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04.03.2021 | Risikoanalyse | Im Fokus | Onlineartikel

Krisenabwehr im Finanzsystem muss auf den Prüfstand

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
3:30 Min. Lesedauer

Bislang ist das deutsche Finanzsystem aufgrund der geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen von schweren Schäden durch die Corona-Pandemie verschont geblieben. Doch die Regularien und Instrumente beruhen auf historischen Krisen, die sich von der aktuellen unterscheiden. 

"Die in der Europäischen Union (EU) geltenden Regelungen und Institutionen zielen vor allem darauf ab, Kreditinstitute widerstandsfähig gegen Krisensituationen zu machen. Im schlimmsten Fall sollen in Schieflage geratene Geldhäuser ohne Schaden für das gesamte Finanzsystem einzeln abwickelbar sein. Auf diese mikroprudenzielle Art soll der Bankensektor als Ganzes gestärkt werden", leiten Matthias Mayer und Daniel Sommer ihren Bankmagazin-Beitrag "Wie widerstandsfähig der Bankensektor ist" ein. Makroprudenzielle Mechanismen wie das European Systemic Risk Board (ESRB) und der auf nationaler Ebene tätige Ausschuss für Finanzstabilität (AFS) sollen dabei das System insgesamt im Blick behalten und durch eine marktweite sowie institutsübergreifende Betrachtung stabilisieren.

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Verluste im Finanzsystem mittelfristig nicht ausgeschlossen

Nun hat sich der AFS Ende Februar mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das deutsche Finanzsystem befasst und festgestellt: "Die umfangreichen geld- und fiskalpolitischen sowie aufsichtlichen Maßnahmen haben die wirtschaftlichen Schäden der Pandemie bislang begrenzt und Funktionsstörungen im deutschen Finanzsystem verhindert." In den kommenden Quartalen seien negative Entwicklungen aber nicht ausgeschlossen, die zu Verlusten im Finanzsystem führen könnten. Um so wichtiger seien die Puffer im Finanzsystem, die in Stressphasen genutzt werden können, um die Kreditvergabe aufrechtzuerhalten.

Hierzu gehört laut AFS auch der antizyklische Kapitalpuffer und dessen Weiterentwicklung. Die Bafin hatte diesen aufgrund der Pandemie zum April 2020 von 0,25 auf null Prozent gesenkt und seither dort belassen. Mit Blick auf den Kreditbedarf der Unternehmen und mögliche Kreditausfälle infolge der Corona-Pandemie werde der Puffer voraussichtlich nicht vor Ende des Jahres 2021 wieder angehoben. Für den AFS ist dies eine "angemessene" Maßnahme. Diese gebe dem deutschen Bankensektor Planungssicherheit und erleichtert es den Banken, Verluste aus Kreditausfällen aufzufangen und weiterhin angemessen Kredite an Unternehmen und Haushalte zu vergeben. 

Nach Überwindung der Corona-Pandemie werde die künftige Erhöhung des Puffers maßgeblich davon abhängen, wie sich die zyklischen Verwundbarkeiten und Risiken entwickeln. Zudem stellt sich der Ausschuss hinter die Aufsichtsbehörden, die der Finanzwirtschaft empfehlen, die Ausschüttung von Gewinnen und Aktienrückkäufe auszusetzen oder stark zu begrenzen. 

Der AFS weist außerdem darauf hin, dass die nationale Methodik für den antizyklischen Kapitalpuffer im laufenden Jahr überprüft wird. "Hierfür sollen die Erfahrungen der vergangenen Jahre auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene genutzt werden", heißt es. Unter anderem werde sich der Ausschuss mit einem flexibleren Einsatz des Puffers auseinandersetzen und abwägen, ob in Zukunft höhere Puffer in wirtschaftlich guten Zeiten aufgebaut werden sollten, um diese in einer Krise freisetzen zu können. Dabei sei ein international abgestimmtes Vorgehen besonders wichtig.

Institutionen und Mechanismen in der EU überarbeiten

Matthias Mayer und Daniel Sommer erachten vor dem Hintergrund der Corona-Krise eine grundsätzliche Bewertung dieser Regelwerke als notwendig. "Es gilt zu überprüfen, wie die Institutionen und Mechanismen in der EU mittlerweile wirken. Denn zwischen den beiden vergangenen Krisen 2007 bis 2009 sowie 2011 und der Virus-Pandemie mit ihren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen sowie systemischen Folgen bestehen Unterschiede", schreiben die beiden Finanzexperten von KPMG.

Der große Unterschied zwischen den beiden historischen Krisen und der aktuellen bestehe darin, "dass die beiden Ersteren ihre Wurzeln in den Banken- und Finanzmärkten selbst haben, während die aktuelle Situation ihren Ursprung in der Virus-Pandemie mit weitreichenden konjunkturellen Folgen hat". Dieser Unterschied sei fundamental, weil er diametral entgegengesetzte Antworten zur Krisenbewältigung erfordert. 

Vereinfacht ausgedrückt besteht im ersten Fall die Antwort darin, die Banken zur Akkumulation von Liquiditäts- und Kapitalreserven zu zwingen. Diese Anforderungen sind gerade bei besonders risikoreichen Geschäften besonders hoch zu setzen, damit neue Krisen entweder gar nicht erst entstehen oder zumindest eingedämmt werden können, ohne den Finanzsektor als Ganzen zu gefährden. Im zweiten Fall geht es darum, dass die Finanzinstitute ihre Kapital- und Liquiditätsreserven nutzen und teilweise aufbrauchen, um über zusätzliche Kreditvergabe der realwirtschaftlichen Krise entgegenzuwirken", bringen es Mayer und Sommer auf den Punkt.

Wichtig ist den Experten ein Perspektivwechsel, "wonach das Aufsichtsrecht nicht als ein exogener Rahmen für ein Bankensystem zu betrachten ist, sondern als integraler Bestandteil des Systems selbst". Denn in Krisenzeiten komme es auf die Widerstandsfähigkeit des gesamten Systems aus Banken und prudenziellen Regeln an.

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