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Risiko jenseits wiederholter Spiele

Extreme Ereignisse zwischen Statistik und Verantwortung

  • 2024
  • Buch

Über dieses Buch

In diesem Buch wird – ausgehend von der Fiktion von wiederholten Spielen – das Konzept von „Risiko“ in unterschiedlichen Betrachtungsweisen verdeutlicht. Dabei werden insbesondere verborgene Annahmen herausgearbeitet. In dieser erweiterten Sicht zeigt sich „Risiko“ als ein vielschichtiger Ansatz, der immer vor dem Hintergrund von menschlichen Entscheidungen, unserer limitierten Rationalität und gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen verstanden werden muss. Nur in diesem Gesamtkontext lassen sich konkrete Handlungsoptionen von wirtschaftlichen Akteuren – anstelle von Visionen einer besseren Welt – ableiten.

Der heute in der Wirtschaft und bei Banken in der Regel verwendete Begriff von Risiko lautet vereinfacht „Schadenshöhe mal Wahrscheinlichkeit“. Dabei werden eine Vielzahl von Annahmen – impliziert – als gegeben vorausgesetzt: sich wiederholende Prozesse, eher kurzfristiger Zeithorizont von wenigen Tagen bis zu einem Jahr, Unabhängigkeit von verschiedenen Entscheidungsprozessen, Rationalität aller Beteiligten und weitgehend statische Rahmenbedingungen. Wenn es ein Gegenbeispiel bedurft hätte, dann hat sich dies mit der Herausforderung des „Climate-Change Risk“ – und mit Betonung auf „Change“, also eine Differenzbetrachtung – ergeben: singuläre Situationen, sehr langfristige Perspektiven, verknüpfte wirtschaftliche Fragen, ideologisierte Positionen in der Gesellschaft und Tendenzen zur Bescheidung einer freien Marktwirtschaft zugunsten der Illusion staatlicher Planung.

Inhaltsverzeichnis

  1. Frontmatter

  2. Grundlagen

    1. Frontmatter

    2. 1. Risiko als Konzept jenseits von wiederholten Spielen

      Udo Milkau
      Der Fachbeitrag untersucht das Konzept von Risiko und stellt fest, dass die gängige Definition 'Risiko = Schadenshöhe mal Wahrscheinlichkeit' oft nicht ausreicht, um reale Risiken in der Wirtschaft und Industrie zu erfassen. Anhand von vier Beispielen, darunter die Insolvenz der Silicon Valley Bank und den Zusammenbruch des Stablecoin-Systems Terra/LUNA, wird gezeigt, wie Risiken intertemporal und von einer Vielzahl von Faktoren abhängig sind. Diese Beispiele illustrieren, dass traditionelle Risikomanagementmethoden an ihre Grenzen stoßen und dass ein umfassenderer Ansatz notwendig ist, um mit komplexen Risiken umzugehen. Der Beitrag schließt mit der Diskussion über die Entwicklung des Risikokonzepts und die Notwendigkeit, Risiken in einem größeren sozioökonomischen Kontext zu betrachten.
    3. 2. Risiko zwischen Spielen und sozialen Systemen

      Udo Milkau
      Das Kapitel 'Risiko zwischen Spielen und sozialen Systemen' untersucht die historische Entwicklung des Risikobegriffs, der seit über 300 Jahren weitgehend unverändert geblieben ist. Abraham de Moivre definierte Risiko bereits 1718 als Produkt von Kapitaleinsatz und Wahrscheinlichkeit des Verlusts. Diese Definition findet sich auch in der aktuellen Basel-III-Regulierung wieder. Das Kapitel betont die Bedeutung sozioökonomischer Kontexte und externer Beobachter bei der Risikobewertung und diskutiert die Herausforderungen bei der Vorhersagbarkeit von Risiken in nichtlinearen Systemen. Es wird auch die Rolle von Regulierungen und Wertvorstellungen bei der Definition von Risiken beleuchtet und die Notwendigkeit einer interdisziplinären Betrachtung hervorgehoben. Das Kapitel schließt mit einer Diskussion über die Wirkmächtigkeit von kollektiven Narrativen und sozialen Medien auf Risikobewertungen und -entscheidungen.
    4. 3. Risikomanagement als zukunftsgerichtetes Instrument

      Udo Milkau
      Der Beitrag beleuchtet das Risikomanagement als zukunftsgerichtetes Instrument und stellt ein Modell vor, das auf den Erfahrungen von Stanley McChrystal basiert. McChrystal betont die aktive Abwehr von Gefahren und den praktischen Umgang mit riskanten Situationen. Im Gegensatz zu traditionellen Ansätzen, die Risiko als Produkt von Einsatz und Verlustwahrscheinlichkeit definieren, schlägt McChrystal eine Definition vor, die Bedrohung und Verletzlichkeit berücksichtigt. Der Beitrag diskutiert die menschlichen Schwächen und die Tendenz, Vergangenheitserfahrungen auf die Zukunft zu übertragen, was zu Kontrollillusionen führen kann. Besonders interessant ist die Betonung auf offene Kommunikation, Anpassungsfähigkeit und die Vermeidung von Kontrollillusionen als Schlüssel für ein effektives Risikomanagement. Der Text hebt hervor, dass ein aktives Management von Risiken nicht nur auf ex-post-Berichten, sondern auch auf praktischen Handlungen im konkreten Fall basieren sollte. Dieser Ansatz bietet neue Einblicke in die Herausforderungen und Lösungen im Risikomanagement und regt zum Nachdenken über die eigenen Planungen und deren Umsetzung an.
    5. 4. Statistische Schätzungen und „Strength of knowledge“

      Udo Milkau
      Der Fachbeitrag behandelt die komplexe Frage nach der Definition von 'Risiko' und betont die Notwendigkeit einer tiefgehenden Betrachtung der formalen Grundlagen. Es wird eine allgemeine Systematik vorgestellt, die das Konzept 'Risiko' abstrakt formalisiert und dabei die 'Strength of knowledge' als zentralen Faktor einbezieht. Die Definition von Risiko wird in Abhängigkeit von unserem Wissen über zukünftige Entwicklungen konkretisiert. Der Beitrag untersucht verschiedene Parameter und Ausprägungen des Risikobegriffs, von gemessenen Wahrscheinlichkeiten über subjektive Schätzungen bis hin zu seltenen Ereignissen. Besonders interessant ist die Darstellung der kontinuierlichen Aktualisierung der 'Strength of knowledge' und die Anwendung dieser Konzepte im Risikomanagement für Bedrohungen.
    6. 5. Konzepte für extreme Ereignisse

      Udo Milkau
      Zusammenfassung
      Für die konkrete Beschreibung von „extremen Ereignissen“ – sowohl als seltene, aber schwerwiegende Ereignisse als auch zeitlich weit in der Zukunft liegende Katastrophen – existiert eine Reihe von spezifischen Methoden, welche einen konkreten Anwendungsfall aus Ausgangspunkt nehmen. Auf der einen Seite finden sich mathematisch-statistische Methoden, die sich Problemen wie der (ggf. nicht möglichen) Normierbarkeit von Wahrscheinlichkeitsverteilungen, der Begrenztheit aller von Menschen gesammelten Datenreihen oder von „extreme events“ mit ggf. nicht vorhandenen Mittelwerten annehmen. Auf der anderen Seite stehen „soziale“ Ansätze, welche ein kollektives menschliches Verhalten, die menschliche Sicht auf eine Katastrophenschwelle oder intertemporale Spannungsfelder für menschliche Entscheider betrachten. Diese Konzepte gehen weit über eine Wahrscheinlichkeitsrechnung von „wiederholten Spielen“ hinaus und stellen vielmehr die konkrete Situation einer Entscheidung mit Unsicherheit über die Zukunft, beschränkten Ressourcen, vielfältigen Entwicklungspfaden und langfristigen Folgen in den Fokus. Dies bildet einen grundlegen Werkzeugkasten, um Entscheidungssituationen unter Unsicherheit oder die entsprechenden Risiken in einem formalen Rahmen beschreiben zu können.
  3. Anwendungsfälle

    1. Frontmatter

    2. 6. Von High-Risk-Industrien bis zu Narrativen

      Udo Milkau
      Das Kapitel beleuchtet die Unterschiede zwischen dem aktiven Risikomanagement in High-Risk-Industrien und dem traditionellen, berichtenden Risikomanagement in Banken. Es wird gezeigt, wie das Konzept 'accept, avoid, transfer, mitigate' in Banken angewendet wird und warum dies oft auf historischen Daten basiert. In High-Risk-Industrien wie der Luftfahrt und dem Gesundheitswesen wird ein aktiver Ansatz verfolgt, der auf unerwartete Zwischenfälle reagiert. Ein bekanntes Beispiel ist das Crew Resource Management in der Luftfahrt, das durch regelmäßige Trainings und ein offenes Verhalten in Krisensituationen erfolgreich ist. Auch in der Pharmazie wird ein aktives Risikomanagement durch Pharmacovigilance betrieben, das auf kontinuierlichem Lernen und Anpassung basiert. Der Text hebt hervor, wie wichtig es ist, sich von statischen Ansätzen zu lösen und dynamisch auf neue Erkenntnisse zu reagieren.
    3. 7. Erwartete Risiken von „Artificial Intelligence“

      Udo Milkau
      Der Beitrag beleuchtet die erwarteten Risiken von „Artificial Intelligence“ und wie diese in der Öffentlichkeit und in der Literatur diskutiert werden. Es wird gezeigt, dass viele Befürchtungen auf Science-Fiction-Narrativen basieren und dass die tatsächlichen Risiken oft in der menschlichen Hybris und in der Unvollkommenheit der Technik liegen. Der Autor argumentiert, dass die aktuellen Diskussionen um existenzielle Risiken und die Regulierung von AI oft auf ideologischen oder kommerziellen Interessen basieren. Besonders hervorgehoben wird die Notwendigkeit, die technischen und ethischen Herausforderungen im Kontext der menschlichen Verantwortung zu betrachten. Der Text bietet eine umfassende Analyse der verschiedenen Aspekte der AI-Risiken und zeigt auf, wie wichtig es ist, die technischen Entwicklungen in einem breiteren gesellschaftlichen und ethischen Kontext zu sehen.
  4. Zeitbezug von Risiken

    1. Frontmatter

    2. 8. „Resilience“ und das Futur II

      Udo Milkau
      Dieser Fachbeitrag untersucht die Bedeutung von Resilienz im Kontext von Risikomanagement und wie Organisationen auf seltene, schwerwiegende Ereignisse vorbereitet sein sollten. Es werden verschiedene Ansätze und Definitionen von Resilienz diskutiert, darunter die Betrachtung von wiederholten Spielen, seltenen Ereignissen und der Extreme Value Theory. Besonderes Augenmerk liegt auf der Notwendigkeit, sowohl Redundanzen in Systeme zu integrieren als auch alle Beteiligten für Handlungen im Falle einer Risikolage zu trainieren. Der Beitrag beleuchtet auch die Herausforderungen und Kosten, die mit der Vorbereitung auf ein 'Futur II' verbunden sind, und stellt praktische Strategien zur Aufrechterhaltung der Betriebsfähigkeit nach einem Risikoeintritt vor. Die Diskussion umfasst ebenfalls die Bedeutung von Flexibilität und Unsicherheit in der Praxis und wie Organisationen auf Disruptionen reagieren können. Der Beitrag schließt mit einer Analyse der wirtschaftlichen Aspekte und der Notwendigkeit, sich von idealen Planungen zu lösen und stattdessen auf Fähigkeiten und Flexibilität zu setzen.
    3. 9. Krisen, Katastrophen und die Zukunft

      Udo Milkau
      Das Kapitel 'Krisen, Katastrophen und die Zukunft' untersucht das historische und moderne Katastrophenbewusstsein und die Narrative, die daraus entstehen. Eva Horn diskutiert in ihrem Buch 'Zukunft als Katastrophe' die Motive hinter dem Katastrophenbewusstsein und stellt die Frage nach der Faszination für tragische Ereignisse. Sie argumentiert, dass Katastrophen eine einfache Möglichkeit bieten, die Unsicherheit der Zukunft zu reduzieren und handhabbar zu machen. Diese Narrative finden sich in Literatur, Filmen und Sachbüchern und werden oft aus einer Futur-II-Perspektive erzählt. Heinz Bude konstituiert in seinem Werk 'Gesellschaft der Angst' die Angst als zentrales Element der modernen Gesellschaft und zeigt, wie Menschen sich durch wiederholte Spiele Sicherheit verschaffen. Niklas Luhmanns Theorie des Vertrauens als Mittel zur Reduktion sozialer Komplexität wird ebenfalls aufgegriffen, wobei er betont, dass Vertrauen intertemporal wirksam sein kann. Die aktuelle 'German Angst' und der Realitätsverständnis mit einer niedrigen Katastrophenschwelle werden kritisch beleuchtet. Mary Beard plädiert für einen aktiven Umgang mit der Zukunft und verweist auf die römische Gesellschaft, die Risiken und Unsicherheiten als Teil des Lebens akzeptierte. Der Beitrag analysiert speziell am Beispiel der globalen Erwärmung die assoziierten Ängste, Erwartungen und Hoffnungen. Die Prognosen des Club of Rome und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse werden kritisch hinterfragt. Besondere Aufmerksamkeit wird den 'tipping points' und der moralischen Aufladung des Klimadiskurses geschenkt. Der Beitrag schließt mit der Feststellung, dass ein rationaler Umgang mit der globalen Erwärmung notwendig ist, um eine nachhaltige Anpassung zu ermöglichen.
  5. Risiken, Entscheidungen und der Zeitgeist

    1. Frontmatter

    2. 10. Wollen wir Risiken eingehen?

      Udo Milkau
      Das Kapitel untersucht die Entwicklung des Risikobegriffs und die aktuelle Wahrnehmung von Risiken im Kontext des 'Global Risks Report 2023' des World Economic Forum. Es wird die Vielfalt der Begriffe wie 'disaster', 'collapse' und 'failure' analysiert, die im Report verwendet werden, und die Beliebigkeit der Terminologie kritisch hinterfragt. Die Entwicklung des Begriffs 'Polykrise' wird ebenfalls thematisiert, wobei die Frage gestellt wird, ob diese Begrifflichkeit hilfreich oder eher ängstlich machend ist. Die historische Entwicklung des Risikobegriffs wird zurückverfolgt, beginnend mit der Renaissance und der Unterscheidung zwischen 'Gefahr' und 'Risiko'. Besonderes Augenmerk liegt auf der Freiheit der Entscheidung unter Unsicherheit und der Verantwortung, die damit verbunden ist. Die Rolle der Wahrscheinlichkeitsrechnung und der Entscheidungstheorie wird ebenfalls beleuchtet, ebenso wie die Herausforderungen bei der Bewertung von Risiken in der modernen Gesellschaft. Die Diskussion um die 'Risikogesellschaft' und die Kritik an der Vermischung von Begriffen wie 'Risiko', 'Krise' und 'Katastrophe' runden das Kapitel ab. Der Text weckt Interesse daran, wie Risiken historisch und aktuell wahrgenommen werden und welche Rolle der Zeitgeist dabei spielt.
    3. 11. Risikokompetenz und deren Hemmnisse

      Udo Milkau
      Das Kapitel 'Risikokompetenz und deren Hemmnisse' beleuchtet die Herausforderungen und Hemmnisse bei der Entwicklung von Risikokompetenz in verschiedenen Kontexten. Es wird untersucht, ob Risiko ein soziales Konstrukt ist und wie unterschiedliche Perspektiven auf Risiken das Management beeinflussen. Besondere Aufmerksamkeit wird auf die Unterschiede zwischen objektiven und subjektiven Risikowahrnehmungen gelegt, sowie auf die Rolle von Unternehmenskulturen und individuellen Präferenzen. Praktische Beispiele wie die Credit Suisse und die Problematik der Kreditvergabe veranschaulichen die Komplexität und die Notwendigkeit einer fundierten Risikokompetenz. Der Text betont die Bedeutung von Risikokompetenz im Alltag, in Unternehmen und in der Gesellschaft und bietet Einblicke in die psychologischen und sozialen Mechanismen, die das Risikomanagement beeinflussen.
    4. 12. Fazit: Mut zur Zukunft!

      Udo Milkau
      Der Fachbeitrag untersucht die Grundsatzfrage der Risiken jenseits wiederholter Spiele und zeigt, wie das öffentliche Verständnis von Risiko stark vom individuellen und sozialen Kontext beeinflusst wird. Während traditionelle Ansätze Risiko als ex-ante definierte Regeln betrachten, entwickelt sich das Risikomanagement hin zu einem iterativen Ansatz, der sich an dynamische Entwicklungen anpasst. Der Beitrag hebt hervor, dass eine konstruierte Beliebigkeit von Risiko falsch ist und dass eine Lücke zwischen aktueller Risikowissenschaft und Praxis besteht. Terje Aven und andere Experten betonen die Notwendigkeit, Risikoanalyse weiterzuentwickeln, um die Herausforderungen der Zeit- und Wissensdimension zu bewältigen. Ein aktives Risikomanagement ermöglicht flexible Anpassungen und kontinuierliches Lernen, um seltene, aber schwerwiegende Ereignisse zu antizipieren. Der Autor appelliert an eine optimistische Grundhaltung und ermutigt zu Mut bei der Gestaltung der Zukunft.
  6. Backmatter

Titel
Risiko jenseits wiederholter Spiele
Verfasst von
Udo Milkau
Copyright-Jahr
2024
Electronic ISBN
978-3-658-44202-6
Print ISBN
978-3-658-44201-9
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-44202-6

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