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01.11.2019 | Risikoanalyse | Im Fokus | Onlineartikel

Stresstests prüfen künftig nachhaltige Geschäftsmodelle

Autoren: Christoph Betz, Thilo Kasprowicz, Markus Quick, Maren Schmitz, Dr. Sebastian Rick, Dr. Roman Schulze und Gerald Rosenfeld (alle Partner, Senior Manager oder Manger im Bereich Financial Services bei KPMG)

Ob die Finanzindustrie Nachhaltigkeitsrisiken in ihren Standards und Prozessen ausreichend berücksichtigt, sollen künftig Stresstests und langfristige Analysen zeigen. Die nötigen Anpassungen sind vielfältig und umfassend.

Ob und wie Nachhaltigkeitsrisiken in den Strategien und Prozessen der Banken und Versicherer Einzug gehalten haben, sollen laut dem Bundesamt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) künftig Stresstests und Szenarioanalysen zeigen. Aufgrund der meist langfristigen Effekte dieser Risiken ist auch der Einsatz langlaufender Untersuchungen notwendig. Die langlaufenden Auswirkungsanalysen sollen die direkten Folgen des Klimawandels transparent machen. Finanzunternehmen müssen dazu in ihren Szenarien eigene Klima- und Nachhaltigkeitsziele abbilden und proportional am individuellen Risikoprofil ausrichten.

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ESG Challenges

When we began teaching sustainable finance at Marquette University more than a decade ago, environmental, social, and governance (ESG) investing and socially responsible investing were still backwaters.

Auslagerung und ESG-Rating

Vorgesehen ist auch, dass die Risikoanalyse beim Outsourcing Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen muss. Wird das Risikomanagement insgesamt oder in Teilen ausgelagert, sind zudem klare Vorgaben zum Management von Nachhaltigkeitsrisiken sowie eigene Nachhaltigkeitsziele vertraglich zu fixieren. Dienstleister sollen unter anderem auch anhand ihres nachhaltigen Wirtschaftens beurteilt werden.

Zur Beurteilung der Nachhaltigkeit ihrer Finanzanlagen können Unternehmen spezialisierte ESG-Ratings (Environment Social Governance; ESG) verwenden. Wichtig hierbei ist die klare Unterscheidung zwischen ESG- und klassischem Kreditrating. Haben ESG-Faktoren einen Einfluss auf die Bonität und die finanzielle Performance, können diese auch für die Herleitung klassischer Kreditratings herangezogen werden.

Umfassender Handlungsbedarf in vielen Bereichen

Für Organisationen aus der Banken- und Versicherungsbranche besteht im Hinblick auf die Bafin-Vorgaben insgesamt ein weitgehender Handlungsbedarf. Denn die umfassenden Auswirkungen der Nachhaltigkeitsrisiken schlagen auf nahezu sämtliche Bereiche und Steuerungsaspekte aller Finanzakteure durch.

Schwerpunkte liegen in folgenden Bereichen:

  • Unternehmensspezifische Definition und Abgrenzung von Nachhaltigkeitsrisiken (Taxonomie)
  • Ergänzung bestehender Strategie- und Planungsprozess um Nachhaltigkeitsaspekte
  • Kritische Überprüfung des Produkt- und Kundenportfolios und gegebenenfalls Anpassung des Prozesses für neue Kunden und neue Märkte
  • Sensibilisierung aller Mitarbeiter, um das Thema in der Unternehmens- und Risikokultur zu verankern
  • Anpassung der Prozesslandschaft und Methoden der Datenverarbeitung, inklusive Definition der benötigten Daten
  • Festlegung klarer Strukturen und Verantwortlichkeiten (Governance)
  • Sicherstellung einer angemessenen Ressourcenausstattung mit entsprechendem Expertenwissen
  • Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken im Rahmen der Geschäftsanbahnung und Portfoliosteuerung
  • Festlegung zielgerichteter Kennziffern und Frühwarnindikatoren auch hinsichtlich der Überwachung der finanziellen Performance von Investitionen und Projekten
  • Überarbeitung der bestehenden Risikomodelllandschaft und Integration von Nachhaltigkeitsrisiken inklusive Aufbau geeigneter Methoden und Verfahren zum Abbilden langfristiger Szenarien
  • Festlegung von internen Risikominderungsmaßnahmen und Handlungsalternativen im Rahmen aller Geschäftsbeziehungen
  • Sicherstellung einer konsistenten Anwendung von Gruppenvorgaben in Tochterunternehmen

Für die Unternehmen bedeutet das, alle internen Prozesse, Strukturen, Leitlinien und Vertragsdokumente auf den Prüfstand zu stellen und anzupassen. Dabei sollten diese den Analyse- und Implementierungsaufwand nicht unterschätzen. Zudem müssen unterschiedliche Marktsegmente wie etwa Kredit, Anlage oder Treasury mit ihren nachgelagerten Bereichen Organisation/IT, Risikocontrolling, Finanzen, Compliance, Interne Revision und Recht zusammenwirken. Die hierdurch entstehende Wirkung auf Kunden, Projekte und Auftragnehmer unterstreicht die zentrale Rolle der Finanzwirtschaft beim gesamtwirtschaftlichen Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken und dem Klimawandel im Besonderen.

Mit Nachhaltigkeit die eigene Marke aufwerten

Die EU-Kommission hat mit dem Aktionsplan zur Finanzierung eines nachhaltigen Wachstums bereits im Jahr 2018 ein umfassendes Paket auch legislativer Maßnahmen auf europäischer Ebene auf den Weg gebracht. Der Finanzsektor ist dabei eine Schlüsselbranche und kann von den sich eröffnenden Chancen der Finanzierung nachhaltiger Investitionen profitieren. Bereits jetzt nutzen einzelne Akteure das Thema zur öffentlichen Aufwertung der eigenen Marke.

Die Marktbereiche des Finanzsektors reagieren bereits seit langem auf das signifikant gestiegene Interesse institutioneller und privater Investoren. Das Bafin-Merkblatt ist hierbei nur ein nationaler Vorbote weiterer zu erwartender Maßnahmen der Aufsichtsbehörden. Es dient vor allem der Orientierung. Eine baldige Überführung in die Prüfungspraxis der Aufsichtsorgane ist jedoch zu erwarten. Deshalb ist es aus Sicht des Finanzsektors wichtig, sich intensiv am von der Finanzaufsicht gewünschten Dialog über den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken aktiv zu beteiligen und im nächsten Schritt den Anpassungsbedarf des eigenen Risikomanagements zu überprüfen. 

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