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Religion.Geist.Musik

Theologisch-kulturwissenschaftliche Grenzübergänge

  • 2019
  • Buch
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Über dieses Buch

Um ein neues Kapitel in der Forschungsgeschichte zu Musik und Religion aufschlagen zu können, sollte wohl auf überholte Unterscheidungen (etwa von sakraler und profaner Musik) oder auf vereinfachende Gegenüberstellungen (etwa von wertvoll-ernster, geistreicher Musik und minderwertig-heiterer, niveaulos-trivialer Musik) verzichtet werden: Die in vorliegendem Band gesammelten Beiträge orientieren sich folgerichtig an einem reichen Bündel geschichtsträchtiger und alltagsrelevanter Kulturphänomene, die sensibel wahrgenommen, sorgfältig reflektiert – und diskursiv erschlossen werden wollen. In dieses Konzert vieler Stimmen werden Begriffe und Konzepte von Tonkunst und Klangdichtung, Harmonie und Melodie, Rhythmus und Metrik, Schall und Stimme, Eindruck und Ausdruck, Komposition und Produktion, Genuss und Gestaltung, Gefühl und Logik, Leib und Seele eingespielt, auf dass der Geist zwischen Musik und Religion als Spirit und als Spiritus spürbar werde.

Inhaltsverzeichnis

  1. Frontmatter

  2. Resonanzen zwischen Theologie und Philosophie

    1. Frontmatter

    2. „Nach der Theologie [gibt es] keine Kunst […], die der Musik zu vergleichen ist“.

      Luther und die Folgen für die Musik Hans Martin Dober
      Zusammenfassung
      Im vergangenen Gedenkjahr der Reformation ist manches über die „Folgen“ Luthers zu lesen gewesen. Man dürfe die Reformation nicht „zu einer Art Urknall der Moderne“ stilisieren, hieß es etwa in der F.A.Z. vom 17. März 2017. Auch war am 15. Februar davor gewarnt worden, den „Reformator für Entwicklungen der Musik in Dienst […] [zu nehmen], die er nicht befördert hat“. Derartigen Übertreibungen will die Frage nach Folgen Luthers nicht den Weg bereiten. Doch sie ist auch nicht auf die Musik zu beschränken, die in seinem Namen gespielt wurde und wird.
    3. Die Religion in der Musik und die Musik in der Religion

      Dietrich Korsch
      Zusammenfassung
      „Ich bin […] religiös absolut ‚unmusikalisch‘“, bekannte Max Weber im Jahr 1909 in einem Brief an Ferdinand Tönnies. Webers Ausdruck ist zu einer oft gebrauchten Redewendung geworden. Offenbar verweist die Analogie von Religiosität und Musikalität auf eine jedenfalls seit dem 20. Jahrhundert unmittelbar plausibel klingende Verwandtschaft von Religion und Musik.
    4. Philosophie als „größte Musik“ und Musik als höchste Philosophie?

      Zu Tragweite und Grenze einer Analogie Jürgen Stolzenberg
      Zusammenfassung
      Der Ausdruck Philosophie als ‚größte Musik‘ ist ein Zitat. Seine Quelle ist Platons Dialog Phaidon. Sokrates berichtet im Gefängnis vor seiner Hinrichtung von einem oft wiederholten Traum, der ihm unter wechselnden Gestalten immer wieder dasselbe gesagt habe, nämlich dass er Musik machen und treiben solle.
    5. Religion und Musik bei Franz Rosenzweig

      Luca Bertolino
      Zusammenfassung
      Es liegt ein gewisses Paradox darin, einen Beitrag mit dem Thema „Musik und Religion bei Franz Rosenzweig“ vorzulegen, und zwar aus einem zweifachen Grund. Zum einen weist der Verfasser von Der Stern der Erlösung (1921), der nicht zuletzt aufgrund der ‚Ablehnung‘ seiner wichtigen Monografie über Hegel und der Staat (1920) mit gutem Recht als ein one‑book man betrachtet werden könnte, in „[e]inige[ n] nachträglichen Bemerkungen“ zu seinem „Lebenswerk“, die er vier Jahre später unter dem programmatischen Titel Das neue Denken (1925) herausgab, darauf hin, dass das Buch nicht den Anspruch erhebt, „eine Religionsphilosophie zu sein – wie konnte e[s] das, wo das Wort Religion überhaupt nicht darin vorkommt! Sondern e[s] ist bloß ein System der Philosophie.“
  3. Sprache und Musik: ein offenes Wechselverhältnis

    1. Frontmatter

    2. Luther-Lied und Luther-Melodie

      Konrad Klek
      Zusammenfassung
      In populärwissenschaftlichem wie theologisch-fachspezifischem Schrifttum hält sich hartnäckig die heutigen Rezipienten offenbar unmittelbar einleuchtende These, Martin Luther habe mit seinen Liedern seinerzeit so große Wirkung erzielt, weil er „dem Volk nicht nur beim Sprechen, sondern auch beim Singen aufs Maul geschaut“ habe. Gegenpolig zur heutigen Dominanz „bildungsbürgerlicher Kirchenklassik“ wird konstatiert: „Luther selbst hat hingegen Volkslieder, Schlager, gar Gassenhauer mit seinen reformatorischen Ideen neu vertextet.“ Demgemäß war für Luther bei den Liedern die Musik vor allem Mittel zum Zweck, die reformatorischen Ideen unters Volk zu bringen.
    3. Musik und Rhetorik – oder: wie Musik predigt

      Anhand ausgewählter Choralbearbeitungen Johann Sebastian Bachs aus dem ‚Orgelbüchlein‘ Ingo Bredenbach
      Zusammenfassung
      Die Rhetorik, die noch zu Johann Sebastian Bachs Zeit den Lehrplan der Lateinschulen bestimmte, ist im heutigen Sprachgebrauch meist verkommen zu einem negativen Begriff. „Bloße Rhetorik“ wirft man einem Politiker vor, der wortreich und mit Worthülsen Dinge zu verschleiern sucht, ohne substanzielle Informationen zu äußern. Per definitionem ist Rhetorik aber „jede allgemein reflektierte oder intensiv entwickelte Technik wirkungsvollen Redens“. Sie bedient sich neben dem überlegten Aufbau einer Rede vor allem der sogenannten rhetorischen Figuren, also der „vom normalen Sprachgebrauch zur Belebung der Rede bewusst abweichenden Redewendungen“.
    4. Sagbar – unsagbar

      Gedanken zum Wesen der Musik Dieter Schnebel
      Zusammenfassung
      Was sagt uns Musik? Tja, was sagt sie? – Nichts! – Sie hat nichts zu sagen, denn ihr fehlen die Worte – wenn sie sich nicht wie in der Vokalmusik und Liedern solche aus der Sprache leiht. Wohl aber bewegt sie uns, macht uns froh, lässt uns tanzen, vermag uns in einen Ausdruck von Trauer, ja in Depression zu versetzen. Gar geht sie in die Tiefe und rührt da in der Tat an Unsagbarem. Wir hörten in den letzten Tagen beim Musikfest in Berlin in kurzen Abständen die beiden letzten Sinfonien von Bruckner, die Achte und die Neunte.
    5. Sinn und Sound – ein Machtkampf?

      Wort und Ton im Spannungsfeld kirchenmusikalischer Praxis Bernhard Leube
      Zusammenfassung
      Das Verhältnis von Wort und Ton ist in der Kirche eine im wahrsten Sinn des Wortes spannende Angelegenheit, die sich immer wieder in zuweilen skurrilen Geschichten aus dem Energiefeld des Verhältnisses von Pfarrer*innen und Kantor*innen zu personalisieren scheint. Das Klischee, als könnten Pfarrer und Kirchenmusiker nicht gut miteinander, ist allerdings in den meisten Fällen der Kooperationen in den Gemeinden von der Wirklichkeit überholt: aufs Große und Ganze gesehen können Pfarrerinnen und Kantoren gut miteinander. Dennoch: es gibt nach wie vor Geschichten, die sich Kantoren beim Konvent abends beim Bier kopfschüttelnd oder lachend oder beides erzählen und es wird sie weiter geben. Dahinter steht die Geschichte des Verhältnisses der beiden Machtbereiche von Wort und Ton, in der die Musik Magd der Theologie und der Kantor Knecht des Pfarrers war. Wenn es klemmt, sind es tatsächlich häufig Machtkämpfe. Aber sie haben abgenommen. Die Säkularisierungs- und Emanzipationsgeschichte der Musik und vollends die Popkultur haben allerdings Schübe hervorgebracht, die inzwischen das traditionelle Verhältnis gelegentlich umkehren.
  4. Von der Kirche in den Konzertsaal. Religiöse Gehalte in der Instrumentalmusik

    1. Frontmatter

    2. Musikinstrumente und christliche Religionspraxis

      Annotationen zu einer komplex entspannten Beziehung Thomas Schipperges
      Zusammenfassung
      Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος. Lógos – das ist im Johannes-Prolog der Begriff für den Ursprung der Dinge, vor Beginn der Schöpfung. Es ist viel darüber nachgedacht und geschrieben worden, Kluges, Rätselhaftes, Vertracktes. Auch Goethes Faust, in seinem Studierzimmer, sinnt hierzu nach.
    3. Prometheus und Dionysos

      Negation des Subjekts in Beethovens Spätwerk Johannes Picht
      Zusammenfassung
      Wie kein anderer Komponist vor oder nach ihm hat Ludwig van Beethoven (1770–1827) den Raum des persönlichen Subjekts musikalisch durchmessen. Seine Musik entdeckt aber – dieser Schritt vollzieht sich im Übergang zu seinem Spätwerk –, dass dieser Raum nicht die Struktur eines Kosmos hat und dass der Prozess seiner Erkundung nicht zu einem in sich ruhenden Ende führt, sondern in eine Krise. Natürlich ist auch instrumentale Musik schon vor Beethoven Ausdruck menschlicher Seelenbewegungen. Aber erst bei ihm – vor ihm allenfalls beim späten Mozart – wird die innere Zerrissenheit des Einzelnen zum musikalischen Ereignis.
    4. Mendelssohn, Schubert, Liszt, Bruckner

      Ihre Frömmigkeit, ihre Kirchenmusik Peter Planyavsky
      Zusammenfassung
      Franz Schubert wurde 1797 geboren, Anton Bruckner ist 1896 gestorben; innerhalb dieses Zeitraumes finden auch die Lebensspannen von Mendelssohn und Liszt Platz. Wir befassen uns also mit einem Zeitraum von ziemlich genau 100 Jahren. Wenn man diese 100 Jahre mit denen davor und mit denen danach vergleicht, stellt man fest, dass die Voraussetzungen für die Kirchenmusik nicht ideal waren.
    5. Autonome Musik und religiöser Sinn

      Thomas Erne
      Zusammenfassung
      Eine der Langzeit-Folgen Luthers für die Musik ist ihre Autonomie. Mit Autonomie ist gemeint, dass sich die Musik von außermusikalischen Bedingungen unabhängig macht und sich nach ihren eigenen Regeln bestimmt. Diese Autonomie, die sich in der Zeit Beethovens, spätestens aber mit Schönberg programmatisch etabliert, ist „ein Moment jener Ausdifferenzierung der Vernunft, die die Regeln ungleicher Vernunftformen ausdrücklich und dadurch unabhängig werden lässt“.
  5. Vom Konzertsaal in den Jazzkeller und zurück in die Kirche

    1. Frontmatter

    2. Luthers Erben und das Unbehagen vor der spielerischen Dissonanz der Freiheit des Jazz

      Uwe Steinmetz
      Zusammenfassung
      Wie steht es aus reformatorischer Perspektive um das Verhältnis von Religion und Musik, wenn der Jazz mitspielt? Qualifiziert sich Jazz als Kirchenmusik? Hätte heute, 501 Jahre nach der Reformation Martin Luther eine Jazzkirche gutgeheißen, gar gern in ihr frei a la Predigt Slam improvisierend und in engem Kontakt zu den Musikern verkündigt? Würde Martin Luther Jazz lieben, so wie der 445 Jahre jüngere Dr. Martin Luther King Jr., als Musik der Hoffnung, die heilend und verbindend in einer fragmentarischen Lebenswelt gerade durch ihre eigene innerliche Fragilität wirkt?
    3. Melodie als Gebet

      Hans-Martin Gutmann
      Zusammenfassung
      Das ist der Beginn von Psalm 1, der Beginn des Psalters. Was bedeutet das: „die Weisung Gottes murmeln“? Hierzu gibt es in der rabbinischen Literatur ausführliche Diskussionen. Und es wird hier auch überlegt, ob die Weisungen Gottes gesummt werden. Mit Melodien? Gibt es eine Nähe zwischen Melodie und Gebet?
    4. Ausgewählte Jazz-Standards und ihre Texte

      Django Hödl
      Zusammenfassung
      Die im Verlauf der Tagung auf der Jazz-Session am 18. September 2017 von Martin Grünenwald (Drums), Django Hödl (Posaune), Axel Kühn (Bass), Johannes Steidle (Piano) und Uwe Steinmetz (Saxophon) gespielten Stücke sind auch als Beispiele dafür zu verstehen, wie vielfältig Musik und Religion miteinander verknüpft sind. Im Sinne eines formalen Begriffs von Religion kann in ihnen ein Ausdruck der Sehnsucht oder der Klage hörbar werden (Chega de Saudade [No More Blues]). Im Sinne material bestimmter Bedeutung können die gesungenen Texte aber auch auf Institutionen (Come Sunday, The Preacher) und Symbole (Heaven, Angel Eyes) der überlieferten – hier christlichen – Religion Bezug nehmen.
  6. Jüdische Stimmen: musikalische Tradition und geschichtliche Erfahrung

    1. Frontmatter

    2. „moving in and out of different feelings“

      Die Mahler-Einspielungen des Uri Caine zwischen Transformation, Dekonstruktion und emotionalem Statement Frank Thomas Brinkmann
      Zusammenfassung
      „Meine Musik ist Ausdruck meiner selbst. Sie spricht für sich, hat ihre eigene Seele. Ich will mich in ihr selbst offenbaren, mich erklären“, soll der junge Kapellmeister Gustav Mahler2 vor der vorletzten Jahrhundertwende autobiografisch erklärt haben, womöglich, nachdem er bereits (schriftlich) niedergelegt hatte, inwieweit bereits seine ersten Symphonien den Inhalt seines ganzen Lebens zu erschöpfen vermochten: „es ist Erfahrenes und Erlittenes, das ich mit meinem Herzblut niederschrieb. Wahrheit und Dichtung in Tönen, und wenn einer gut zu lesen verstünde, müßte ihm in der Tat mein Leben darin durchsichtig erscheinen.“
    3. Sehnsucht und Musik

      Andrea Poma
      Zusammenfassung
      Einige Grunderfahrungen des Menschen, des Einzelnen wie der Kollektivität, sind untrennbar mit der Musik verbunden, sowohl in dem Sinne, dass aus ihnen Musik hervorgeht, als auch in dem Sinne, dass die Musik ein konstitutiver Bestandteil ist, der sie nährt.
    4. Die Klagegestalt des göttlichen Namens

      Die Aufhebung der Epoche aus dem verlorenen Gedanken der Einzigkeit Gottes Arnold Schönbergs Weg von Mattsee nach Amerika mit der Oper Moses und Aron Peter Fischer-Appelt
      Zusammenfassung
      Ich werde die Theologie Arnold Schönbergs skizzieren, wie sie nach dem so genannten Mattsee-Erlebnis literarisch-musikalische Gestalt annahm. In Mattsee, einem bekannten österreichischen Badeort, verbrachte der Komponist mit seiner Familie sowie mit Schülern und Freunden seit Anfang Juni 1921 die erste Sommerfrische nach seinem Militärdienst im Ersten Weltkrieg, geplant als Arbeitsurlaub bis in den Herbst hinein. Am 19. Juni erließ der Gemeindeausschuss von Mattsee an die Vermieter des Ortes ein antijüdisches Edikt, das, soweit rekonstruierbar, in ursächlichem Zusammenhang mit dem Aufenthalt der Schönberg-Gruppe stand. Schönberg, der zunächst von seiner Seite jedes Aufsehen vermeiden wollte, musste erleben, wie die so genannte „Causa Schönberg“ durch die Wiener und Salzburger Presse, u.a. auch in Form von üblen antisemitischen Leserbriefen, gezogen wurde.
  7. Backmatter

Titel
Religion.Geist.Musik
Herausgegeben von
Prof. Hans Martin Dober
Prof. Dr. Frank Thomas Brinkmann
Copyright-Jahr
2019
Electronic ISBN
978-3-658-22255-0
Print ISBN
978-3-658-22254-3
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22255-0

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