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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Eine kurze Geschichte der Fernsehdebatten...

Zusammenfassung
Wahlkämpfe werden in Deutschland seit einigen Jahren professioneller geführt, als dies noch in den 70er oder 80er Jahren der Fall war. Parteien arbeiten mit externen Beratern und Agenturen zusammen, um ihr Programm und ihren Kandidaten optimal vermarkten zu können. Diese und andere Neuerungen werden häufig unter dem Schlagwort „Amerikanisierung“der Kampagne zusammengefasst (z.B. Schulz 1997: 186; Kamps 2000), weil sie tatsächlich oder vermeintlich aus den USA übernommen wurden. Häufig greift dieses Schlagwort zu kurz oder ist gänzlich unangebracht. In Bezug auf Fernsehdebatten in Wahlkämpfen trifft es jedoch durchaus zu: Sie wurden zuerst in den USA durchgeführt und später in vielen anderen Ländern in mehr oder weniger ähnlicher Form übernommen. Wir wollen deshalb zunächst kurz die Geschichte der Fernsehdebatten skizzieren.
Marcus Maurer, Carsten Reinemann

2. Die Bedeutung der Kandidaten für das Wahlverhalten

Zusammenfassung
Zur Erklärung von Wahlverhalten werden in der Wahlforschung verschiedene theoretische Ansätze herangezogen. Sie unterscheiden sich weniger in den prinzipiell als relevant angesehenen Faktoren, als vielmehr in der Bedeutung, die den einzelnen Einflussfaktoren beigemessen wird (Behnke 2001; Bretthauer & Horst 2001). Studien in der Tradition des soziologischen Ansatzes der Columbia-School heben vor allem die Bedeutung sozialstruktureller Merkmale bzw. gesellschaftlicher Konfliktlinien (cleavages) hervor. Untersuchungen auf Basis des Rational-Choice-Ansatzes konzentrieren sich vor allem auf die Erfahrungen, die die Wähler bislang mit Parteien und Kandidaten gemacht haben bzw. auf die Erwartungen an deren zukünftige Kompetenz zu Lösung politischer Probleme (issues). Studien, in denen der sozialpsychologische Ann-Arbor-Ansatz der Michigan-School zugrunde gelegt wird, sehen dagegen eine Trias aus Parteiidentifikation, Kandidaten- und Sachfragenorientierungen als zentrale Erklärungsfaktoren der Wahlentscheidung, wobei der Parteiidentifikation die zentrale Rolle zukommt (im Überblick z.B. Falter et al. 1990; Bürklin & Klein 1998).
Marcus Maurer, Carsten Reinemann

3. Die Wirkungen von Fernsehdebatten

Zusammenfassung
Fernsehdebatten bieten den Zuschauern die seltene Gelegenheit, die Kandidaten ohne den Selektionsfilter der Massenmedien zu erleben — auch wenn dies nur via Bildschirm geschieht. Die relativ lange Sendezeit und die damit verbundene Möglichkeit der Kontrahenten, sich umfassend zu äußern, unterscheidet TV-Duelle fundamental von Fernsehnachrichten. Dort haben Politiker allenfalls die Chance, kurze „sound-bites“ abzugeben. Von anderen Fernsehformaten wie Talkshows, in denen den Kandidaten ebenfalls relativ viel Sendezeit zur Verfügung steht, unterscheiden sich die Fernsehdebatten vor allem in zwei Punkten: Zum einen stehen sich die Spitzenkandidaten unmittelbar gegenüber, so dass die Zuschauer Persönlichkeiten und Positionen direkt vergleichen können. Zum anderen finden TV-Duelle relativ kurz vor dem Wahltag statt. Zumindest ein Teil der Zuschauer nutzt sie deshalb aktiv als Hilfe für die eigene Wahlentscheidung. Ihre Dauer, ihre Terminierung und ihr konfrontativer Charakter machen einen wesentlichen Teil des Wirkungspotentials von TV-Duellen aus.
Marcus Maurer, Carsten Reinemann

4. Die TV-Duelle im Bundestagswahlkampf 2002: Entstehung und Ausgangslage

Zusammenfassung
Am 11. Januar 2002 erklärte die CDU-Vorsitzende Angela Merkel nach einem Frühstück im Haus des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber ihren Verzicht auf die Kanzlerkandidatur der CDU/CSU. Von diesem Moment an war Stoiber faktisch der Unionskandidat für die Bundestagswahl 2002. Fünf Tage später veröffentlichte die Bild-Zeitung auf ihrer Titelseite ein kurzes Statement Stoibers, in dem er ein TV-Duell mit Kanzler Schröder ins Gespräch brachte. Stoiber hatte dem Blatt demnach gesagt: „Ich nehme das Angebot des Kanzlers zu einem Fernsehduell gerne an.“Er plädierte für mehrere Duelle zu unterschiedlichen Themen, die schon im Frühjahr beginnen sollten. Schröder freilich hatte bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt kein konkretes Angebot unterbreitet. Am folgenden Abend (17. Januar) erklärte er in der ZDF-Talkshow Berlin Mitte jedoch sein grundsätzliches Einverständnis mit den TV-Duellen. Zugleich wies er Stoibers Zeitplanung aber entschieden zurück. Stattdessen schlug er zwei Duelle vor, eines vier Wochen vor der Wahl und eines unmittelbar vor dem Wahlsonntag.
Marcus Maurer, Carsten Reinemann

5. Die Zuschauer der TV-Duelle

Zusammenfassung
Fernsehdebatten in Wahlkämpfen bieten Politikern die Chance, sich an eine vergleichsweise große Zahl von Wählern gleichzeitig zu wenden. Dies bringt ihnen zwei wesentliche Vorteile: Erstens erreichen sie vermutlich Wählergruppen, die sie normalerweise nicht erreichen. Hierbei dürfte es sich vor allem um politisch weniger Interessierte handeln, die die täglichen Fernsehnachrichten gar nicht oder nur selten verfolgen. Zweitens bieten ihnen die TV-Debatten die Möglichkeit, ihre politischen Ansichten direkt an die Wähler weiterzugeben. Während ihre Stellungnahmen in den Fernsehnachrichten üblicherweise auf wenige Sekunden zusammen geschnitten und zudem in der Regel von Journalisten, Experten oder anderen Politikern kommentiert werden, haben sie in den Debatten deutlich mehr Zeit, ihre Sichtweisen darzustellen. Die Zuschauer können sich folglich ein eigenes, unverfälschtes Bild von den Kandidaten machen. Umstritten waren deshalb die Diskussionssendungen, die in allen Sendern unmittelbar nach den Duellen ausgestrahlt wurden und im Wesentlichen das Ziel hatten, den Zuschauern mithilfe von Experten, Laien und Umfrageergebnissen zu verdeutlichen, wer die Duelle gewonnen oder verloren hatte. Argumentiert wurde, dass sowohl Wähler, die nur die Nachberichte gesehen haben, als auch Wähler, die sich bereits anhand der Duelle ein eigenes Urteil gebildet hatten, durch die Nachberichte beeinflusst werden könnten. Wir wollen deshalb zunächst die Einschaltquoten von Duellen und Nachberichterstattung vergleichen.
Marcus Maurer, Carsten Reinemann

6. Anlage der Untersuchung

Zusammenfassung
In unserer Zusammenfassung des Forschungsstands über die Wahrnehmung und Wirkung von Fernsehdebatten (Kapitel 3) haben wir bereits angedeutet, dass eine Reihe von Fragen noch ungeklärt ist. Vor allem wissen wir bislang nur sehr wenig darüber, wie die Wirkungsprozesse, die durch Fernsehduelle ausgelöst werden, genau ablaufen. Wir wollen diese offenen Fragen hier zunächst noch einmal skizzieren, bevor wir das Untersuchungsdesign darstellen, mit dem wir sie beantworten wollen:
(1)
Einfluss von Voreinstellungen und Erwartungen auf die Wahrnehmung eines TV-Duells. Es gibt bislang kaum Studien, die systematisch den Einfluss von Voreinstellungen und Erwartungen auf die Wahrnehmung von Fernsehdebatten untersuchen. Es ist deshalb zwar bekannt, dass Voreinstellungen und Erwartungen relevant sind, nicht aber, in welchem Ausmaß sie die Wahrnehmung tatsächlich determinieren. So wissen wie z.B. nicht, ob die Anhänger eines Kandidaten ihn wirklich durchweg positiv wahrnehmen, den gegnerischen Kandidaten dagegen durchweg negativ.
 
(2)
Einfluss von Stimulusmerkmalen auf die Wahrnehmung eines TV-Duells Ebenfalls sehr selten untersucht wurde bislang, was die Wirkung eines Kandidaten bzw. seiner Aussagen in einem Duell ausmacht. Auf welche Art von Aussagen reagieren die Zuschauer, was lässt sie ungerührt? Und welche Unterschiede gibt es dabei zwischen verschiedenen Gruppen von Zuschauern, etwa zwischen den Anhängern und Gegnern eines Kandidaten oder zwischen Frauen und Männern?
 
Marcus Maurer, Carsten Reinemann

7. Die Inhalte des zweiten TV-Duells und der Medienberichte

Zusammenfassung
Bevor wir die kurzfristigen und langfristigen Wirkungen des zweiten TV-Duells untersuchen, wollen wir zunächst die Inhalte des Duells und der Medienberichterstattung über das Duell skizzieren. Wir haben hierzu quantitative Inhaltsanalysen des Duells, der Diskussionssendungen in ARD und ZDF unmittelbar nach dem Duell und der Vor- und Nachberichte über das Duell in den wichtigsten und reichweitenstärksten deutschen Fernsehnachrichtensendungen und Printmedien durchgeführt. Die Inhaltsanalysen bilden in erster Linie die Grundlage für die in den nächsten Kapiteln folgenden Wirkungsanalysen: Sowohl aus den Argumentationsstrategien der Kandidaten als auch aus ihrer Darstellung im Duell können Annahmen über die Wirkung des Duells auf die Zuschauer abgeleitet werden. Aus der Darstellung der Kandidaten in der unmittelbaren Nachberichterstattung und in den Medienberichten in den Tagen nach dem Duell können Annahmen über die Veränderungen der Meinungen der Wähler in den folgenden Tagen abgeleitet werden.
Marcus Maurer, Carsten Reinemann

8. Die Wahrnehmung des zweiten TV-Duells

Zusammenfassung
In diesem Kapitel wollen wir analysieren, wie die Zuschauer Schröder und Stoiber während des Duells wahrgenommen haben. Anhand der kurzfristigen Wahrnehmungen der Zuschauer während des Duells können wir erstens etwas darüber sagen, ob und wie Schröder und Stoiber die Zuschauer im Verlauf des Duells auf ihre Seite ziehen konnten. Zweitens betrachten wir die — positiven oder negativen — Eindrücke während des Duells als Voraussetzungen für längerfristige Wirkungen (z.B. Meinungsänderungen der Zuschauer über die Kandidaten), die auch am Wahltag noch Bestand hatten. Wir wollen hier zunächst die Frage diskutieren, auf welchen Eindrücken die Wahrnehmungen der Zuschauer während der Debatte basierten (8.1). Wir wollen dann aufzeigen, an welchen Stellen die Kandidaten die Zuschauer insgesamt am meisten überzeugt haben (8.2). Im dritten Schritt wollen wir untersuchen, ob sich die Wahrnehmungen einzelner Zuschauergruppen unterschieden haben (8.3). Schließlich geht es uns darum, unsere Befunde mithilfe der Rhetorik- und Persuasionsforschung einzuordnen und daraus allgemeine Aussagen darüber abzuleiten, wie Debatten gewonnen und verloren werden (8.4).
Marcus Maurer, Carsten Reinemann

9. Die Wirkungen des zweiten TV-Duells

Zusammenfassung
Wer „Gewinner“ und „Verlierer“ eines TV-Duells ist, hat für Medien, Kandidaten und Parteien eine besondere Bedeutung. Denn die Beantwortung dieser Frage erleichtert die Interpretation des Ereignisses, dessen Verlauf höchst komplex und dessen Auswirkungen zunächst völlig offen sind. Mit der Entscheidung über den Sieger erhält das Ereignis eine klare Deutung, die dessen Folgewirkungen maßgeblich bestimmt. Meinungsforschungsinstitute fragen die Wähler dabei z.B. danach, wer im Duell insgesamt „besser abgeschnitten“ hat oder wer das Duell „für sich entscheiden konnte“. Obwohl man mit Recht argumentieren kann, dass der so ermittelte Ausgang die vielfältigen Facetten eines TV-Duells nur sehr oberflächlich wiedergibt und nur sehr wenig über die Qualität der Argumente oder die politischen Kompetenzen der Kandidaten aussagt, ist die Frage von Sieger und Verlierer aus kommunikations- und politikwissenschaftlicher Perspektive dennoch von hoher Relevanz. Denn in der Regel kann nur der Kandidat auch in Form von Wählerstimmen von einem Duell profitieren, der als Sieger aus ihm hervorgeht. Gerade die Wähler, die ein Duell nicht selbst gesehen haben, können sich anhand dieser einfachen, reduzierten Botschaft schnell ein Bild vom Ausgang des Duells machen (vgl. Kapitel 3).
Marcus Maurer, Carsten Reinemann

10. Zusammenfassung: Nutzung, Wahrnehmung und Wirkung der TV-Duelle im Bundestagswahlkampf 2002

Zusammenfassung
Am 25. August und am 8. September 2002 wurden erstmals in einem deutschen Bundestagswahlkampf zwei Fernsehdebatten ausgetragen, an denen nur die beiden Kanzlerkandidaten von CDU/CSU (Edmund Stoiber) und SPD (Gerhard Schröder) teilnahmen. Anders als in den so genannten „Elefantenrunden“ vor den Bundestagswahlen 1969 bis 1987 wurden die kleineren Bundestagsparteien von der Debatte ausgeschlossen. Dies führte zu heftigen Protesten vor allem der FDP, die letztlich aber vor Gericht unterlag. Herausforderer Stoiber hatte die Duelle unmittelbar nach Bekanntgabe seiner Kandidatur im Januar gefordert, Amtsinhaber Schröder hatte rasch zugestimmt. Nach längeren Verhandlungen einigten sich die Vertreter der Parteien mit den Vertretern der übertragenden Sender RTL und SAT 1 (erstes Duell) sowie ARD und ZDF (zweites Duell) Ende April auf die Termine, die Moderatoren und die Regeln. Vorbild waren die Fernsehdebatten in amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfen, in denen die Kandidaten abwechselnd von einem oder mehreren Moderatoren befragt werden. Diskussionen zwischen den Kandidaten sollte es nicht geben. Die beiden TV-Duelle wurden von jeweils rund 15 Millionen Zuschauern gesehen. Unmittelbar nach den Duellen wurden Diskussionssendungen ausgestrahlt, die teilweise noch höhere Einschaltquoten hatten.
Marcus Maurer, Carsten Reinemann

Epilog: Die Zukunft der Fernsehdebatten in Deutschland

Zusammenfassung
Wird es vor zukünftigen Bundestagswahlen wieder Fernsehdebatten geben? Wie werden sie aussehen? Bis jetzt ist das weitgehend ungewiss. Wir glauben, dass es sie geben wird und geben sollte. Dafür sprechen vor allem zwei Argumente: Einerseits geben Fernsehdebatten den Kandidaten die Möglichkeit, ihre Positionen, Ziele und Argumente umfassend und in direkter Konfrontation mit dem politischen Gegner öffentlich darzustellen. Anderseits ermöglichen Fernsehdebatten den Wählern, diese Argumente zu hören und sich einen eigenen, Eindruck von den Kandidaten zu verschaffen. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass eine Reihe von Punkten überdacht und gegebenenfalls geändert werden müssen.
Marcus Maurer, Carsten Reinemann

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