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06.04.2021 | Risikomanagement | Interview | Onlineartikel

"Firmen erkennen ein Risiko oft erst, wenn es eintritt"

Autor:
Andrea Amerland
3:30 Min. Lesedauer

Die Corona-Krise hat Lücken im Risikomanagement von Unternehmen sichtbar gemacht. Insbesondere bei Einkauf, Logistik und Lieferkettenmanagement muss nachgebessert werden. Wie Unternehmen mehr Transparenz in die Supply Chain bringen, erklärt Experte Philipp Mall im Gespräch.

Springer Professional: Welche Risiken birgt die Corona-Krise für Unternehmen insbesondere in Einkauf und Beschaffung? 

Philipp Mall: Die wichtigsten Risiken sind Insolvenzen von Lieferanten, Störungen in der Lieferkette sowie Produktionsstopps bei Lieferanten aufgrund von lokalen Lockdowns. Störungen entstehen etwa durch Grenzschließungen, wie wir sie ja aktuell wieder an den Grenzen zu Tschechien und Dänemark haben, oder durch Schwierigkeiten in der Logistik, wie sie zurzeit von und nach China bestehen, weil die üblichen Frachtrouten und -mittel nicht im normalen Maß funktionieren. Bei einer Insolvenz kann es sein, dass ein Lieferant nicht oder nicht mehr im üblichen Ausmaß produzieren kann, etwa weil er von Vorlieferanten keine Ware mehr bekommt.

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Nicht nur Corona, sondern auch der Brexit stellt Lieferketten auf eine harte Probe. Was können Unternehmen akut tun, um diese Probleme in den Griff zu bekommen?

Zunächst einmal sollten Unternehmen die Transparenz erhöhen, indem sie alle relevanten Informationen zentral zusammenfließen lassen. Sodann sollten sie gezielt in Digitalisierung investieren: Wichtig ist dabei, digitale Tools und Methoden nicht nur isoliert zu nutzen, sondern in einem Risk Control Tower alle relevanten Kennzahlen und Informationen zu bündeln, auszuwerten und darzustellen. Generell ist es notwendig, sowohl kurz- als auch langfristige Maßnahmen für den Umgang mit Einkaufsrisiken zu definieren. Alle relevanten Unternehmensfunktionen sollten eingebunden werden, um neue Ansätze zu erarbeiten. Für die größten Risiken sollten ein Frühwarnsystem und Sofortmaßnahmen definiert werden. Ganz wichtig: Den Ernstfall proben.

Welche Lücken sind durch die Pandemie in der Risikoprävention noch sichtbar geworden?

Dass es viele Unternehmen gibt, die erschreckend wenig Transparenz über ihre Supply Chain und die Situation ihrer Lieferanten haben. Das gilt insbesondere, wenn es über wichtige Tier-1-Lieferanten hinausgeht. Viele wissen nicht einmal, ob und welche Vorlieferanten in einem Risikogebiet produzieren. Und nur wenige Unternehmen betreiben ein kontinuierliches Monitoring, das aktuelle Daten auf Knopfdruck liefern kann. Daraus folgt, dass Maßnahmen häufig nicht strategisch aufgesetzt werden. Allerdings haben wir festgestellt, dass im Zuge der Pandemie viele Unternehmen in ihr Risikomanagement investiert haben. Mittlerweile evaluieren über 60 Prozent der Teilnehmer Risiken systematisch – einen so hohen Wert haben wir noch nie gemessen, seit wir unsere Studie 2014 ins Leben gerufen haben. 

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für das Risikomanagement von Unternehmen?

Auch wenn durch den Corona-Schock viele Unternehmen ihr Risikomanagement intensiviert haben, passiert es noch zu oft, dass Firmen ein Risiko erst erkennen, wenn es eintritt. Dann kann man nur noch reagieren, statt gezielt zu handeln. Um die Situation zu verbessern, sollte das Thema Risikomanagement auf der Agenda des Topmanagements stehen. Es gilt, die Transparenz in der Lieferkette zu erhöhen. Das geht am besten mit digitalen Tools, die inzwischen für jeden Aspekt des Risikomanagements in guter Qualität zur Verfügung stehen.

Welchen Beitrag können digitalisierte Prozesse in der Risikoprävention leisten und wie ist der Status Quo in Unternehmen?

Mit Hilfe von digitalen Lösungen kommen Unternehmen schneller an alle relevanten Daten zu Lieferanten und Materialien. Sie erhalten Informationen auf Knopfdruck aus verschiedenen Quellen in Echtzeit. Dadurch können Unternehmen Risiken erkennen, bevor die Folgen in der eigenen Fertigung ankommen, und gewinnen wertvolle Zeit, um zu handeln. Idealerweise haben die Verantwortlichen in dieser Situation eine Strategie, um darauf zurückzugreifen, in der Maßnahmen definiert sind. Die Digitalisierung schreitet voran, wie wir in unserer aktuellen Studie festgestellt haben. Auch dies ist offensichtlich von Corona getrieben, denn die Zahl der Befragten, die Software zur Risikoprävention einsetzen, hat sich von 41 Prozent auf 84 Prozent mehr als verdoppelt.

Allerdings sagen die weitaus meisten, nämlich 70 Prozent, dass sie nur teilweise digitale Lösungen einsetzen. Daraus folgt, dass es viele Insellösungen gibt. Tools werden zwar verwendet, jedoch die gewonnenen Informationen nicht zentral zusammengeführt und ausgewertet. Der nächste Schritt ist, hier durchgängige Lösungen mit funktionierenden Schnittstellen zu schaffen, die in eine zentrale Evaluation einfließen.

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