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25.03.2022 | Robotik | Im Fokus | Online-Artikel

Digitalisierung und Robotik führen nicht zu weniger Arbeit

verfasst von: Thomas Siebel

5 Min. Lesedauer
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Die digitale Transformation führt nicht zu Massenarbeitslosigkeit, doch wälzt sie die Beschäftigung um. Eine aktuelle Studie analysiert, welche Berufe besonders von arbeitssparender Robotik und KI betroffen sind.

Mitte des letzten Jahrzehnts entbrannte eine Debatte über die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt. Befürchtungen, der technologische Wandel führe zu einem Ende der Arbeit, waren real. Viel zitiert war in diesem Zusammenhang eine Studie von Carl Benedikt Frey und Michael Osborne von der University of Oxford aus dem Jahr 2013. Sie legte dar, dass die Arbeit von fast der Hälfte der Beschäftigten in den USA in den nächsten 10 bis 20 Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit automatisiert werden könnte. In Gefahr seien die meisten Arbeitsverhältnisse in Transport und Logistik, Büro und Administration und in der Produktion.

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In einer kritischen Analyse formulierte das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) bald Zweifel an dieser düsteren Perspektive. Zum einen überschätzten Frey und Osborne das Automatisierungspotenzial von Berufen und Arbeitsplätzen um ein Vielfaches. Zudem vernachlässige die Studie, dass sich Beschäftigte im Zuge des Wandels stärker schwer zu automatisierten Aufgaben widmeten, ohne dass ihr Arbeitsplatz wegfiele. Wenn Arbeitsplätze aber doch verloren gingen, würden zugleich jedoch auch neue Arbeitsplätze entstehen – wofür die Beschäftigten allerdings entsprechend qualifiziert werden müssten. Das ZEW kam zu dem Fazit, dass größere Gesamtbeschäftigungseffekte durch den zukünftigen technologischen Wandel unwahrscheinlich seien.

Wegfallende und neue Jobs halten sich die Waage

Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) aus dem Jahr 2018 stützte diese Prognose, wenngleich sie durch die Digitalisierung große Umwälzungen am deutschen Arbeitsmarkt voraussagte. Bis zum Jahr 2035 würde die Digitalisierung demnach zwar nur geringe Auswirkungen auf das Gesamtniveau der Beschäftigung haben. Trotzdem würden bis dahin 1,5 Millionen Arbeitsplätze abgebaut, während annähernd genauso viele neue Arbeitsplätze entstünden, allen voran in der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT). Verlierer könnte der Studie zufolge jedoch das verarbeitende Gewerbe werden, das mit 130.000 abgebauten Arbeitsplätzen bis 2035 die höchsten Beschäftigungsverluste erleiden dürfte.

Zu einer noch positiveren Gesamtbilanz kommt das Weltwirtschaftsforum. Demnach würden neue Technologien aus den Bereichen Internet of Things, künstliche Intelligenz oder Robotik weltweit einerseits 85 Millionen Arbeitsplätze kosten, während andererseits 97 Millionen neue Jobs an der Schnittstelle von Mensch, Maschine und Algorithmen entstünden.

Intellektuelle Arbeit wird durch KI erweitert

Nach Darstellung von Thomas Becker und Elisa Merkel von der Technischen Hochschule Ingolstadt dürfte sich der Wandel insbesondere auf Arbeitsplätze mit wiederholbaren, definierten und klar strukturierten menschlichen Aufgabenbereichen auswirken, wie sie im Kapitel Digitale Arbeitswelten – Auswirkungen auf Wirtschaft und Bildungssystem des Buchs Digitalisierung in Industrie-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen schreiben. "Je digitaler sie zu erledigen sind, desto verzichtbarer scheint auch in Zukunft auf diesen Feldern der Mensch." Arbeitsprofile mit einem hohem Anteil an intellektueller Leistung würden sich hingegen eher wandeln und durch die Nutzung neuer KI-Technologien erweitert, als dass sie wegfallen.

Thomas Breyer-Mayländer beschreibt im Kapitel Industrie 4.0 – Idee, Technologien, Perspektive des Buchs Industrie 4.0 bei Hidden Champions anhand vierer Dimensionen, wie sich digitale Technologien unter anderem auch auf die Arbeit auswirken:

  • Gesellschaft: Die Verbesserung des Lebensstandards geht mit Befürchtung nach zunehmender Arbeitslosigkeit einher.
  • Kompetenz: Körperliche wird zunehmend durch automatisierte Arbeit ersetzt, während der Bedarf an industriell orientierten IKT-Kompetenzen steigt. Dies wirkt sich auf die persönlichen und beruflich benötigten Kompetenzprofile aus. 
  • Produktion: Die Automatisierung und Vernetzung technischer Komponenten dehnt die aktuelle Möglichkeiten des Internet der Dinge auf die Produktion aus.
  • Verhalten: Mit einem zunehmenden Grad an Vernetzung verändert sich die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine, was besonders im Bereich der kollaborativen Robotik sichtbar wird.

Systemanalytiker, Mechaniker, Anwendungsprogrammierer betroffen

Eine aktuelle, von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlichte Studie greift die Diskussion um den Verlust von Arbeitsplätzen durch den technologischen Wandel nun erneut auf. Darin untersuchen die Autoren Mariagrazia Squicciarini und Jacopo Staccioli, wie sich die Entwicklung von Robotik und die damit verbundene Absicht zum Einsparen von Arbeitskraft auf die Beschäftigung auswirkt. Grundlage ist die Analyse von Patenten bei der Europäischen Patentorganisation und von Firmendaten der Orbis-Datenbank. Im Gegensatz zu früheren Studien, die auf hypothetischen Annahmen zur Automatisierbarkeit verschiedener Berufe basierten, werden die Arbeitsmarktauswirkungen hier nun erstmals mit tatsächlichen technologische Entwicklungen in Zusammenhang gebracht.

Die Autoren stellen fest, dass der Anteil von Robotikpatenten seit 1978 und insbesondere im letzten Jahrzehnt stark zunimmt, wobei der Anteil der Patente mit dem Ziel der Arbeitseinsparung stabil bleibt. Die meisten Patente zur Einsparung von Arbeit konzentrieren sich der Studie zufolge auf die Arbeit von Systemanalytikern, Sachbearbeitern in der Dateneingabe, Fahrzeugführern und -reinigungskräften, Fahrzeugmechanikern und Anwendungsprogrammierern. Damit zeigt sich auch in dieser Studie, dass nicht nur geringqualifizierte und gewerbliche Tätigkeiten von arbeitssparenden technischen Entwicklungen betroffen sind, sondern auch hochkognitive und spezialisierte Berufe.

Höhere Nachfrage kompensiert drohenden Arbeitsplatzverlust

Für das letzte Jahrzehnt konnten die Autoren allerdings keine Anzeichen für eine Verdrängung von Arbeitskräften in diesen Berufen ausmachen, auch wenn sie solche Effekte für die Zukunft nicht ausschließen wollen. Als Grund für die bislang robuste Beschäftigung sehen sie, dass arbeitssparende Maßnahmen offenbar dort vorgenommen werden, wo stabile Beschäftigungsniveaus vorherrschen. Zudem scheine es Mechanismen zu geben, die drohende Arbeitsplatzverluste durch die Einführung arbeitssparender Technologien kompensieren können. Als Beispiel nennen die Autoren höhere Nachfragen nach Produkten, die im Zuge der automatisierten Fertigung zu niedrigeren Preisen angeboten werden. Auch die Möglichkeit vielfältigere Güter zu produzieren und damit das eigene Angebot zu diversifizieren, könne eine Rolle spielen.

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