen
Herausgegeben von
Martin Harbusch
Copyright-Jahr
2024
Electronic ISBN
978-3-658-45229-2
Print ISBN
978-3-658-45228-5
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-45229-2

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