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Banken rudern in sehr unruhigen Gewässern

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Für die Finanzkrise der Nullerjahre und die aktuellen Turbulenzen im Bankensektor sind unterschiedliche Faktoren ausschlaggebend. Da sind sich Finanzmarktexperten einig. Dennoch lauern an vielen Stellen Risiken, belegt eine aktuelle IW-Studie. Das fordert Regulierer, Aufsicht und Banken.

Regulierung und Aufsicht sollen nicht krisenkurativ, sondern krisenpräventiv tätig sein, meinen die Ökonomen des Instituts der deutschen Wirtschaft.


Der Niedergang dreier regionaler US-Banken und die anschließende Übernahme der Schweizer Großbank Credit Suisse durch ihre Konkurrentin USB haben in den Köpfen vieler Menschen böse Erinnerungen an die Finanzkrise von 2007 und 2008 wachgerufen. Zwar betonten Aufsichtsbehörden und Politik gleichermaßen, dass die aktuelle Situation nicht mit der von vor 15 Jahren vergleichbar ist und loben die Stabilität vor allem des deutschen Bankensenktors. Doch die Ängste unter Anlegern und Investoren kann das nur bedingt zerstreuen, wie die aktuellen Daten des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) belegen. Sie zeigen einen deutlichen Rückgang der Konjunkturerwartungen für die Bundesrepublik im März. Die Umfrage unter Finanzmarktexperten ermittelte ein Minus von 15,1 Punkte auf nunmehr 13,0 Zähler. 

Finanzmärkte stehen unter Druck

"Die internationalen Finanzmärkte stehen stark unter Druck. Diese aktuell hohe Unsicherheit schlägt sich auch in den ZEW-Konjunkturerwartungen nieder. Die Einschätzung zur Ertragsentwicklung der Banken verschlechtert sich ganz erheblich, bleibt allerdings noch leicht positiv", so ZEW-Präsident Achim Wambach. Was die Konjunkturentwicklung in der Eurozone betrifft, zeigten sich die befragten Expertinnen und Experten ebenfalls sekptisch. Hier fielen die Erwartungen sogar um 19,7 Punkte auf aktuell 10,0 Stellen. Der Lageindikator geht um 3,0 auf einen neuen Stand von minus 44,6 Punkten zurück.

Auch beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sind sich die Ökonomen sicher, dass die Vorzeichen im Jahre 2023 ganz andere als in den Jahren 2007 und 2008 sind. Anders als Ende der Nullerjahre wirke sich nicht das Kreditrisiko infolge des Platzens einer Blase, sondern das Zinsrisiko auf die Banken aus, heißt es in der Ende März veröffentlichten Studie "Time is different, but still risky - Bankenkrise statt Finanzkrise". In einer Tabelle vergleichen deren Autoren die Ausgangslage beider Krisen: 

Aktuell müssen die Notenbanken auf die konkreten Krisenfälle reagieren und zugleich die Konsequenz einer verantwortlichen Inflationsbekämpfung ziehen.


Banken haben Zinswende unterschätzt

Die Banken haben der IW-Analyse zufolge den Zinsanstieg durch die Inflationskomponente des Nominalzinses nach einer zuvor langanhaltenden Phase expansiver Geldpolitik unterschätzt. 

Das schnelle Eingreifen der Zentralbanken hat zunächst zur Stabilität der internationalen Finanzmärkte beigetragen und bisher nicht zum Abzug von Geldern aus dem System geführt, sondern nur zu Umschichtungen. Trotzdem ist die Situation fragil. Obwohl eine geringe Ansteckungsgefahr für Banken in der Eurozone besteht, weil es sich bei den betroffenen US-Banken um regionale und branchenspezifische Fälle mit lascher Regulierung handelte und die Credit Suisse bereits ein eigener Sanierungsfall war, kann eine Krise schnell größere Kreise ziehen. Die extrem langen Bilanzsummen einiger Banken können bei einem Vertrauensverlust zu einem Risiko ausarten, sodass das System erodiert", heißt es in dem IW-Papier. 

Für ein Umsichgreifen der Krise könne ein mögliches Herdenverhalten der Anleger sorgen. Das zeige der Fall der Silicon Valley Bank (SVB) und der First Republic Bank. Diese Entwicklung verstärke sich, wenn zudem der Kursverlust bei den Anleihen durch zunehmende Notverkäufe seitens anderer Banken forciert wird. So werde die Qualität der Assetstruktur selbst von zunächst stabil erscheinenden Banken in Zweifel gezogen. 

Gefahr eines Bank-Runs

"Ein Bank-Run kann bei hinreichender Plausibilität selbst aufgrund von Fehlinformationen zustande kommen, wie es im Jahr 2008 in Lettland zu beobachten war und die Zentralbank unter Handlungsdruck setzte", heißt es in der IW-Studie. "Krise ist, wenn die Sparer glauben, dass Krise ist." Dafür bedürfe es vor allem eines fragilen gesamtwirtschaftlichen Umfeldes und einer geldpolitischen Herausforderung, die der Notenbank keinen Freiraum lässt, auf die Schwächen der Banken einzugehen. "Beides erscheint derzeit gegeben." 

Um die Sorgen der Anleger zu bekämpfen, brauche es eine effektive Regulierung und Aufsicht, "die nicht krisenkurativ, sondern krisenpräventiv tätig sein soll". "Doch leider haben wir es mit einem Risiko zu tun, dass in der Regulierung eigentlich nicht vorgesehen ist, weil unterstellt wird, dass die Banken hinreichend in der Lage sind, die Fristentransformation und die Liquiditätsvorhaltung zu managen." Man werde sich die Kalibrierung der Eigenkapitalregulierung nochmals anschauen müssen.

Maßnahmen gegen die Bankenkrise

Die IW-Forschenden schlagen folgende Maßnahmen vor: 

  • Aufseher müssen genauer hinschauen, um sicherzugehen, dass die Banken ausreichend Eigenkapital zur Seite legen. 
  • Der Staat darf nicht mehr mit Steuergeldern einspringen, um Banken zu retten, andernfalls droht ein fatales Signal für Bankmanager aus aller Welt. Stattdessen muss das Management  wie im Falle der Credit Suisse - für Schäden haften. Kriselt es bei großen Instituten, müssen Behörden rechtzeitig durchgreifen und aufspalten.
  • In Deutschland müssen die zuständigen Behörden - also die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Bundesbank und Finanzministerium - ihre Kompetenzen bündeln und sich mit den zuständigen Behörden auf europäischer Ebene austauschen, um notfalls auch innerhalb eines Wochenendes Banken zu stabilisieren.

UBS in kleinere Einheiten aufspalten

"Die Credit-Suisse-Übernahme führt vor Augen, wie fragil die derzeitige Situation der Banken ist", erläutert IW-Direktor Michael Hüther. Deshalb Müsse jetzt zügig gegengesteuert werden, um den Anlegern wieder Vertrauen in das System zu geben. In der Schweiz muss die UBS in kleinere Einheiten aufgespalten werden, um das Klumpenrisiko abzuwenden. "Andernfalls droht dem Land als Bankenplatz das Ende und damit die Aufnahme in die Europäische Währungsunion. Und das wäre ein Treppenwitz der europäischen Geschichte." 

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    Bildnachweise
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