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16.05.2022 | Risikomanagement | Infografik | Online-Artikel

Wie der Ukraine-Krieg die Weltwirtschaft erschüttert

verfasst von: Andrea Amerland

4:30 Min. Lesedauer
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Die Ukraine-Krieg geht nicht spurlos an uns vorbei. Die humanitäre, aber auch die wirtschaftliche Krise, haben weitreichende Folgen. Eine Studie zeigt, welche Konsequenzen die russische Invasion für die Weltwirtschaft hat und welche Störungen dauerhaft bleiben.

Der Ukraine-Krieg bringt Märkte ins Wanken. Manche Entwicklungen, die sich aus dem russischem Angriff ergeben, könnten unser Leben über die aktuelle Krise hinaus verändern, sind die Berater von McKinsey überzeugt. Basis für diese Einschätzung ist ihre Studie "War in Ukraine: Twelve disruptions changing the world", für die sie unter anderem makroökonomische Szenarien projizierten.

Als Ergebnis haben sie zwölf durchschlagende Entwicklungen ermittelt, die die Wirtschaft allerdings unterschiedlich stark treffen werden. Kritisch sehen die Studienautoren dabei das Ausmaß und die Dauer der Störungen, aber auch die Regierungspolitik sowie Verbraucher- und Geschäftsreaktionen.

Zu den Störungen und Problemen infolge des Ukraine-Kriegs, die insbesondere Unternehmen tangieren, gehören laut Studie demnach:

  1. Die Energiefrage: Auch wenn Europa versucht, von russischem Gas unabhängig zu werden, also den Import von 36 Prozent auf weniger als zehn Prozent im kommenden Jahr reduzieren will, ist dies sicher kein leichtes Unterfangen. Wie gut es gelingt, hängt zum Beispiel davon ab, wie viel LNG, also verflüssigtes Erdgas, importiert werden kann und wie groß die Bereitschaft in den Haushalten ist, Energie zu sparen, indem etwa die Heizleistung reduziert wird. Komme es zu einer Rationierung infolge eines Gasembargos, könnten die Gaslieferungen an die Industrie vor denen an andere Verbraucher reduziert werden. Das suggerieren zumindest Äußerungen von Regierungsvertretern. 
  2. Rohstoffe: Die Preise für Rohstoffe steigen weltweit. In der Autoproduktion drohen Kostensteigerungen bei Materialien wie Aluminium, Kupfer und Stahl. Der Preisanstieg bei dutzenden von natürlichen Ressourcen, die Russland und die Ukraine exportieren, wie zum Beispiel Kohle, Stahl, Nickel oder Palladium trifft viele Industrien. Bei Anthrazit hat der Krieg zudem ein Versorgungsvakuum offengelegt, so dass auch hier mit stark steigenden Preisen zu rechnen ist.
  3. Supply Chain: Unternehmen stehen vor der Herausforderung, ihre Lieferketten resilienter zu machen. Das Gebot der Stunde laute daher: "Von "just in time" hin zu "just in case". In einer McKinsey-Umfrage vom Juni 2021 gaben etwa 60 Prozent der Manager an, dass sie ihre Lagerbestände an kritischen Produkten erhöht haben und zudem zur doppelten Beschaffung von Rohstoffen übergegangen seien. 80 Prozent der Befragten erklärten, ab März 2022 "Dual Sourcing" eingeführt zu haben. Nach der Corona-Krise und dem gesperrten Suez-Kanal werden die Lieferketten durch den Krieg derzeit erneut umgestaltet, um widerstandsfähiger zu werden.
  4. Preissteigerungen: Die steigenden Preise treffen in erster Linie Geringverdiener, die 20 Prozent der Ärmsten in der europäischen Bevölkerung. Für sie ist davon auszugehen, dass die Lebenshaltungskosten bis zum Jahresende im Vergleich zum Kriegsbeginn um 14 Prozent zunehmen. Der sprunghafte Anstieg der Erdgas- und Ölpreise hat die Heizkosten bereits in die Höhe getrieben. Auch die Transportkosten klettern nach oben, da Kraftstoffe teurer werden. Schrauben sich die Energiepreise noch weiter nach oben, verschärft sich die Belastung der Haushaltsbudgets noch weiter und die Kaufkraft sinkt. Diese Entwicklung bliebt natürlich nicht auf Europa beschränkt. Die Szenarioanalyse von McKinsey prognostiziert, dass der Lebensmittelpreisindex des Ernährungs- und Landwirtschaftsamtes der Vereinten Nationen im Jahr 2022 um bis zu 45 Prozent klettern könnte.
  5. Unternehmensentscheidungen: Die meisten Unternehmen der Fortune 500, also der umsatzstärksten Unternehmen der Welt, haben sich geschäftlich aus Russland zurückgezogen. Diese Firmen stammen vor allem aus Europa, USA und dem Vereinigten Königreich.
  6. Deglobalisierung: Von 42 weltweit tätigen Digitalunternehmen, die vor dem Krieg in Russland aktiv waren, haben sich bis auf vier alle zurückgezogen oder ihre Aktivitäten zumindest stark heruntergefahren, so die Berater von McKinsey. Russland wird somit von der globalen "High-Tech-Wertschöpfungskette" und von Technologiestandards ausgeschlossen. Letzten Endes bedeutet ein zersplitterter Satz von Technologiestandards und -politiken teurere Dienstleistungen für die Verbraucher und ein geringeres globales Produktivitätswachstum.
  7. Nahrungsmittelknappheit: Mehr als 30 Prozent der weltweiten Exporte von Gerste und Weizen kommen aus der Ukraine. Besonders Länder in Zentralasien, dem Mittleren Osten und Nordafrika sind auf ukrainische Weizenlieferungen angewiesen. Zudem produzieren Russland und die Ukraine zusammen etwa ein Drittel der weltweiten Ammoniak- und Kaliumexporte, die für die Herstellung von Düngemitteln unerlässlich sind.
  8. Cyber-Attacken: Die Zahl der Hackerangriffe wächst: Im Februar 2022 gab es mit zwölf global signifikanten Cyber-Angriffen mehr als je zuvor im langjährigen Schnitt. Die Bedrohung für Unternehmen und öffentliche Institutionen ist enorm. 
  9. Volatilität: Der Krieg hat die wirtschaftliche Volatilität erhöht. Diese steigt gemessen an den Indizes, allerdings nicht so stark wie zu Beginn der Corona-Pandemie. Im Laufe der Zeit könnte der Krieg jedoch aufgrund seiner Auswirkungen auf den Energiesektor für noch mehr Bewegung sorgen. Die Volatilität der Energiequellen und -preise kann dramatische Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft haben.
  10. Finanzsystem: Das Finanzsystem scheint aktuell stabil. Europäische Banken haben aber 75 Milliarden US-Dollar "assets at risk" in Russland und sind wohl am stärksten gefährdet. Das größte Risiko ist laut McKinsey eine durch Inflation ausgelöste Rezession, die Kreditverluste mit sich bringe. 
  11. Fluchtbewegungen: 5,6 Millionen Menschen haben mittlerweile die Ukraine verlassen, 8,8 Millionen sind innerhalb des Landes geflüchtet. 30 Prozent aller Ukrainer leben nicht mehr in ihrem Zuhause. Damit stellt der Krieg dort die zweitgrößte humanitäre Krise seit den 1960er Jahren dar.
  12. Verteidungsausgaben: Die Verteidigungsausgaben erhöhen sich. Fünfzehn Nato-Staaten sowie Schweden haben bereits Budgetsteigerungen angekündigt

Das Gros dieser geopolitischen Trends macht Strategieanpassungen in Unternehmen dringend erforderlich, damit diese ihre Existenz nicht gefährden. 

"Diese Störungen beeinträchtigen das Leben und die Lebensgrundlagen der Menschen schon jetzt mit großer Wucht und sollten Teil der Szenarienplanung jedes Unternehmens sein. Und je länger der Krieg andauert, desto stärker und unvorhersehbarer können diese Störungen werden", lautet das Fazit der Studienautoren.

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