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21.05.2019 | Risikosteuerung | Interview | Onlineartikel

"2022 ist für die Umsetzung von Basel IV irreführend"

Autor:
Barbara Bocks
3:30 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Michael Cluse

ist als Director Risk Advisory beim Beratungsunternehmen Deloitte tätig. Die Schwerpunkte seiner Tätigkeit liegen im Bereich der regulatorischen Eigenmittelunterlegung sowie den aufsichtsrechtlichen Anforderungen an die Risikomessung und -steuerung.

Regulierungsrichtlinien wie die kommende Basel IV versetzen die gesamte Branche gerne in Aufruhr. Was wirklich auf die Institute zukommt und wann, erklärt Regulierungsexperte Michael Cluse im Interview. 

Wie wirkt sich das neue Regelwerk Basel IV auf die Kapitalanforderungen der Branche aus?

Die verschiedenen Auswirkungsstudien (QIS) zeigen ein uneinheitliches Bild: Im Durchschnitt ergibt sich ein starker Anstieg bei den Gesamtkapitalanforderungen, allerdings unterscheiden sich die Ergebnisse je nach Bank. Insgesamt scheinen die europäischen Häuser überdurchschnittlich betroffen zu sein. Auch bei größeren Häusern fällt der Kapitalmehrbedarf meist stärker aus. Grund hierfür ist unter anderem der Output-Floor, der die maximale Kapitalersparnis durch Nutzung interner Modelle begrenzt. 

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Das Kreditrisiko von Banken als maßgeblicher Regulierungstatbestand aufsichtsrechtlicher Normen

Da es vor dem Hintergrund der Gewerbefreiheit ohne weiteres einleuchtet, dass von der Bankenaufsicht nur diejenigen Aspekte der bankbetrieblichen Geschäftstätigkeit zu regulieren sind, die die Realisierung bankenaufsichtsrechtlicher Zielsetzungen gefährden, ist es zum Zwecke einer Beurteilung der Zweckadäquanz regulatorischer Vorgaben in einem ersten Schritt vonnöten, die mit den Regulierungsmaßnahmen intendierten Zielsetzungen der Bankenaufsicht zu erörtern. 


Was bedeutet das konkret?

Der Kreditrisikostandardansatz wird deutlich risikosensitiver. Dadurch gibt es Gewinner und Verlierer. Positiv ist die Veränderung bei sehr gut besicherten Immobilienfinanzierungen. Im Bereich der operationellen Risiken fällt das interne Modell (AMA) weg. Über die bankindividuelle Verlusthistorie fließen dennoch interne Daten ein. Tendenziell wird es hier teurer. Die Regeln zu den Marktpreisrisiken (FRTB) hat der Basler Ausschuss gerade noch einmal nachgebessert, um den Kapitalmehrbedarf zu reduzieren. Dies ist in der QIS noch nicht berücksichtigt.

Ein großes Thema innerhalb des neuen Regelwerks ist der Output Floor, der sukzessive steigen soll. Lohnt es für Institute überhaupt noch, interne Modelle zur Bestimmung des Risikos einzusetzen oder sollten Banken künftig auf die Standardverfahren setzen?

Da das Aufsichtsrecht keine Möglichkeit vorsieht, um von zugelassenen internen Modellen auf Standardansätze zurück zu wechseln, ist eine Rückkehr schwierig. Sofern aber neue interne Modelle zugelassen werden sollen, muss ihr Nutzen kritisch hinterfragt werden.  Ein Output Floor von 72,5 Prozent entspricht einem Abschlag von 27,5 Prozent auf die Kapitalanforderungen nach Standardverfahren. Das ist durchaus eine Überlegung wert. Die laufenden Kosten werden aber durch die parallele Berechnung von Standardverfahren und internem Modell steigen. Außerdem wird die Gesamtbanksteuerung komplexer.
Häuser, die den maximalen Abschlag gegenüber den Standardverfahren bereits ausschöpfen, können keinen zusätzlichen Nutzen durch weitere interne Modelle erzielen. Aber auch hier wird die Aufsicht erwarten, dass die internen Verfahren hohen Ansprüchen genügen. Defizite könnten beispielsweise zu Aufschlägen beim SREP-Puffer führen. Trotz der Aufwands für Zulassung und Betrieb kann der Einsatz interner Verfahren durch die mögliche Kapitalkostenreduktion weiterhin attraktiv sein.

Welche Top-Drei-Änderungen sind in dem Reformpaket speziell für größere beziehungsweise kleinere Institute wichtig und wie sollten sie diese am besten angehen?

Für große Institute mit internen Modellen wird vor allem der Output Floor zentral sein. Zum einen müssen diese die Standardansätze implementieren und parallel rechnen. Zum anderen muss aber auch die Gesamtbanksteuerung angepasst werden. Der zusätzliche Kapitalbedarf muss sinnvoll auf die Geschäftsbereiche verteilt und im Pricing der Produkte berücksichtigt werden.
Für alle Häuser stellen die neu benötigten Daten, die bisher nicht in der EDV verfügbar sind, eine Herausforderung dar. Dies betrifft im Zweifel alle Institute, unabhängig von der Größe. Gleiches gilt für die Kapitalbedarfsplanung. Institute, die künftig mehr Eigenkapital benötigen, müssen dieses beschaffen oder die Portfolien anpassen. Hier stellt sich natürlich auch die Frage nach der Rentabilität der Produkte und Geschäftsbereiche.

Ist es realistisch, dass sich Kreditinstitute bis Anfang 2022 ausreichend auf Basel IV vorbereiten können und was ist dafür nötig?

Jedes Institut sollte abschätzen, wie hoch der Handlungsdruck durch Basel IV ist, weil der Kapitalbedarf, wie beschrieben, deutlich steigen könnte. Dies sollte in der Mittel- und Langfristplanung berücksichtigt werden. Das Datum 2022 ist allerdings irreführend: Für die Umsetzung von Basel IV bedarf es einer neuen CRR III. Diese wird – auch wegen der Wahlen zum EU-Parlament – wohl erst im nächsten Jahr als Entwurf vorliegen. Damit ist es unwahrscheinlich, dass Basel IV schon 2022 in der EU in Kraft treten wird. Insoweit bleibt grundsätzlich mehr Zeit für die Vorbereitung.

Die Banken sollten dennoch zügig handeln, oder? 

Geschäfte mit Laufzeiten von mehr als vier oder fünf Jahren werden trotzdem früher oder später unter die neuen Regeln fallen. Deshalb sollten die Institute frühzeitig analysieren, welche Produkte zukünftig an Attraktivität verlieren. Die Anpassung der Gesamtbanksteuerungsprozesse – insbesondere wegen des Output-Floors – erfordert umfassende interne Abstimmungen, sodass die Banken auch hier rechtzeitig aktiv werden sollten. Auch der Kapitalmarkt wird früh nach der sich voraussichtlich ergebenden Kapitalbelastung fragen.

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