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06.03.2017 | Ressource | Interview | Onlineartikel

"Ein Deutscher verbraucht 16,2 Tonnen Rohstoffe pro Jahr"

Autor:
Günter Knackfuß
Interviewt wurde:
Dipl.-Ing. Christopher Manstein

ist Experte im Fachgebiet Grundsatzfragen, Nachhaltigkeitsstrategien und -szenarien sowie Ressourcenschonung des Umweltbundesamt.

Das Umweltbundesamt hat die aktuelle Situation der Ressourcennutzung in Deutschland analysiert. Springer Professional sprach mit Christopher Manstein über die Ergebnisse der Studie.

Springer Professional: Welche Ressourcen stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?

Christopher Manstein: Wir betrachten im neuen UBA-Ressourcenbericht Daten zur Entnahme von natürlichen Ressourcen aus unserer Umwelt und ihre anschließende Verarbeitung in unserem Wirtschaftssystem. Aber auch Kennzahlen zum Handel oder die Bedeutung von Rohstoffen für die Endnachfrage in Deutschland werden beleuchtet, analysiert und interpretiert. Den Fokus legen wir dabei auf nachwachsende und nicht-nachwachsende Rohstoffen, also auf Mineralien, fossile Energieträger, Metallerze und Biomasse. Ein schönes Zahlenbeispiel: Wir Deutschen konsumieren umgerechnet 44 Kilogramm pro Kopf und Tag. Fast 80 Prozent dieses Rohstoffkonsums entfallen dabei auf nicht-nachwachsende Rohstoffe, der Rest auf Biomasse.

Welche Rolle spielt der internationale Handel für Deutschland? 

Der internationale Handel spielt für Deutschland auch mit Blick auf die natürlichen Ressourcen eine herausragende Rolle. Darauf geht der Bericht ausführlich ein. Deutschlands Rohstoffkonsum ist z. B. zu etwa zwei Drittel von Importen abhängig. Bei Biomasse und fossilen Energieträgern wurden 2011 rund 70 Prozent der benötigten Rohstoffe importiert, bei Mineralien waren es 67 Prozent und bei Metallerzen nahezu 100 Prozent. 624 Millionen Tonnen Rohstoffe und Güter werden so jährlich nach Deutschland eingeführt, Tendenz steigend. Daneben spielen für Deutschland Exporte ebenfalls eine enorm wichtige Rolle – im Jahr 2013 waren es insgesamt 384 Millionen Tonnen Rohstoffe, Halbwaren und Fertigwaren, die wir exportiert haben. Tendenz: Dies waren 70 Prozent mehr als noch vor 20 Jahren.

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Was sagt ihre Studie zum Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Rohstoffnutzung?

Aus ökologischer wie auch aus ökonomischer Sicht muss es unser Ziel sein, die Wirtschaftsentwicklung vom Rohstoffverbrauch und den damit zusammenhängenden negativen Umweltauswirkungen zu entkoppeln. Und zwar absolut, d. h. die Gesamtmenge der verbrauchten Ressourcen muss abnehmen. Eine der wichtigsten Strategien hierfür ist die Steigerung der Rohstoffproduktivität der deutschen Wirtschaft. Insgesamt zeigt sich für Deutschland in den Jahren 2000 bis 2011 eine Zunahme der Gesamtrohstoffproduktivität um 17 Prozent. Damit sind wir im Trend zwar auf einem richtigen Weg, die Produktivitätszahlen müssten in den nächsten Jahren aber nochmal deutlich zulegen. Neueste Zahlen prüfen wir gerade und präsentieren sie im nächsten UBA-Ressourcenbericht, der Mitte 2018 erscheint.

Wie gestaltet sich die Situation im Bereich des privaten Konsums?

Er hat einen enormen Einfluss auf den volkswirtschaftlichen Rohstoffbedarf, macht er doch etwa die Hälfte der gesamten Endnachfrage nach Rohstoffen aus. Unsere Bedürfnisfelder Wohnen und Ernährung "wiegen" dabei mit einem Anteil von jeweils rund einem Drittel am privaten Rohstoffkonsum am stärksten. Wichtig ist, dass Konsumbedürfnisse dabei immer auch eine globale Dimension haben, denn zu ihrer Befriedigung benötigen wir mehr Rohstoffe, als wir innerhalb Deutschlands abbauen oder ernten können. Mit etwa 1,3 Milliarden Tonnen im Jahr 2011 lag der gesamte Rohstoffkonsum in Deutschland 18 Prozent über der inländischen Entnahme. Deutsche verbrauchen pro Kopf 16,2 Tonnen Rohstoffe pro Jahr. Damit befindet sich Deutschland etwa auf dem Niveau anderer EU-Staaten wie Frankreich oder Großbritannien.

Das UBA macht besonders aufmerksam auf die Relation von Ressourceneffizienz und Klimaschutz…? 

Die Wechselwirkungen zwischen den Bereichen Ressourceneffizienz und Klimaschutz sind vielfältig und komplex. Sie können positiv oder negativ sein. So brauchen wir beispielsweise für den Ausbau erneuerbarer Energien oder zur energetischen Sanierung zusätzliche Rohstoffe, z. B. für den Bau der Energieanlagen oder das Anbringen von Dämmstoffen. Dies spart aber umgekehrt auch Rohstoffe ein, weil ja Energie und die mit der Energiebereitstellung verbundenen Rohstoffe (z. B. fossile Energieträger) reduziert werden und sich nicht zuletzt auch der Ausstoß von Treibhausgasen verringert.

Zusammen mit der Studie hat das UBA auch Vorschläge gemacht, um Ressourcen effizienter zu nutzen und einzusparen. Welche sind das?

Zwei wichtige Beispiele zu dieser Frage: Erstens sollten wir eine Reform der Mehrwertsteuer angehen. Recyclingbeton z. B. spart gegenüber normalem Beton 45 Prozent Kies. Recyclingbeton ist aber zurzeit noch teurer. Wenn auf ihn nicht 19, sondern nur noch 7 Prozent Mehrwertsteuer anfallen, wird er für Bauherren aber eher rentabel und somit interessant. Nur 7 Prozent könnte man auch bei anderen Produkten einführen, die ökologisch besser sind – besonders sparsamen Kühlschränken etwa. Leider kommen wir bei dem Thema nur europäisch vorwärts, müssen die einschlägigen EU-Steuerbestimmungen ändern. Das ist nicht von heute auf morgen zu schaffen, aber die Debatte darüber ist nötig. Für Dienstleistungen wie Reparaturen könnten wir auch national schon einen niedrigen Mehrwertsteuersatz ansetzen. 
Zweitens: wir sollten produktspezifische Rezyklatquoten einführen. Für die Kunststoffherstellung etwa sollten auf europäischer Ebene Rezyklatquoten festgelegt werden, mit dem Ziel, mehr Sekundärkunststoffe bei der Herstellung der Kunststoffe einzusetzen. So sollte beispielsweise ein höherer Mindestanteil an recyceltem Kunststoff für Plastiktüten oder Mülltonnen vorgeschrieben werden.

Sie halten auch ein Ressourcenschutzgesetz für erforderlich. Was soll damit geregelt werden? 

Ein systematischer und konsistenter Einbau des Themas Ressourcenschutzes fehlt derzeit noch im deutschen Recht. Ressourcenschutz sollten wir aber als umweltpolitisches Schutzgut im Rechtssystem übergreifend definieren und ihm somit die notwendige Bedeutung zukommen lassen. Durch ein eigenes Gesetz würden wir das Thema Ressourcenschonung aufwerten. Wichtig dabei ist auch, dass das Thema Ressourcenschonung in allen Politikfeldern beachtet wird. Ein solches Gesetz würde aber nicht nur Themen des Umweltrechts behandeln, sondern eine Vielzahl weiterer Rechtsgebiete mit Bezug zur Gewinnung, Verarbeitung und Nutzung von natürlichen Ressourcen – wenn auch in unterschiedlicher Reichweite und Tiefe.

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