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05.12.2023 | Robo Advisor | Interview | Online-Artikel

"Die Goldgräberstimmung bei Robo-Advisors ist längst verflogen"

verfasst von: Angelika Breinich-Schilly

5:30 Min. Lesedauer

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Robo-Advisory sollte die Geldanlage revolutionieren. Doch die breite Masse begeistern die Anlagealgorithmen bislang nicht. Das liegt am schwierigen deutschen Markt, meint IT-Experte Wesselin Kruschev. Dennoch bieten Robos auch Chancen. 

Laut dem Portal "Statista" wird das Anlagevolumen im Robo-Advisor-Markt 2023 europaweit bei etwa 746,2 Milliarden Euro liegen. Die Prognose geht für das Jahr 2027 von einem Gesamttransaktionsvolumen von 1.233 Milliarden Euro und fast 62 Millionen Nutzern aus. Wie steht es derzeit um das Angebot für automatisierte Online-Portfolios in Deutschland? Deckt sich das mit den genannten Aussichten? 

Die angegebenen Volumina erscheinen recht ambitioniert, zumal die Beliebtheit solcher Lösungen immer auch an den Marktentwicklungen hängt. In einem Bärenmarkt sind solche Ziele schnell Schall und Rauch. Insbesondere in Deutschland stellen Robos im Vergleich zum Gesamtmarkt noch immer noch ein Nischenangebot dar. Obwohl die Neobroker das Anlageverhalten der Deutschen in den letzten fünf Jahren in einigen Kundensegmenten signifikant verändert haben, hält sich das Interesse an der automatisierten Anlageberatung allgemein in Grenzen. Der Kundenzugang ist beschränkt, da der Anlagemarkt umkämpft ist. Viele Deutsche sind bereits fest an ihre Stamminstitute gebunden. Neobroker konnten mit extrem niedrigen Gebühren oder sogar kostenlosen Angeboten punkten. Dies ist bei Robos nicht Fall - zumindest nicht in diesem Maße. Außerdem sind einige Nutzer generell skeptisch, inwieweit man sein Geld Algorithmen anvertrauen sollte. Robo-Anbieter haben Schwierigkeiten, eine klar definierte Zielgruppe zu erschließen. 

Nur ein Jahr konnten Kunden der Fondsgesellschaft Vanguard den Robo Advisor "Invest" nutzen. Anfang November kam dann die Nachricht, dass das Unternehmen den Service einstellt. Kam das für Sie überraschend? Was sind die Gründe für diesen Schritt? 

Deutschland ist kein einfacher Markt. Es gibt verschiedene starke Marken, die bereits etabliert sind. Deutsche sind ferner keine ausgewiesenen Finanzmarkt-Enthusiasten. John Bogle und Vanguard, als Erfinder der Indexfonds für Privatanleger, sind bei ETF-affinen Privatkunden ein fester Begriff. Der große Zuspruch zur Robo-Lösung blieb aber aus. Aus meiner Sicht liegt die Zielgruppe von Vanguard grundsätzlich bei den preissensitiven Selbstentscheidern. Bei dieser angestammten Kundschaft rechtfertigte der Mehrwert der Lösung die aufgerufenen Gebühren des Robo-Angebotes nicht. Das Ganze wirkte eher abschreckend. Aus meiner Sicht hat das Konzept letztlich nicht wirklich zur Marke gepasst. Als Marktangebot konnte es offenbar kaum neue Kunden überzeugen. 

Hat die aktuelle Entwicklung bereits konkrete Folgen für andere Robo-Services deutscher Banken und Sparkassen? Wie reagiert der Markt insgesamt auf die Einstellung eines solchen Produktes? 

Die Goldgräberstimmung bei Neobrokern und Robo-Advisors ist längst verflogen. Eine Marktkonsolidierung - auch im Hinblick auf drohende Regulierungsmaßnahmen - wird erfolgen. Das Angebot von Vanguard war allerdings zu klein, um zu Marktverschiebungen zu führen. 

Nun zeigt allerdings eine Studie der Commerzbank-Tochter Comdirect und Quirion, dem Robo Advisor der Quirin Privatbank, vom Sommer 2023, dass sich vor allem junge Menschen für diese Art der Geldanlage interessieren und diese auch im Vergleich zu älteren Personen häufiger nutzen. Im Durchschnitt aller Altersklasse kann aber nicht mal ein Drittel etwas mit dem Begriff Robo Advisor anfangen. Entsprechende Robo-Services scheinen offenbar die Menschen nicht zu erreichen. Woran liegt das? 

Geldanlage wird je nach Generation tatsächlich anders betrachtet. Die späte Generation Y und die Generation Z, die bis dato kaum Zinsen kannten, beschäftigen sich natürlich anders mit der Thematik als ihre Eltern. Auch die kritischen Blasenbildungen - Stichwort Neuer Markt oder Lehman-Krise - kennen diese Personen nur vom Hörensagen. Die jüngeren Generationen haben die Scheu vor den Aktienmärkten bereits verloren. Dennoch sehe ich nicht die Robo-Anbieter als die primären Gewinner dieser Entwicklung. Viele junge Menschen haben Spaß an der Geldanlage und möchten selbst entscheiden und experimentieren. Zudem verleitet die Performance der meisten Robo-Advisor auch nicht unbedingt zu Jubelstürmen. 

Was die erwähnte Studie von Comdirect und Quirion betrifft, so bestätigt diese einerseits Fest- und Tagesgeld als präferierte Anlageformen, führt andererseits als jüngere Zielgruppe Personen unter 50 Jahren auf. Das lässt keine fundierten Rückschlüsse auf das Anlageverhalten und der Anlagepräferenzen von jungen Menschen zu.

Allein am mangelnden Fachwissen kann es nicht liegen, dass sich die Anlagealgorithmen bei den Kunden nicht in der Breite durchsetzen. Welche Hürden spielen hier noch eine Rolle? 

Risikoaversion ist sicher ein Thema, zumal Festgeldzinsen wieder eine Alternative darstellen. Aktuell fällt es Robo-Anbietern sehr schwer, eine wachsende Kundengruppe zu erschließen. Zwischen Tagesgeldsparern, Freunden persönlicher Beratung und Selbstentscheidern am Markt, scheint es in Deutschland nicht viel Spielraum zu geben. Robo-Advisor werden ferner nicht als spannend und unterhaltend wahrgenommen. Die Gamification-Versuche, die es vor einigen Jahren gab, haben es nicht zur Marktreife geschafft.

Können andere europäische oder gar US-Anbieter von der aktuellen Lage profitieren? Wenn ja, welche Vorteile bieten sie den Kunden? 

Die großen US-Player haben sicherlich die Ressourcen für einen Markteintritt in Deutschland und verfügen über die Möglichkeit, die eigenen Angebote prominent zu bewerben. Ich glaube jedoch nicht, dass die Versuchung allzu groß sein wird. Die Skepsis gegenüber dem recht gut versorgten hiesigen Markt überwiegt. Das aktuelle Zinsumfeld macht die Geldanlage an den Finanzmärkten zudem noch schwieriger. Momentan spricht nicht viel dafür, dass wir neue internationale Player mit einem Markteintritt in Deutschland sehen werden.

Was sollten die Verantwortlichen in den hiesigen Finanzhäusern tun, um sich und ihre Angebote wieder aus der Flaute zu manövrieren und ihre Beliebtheit bei den Kunden zu steigern? 

Ich glaube, dass sich Robo-Advisor tatsächlich nicht nur in der Convenience, sondern auch in ihrer Performance beweisen müssen. Gelingt es ihnen in Zukunft dauerhaft, auch in kritischen Marktphasen gute Ergebnisse zu erzielen, wäre das eine gute Werbung für die Produkte. Außerdem sind die Gebühren natürlich ein Argument. In einem hochkompetitiven Umfeld sehe ich als Wachstumspfad außerdem die Kooperation zwischen Robo-Anbietern und etablierten Instituten. Es ist jedoch nicht so, dass neue digitale Angebote von Banken automatisch auch deren Bestandskunden anlocken. Ich sehe künftig die Wachstumschancen in der engen Integration von Robo-Angeboten in die bestehenden Vertriebs- und Kommunikationskanäle der etablierten Finanzinstitute. So können Kundenberater zusätzliche Optionen für eine kundenorientierte Betreuung und zur Gewinnung von Neukunden ins Feld führen.

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