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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Entwicklung und Globalisierung im Vorderen Orient — Der Imperialismus des 21. Jahrhunderts

Zusammenfassung
An der Schwelle zum 21. Jahrhundert ist der Vordere Orient von jenen dynamischen Strukturtransformationen des Weltsystems erfasst worden, die mit dem Begriff der “Globalisierung” umschrieben werden. Ausgehend von den Zentren des hoch entwickelten Kapitalismus haben sie sich wie Schallwellen über den gesamten Globus ausgebreitet und auch in den peripheren Entwicklungsregionen unzählige Verwerfungen hervorgerufen. Die Literatur zur Globalisierung setzt sich aus vielfältigen Ansätzen zusammen, geht auf verschiedene wissenschaftstheoretische Positionen zurück und behandelt sehr unterschiedliche Prozesse. Insofern muss erst einmal geklärt werden, wovon wir überhaupt sprechen. Man versteht unter Globalisierung zunächst einen Prozess der Transformation räumlicher Organisation (Ausmaß, Intensität, Geschwindigkeit, Wirkung) sozialen Austauschs (Held et al. 1999, S. 16). Er betrifft transnationale und interregionale Flüsse und Netzwerke von Aktivitäten, Interaktionen und Machtausübung. Im Mittelpunkt stehen Folgen, die die Souveränität von Nationalstaaten unterlaufen. Als Beispiele mögen gelten internationale Handelsverflechtungen, die Vernetzung von Finanzmärkten, die Expansion multinationaler Konzerne sowie die Informations- und Kommunikationsrevolution. Darüber hinaus geht es aber auch um transkulturelle Konflikte, Interaktionsmuster nichtstaatlicher politischer Akteure (z.B. Non-Governmental Organizations/NGOs) und grenzüberschreitende Umweltprobleme (Beck 1998, S. 29).
Peter Pawelka

Der Vordere Orient in einer globalisierten Weltpolitik

Zusammenfassung
Weltpolitik ist dem Begriffe nach global. Die „globalisierte Weltpolitik“scheint diesen Tatbestand also um eine globale Dimension zu überhöhen. Gleichwohl — „global“und „globalisiert“haben zwar einen gemeinsamen Wortstamm, zielen aber auf unterschiedliche Verständnisinhalte: Die globale Politik, im Unterschied etwa zur regionalen Politik, meint eine geographische Dimension; Gegenstand der Betrachtung ist der politische Zustand der Welt insgesamt, im Unterschied zur Eingrenzung des Blicks oder des Untersuchungsgegenstandes z.B. auf den Vorderen Orient. Demgegenüber drückt das Attribut der „globalisierten“Weltpolitik einen Befund und das Ergebnis einer analytischen Betrachtung aus; die weltpolitische Konstellation wird als in hohem Maße durch Interdependenz gekennzeichnet gesehen. Entscheidungen politischer Akteure können weltweite Reaktionen unterschiedlicher Natur hervorrufen. Politische Vernetzungen auf der Grundlage von Interessen oder weltanschaulichen bzw. religiösen Gemeinsamkeiten können Teile der Welt miteinander verbinden. Diese Art von „globalisierter Weltpolitik“kann — wie im Bereich globalisierter Kapital- oder Informationsströme — chaotischen Charakter annehmen; sie kann aber auch das Ergebnis eines gezielten politischen Willens sein, der darauf gerichtet ist, machtpolitische oder wirtschaftspolitische Interessen durchzusetzen. Globalisierte Weltpolitik ist das Ergebnis eines weltpolitischen Gestaltungswillens eines oder mehrerer Akteure mit der Kapazität weltweiter Projektion von Macht.
Udo Steinbach

Globalisierung und Demokratisierung in der Arabischen Welt

Zusammenfassung
Einer weit verbreiteten und intuitiv zudem recht plausiblen Annahme nach fuhrt Globalisierung angeblich zur immer stärkeren Ähnlichkeit von Unähnlichem, zur immer stärkeren Gleichheit von Ungleichem und damit zur kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Homogenisierung weltweit. Tatsächlich weichen Berliner Buletten und schwäbische Fleischküchle vielerorts global gleichen Hamburgern während Apfelsaft, Almdudler und Carcadet von Coca Cola und Sprite verdrängt werden. Der Tarbush (oder Fez, wie er hierzulande oft genannt wird) unterliegt dem Hut, der seinerseits im Konkurrenzkampf mit der Baseball-Mütze auf der Strecke bleibt. Der Sari und das Dirndl werden durch das Kostüm ersetzt, die Galabiyya durch den Anzug, und am Ende tragen alle nur noch Blue Jeans. Englische Pubs öffnen über Mittag, bald sogar nach elf Uhr abends, während griechische Terrassen schon gegen Mitternacht schließen.
Eberhard Kienle

Autoritäre Systeme unter den Bedingungen der Globalisierung — das Beispiel Palästina

Zusammenfassung
Die dritte Welle der Demokratisierung, beginnend 1974 in Portugal, dominierte und prägte die 80er- und 90er Jahre. Kombiniert mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der von ihr kontrollierten Staaten in Osteuropa, schien dem Siegeszug der Demokratie weltweit nichts mehr im Wege zu stehen. Damit stand eine neue Weltordnung auf dem Programm, charakterisiert von globalisierter Produktion und globalisierter Kommunikation auf der Basis von global sich durchsetzenden Demokratien als der einzig möglichen politischen Herrschaftsform.
Helga Baumgarten

Jenseits globaler Trends. Zur Bedeutung der israelisch-amerikanischen Allianz für das palästinensische Herrschaftssystem

Zusammenfassung
Von wenigen Ausnahmen abgesehen findet im Vorderen Orient1 im Unterschied zu anderen Weltregionen Globalisierung primär auf der ‘Ebene des Diskurses, kaum aber in den Kernbereichen Ökonomie und Kommunikation statt (Beck 2001a; Hegasy 2001).2 Auch die Teilhabe des Vorderen Orients an “globalen Trends”, die die Grenzen der Globalisierungsforschung im engeren Sinne überschreiten, ist gering. So ist der Vordere Orient die einzige Weltregion, die von der “Dritten Welle der Demokratisierung” (Huntington 1991), die 1974 mit der so genannten Nelkenrevolution in Portugal ihren Ausgang nahm und sich in den beiden letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts weltweit ausbreitete, nicht erfasst wurde und mit Israel überhaupt nur eine Demokratie hervorgebracht hat. Die Herrschaft in den palästinensischen Gebieten stellt für die Resistenz des Vorderen Orients von globalen Trends zwar kein repräsentatives, aber ein vielbeachtetes und erklärungsbedürftiges Beispiel dar. Seit der israelischen Eroberung Ost-Jerusalems, des Westjordanlandes und des Gazastreifens im Rahmen des Sechstagekrieges im Juni 1967 ist die Herrschaft in diesen Gebieten durch ein Besatzungsregime bestimmt. Diese dezidiert autoritäre, auf militärische Mittel gestützte Herrschaftsform widerspricht dem Prinzip nationaler Selbstbestimmung und den Normen demokratischer Herrschaft. Damit weicht der Charakter des politischen Systems in den palästinensischen Gebieten nicht nur vom Trend zur Demokratisierung, sondern auch von jenem der Dekolonisierung von Herrschaft ab.
Martin Beck

Rivalisierende Universalismen

Das islamische Religionsgesetz und säkularer Humanismus
Zusammenfassung
Im hier vorausgesetzten Rahmen interkontinental und transkulturell wirkender, zunächst vage unter das Schlagwort „Globalisierung“gefaßter Integrationsprozesse gilt auch für das im folgenden zu erörternde Thema, daß es zwar auf akademischer Ebene verhandelt wird, doch davor und daneben eine Manifestation politischer Konflikte zwischen ‘westlichen’ und ‘islamischen’ Staaten darstellt. In mehr oder minder offiziöser Apologetik und Polemik aus diesen Staaten werden dann selbst in der westlichen Öffentlichkeit unanfechtbare Menschenrechtsprinzipien zu bloßen Instrumenten der Unterwanderung der jeweils ‘eigenen’ Gesellschaft; Zersetzung islamischer Werte sei nur ein weiteres Instrument politischer, ökonomischer, ideologischer Unterwerfung ‘des Islams’ als des potentiell mächtigsten Gegenspielers unter die eigensüchtigen, ausbeuterischen Interessen ‘des Westens’.
Lutz Richter-Bernburg

Was ist „Euro-Islam“?

Muslime und Islam in der Diaspora
Zusammenfassung
Im Mai 1999 fand in der Evangelischen Akademie Loccum eine Tagung statt, auf der der Abgeordnete Cem Özdemir und Innenminister Otto Schily die Frage erörterten: “Was müssen Politik und Gesellschaft tun, damit sich in Deutschland ein kontextueller (europäischer) Islam bilden kann?” Ein “kontextueller (europäischer) Islam” — was ist das?
Heinz Halm

Christentum und Islam

Christen in der islamischen Welt und ihre Verwicklung in globale Konflikte
Zusammenfassung
Unter den Anschlägen in orientalischen Ländern, die den so genannten Islamisten — Integristen, radikalen Fundamentalisten, oder wie man sie auch nennen will — anzukreiden sind, finden diejenigen, die gegen westliche Einrichtungen, Diplomaten und insbesondere gegen Touristen gerichtet sind, die größte Aufmerksamkeit. Nur ein paar bekannte Beispiele: die Niedermetzelung einer ganzen Touristengruppe im ägyptischen Luxor, das Attentat auf deutsche Touristen auf der Insel Djerba in Tunesien, der Bombenanschlag auf der indonesischen Ferieninsel Bali, bei dem fast zweihundert Menschen starben.
Stephen Gerö

Entgrenzungen und Begrenzungen — Frauen im Vorderen Orient im Spannungsfeld von Globalisierung und Fragmentierung

Zusammenfassung
1932 legte die führende ägyptische Frauenrechtlerin Huda Shaarawi auf dem Kairoer Bahnhof öffentlich ihren Gesichtsschleier ab. Mit dieser dramatischen Geste bekundete sie ihre Entschlossenheit, die Geschlechtertrennung und die Beschränkung der Frauen auf den häuslichen Bereich zu beenden. Auch im Libanon, in der Türkei, im Iran wurde damals der Gesichtsschleier als Symbol “weiblicher Tugendhaftigkeit” von zunehmend mehr Frauenrechtlerinnen infrage gestellt und seine islamische Legitimation bestritten. Selbstbewusst erhoben Frauen den Anspruch auf Teilhabe im öffentlichen Raum und öffneten die Tür zu den politischen Bühnen der Region.
Renate Kreile

Globalisierung und Terrorismus

Zur Gewaltförmigkeit des politischen Widerstands im Vorderen Orient
Zusammenfassung
Die Begriffe “Islam” und “Terrorismus” sind seit dem 11. September 2001 in aller Munde. Ihr inflationärer Gebrauch, ihre Omnipräsenz in den Medien, die endlosen Diskussionsbeiträge von “Experten”, die wie Pilze aus dem Boden schießen, tragen jedoch wenig bei zu einem besseren Verständnis dieser Begriffe, ganz nach dem Motto “Vom Islam weiß ich nichts — aber er macht mir Angst.”1 Und seit den schrecklichen Anschlägen dieses 11. September scheinen die beiden Begriffe fast schon Synonyme geworden zu sein, Ausdruck jener “muslimischen Wut”, von der Bernard Lewis, Orientalist alten Schlages, zu berichten weiß.2 Die Wiederbelebung des Feindbildes Islam ist allerdings älter als die jüngste Debatte über den 11. September, als der Anschlag auf die Synagoge La Ghirba auf Djerba oder das Blutbad auf Bali.
Werner Ruf

Islamismus im Kontext der Globalisierung

Politische Widerstandsideologien zwischen Utopie und Pragmatismus
Zusammenfassung
Erste Untersuchungen zum Netzwerk der von Osama Bin Laden um 1988 gegründeten Vereinigung al-Qaida, ursprünglich ein Registrierungsbüro für arabische Freiwillige in Afghanistan, zeigen, dass es sich hierbei um eine “globale Mikrostruktur” gehandelt hat. Eine solche Mikrostruktur zeichnet sich dadurch aus, dass ihre Akteure keinen festen Ortsbezug haben, ihr Handeln global definieren und für ihre Kommunikation einen Code verwenden, der Außenstehenden völlig unverständlich erscheint. Globale Mikrostrukturen finden sich heute vornehmlich in den Bereichen Wirtschaft und Wissenschaft.1 Neu ist, dass sich auch gewisse islamistische Gruppierungen als transnationale Institutionen ausrichten und eine Form von Militanz entwickeln, die nicht mehr auf die konkrete Auseinandersetzung mit einem ihnen bedrohlich erscheinenden Regime gerichtet ist. Ihre zum Terrorismus erweiterte Militanz hat daher auch keinen konkreten Akteur (ein Regime, staatliche Institutionen oder das Militär) im Visier, sondern konstruiert vor allem kulturelle Institutionen als symbolisches Operationsziel ohne einen spezifischen Ortsbezug. Islamistische Deutungen solcher Netzwerke wie die von al-Qaida beruhen auf einer für die Gruppenmitglieder sinnstiftenden Neubestimmung der Islamität, die seit etwa 1985 propagiert wurde und die sich deutlich von den Traditionen der klassischen Islamisten (Muslimbrüder u.a.) unterscheidet.
Reinhard Schulze

Literatur und Globalisierung

Anpassung und Widerstand im arabischen Roman
Zusammenfassung
Der amerikanische Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt erzählt folgende Geschichte: Christoph Kolumbus landet mit seinen Mannen an der Küste des neu entdeckten Kontinents. “Wir sind gekommen”, hebt der Reisende aus der Alten Welt an, “um mit euch über Gott, Zivilisation und Wahrheit zu sprechen.” Die Menschen hören dem Fremden staunend zu und antworten dann: “OK. Was wollt ihr wissen?” (Zit. n. Beck 1998, S. 138).
Andreas Pflitsch

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