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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Zusammenfassung
Zuweilen hat man den Eindruck, dass sich die Systemtheorie im deutschsprachigen Wissenschaftsraum nach wie vor eines gewissen Zuspruchs erfreut, außerhalb dieses Raumes jedoch zunehmend in Vergessenheit gerät. Einen Systemtheoretiker kann das nicht wirklich erschüttern, weil er um die jüngst von Peter Fuchs in seinem Buch „Die Metapher des Systems“ (Weilerswist 2001) wieder nachgewiesene jahrhundertealte Untergründigkeit systemtheoretischen Denkens weiß. Seit Hippokrates versucht man, die Produktion und Variation von Ordnung in Pflanzen, Tieren, Göttern und Menschen als eine Form der Auseinandersetzung mit einer Umwelt zu lesen, die ihrerseits nicht determiniert, welche Ordnung möglich ist, sondern Probleme stellt, die vom „Organismus“, wie man dann bald sagen wird, immer wieder neu, prekär und vorläufig zu lösen sind.
Dirk Baecker

Automaten

Rudolf Stichweh über Norbert Wiener, „Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine“ (1948)
Zusammenfassung
Die im Jahr 2001 erschienene International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences weist auf ihren 16695 Seiten keinen Artikel über Norbert Wiener auf und — fast noch erstaunlicher — auch einen Artikel über die Kybernetik wird man dort vergeblich suchen (es gibt den Artikel „Cyborg“, aber keinen Artikel „Cybernetics“; in Band 21 schliesslich findet man „Sociocybernetics“, ein Artikel, der sich auf die Second-order Cybernetics der Jahre nach 1970 beschränkt: Geyer 2001). Das deutet darauf hin, wie sehr das Buch und die Forschungstradition, die hier der Gegenstand unserer Beobachtung sind, bereits historisch geworden sind, oder, so könnte man den Befund zugespitzt auch lesen, wie sehr sie nicht einmal Teil jener Geschichte sind, die eine repräsentative Enzyklopädie der Sozialwissenschaften glaubt vergegenwärtigen zu müssen.
Dirk Baecker

Im Netzwerk der Kommunikation

Fritz B. Simon über Juergen Ruesch und Gregory Bateson, „Communication. The Social Matrix of Psychiatry“ (1951)
Zusammenfassung
Woran erkennt man, dass ein Text revolutionär ist? An seinem Inhalt? An seiner Rezeption? — zur Zeit seines Erscheinens? — in der Folge? -heute? Können Revolutionen stattfinden, ohne dass die Öffentlichkeit es merkt?
Dirk Baecker

Handlung ist System

Stephan Fuchs über Talcott Parsons’ „The Social System“ (1951)
Zusammenfassung
In seiner Entwicklung als Theoretiker repräsentiert „The Social System“ den „mittleren Parsons“ und markiert den Übergang zwischen Handlungs- und Systemtheorie. Der „unit act“ aus „The Structure of Social Action“ wird allmählich durch das „Handlungssystem“ ersetzt, obgleich Talcott Parsons (1902–1979) auch hier noch zwischen diesen beiden hin und her schwankt, bevor schließlich der ausgereifte „requisite functionalism“ (AGIL) der späteren Arbeiten seine Festlegung auf Systeme, an Stelle von Handlungen, als primären Bezugsrahmen besiegelt. Um die Bedeutung dieses Übergangs abschätzen zu können, ist eine Gegenüberstellung zweier grundlegender Modi der begrifflichen Fassung von Handlung und Akteur hilfreich, die an dieser Stelle Modus des common sense und soziologischer oder auch wissenschaftlicher Modus genannt werden. Der Modus des common sense durchzieht auch weite Teile der Rational Choice Theorie und der cognitive science.
Dirk Baecker

Die Umwelt als Element des Systems

Dirk Baecker über W. Ross Ashby, „Design for a Brain: The Origin of Adaptive Behavior“ (1952)
Zusammenfassung
Der englische Kybernetiker W. Ross Ashby (1903–1972), stellt sich in seinem 1952 in einer ersten und 1960 in einer überarbeiteten, zweiten Auflage erschienenen Buch „Design for a Brain“ nur eine einzige Frage, diese allerdings mit einer beispielhaften Schärfe und Genauigkeit: Wie kann sich ein Nervensystem unter der Voraussetzung seiner Betrachtung als „Maschine“ sowohl mechanistisch, also festgelegt, wie auch adaptiv, also wandelbar, verhalten? Der Ausgangspunkt der Betrachtung des Nervensystems als „Maschine“ bedeutet hier, dass nur Antworten überzeugen, denen es gelingt, beobachtbare Verhaltensweisen als Ergebnis konkreter, nachvollziehbarer Operationen nachzuweisen. Die Beobachtung von etwas als kybernetische Maschine soll nicht herausfinden, was aus welchen Gründen geschieht, sondern soll beschreiben, wie etwas geschieht und damit möglich ist. Das Modell der Maschine isoliert das zu untersuchende Phänomen gegenüber ontologischen, essentialistischen und kausalistischen Beschreibungen und zwingt, stattdessen eine operative und genetische Beschreibung zu entwickeln. Ashby sucht nach dieser operativen und genetischen Beschreibung des Gehirns, weil es ihm darum geht, das sowohl mechanistische als auch adaptive Verhalten des Nervensystems als Bedingung der Möglichkeit eines Verhaltens zu beschreiben, das er „Lernen“ nennt.
Dirk Baecker

Die Mathematik und andere Kurzsprachen

Loet Leydesdorff über John von Neumann, „The Computer and the Brain“ (1958)
Zusammenfassung
Das Buch „The Computer and the Brain“ (1958, dt. 1991; im Folgenden wird nach der deutschen Übersetzung zitiert) ist die gedruckte Version der Silliman Lectures, die zu halten John von Neumann 1956 nach Yale eingeladen worden war. Obwohl sie bis zum März 1956 vorbereitet waren, wurden sie nie gehalten, da von Neumann zu dieser Zeit bereits zu krank war, um nach New Haven zu reisen. Der 1903 in Budapest geborene Autor arbeitete bis zu seinem Tod am 8. Februar 1957 an dem Manuskript, dennoch blieb es unvollendet, wie die Witwe Klara von Neumann in ihrem Vorwort der posthumen Edition erklärt. Dennoch kann das Bändchen als vollständiger Aufsatz gelesen werden.
Dirk Baecker

Lernen ist Interaktion

Ranulph Glanville über Gordon Pasks „An Approach to Cybernetics“ (1961)
Zusammenfassung
Gordon Pasks (1928–1996) „An Approach to Cybernetics“ ist 1961 veröffentlicht worden (Pask 1961). Es ist ein dünnes Bändchen von 128 Seiten. Vorangestellt ist ein sehr lesenswertes, gelehrtes Vorwort von Warren McCulloch. Der Haupttext (102 Seiten lang) besteht aus 8 Kapiteln. Im Einzelnen sind es:
1
The background of cybernetics
 
2
Learning, observation and prediction
 
3
The state determined behaviour
 
4
Control systems
 
5
Biological controllers
 
6
Teaching machines
 
7
The evolution and reproduction of machines
 
8
Industrial cybernetics
 
Das Buch ist das Achte der Reihe „Science Today“, die von Methuen (Harpers in den USA) veröffentlicht wurde als „... eine neue Reihe von Wissenschaftsmonographien, die alle jeweils einem bestimmten wissenschaftlichen Fachgebiet gewidmet sind, von dem die Verleger glauben, dass es vollständig und dennoch kurz und bündig auf 128 Seiten abgehandelt werden kann, und die jeweils von einem anerkannten Spezialisten verfasst werden...“
Dirk Baecker

Die Intelligenzfunktion der Politik

Mathias Albert und Jochen Walter über Karl W. Deutsch, „The ‘Nerves of Government’“ (1963)
Zusammenfassung
Mit „The ‘Nerves of Government’“hat der Politikwissenschaftler Karl W. Deutsch (1912–1992) im Jahr 1963 ein Werk vorgelegt, welches man mit Fug und Recht als erste umfassende und systematische Übertragung moderner systemtheoretischer Überlegungen auf das politische System bezeichnen kann. Sie besticht gerade auch aus heutiger Sicht durch zweierlei: Zum einen handelt es sich nicht um ein Werk zur Systemtheorie, welches politische Kommunikation und Kontrolle als schlichtes „Anwendungsbeispiel“ behandeln würde; vielmehr wird explizit, wenn auch zunächst nur in Form eines „interim report“ (S. XXV) der Anspruch eines Beitrags zur Entwicklung einer umfassenden Theorie der Politik erhoben. Zum anderen wird der Lektüreeindruck geprägt durch eine das gesamte Buch durchziehende Kombination einer in weiten Teilen steuerungsoptimistischen, vom Glauben an die Machbarkeit des politischen Projekts geprägten Grundüberzeugung mit einem unbedingten Anspruch an eine immer auch normative Dimension einer Theorie der Politik.
Dirk Baecker

Gehirnmaschinen

Dirk Rustemeyer über Warren S. McCulloch, „Embodiments of Mind“ (1965)
Zusammenfassung
Worin besteht Wissen? Wo existiert es, und in welcher Form kommt es vor? Gehört Wissen zu den Sachverhalten in der Welt, auf die es sich richtet? Muss es in sich selber repräsentiert sein? Wie lässt sich sicherstellen, dass seine Ordnung nicht zufällig ist, wenn doch die Ordnung des Gewussten erst über die Ordnung des Wissens sichtbar wird und Wissen die Differenz zu seinem Gegenstand ebenso konstituiert wie es diesen repräsentiert? Fragen wie diese beschäftigen die Epistemologie seit ihren Anfängen. Universalität, Intelligibilität und zeitenthobene Identität gehören, bei allen Unterschieden der Antwortversuche, zu den bleibenden Merkmalen, die dem „Wissen“ zugesprochen werden, um seine Nichtkontingenz zu sichern. Zwischen den Formen der Welt und den Formen des Wissens existiert demnach eine Homologie, die sich im Denken symbolisch realisiert. Formen des Seins erscheinen in begrifflich-logischer Gestalt als Formen ihrer denkenden Bestimmung. „Erkennen“, in diesem Sinne einer Repräsentation von Formen, behandelt ihre Gegenstände als unterschiedene Bestimmtheiten, nicht als Produkte eigener Unterscheidungen. Aus der Intelligibilität der Formen, die mit ihrer Nichtzeitlichkeit zusammenhängt, scheint die Differenz zu dem Stoff der Welt, der Sinnlichkeit der Wahrnehmung und dem Wandel der Phänomene zu folgen.
Dirk Baecker

Kommunikation als Selektion

Dirk Baecker über Donald M. MacKays „Information, Mechanism and Meaning“ (1969)
Zusammenfassung
Das Missverständnis, dass es sich bei der mathematischen Kommunikationstheorie von Claude E. Shannon trotz ihres Namens nicht um eine Kommunikationstheorie handelt, lag von Anfang an auf der Hand. Shannon selbst hat es geteilt. Seine Theorie behandele die Frage, wie am Endpunkt der Übertragung von Signalen, beim Empfänger, ein Signal rekonstruiert werden könne, das am Ausgangspunkt der Übertragung, beim Sender, unter Verwendung eines möglicherweise gestörten Kanals ausgesendet worden ist. Das empfangene Signal, E, so Shannon (1963, S. 65), sei eine Funktion des übertragenen Signals, S, und des Rauschens („noise“), N:
$$E = f(S,N)$$
Die Beschreibung dieser Funktion sei eine rem ingenieurwissenschaftliche Aufgabenstellung, die irn wesentlichen darauf ziele, Techniken bereitzustellen, mit deren Hilfe rnan zwischen S und N unterscheiden könne, urn S rekonstruieren zu können, und habe nichts rnit Fragen der Bedeumng, des Sinns oder der Sernantik der ubertragenen Signale zu tun (1963, 5. 31), ziele also nicht auf eine Theorie der Kornrnunikation.
Dirk Baecker

Bausteine zu einer Designwissenschaft

Norbert Bolz über Herbert A. Simon, „The Sciences of the Artificial“ (1969)
Zusammenfassung
Der amerikanische Psychologe, Computerwissenschaftler und Ökonom Herbert A. Simon (1916–2001) geht in seinem 1969 erschienenen Buch „The Sciences of the Artificial“ davon aus, dass wir heute in einer Welt leben, die sehr viel mehr durch das geprägt ist, was Menschen gemacht haben, als durch das, was man natürlich nennt. Die Welt ist primär antiphysis. Genau in diesem Sinne heißen artifiziell all jene Phänomene, deren wesentliche Eigenschaften sich dadurch erklären, dass sich ein zweck- und zielgerichtetes System einer ganz bestimmten Lebenswelt einformen muss. Diese Anpassungsfähigkeit, die Formbarkeit durch die Umwelt, verleiht dem Künstlichen eine Aura der Kontingenz. „The contingency of artificial phenomena“ (S. XI) hebt sich prägnant von dem Eindruck der Notwendigkeit ab, den natürliche, also den Naturgesetzen unterworfene Phänomene bei uns hinterlassen. Zur Verschränkung von Kontingenz und Notwendigkeit kommt es deshalb immer dann, wenn die Anpassung eines „behavioral system“ an seine Umwelt misslingt, dass uns etwas, das auch anders sein könnte, erscheint, als gäbe es dazu keine Alternative, signalisiert lediglich, dass die Grenzen unserer Rationalität erreicht sind.
Dirk Baecker

Auf der Suche nach Wissen

Gerard de Zeeuw über Ludwig von Bertalanffy, „General System Theory“ (1968)
Zusammenfassung
1968 veröffentlichte Ludwig von Bertalanffy (1901–1972) eine Folge von Aufsätzen, die er über eine Zeit von mehr als 30 Jahren verfasst hatte, in denen er Wege vorschlug, um bestimmte Phänomene zu erforschen, die von der klassischen Wissenschaft zuvor übersehen worden waren. Dieses Buch mit dem Titel „General System Theory“ verhalf dazu, seine Ideen bekannt zu machen und beschleunigte die Entwicklung der Systembewegung, deren erstes Mitglied (1954) die Society for General Systems Research war.
Obgleich das Buch zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung einen großen Einfluss hatte, wurde es später mehr zitiert als gelesen. Ein Bereich, in dem es häufig missverstanden wurde, war die Art des Problems, das von Bertalanffy zu lösen versuchte: Ihm ging es nicht darum, einen neuen Begriff — den des Systems — einzuführen. Es war auch nicht so, dass er nicht in der Lage gewesen wäre, das Wissen über die Elemente einer Einheit zu Wissen über die Einheit selbst zu kombinieren. Das Problem war vielmehr, dass solche Einheiten bislang außerhalb der Wissenschaftstradition geblieben waren.
Er entwickelte die Wissenschaft offener Systeme, die Forschung an einer Stelle einführte, wo sie zuvor nicht Fuß gefasst hatte. Von Bertalanffys Ideen haben im Gegensatz zum Begriff des Systems bis jetzt noch keinen Eingang in den Mainstream der Wissenschaft gefunden. Dennoch, die Deutlichkeit, mit der über bestimmte Probleme zur richtigen Zeit und am richtigen Platz gesprochen wurde, vermittelte den Menschen Hoffnung, nicht nur zu Lösungen der gesellschaftlichen Probleme der Politiker beizutragen, sondern auch, soziales Wissen zu würdigen und seinen instrumenteilen Ge- und Missbrauch zu vermeiden.
Dirk Baecker

Das Prinzip der Unterscheidung

Louis H. Kauffman über George Spencer-Brown, „Laws of Form“ (1969)
Zusammenfassung
Das Buch „Gesetze der Form“ von George Spencer-Brown (*1923) ist ein Ansatz zur Mathematik und Epistemologie, der mit der Idee einer Unterscheidung beginnt und endet. Nichts könnte einfacher sein. Eine Unterscheidung wird als Spaltung eines Bereichs verstanden. Eine Unterscheidung macht eine Unterscheidung. Bei Spencer-Brown heißt es „We take the form of distinction for the form.“ Es steckt eine Zirkularität darin, etwas in Worte zu fassen, was ohne sie ziemlich klar ist. Und dennoch ist es dieses In-Worte-fassen, durch das Mathematik artikuliert wird und Diskursuniversen entstehen. Der schwer fassbare Beginn, noch bevor eine Differenz existierte, ist das Auge des Sturms, das stille Zentrum, aus dem diese Grübeleien entspringen.
Dirk Baecker

Auf der Spur der Double Binds

Urs Stäheli über Anthony Wilden, „System and Structure: Essays in Communication and Exchange“ (1972)
Zusammenfassung
Programmatisch lässt Anthony Wilden (* 1935) seine Anthologie „System and Structure“ mit einem Aufsatz über Lacan beginnen. Dass es dabei nicht einfach um die Verbreitung der korrekten Lacanschen Lehre in den USA geht, unterstreicht bereits das Motto des Aufsatzes. Wilden zitiert Gregory Bateson mit der einfachen und vielleicht gerade deshalb so radikalen Wendung: „All behavior is communication“ (Wilden 1972, S. 1; vgl. Bateson 1972, S. 282). In Wildens Arbeiten verbinden sich auf manchmal unübersichtliche, aber doch immer wieder instruktive Weise Psychoanalyse und Kommunikationstheorie. Dabei kommt Wilden zu Gute, dass er in beiden Denktraditionen bestens verankert ist. Als Schüler von Bateson hat er sich schon früh für die Paradoxien der Kommunikation interessiert und als Übersetzer von Jacques Lacan hat er sich bereits in den sechziger Jahren um die amerikanische Rezeption der strukturalen Psychoanalyse verdient gemacht (Wilden 1968). Das soll jedoch nicht heißen, dass sich Wildens Arbeit auf die Verbindung dieser beiden Denktraditionen reduzieren lässt, auch wenn der vorliegende Aufsatz diese Verbindung fokussiert. Weitere wichtige ‘Einflüsse’ sind der Marxismus, die Hegeische Dialektik, die Peircesche Semiotik, der Strukturalismus, die Proto-Logik Spencer Browns sowie die Systemtheorie.
Dirk Baecker

Eine kybernetische Systemtheorie

Wolfram Lutterer über Gregory Batesons, „Steps to an Ecology of Mind“ (1972)
Zusammenfassung
Wenn der Begriff eines „Werks“ oder gar eines „Schlüsselwerks“ so etwas wie eine sichtbare inhaltliche Geschlossenheit und eine eindeutig erkennbare zentrale Aussage des referierten Werks voraussetzt, so wird man mit Gregory Batesons „Ökologie des Geistes“ vermutlich gewisse Mühe haben. Das Buch ist weder aus einem Guss geschrieben, noch kulminiert es in einer zentralen und für die Forschungsgeschichte wegweisenden These. Vielmehr besteht es aus einer Sammlung von fünfunddreißig Aufsätzen, die nicht nur eine von 1935 bis 1972 reichende Veröffentlichungsperiode abdecken, sondern auch den verschiedensten Veröffentlichungsbereichen zuzuordnen sind. Halbliterarische „Metaloge“ stehen neben ethnologischen Schriften, und diese neben Studien zu Pathologien in der Kommunikation, zur Delphinforschung, zu kybernetischer Theorie und anderem mehr. Und doch, wenn man von dem eigentlichen Aufsatzschreiber Gregory Bateson eine Veröffentlichung als seine wichtigste bezeichnen wollte, dann gewiss die „Ökologie des Geistes“.
Dirk Baecker

Die Einheit als Unterschied

Giancarlo Corsi über Edgar Morin, „La méthode“ (1977–2001)
Zusammenfassung
Die siebziger und achtziger Jahren haben viele der bedeutendsten Innovationen der modernen Systemtheorie vorbereitet, die in Büchern und Aufsätzen von heute wohlbekannten Autoren zum Ausdruck gekommen sind, wie Maturana, Varela, von Foerster, Luhmann, Spencer Brown (damals „wiederentdeckt“) und vielen anderen. Die französische Forschung im Bereich der Sozial- bzw. Humanwissenschaften hat sich gerade in dieser Zeit sehr fruchtbar erwiesen, obwohl die entsprechenden Beiträge heute in der aktuellen theoretischen Produktion etwas vergessen oder mindestens wenig zitiert sind. Merkmale jener Forschung waren (und sind immer noch) eine erhebliche Neigung zur Abstraktion und eine gewisse Unvoreingenommenheit beim Vergleichen von verschiedenen Themen, Ansätzen, Disziplinen: Anthropologie, Physik, Mathematik, Logik, Soziologie, Philosophie usw.
Dirk Baecker

Mit dem Weltgeist rechnen

David Köpf über Gotthard Günther, „Beiträge zu einer operationsfähigen Dialektik“ (1976–1980)
Zusammenfassung
„Der Autor kann... nicht der Versuchung widerstehen, auf eine kindliche Vorahnung dieses Problems aufmerksam zu machen... Er hatte damals in der Schule gelernt, dass eine Kirsche und eine Kirsche zwei Kirschen ausmachten, und dass zwei Berge plus zwei Berge vier Berge ergäben. Der Lehrer wies dabei zwecks Illustration auf die Aussicht in den Schulfenstern, durch die einige Bergkuppen des vertrauten Riesengebirges hereinblickten. Schon für die kindliche Vorstellung lag also der Gedanke nahe, dass ein Zusammensein von mehreren Bergen ein Gebirge ergäbe... Das war eigentlich selbstverständlich, aber auf die Dauer auch sehr, sehr langweilig. Da... von dem Moment an, in dem er zum ersten Mal in Kontakt mit Buchstaben und Zahlen kam, eine ans Religiöse grenzende Ehrfurcht vor solchen Schöpfungen des menschlichen Geistes empfand, konnte es nicht ausbleiben, dass er sehr schnell auch eine gewisse Enttäuschung über die eben beschriebenen Operationen mit Kirschen und Bergen empfand. Die Arithmetik mußte ganz anderes und Wunderbares leisten können, weshalb er an seinen Lehrer die Frage stellte: Wenn das Zusammensein von vielen Bergen ein Gebirge ergab, was ergäbe dann zahlenmäßig das Zusammensein, wenn man eine Kirche zu einem Krokodil addierte und dazu noch seine Mutter und obendrein ein Zahnweh.
Dirk Baecker

Die In-formation der Autopoiesis

Christina Weiss über Francisco Varela „Principles of Biological Autonomy“ (1979)
Zusammenfassung
In mindestens zweifacher Weise verkörpern die 1979 erschienenen „Principles of Biological Autonomy“ des chilenischen Neurobiologen Francisco J. Varela (1946–2001) eine In-formation des einige Jahre zuvor von Varela mit Humberto R. Maturana entwickelten Autopoiesisbegriffes (Maturana 1985). Einerseits explizieren sie den Zusammenhang, die notwendige Gebundenheit von Systembegriff und Informationsbegriff, andererseits führen sie eine beeindruckende Formalisierung des Konzeptes der Autopoiesis vor, die der Form nach dem Gegenstand gegenüber nicht arbiträr ist, sondern diesen, getreu einer konstruktiven Methodologie, zu (re-)konstruieren sich bemüht. Analog zu der beschriebenen Prozessdynamik eines sich in-formierenden autopoietischen Systems, führen sie In-formation in der Form einer Thematisierung des Verhältnisses von Gegenstand und Beobachtung auch auf der Ebene der beschreibenden Theorie vor.
Dirk Baecker

Die Zentralität des Paradoxen

Jean Clam über Yves Barel, „Leparadoxe et le système: Essai sur le fantastique social“ (1979)
Zusammenfassung
Yves Barels Buch ist ein guter Vertreter des französischen Systemismus, der im Gefolge Edgar Morins um einen Platz zwischen Marxismus, Strukturalismus und Hermeneutik in der intellektuellen Landschaft Frankreichs der 70er und 80er Jahre gerungen hat. Die französische Systemtheorie, darin der Luhmann’schen ähnlich, will jenseits von Epistemologie und Ingenieurwissenschaft über die Verhältnisse in der Gesellschaft aufklären und analytische Beschreibungen leisten, die ihrer Komplexität gerecht werden. Für sie ist die Gesellschaft ein Gegenstand, den man nicht durchdringen, an dem man nicht viel verstehen kann, wenn man die systemtheoretischen Werkzeuge der Komplexitätsanalyse nicht zur Verfügung hat und sich ihrer bedient. Barel (1930–1990) ist der französische Soziologe, der am meisten an diesem gesellschaftstheoretischen Programm interessiert ist (vgl. auch Amiot/Billiard/Brams 1993). Sein Vorhaben besteht darin, von systemtheoretischen Prämissen auszugehen und Beiträge zum Verständnis sozialer Komplexität zu leisten. Er will eine eine kritische Reflexion anbieten, die von den Vereinfachungen des Marxismus und der Protestbewegungen Abstand nimmt.
Dirk Baecker

Komplexität durch Rauschen

Jacques Miermont über Henri Atlans „Entre le cristal et la fumée: Essai sur l’organisation du vivant“ (1979)
Zusammenfassung
Henri Atlan (*1931) ist nicht nur Gelehrter, Mediziner und Biologe, sondern zudem Kybernetiker, Epistemologe und außerdem Ausleger jüdischen Denkens. Diese Vorzüge sind in dem dichten und vielgestaltigen Buch, als das „Entre le cristal et la fumée“ — „Zwischen Kristall und Rauch“ — gesehen werden muss, zugegen; mit einigen bemerkenswerten Nuancen entwickeln sie sich in seinen späteren Arbeiten weiter.
Dirk Baecker

Das Prinzip der Autopoiesis

Wolfgang Krohn und Holk Cruse über Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela, „Autopoiesis and Cognition“ (1980)
Zusammenfassung
Es begann mit kleinen Unstimmigkeiten in experimentellen Befunden und führte zu einer neuen Theorie des Lebens. Diese ist wohl die einzige gegenwärtige Theorie, die die Gratwanderung zwischen reduktionistischen Erklärungen und holistischen Postulaten bewältigt. Während der Reduktionismus (vorschnell) die Spezifität des Lebendigen durch die Addition von chemischen Reaktionsmodelle für erklärt hält, sucht die holistische Tradition das Leben durch eine basale oder emergente Eigenschaft zu charakterisieren, die sich jedoch der experimentellen Operationalisierung entzieht. Der schmale aber verheißungsvolle Grat zwischen den Alternativen ist die Theorie der selbstreferentiellen Autopoiesis, die in den 1970er Jahren entstand und durchaus als ein Forschungsprogramm für das 21. Jahrhundert bezeichnet werden kann.
Dirk Baecker

Die Beobachtung der Kybernetik

Elena Esposito über Heinz von Foerster, „Observing Systems“ (1981)
Zusammenfassung
Für seine vielen Bewunderer ist die Arbeit des in Wien geborenen Physikers, Kybernetikers und Philosophen Heinz von Foerster (1911–2002) nicht nur interessant, sondern faszinierend. Die von ihm erfundene Begrifflichkeit und die Brillanz seines Redens und Schreibens können das nur zum Teil erklären. Er gilt als weise. Man bezeichnet ihn, ich weiss nicht, wer dies aufgebracht hat, als „Sokrates des kybernetischen Denken“. Worin besteht das Sokratische an Heinz von Foerster, das über zwei Jahrtausende hinweg einen derartigen Vergleich seiner Interessen und Einstellungen mit denen des Sokrates rechtfertigt?
Dirk Baecker

Komplexität als Formprinzip

Helmut Willke über Niklas Luhmann „Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie“ (1984)
Zusammenfassung
Die souveräne Ironie Luhmanns (1927–1998) ist kaum zu überbieten. Vor der Publikation von Soziale Systeme hatte Luhmann dreißig Bücher (nur vier davon in Ko-Autorenschaft) und rund 180 Aufsätze geschrieben, weit mehr als die meisten Wissenschaftler in einem ganzen Forscherleben je schreiben. Jede einzelne Thematik der zwölf Kapitel der „Soziale Systeme“ hatte Luhmann in früheren Publikationen ausführlich behandelt, insbesondere auch das Thema der Selbstreferenz (Luhmann 1973 und 1980, Kap. 5). Selbst noch die Thematik des Einführungskapitels „Paradigmenwechsel in der Systemtheorie“ war ab 1983 auf japanisch, bulgarisch und italienisch erschienen. Was also war neu und jenseits der Null-Serie?
Dirk Baecker

Selbstbeobachtung

Bernard Scott über Ranulph Glanvilles Buch „Objekte“ (1988)
Zusammenfassung
Meine Auseinandersetzung mit Ranulph Glanvilles Buch „Objekte“ verläuft folgendermaßen: Zuerst sage ich etwas über Ranulph Glanville, wie ich ihn kenne, als Freund und Kybernetik-Kollegen. Anschließend werde ich in einem Abschnitt mit dem Titel „Über Gleichgesinnte und Mentoren“ erläutern, wo ich Glanvilles Beiträge inmitten der Arbeit anderer Persönlichkeiten der Kybernetik stehen sehe. Danach sage ich etwas darüber, wie „Objekte“ entstanden ist. Ich hatte die Gelegenheit, Ranulph danach zu fragen und stellte dabei fest, dass das, was er zu sagen hatte, sowohl als Beschreibung einer persönlichen Odyssee der Ideenfindung und Kreativität als auch als interessante Fallstudie darüber, wie Kybernetiker im Betreiben einer Kybernetik der Kybernetik scheitern oder auch Erfolg haben — wie sie also die Disziplin fördern, die sie fördert aufschlussreich ist. Dann werfe ich einen kurzen Blick auf die in „Objekte“ anzutreffenden Hauptthemen. Natürlich ist das eine persönliche Auswahl. Ich hoffe jedoch, in diesem Kapitel insgesamt hinreichend viel über das Buch „Objekte“ zu sagen, so dass der Leser selbst dazu inspiriert wird, sich nicht nur „Objekte“, sondern auch Glanvilles zahlreiche andere Schriften über Kybernetik und darauf bezogene Themen anzusehen.
Dirk Baecker

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