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27.06.2017 | Sanierung | Im Fokus | Onlineartikel

Die jeweilige Sicht des Betrachters

Autor:
Christoph Berger

Forscher der Ruhr-Universität Bochum untersuchen, wie Laien im Vergleich zu Fachleuten Gebäudeschäden beurteilen. Ziel ist es, ingenieurtechnische Grenzwerte mit dem subjektiven Empfinden von Menschen zu vergleichen.

In der gemeinsam von Psychologen und Ingenieuren durchgeführten Studie kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass Laien im Gegensatz zu Experten Schäden an historischen Gebäuden als weniger schlimm als vergleichbare Schäden an modernen Bauwerken beurteilen. Sehr starke und sehr leichte Schäden schätzten sie ähnlich ein wie Fachleute. Mittelschwere Schäden werden hingegen von einem Großteil der Laien unterschätzt.

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Zu den Ergebnissen kamen die Wissenschaftler, nachdem sie 109 Probanden jeweils 36 Bilder von historischen Gebäuden und Wohnhäusern mit unterschiedlich schweren Schäden gezeigt hatten. Diese sollten von den Betrachtern hinsichtlich ihrer Bedenklichkeit beurteilt werden. Dazu teilten die Befragten die Bilder in die Kategorien null bis vier ein: Null stand für „vernachlässigbare Schäden“, die Vier für „schwere Schäden“. Die gleichen Fotos hatten auch wissenschaftliche Mitarbeiter vom Lehrstuhl für Massivbau kategorisiert.

Unterschiedliche Bewertung mittlerer Bauschäden

Dabei fiel auf, dass große Risse und markante Schiefstellungen, die die Experten in Kategorie vier sortiert hatten, auch den meisten Laien als bedrohlich auffielen. In der niedrigsten Schadenskategorie null stimmten die Beurteilungen von Laien und Experten ebenfalls meist überein.

Unterschiede in der Beurteilung wurden jedoch in den mittleren Schadenskategorien eins bis drei ausgemacht: Leichte Schäden an Wohnhäusern – von den Experten als Kategorie eins und zwei eingestuft – werteten 85 Prozent der Befragten als vernachlässigbar. Markus Obel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Massivbau der RUB, vermutet, dass feine Haarrisse in den Fassaden von Laien kaum wahrgenommen werden.

Nutzungsfähigkeit und Dauerhaftigkeit

Doch, so der Ingenieur weiter, sei es beispielsweise Ziel im Tunnelbau, auch solche Beeinträchtigungen zu vermeiden – selbst wenn sie nur rein optischer Natur seien und die Tragfähigkeit nicht beeinflussen würden. Denn Risse in der Fassade, auch wenn sie nur optischer Natur sind, könnten den Wert einer Immobilie senken; die Kosten für die Beseitigung der Schäden müsse der Bauherr des Tunnelprojekts tragen.

Im Abschnitt "Schadenursachen – Schadensbilder – Schadensbewertungen" des Kapitels "Beton und Stahlbeton" im Springer-Fachbuch "Bausanierung" heißt es beispielsweise: "Risse quer zur Bewehrung bis 0,4 mm und längs bis 0,3 mm zur Bewehrung führen im Regelfall zu keiner Beeinträchtigung der Nutzungsfähigkeit und Dauerhaftigkeit. Voraussetzung ist aber die Einhaltung der Anforderungen der in Bezug auf Dicke und Dichte der Betondeckung."

Ingenieurtechnische Grenzwerte und subjektives Empfinden

Und auch bei der Einschätzung von historischen Gebäuden wich die Laienmeinung stark von den Experteneinschätzungen ab. So wurde beispielsweise ein Kirchturm mit deutlich erkennbarer Schieflage von 53 Prozent der Befragten als vernachlässigbar beschädigt oder gar nicht beschädigt eingestuft. Insgesamt, so ein weiteres Ergebnis, beurteilten die Teilnehmer Wohnhäuser akkurater als alte Türme, Kirchen und Burgen.

"Um die Ergebnisse verallgemeinern zu können, müssen wir nun weitere Gruppen mit unterschiedlichen Ansprüchen untersuchen, zum Beispiel Anwohnerinnen und Anwohner oder Besitzer von Geschäfts- und Privatimmobilien sowie Naturschutzorganisationen", beschreibt Prof. Dr. Annette Kluge, Lehrstuhl für Wirtschaftspsychologie, die nächsten Schritte.

Die Studie ist Teil des Sonderforschungsbereichs 837 "Interaktionsmodelle für den maschinellen Tunnelbau". Ziel ist es, ingenieurtechnische Grenzwerte mit dem subjektiven Empfinden von Menschen zu vergleichen. Bei starken Abweichungen müsse man eventuell über Maßnahmen nachdenken, um die Bevölkerung entsprechend zu informieren, so die Forscher.

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