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29.11.2021 | Reporting | Interview | Onlineartikel

"Banken tasten sich beim Thema Nachhaltigkeit noch voran"

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
4:30 Min. Lesedauer

Transparenz ist für den Finanzsektor schon lange ein wichtiges Thema. Und Nachhaltigkeit wird für die Branche Pflicht. Über Herausforderungen und Chancen nachhaltiger Berichterstattung von Banken berichten die Experten Gösta Jamin und Frank Schlein im Interview.

In Verbindung mit strengeren Offenlegungspflichten warten große Herausforderungen auf die Bankenbranche. Können Sie kurz skizzieren, wo die größten Baustellen sind? 

Gösta Jamin: Für Banken ist es eine wesentliche Herausforderung, die für sie relevanten Anwendungsbereiche der neuen Vorgaben zu identifizieren. Es gilt, sich genau mit den Richtlinien auseinanderzusetzen und einheitliche Definitionen für die erforderlichen Informationen festzulegen - und für die jeweilige Anforderung zu prüfen, woher die erforderlichen Daten zu bekommen sind. Es genügt dabei nicht mehr, diese Prozesse intern zu etablieren. Die Vorgehensweisen müssen schriftlich festgehalten und veröffentlicht werden. Die Banken müssen darlegen, inwiefern die Nachhaltigkeitsrisiken bei der Auswahl der angebotenen Finanzprodukte und weiteren Kreditvergabe-Entscheidungen einbezogen werden. Darüber hinaus müssen sie gewährleisten, dass die dazu im Internet oder in Marketing-Materialien veröffentlichten Informationen einheitlich sind, also keine Widersprüche aufweisen.

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Frank Schlein: Zu der stärkeren Regulierung kommt ein höheres Nachhaltigkeitsbewusstsein der Bankkunden und wachsender Wettbewerb zwischen den Banken. Die Berichterstattung der Nachhaltigkeitsbemühungen spielt für Banken also nicht nur aus regulatorischer, sondern auch aus marktwirtschaftlicher Sicht eine immer größere Rolle. Finanzinstitute, die nachhaltig handeln, müssen das auch proaktiv kommunizieren und nachvollziehbar darlegen. ESG-Transparenz wird so im Bankensektor immer mehr zu einem Informations- und Datenproblem. 

Auf welche Kennzahlen kommt es dabei besonders an? 

Schlein: Vor allem sollten neu geforderte Informationen, wie zum Beispiel die CO2-Reduktion, eigene Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels, die Energieeffizienz innerhalb der Bank sowie bei Kreditsicherheiten oder die Erweiterung der Einkaufsrichtlinien um ESG-Kriterien im Datenhaushalt vorhanden sein. Von Seiten der EU sind sowohl qualitative als auch quantitative Angaben zu Klimarisiken und spezifischen ökologischen Kennzahlen vorgesehen. In einer Übergangsphase dürfen die Banken sich dabei noch auf Näherungswerte, Schätzungen und Spannen berufen, solange noch keine zuverlässigen Daten verfügbar sind. Ein Beispiel dafür ist die Ermittlung der Scope 3 Emissionen, also der CO2-Ausstoß, der unter anderem von gekauften Waren und Dienstleistungen, bei der Abfallentsorgung oder durch Investitionen verursacht wird. Spätestens im Juni 2024 müssen alle Informationen vorliegen. Banken müssen die Übergangsphase nutzen: Es sollte sichergestellt werden, dass alle benötigen Informationen zum ersten Anwendungszeitpunkt vorliegen.

Jamin: Bereits in der Übergangsphase müssen Banken Informationen zu der Entwicklung, Methodik und den Quellen für ihre Datenbeschaffung offenlegen. Externe Dienstleister sind da häufig eine große Hilfe, sie haben oft mehr Erfahrung mit der Datenbeschaffung und können sich konzentriert und in Vollzeit darum kümmern. Außerdem können Beratungsgespräche und Schulungen dafür sorgen, die Prozesse langfristig zu schärfen. 

Welche technischen und prozessualen Lösungen nutzen Banken derzeit, um die Nachhaltigkeit von Geschäftspartnern zu prüfen? 

Schlein: In der Zusammenarbeit zwischen Banken und ihren Kunden gibt es vor allem im Kreditgeschäft unterschiedliche Vorgehensweisen. Es gibt Banken, die ihre Kunden bei einer Kreditbeantragung dazu auffordern, eine vollständige Bewertung durch einen externen Anbieter von Nachhaltigkeitsratings durchführen zu lassen. Andere Banken nutzen hingegen einen einfach gehaltenen Fragebogen und stellen einige wenige nachhaltigkeitsrelevante Fragen, die dann zusammen mit der Kreditakte dokumentiert werden. Darüber hinaus haben einige Banken noch gar keine Lösung entwickelt, da die Bafin in ihrem im Oktober 2021 veröffentlichten "Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken" nur Empfehlungen aber noch keine konkreten Vorgaben zur Nachhaltigkeitsbewertung ausgesprochen hat. Experten rechnen jedoch damit, dass die BaFin schon 2022 konkreter wird. Daher ist jede Bank gut beraten ist, sich frühzeitig mit der Materie zu befassen und die entsprechenden ESG-Prüfverfahren zu bewerten, um gut vorbereitet zu sein.

Was heißt das konkret?

Schlein: Es spricht einiges dafür, eine externe Nachhaltigkeitszertifizierung einer bankinternen Lösung vorzuziehen. Einerseits spart die Bank sich dadurch Aufwand. Andererseits hat die Bank intern einen Anreiz, möglichst viele ihrer Kunden als nachhaltig einzustufen. Banken könnten damit Refinanzierungsvorteile bei eigens begebenen Green Bonds oder Erleichterungen bei der Eigenkapitalhinterlegung von ESG-konformen Firmenkreditportfolien erhalten. Andererseits hat die Bank ein ureigenes Interesse, ihre gewerblichen Kreditnehmer realistisch zu bewerten, da sie bei einer zu gut ausfallenden ESG-Bewertung höhere Kreditrisiken eingeht: Nachhaltig orientierte Unternehmen können sich mit ihrer ESG-Orientierung gegenüber nicht nachhaltigen Wettbewerbern positiv abheben und werden langfristig erfolgreicher sein. Dies senkt das Kreditausfallrisiko. Eine externe Einschätzung der Nachhaltigkeitsbewertung hat eine höhere Objektivität als eine bankinternes ESG-Prüfverfahren.

Wie reagieren Banken, wenn ein Dienstleister nicht den Anforderungen genügt?

Schlein: Momentan tasten sich Banken und ihre Kunden beim Thema Nachhaltigkeit noch voran. Standardvorgehen sind immer noch selten, insbesondere wegen der noch fehlenden konkreten Vorgaben der Bafin. Es gibt aber bereits Banken, die zum Beispiel die Höhe des Kreditzinses in einen Zusammenhang mit der Erfüllung ihrer definierten ESG-Kriterien stellen oder bei der Nicht-Erfüllung von Nachhaltigkeitskriterien von einer Kreditvergabe komplett absehen.

Jamin: Diese Reaktion bewirkt allerdings schon einiges. Kleine und mittlere Unternehmen kümmern sich zurzeit eher noch anlassbezogen um ESG, zum Beispiel auf Anforderung der Bank bei einer Kreditvergabe oder wenn sie von ihren Kunden im Rahmen der Lieferkettendokumentation oder bei Ausschreibungen dazu aufgefordert werden. Künftig werden Unternehmen die Erfüllung von ESG-Kriterien als strategische Ressource proaktiv managen, ähnlich wie die Optimierung ihrer Bonität. In diesem Bereich gibt es bereits Plattformen, die dabei helfen, die eigene Bonität im Blick zu behalten. Ähnliche Plattformen werden sich in Zukunft auch für eine externe ESG-Zertifizierung entwickeln.

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