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Über dieses Buch

Sehbeeinträchtigungen im Alter zu erfahren, gehört für zunehmend mehr Menschen zu einer herausfordernden Alltagssituation. Das Buch nimmt sich dieser Lebenssituation der Seniorinnen und Senioren an und diskutiert anhand von theoretischen, empirischen und praxisevaluierenden Beiträgen die Vielfalt der sinnesbeeinträchtigenden Herausforderung im Alltag der älteren Menschen. Mit dem Buch präsentieren Expertinnen und Experten aus dem deutschsprachigen Raum ihre Forschungsergebnisse und beschreiben ihre Beratungsprojekte. Sie liefern so einen Fundus für die praktische Arbeit mit älteren Menschen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einführung

Frontmatter

Einleitung

Zusammenfassung
Mit zunehmendem Alter wird für viele Menschen das Sehen schwieriger; aufgrund seiner hohen Auftrittshäufigkeit gilt das schlechtere Sehen als häufiges Kennzeichen des Altwerdens (Tesch-Römer und Wahl 2012). Neben den Beeinträchtigungen des Sehens, die z. B. durch eine Sehhilfe kompensiert werden können, nehmen im Kontext der demografischen Veränderung auch statistisch die schweren Sehbeeinträchtigungen bei älteren Menschen zu (WHO 2018). Aus diesem statistischen Bild der Zunahme von älteren Personen mit einer Sehbehinderung im Alter ergeben sich nicht nur Versorgungsfragen, sondern auch ein erhöhter Bedarf an lebenspraktischen/psychosozialen Beratungen und Rehabilitationsangeboten sowie die Notwendigkeit der wissenschaftlichen Aufbereitung und Evaluation des Themas in all seinen Facetten. Denn nicht nur zwischen dem Sehen und Nichtsehen lassen sich – gerade bei älteren Menschen – vielfältige Situationen beschreiben, sondern auch in Bezug auf den individuellen Umgang mit einer Sinnesbeeinträchtigung. Diese thematische Spannbreite bedingt die Notwendigkeit, nicht nur in ophthalmologischen Krankheitsbildern zu denken, sondern die Personen, die es betrifft, zu fragen, welche Wünsche, Bedürfnisse und Ziele sie haben und inwieweit – ihrer Meinung nach – die aktuelle Versorgungslandschaft darauf reagieren kann, damit sie ein selbstbestimmtes Leben mit bzw. trotz Sehbehinderung führen können (Köberlein-Neu et al. 2018).
Alexander Seifert, Sabine Lauber-Pohle

Grundlagen

Frontmatter

Sehbeeinträchtigung im Alter: Gerontologische Grundlagen

Zusammenfassung
Es ist das Ziel dieses Kapitels, schwerwiegende Sehverluste im höheren Alter aus einem primär gerontologischen Blickwinkel zu betrachten. Dabei verstehen wir Gerontologie als das Gesamt an wissenschaftlichen Bestrebungen, Alternsprozesse zu beschreiben, zu erklären und auch zu verändern. Aus der Vielzahl an notwendigen Disziplinen, die zu einem solchen Alternsforschungsprogramm beitragen, beziehen wir uns in diesem Beitrag v. a. auf die verhaltens- und sozialwissenschaftliche Gerontologie (Wahl und Heyl 2015a), d. h., es geht uns v. a. um mit schwerwiegenden Seheinbußen einhergehende Erlebens- und Verhaltenskonsequenzen sowie Bewältigungsformen. Es geht uns aber auch, eher sozialgerontologisch, um die Rolle von Sehbeeinträchtigung in einer alternden Gesellschaft, in der zwischenzeitlich vielfältige Formen eines „neuen“ Alterns ausprobiert und gelebt werden und schwerwiegende Funktionseinbußen möglicherweise nicht in diese „neue Zeit des Älterwerdens“ passen.
Hans-Werner Wahl, Vera Heyl

Wahrnehmungs- und Lebenswelten aus der subjektiven Perspektive von Menschen mit Sehverlust im Alter verstehen

Zusammenfassung
Die Wahrnehmungssituation infolge einer alterskorrelierten Sehbeeinträchtigung kann nicht mit der einer angeborenen Sehbeeinträchtigung verglichen werden. 70 oder mehr Jahre gesehen zu haben, bedeutet einerseits eine unendliche Fülle an Seh- und Handlungserfahrungen zu besitzen, welche das Handeln und die Orientierung auch in der immer noch visuell vorstellbaren Welt erleichtern können. Andererseits ist bekannt, dass viele Menschen nach einem alterskorrelierten Sehverlust nicht mehr an die über Jahrzehnte aufgebauten und bewährten Handlungsroutinen anknüpfen können und es ihnen darüber hinaus schwerfällt, einen anderen als einen visuell orientierten Zugang zu und Umgang mit der Welt zu entwickeln.
In diesem Beitrag werden wir uns auf der Grundlage der von uns durchgeführten ethnografischen Studie zur Wahrnehmungs- und Lebenssituation von Menschen mit alterskorrelierten Sehbeeinträchtigungen (Bender und Schnurnberger 2018) der Frage widmen, welche visuellen Wahrnehmungserfahrungen Menschen nach Sehverlust im Alter machen, welche Bedeutung den Seherinnerungen dabei zukommt und welche sozialen Erfahrungen sich an die je spezifischen Wahrnehmungssituationen anschließen. Im abschließenden Ausblick werden Ansatzpunkte für die Rehabilitationspraxis dargestellt.
Marion Schnurnberger, Carsten Bender

Motivation und Lernen im Alter

Zusammenfassung
Dieses Kapitel behandelt grundlegende Aspekte von Lernfähigkeit und Motivation im Alter. Theoretische Perspektiven werden mit aktuellen empirischen Befunden verknüpft und Bezüge zum Anwendungsfeld der Sehbeeinträchtigungen im späten Leben werden hergestellt. Dabei werden die Verschiebung motivationaler Kräfte über die Lebensspanne und die Bedeutung motivationaler Ressourcen für den Lernerfolg herausgestellt sowie Veränderungen der Leistungs- und Lernfähigkeit und die Rolle kognitiver Reservekapazität im Alter thematisiert. Außerdem werden verschiedene Personen- und Kontextfaktoren (z. B. Selbstwirksamkeit, Vorwissen, Obsoleszenzerleben, gesellschaftliche Altersbilder) diskutiert, die die Lernmotivation und den Lernerfolg im Alter beeinflussen können.
Jelena S. Siebert, Laura I. Schmidt

Ophthalmologische Versorgung im Seniorenheim: Die OVIS-Studie

Zusammenfassung
Reduzierte Sehkraft hat eine wesentliche Implikation auf die Teilhabe der Menschen im Alltag, auf deren Sturzrisiko und deren psychische Gesundheit. Durch eine Erfassung der aktuellen Versorgungslage und des Versorgungsbedarfs sowie eine detaillierte Identifikation der Hürden und Probleme können Lösungen entwickelt und die Versorgung bedarfsgerechter geplant werden.
Aufgrund des demografischen Wandels steigt die Anzahl der Menschen höheren Lebensalters, die in Seniorenheimen vollstationär gepflegt werden. Bereits 2005 hat die SÄVIP (Studie zur ärztlichen Versorgung in Pflegeheimen) – Studie einen fachärztlichen Versorgungsmangel in Heimen aufgezeigt (Hallauer et al. 2005). Verschiedene regionale Studien haben diese Tendenz auch im augenärztlichen Bereich bestätigt (Sadowski et al. 2000; Thederan et al. 2016). Vor diesem Hintergrund wurde in der OVIS-Studie bundesweit die ophthalmologische Versorgung in Seniorenheimen untersucht.
Hier werden die Ergebnisse der OVIS-Studie zusammengefasst und Perspektiven für die Verbesserung der ophthalmologischen Versorgung für die Zukunft aufzeigt.
Petra P. Larsen, Khotimakhon Islomova, Anne Schnetzer, Frank G. Holz, Robert P. Finger

Studien

Frontmatter

COVIAGE – den Alltag mit einer Sehbehinderung im Alter bewältigen

Zusammenfassung
Mit Zunahme des Anteils älterer Menschen in der Bevölkerung steigt auch die Zahl jener Personen, die erst im Alter neu mit einer Sehbeeinträchtigung konfrontiert sind. Aber wie bewältigen ältere Menschen mit einer erst im Alter erlebten Sehbehinderung ihr Alltagsleben, welche Einschränkungen erleben sie und welche Ressourcen setzen sie ein? Der vorliegende Beitrag nimmt sich dieser Fragen an. Grundlage hierfür ist die Schweizer Studie COVIAGE, bei der sowohl Personen mit einer sich erst im Alter manifestierenden, stärkeren Sehbeeinträchtigung als auch Personen ohne eine solche Beeinträchtigung zu ihrer Lebenssituation, ihrer Alltagsbewältigung und den eingesetzten Ressourcen befragt worden sind. Die Personen mit einer erst im Alter erfahrenen Sehbehinderung sprachen von einem spürbaren Verlust an Lebensqualität, gerade weil bisherige Aktivitäten nicht mehr vollumfänglich oder gar nicht mehr ausgeführt werden können und sie auf Hilfe angewiesen sind. Als wichtige Ressourcen für die Bewältigung der Beeinträchtigung wurden v. a. informelle Hilfen von Partnerinnen und Partnern, der Familie und von Freundinnen und Freunden genannt, daneben aber auch professionelle Hilfen. Ein Leben mit einer Sehbehinderung im Alter kann dann eher positiv bewältigt werden, wenn sich die Betroffenen proaktiv Bewältigungsstrategien aneignen, ihr Verhalten im Alltag daran anpassen, ausreichende Unterstützung sowohl informeller als auch formeller Art erhalten und annehmen sowie wenn das Umfeld adäquat mit der Sehbehinderung umgeht.
Alexander Seifert

Lebensqualität und Selbstständigkeit durch Rehabilitation

Zusammenfassung
Der folgende Beitrag stellt die Ergebnisse zweier Studien (Eval-LPF und Re-BuS) zur Förderung von Lebensqualität und Selbstständigkeit durch Schulungen in Orientierung und Mobilität (O&M) und Lebenspraktischen Fähigkeiten (LPF) vor. Für die erste Studie wurden zwölf Teilnehmende ausgewählt, die eine im Schnitt 20-stündige Schulung in LPF erhielten. Sie wurden vor und nach der Schulung in qualitativen Interviews nach ihrer aktuellen Lebenssituation und zusätzlich mit dem standardisierten Instrument WHO QOLBREF (Angermeyer et al. 2000) nach ihrer gesundheitsbezogenen Lebensqualität befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Schulungen günstig auf die allgemeine Aktivierung und die aktive Gestaltung des Lebens der Betroffenen auswirken. Eval-LPF kann als Vorstudie zur zweiten Untersuchung, Re-BuS, gesehen werden. In dieser quantitativ orientierten Studie wurden 70 Personen mit Blindheit und Sehbehinderung mithilfe des Fragebogens WHO QOL-100 (Angermeyer et al. 2000) zu ihrer gesundheitsbezogenen Lebensqualität befragt.
Die Ergebnisse beider Studien zeigen, dass gerade ältere Personen mit einer erworbenen Sehbeeinträchtigung von einer Schulung in O&M und LPF profitieren, und zwar nicht nur in den erwartbaren Aspekten wie einer erhöhten Orientierung und Mobilität im Alltag sowie einem besseren Zugang zu Informationen, sondern auch hinsichtlich ihrer Gesamtzufriedenheit. Eingebettet werden diese Ergebnisse in eine Reflexion über pädagogische und psychologische Konzeptionen zur Selbstständigkeit und Lebensqualität.
Sabine Lauber-Pohle

AugenBus – Mobile sozialmedizinische Beratung Sehbehinderter in Südbaden

Zusammenfassung
Die Beratungslandschaft für ältere Menschen mit Sehbeeinträchtigung ist noch weit davon entfernt, flächendeckend verfügbar zu sein. Insbesondere im ländlichen Raum sind Angebote häufig (noch nicht) verfügbar. Zudem besteht noch ein Defizit im Hinblick auf empirische Daten im Bereich der Versorgungsforschung für ältere Menschen mit Sehverlust.
Das Projekt „AugenBus“ wird als Kooperation der Blinden- und Sehbehindertenstiftung Südbaden, dem Blindenheim Freiburg, dem Augennetz Südbaden sowie der Klinik für Augenheilkunde des Universitätsklinikums Freiburg und der Katholischen Hochschule Freiburg durchgeführt. Der AugenBus ist auf seinen Fahrten durch ländliche Gebiete des Schwarzwaldes ausgestattet mit Hilfsmitteln und ophthalmologischen Untersuchungseinrichtungen; personell mit einem Augenarzt, einem Sozialberater und einer medizinisch-technischen Assistentin. Somit können bei den Untersuchungsterminen mehrere Ebenen der Beratung angeboten werden: medizinische Beratung, Hilfsmittelberatung und Sozialberatung. Das Angebot findet einmalig statt. In der Begleitevaluation konnten N = 114 Personen zu dem Angebot befragt werden. Der Fokus der Befragung lag auf Lebensqualitätsparametern und Aspekte der Alltagsbewältigung. Es konnten keine direkten Verbesserungen im Hinblick auf die Lebensqualität beobachtet werden, jedoch wird die weitgehende Stabilität der Werte aufgrund der häufig progredient verlaufenden, alterskorrelierten Augenerkrankungen als positives Signal gewertet. Insgesamt wäre es für eine Weiterentwicklung des AugenBusses aus unserer Sicht empfehlenswert, wenn die Angebotsstruktur noch durch einen psychosozialen Baustein ergänzt bzw. die Sozialberatung durch nachfassende Termine erweitert werden könnte. Das Projekt bedient damit zweierlei Desiderata: Zum einen möchte es eine neue Versorgungspraxis etablieren und zum anderen soll das Projekt einen Beitrag zur Verbesserung der Datenlage über Versorgungsinfrastrukturen liefern.
Ines Himmelsbach, Jürgen Spiegel, Lucas Wolski, Thomas Neß

Versorgungsforschung

Frontmatter

Versorgung der Sehbeeinträchtigung älterer, zuhause lebender Menschen

Zusammenfassung
Die Versorgungsforschung beschreibt und analysiert die Versorgung der einzelnen Bürger sowie der Bevölkerung unter realen Alltagsbedingungen. Sie ergänzt damit die Ergebnisse aus der klinisch-evaluativen Forschung und muss als zyklischer Prozess verstanden werden, an dessen Anfang stets ein Abbild einer Ist-Situation stehen sollte. Hiervon ausgehend und am Bedarf orientiert können neue Konzepte für Verbesserungen im Gesundheitswesen entwickelt und evaluiert werden.
Für die Weiterentwicklung der Versorgung von Sehbeeinträchtigungen bei älteren, zuhause lebenden Menschen in Deutschland standen bisher nur wenige Erkenntnisse zur Ist-Situation zur Verfügung. Das Projekt „Sozioökonomische Bedeutung von Blindheit und Sehbehinderung in Deutschland“, welches von der Bergischen Universität Wuppertal und der Universitäts-Augenklinik Bonn durchgeführt wurde, hatte daher zum Ziel, eine erste deskriptive Darstellung der Versorgungssituation von Menschen mit Blindheit oder Sehbehinderung vorzunehmen. Für ältere, zuhause lebende Personen zeigte sich, dass die genutzten Versorgungsangebote abhängig vom Zeitpunkt sind, zu dem die Befragten in ihrer Krankheitshistorie erreicht werden. So weisen beispielsweise frühsehbehinderte Menschen im Alter weniger ambulante Arztkontakte auf als spätsehbehinderte Personen. Ähnliche Tendenzen lassen sich für die Inanspruchnahme formeller und informeller Unterstützungsleistungen beobachten. Frühsehbehinderte Befragte unter 70 Jahren nahmen häufiger Hilfeleistungen in Anspruch als Personen im Alter von 70 Jahren und älter. Ursächlich hierfür könnte sein, dass der in der Anfangszeit vermehrt auftretende Unterstützungsbedarf bei einfachen, alltäglichen Aufgaben in späteren Jahren von den Betroffenen reduziert werden kann. Bei den Unterstützung leistenden Personen handelte es sich mehrheitlich um die Ehepartner oder andere Familienmitglieder.
Die im Beitrag vorgestellten Projektergebnisse liefern erste deskriptive Hinweise auf die Versorgung der Sehbeeinträchtigung älterer, zuhause lebender Menschen. Um die Ist-Situation abschließend beurteilen zu können, sollten an das Projekt jedoch weitere Untersuchungen anknüpfen, welche v. a. der Frage nachgehen, ob die Versorgungssituation dem Bedarf von Menschen mit Blindheit oder Sehbehinderung entspricht.
Juliane Köberlein-Neu

Sehbehinderung und Blindheit im Alter – eine Herausforderung für die stationäre Altenpflege

Zusammenfassung
Sehbehinderung und Blindheit im Alter nehmen aufgrund des demografischen Wandels zu und wirken sich auf viele Bereiche des täglichen Lebens aus. Für die stationäre Altenpflege bedeuten Sehbehinderung und Blindheit eine Herausforderung, die in ihrer Bedeutung bislang oft unterschätzt wird. Die mangelnde augenmedizinische Versorgung in Senioreneinrichtungen konnte durch die Würzburger Studie „Sehen im Alter“ (2012–2015) nachgewiesen werden, in der sich u. a. zeigte, dass jede fünfte Bewohnerin bzw. Bewohner einer Pflegeeinrichtung eine akut behandlungsbedürftige Augenerkrankung aufweist. Ausgehend von diesen Ergebnissen wurde 2016 auf Anregung von sechs bayerischen Pflegekassen in Kooperation mit dem Blindeninstitut Würzburg das Präventionsprogramm „Gutes Sehen in Pflegeeinrichtungen“ ins Leben gerufen. Mit dem Präventionsgesetz (§ 5 SGB XI), das Pflegekassen zur Erbringung präventiver Leistungen in Senioreneinrichtungen verpflichtet, wurde dafür die Voraussetzung geschaffen. Als zentraler Ansatz steht dabei die Prävention in der Lebenswelt im Fokus. Das Konzept des Präventionsprogramms besitzt eine interdisziplinäre und ganzheitliche Ausrichtung und ist damit eng an die Handlungsfelder des Präventionsgesetzes angelehnt. Vor Ort werden Seniorinnen und Senioren untersucht, Angehörige informiert sowie Leitung und Beschäftigte der jeweiligen Einrichtung geschult und beraten. Erste Ergebnisse aus der Praxis des Präventionsprogramms zeigen, dass ein großes Verbesserungspotenzial in der stationären Altenpflege besteht. Besonders die Bereiche der augenmedizinischen Versorgung, des Wissensstandes des Personals und der barrierefreien Gestaltung der Senioreneinrichtungen gilt es zu unterstützen und gezielt zu stärken.
Sabine Kampmann, Franziska Lutz

Gerontagogische Pflege bei älteren Menschen mit Sehbeeinträchtigung

Zusammenfassung
Der gerontagogische – rehabilitative – Ansatz bei Sinnesbehinderung im Alter ist aussichtsreich: Selbstständigkeit und Allgemeinzustand können verbessert werden. Gerontagogische Pflege und Betreuung berücksichtigen die Sinnesbehinderung bei älteren Menschen als Behinderung und nicht als Krankheit. Ihr Potenzial entfalten sie, wenn auch das Umfeld (Milieu) sinnesbehindertenfreundlich (das heißt auch sozial barrierefrei) gestaltet und in die Pflege und Betreuung einbezogen wird. Der Beitrag stellt die wichtigsten Ansätze der Gerontagogik vor. Es werden Ergebnisse aus konkreten Umsetzungsprojekten referiert, die sich in diesen Projekten zeigenden Herausforderungen für die Praxis der Langzeitpflege benannt und Vorschläge für die Umsetzung formuliert.
Fatima Heussler, Magdalena Seibl

Sehbehinderung und Partnerschaft – Partnerschaft als Ressource

Zusammenfassung
Erworbene Sehbehinderungen sind aufgrund der großen Anzahl Betroffener, ihrer voraussichtlichen Zunahme aufgrund des demografischen Wandels und ihrer umfassenden Auswirkungen einer entsprechenden Beeinträchtigung auf alle Lebensbereiche ein zentrales Thema unserer Gesellschaft, welches in den vergangenen Jahren vermehrt in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt ist. Sich mit den Auswirkungen eines Sehverlustes auf die Partnerin bzw. den Partner und die Partnerschaft zu befassen, welche oftmals zum unmittelbaren Lebensbereich eines Menschen mit einer erworbenen Sehbehinderung gehört, ist somit ein zentrales Thema. Obwohl die Partnerinnen und Partner von der Sehbehinderung ihrer Lebensgefährtinnen und -gefährten sowohl direkt als auch indirekt betroffen sind, gibt es nur wenige Studien, die sich mit dem Einfluss einer Sehbehinderung auf die Partnerinnen bzw. Partner und die Partnerschaft befassen. Dies ist insbesondere dahingehend überraschend, als dass die Partnerschaft unlängst als eine zentrale Ressource für die Aufrechterhaltung der psychischen und physischen Gesundheit und die Lebenszufriedenheit bis ins hohe Alter identifiziert wurde. Insbesondere fehlt es bislang an Wissen darüber, welche partnerschaftlichen Faktoren eine Adaption an ein Leben mit einer Sehbehinderung bzw. mit eine Partnerin oder einem Partner mit einer Sehbehinderung erleichtern bzw. erschweren. Das bereits in anderen Kontexten erfolgreich eingesetzte Konzept der We-Disease bildet in diesem Zusammenhang eine theoretische Grundlage und ermöglicht eine systemisch-ressourcenorientierte Sichtweise auf die Anpassung beider Partner an eine Sehbehinderung, welche Möglichkeiten eröffnet, Betroffene und ihre Partnerinnen und Partner gezielt zu unterstützen. Es ist jedoch weitere Forschung notwendig, um die Prozesse der gegenseitigen Beeinflussung und Abhängigkeit zwischen den Partnern besser zu verstehen und die Ressource Partnerschaft im Kontext einer erworbenen Sehbehinderung eines Partners und speziell auch im Alter gezielt fördern zu können.
Christina J. Breitenstein

Praxis psychosozialer Beratung

Frontmatter

Versorgungslandschaft in Deutschland: Landkarten und Internetangebote

Zusammenfassung
Das Finden und Einordnen von Informationen über passende Beratungsangebote oder -tools im Internet für ältere Menschen, die von einer Sehbeeinträchtigung betroffen sind, hat sich in den letzten 15 Jahren enorm entwickelt. Allerdings ist der Zugang, sofern allererste Studien diesen Schluss erlauben, noch äußerst voraussetzungsvoll. So bedarf der Ratsuchende bereits eingehendere Vorkenntnisse zu alterskorrelierten Sehstörungen. Der Beitrag stellt zunächst Sinn und Nutzen einer Online-Recherche im Hinblick auf Beratungsmöglichkeiten bei Sehverlust im Alter vor, berichtet anschließend von einer eigenen Online-Recherche und stellt dann wertvolle Angebote wie erste Landkarten zur Beratungslandschaft bei Sehbehinderung im Alter (dbsv.​org, amd-netz.de, blickpunkt-auge.​org) und erste Applikationen für das Smartphone vor. Beratungslandkarten sind eher überblicksartige Zusammenstellungen von Beratungsangeboten für potenzielle Nutzerinnen und Nutzer. Smartphone-Applikationen stellen eher einen individuellen Begleiter bei Sehbeeinträchtigung mit hilfreichen Informationen zur Erkrankung dar, fungieren aber auch als wichtiger Begleiter für einen Arztbesuch. Am Ende werden diese neu entstehenden und jüngst entstandenen Optionen diskutiert sowie die Schwierigkeiten ihrer Entstehung benannt und über wünschenswerte Erweiterungen berichtet.
Ines Himmelsbach

Beraten B – Erfahrungen aus der Praxis der Rehabilitation älterer Menschen mit Sehbeeinträchtigung

Zusammenfassung
Beraten B ist eine Beratungsstelle für Personen mit einer Sehbehinderung. Mit dem Thema „Ältere Menschen mit Sehbeeinträchtigung“ beschäftigt sich die Beratungsstelle bereits seit langer Zeit. Die Beratung beruht auf einer ICF- und ergotherapeutisch-orientieren Rehabilitationsarbeit mit der Intention einer psychosozialen Wirkung für den Alltag. Die Förderung der Aktivitäten und der Teilhabe steht im Vordergrund. Handlungs- und alltagsbezogene Methoden werden in der Rehabilitation angewendet. In dem Beitrag werden praxisnahe und -relevante Befunde von 149 älteren Klientinnen und Klienten zu ihren im Erstgespräch (Intake-Gespräch) geäußerten Ausgangsanliegen und zu ihrem Bewältigungsbedarf dargestellt. Zudem wird die konkrete Rehabilitationsarbeit mit älteren Personen beleuchtet. Im Vordergrund stehen Schwierigkeiten im Kontext des Lesens; weitere dominierende Themen sind in den Bereichen Beleuchtung/Blendung, Mobilität und manuelle Tätigkeiten anzusiedeln. Sowohl in den Anliegenthemen als auch in den Rehabilitationsverläufen lassen sich Unterschiede zwischen den Altersgruppen 65 bis 85 Jahre und 86 plus beschreiben. Vor dem Hintergrund der Praxiserfahrungen werden abschließend erlebte Spannungsfelder in der Rehabilitationsarbeit diskutiert.
Markus Sutter, Alexander Seifert

Beratung im ländlichen Raum – die mobile Seniorenberatung an der blista

Zusammenfassung
Die mobile Seniorenberatung der Deutschen Blindenstudienanstalt Marburg (blista e. V.) bietet seit 2012 eine aufsuchende Beratung von Seniorinnen und Senioren mit Blindheit und Sehbehinderung in ihrem gewohnten Wohnumfeld an. Die Beratung umfasst eine erste Information zur eigenen Erkrankung, Informationen zu Unterstützungsleistungen und Supportstrukturen sowie die Vorstellung von Hilfsmitteln und Rehabilitationsmöglichkeiten. Grundlage für das Konzept ist ein Modell psycho-sozialer Beratung, dass sowohl auf den Faktor Blindheit/Sehbehinderung als auch auf das gesamte Lebensumfeld eingeht und gegebenenfalls an weiterführende und zusätzliche Angebote verweist. Auffallend ist, dass die Nutzerinnen und Nutzer des Angebots überdurchschnittlich hochaltrig sind und im ländlichen Raum mit tendenziell geringen Versorgungsmöglichkeiten leben. Der Artikel gibt einen Überblick über das Beratungsangebot, das zugrunde gelegte Konzept sowie Erkenntnisse aus der Analyse der Beratungsdokumentation.
Sabine Lauber-Pohle

Blickpunkt Auge: Rat und Hilfe bei Sehverlust – ein Beratungsangebot der Selbsthilfe

Zusammenfassung
Die Beratungslandschaft für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung im höheren Lebensalter und für ihre Angehörigen hat sich in den letzten Jahren deutlich erweitert und ausdifferenziert.
Seit 2010 hat sich Blickpunkt Auge zum Beratungsangebot des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes e. V. (DBSV) und seiner Landesvereine entwickelt. Das Projekt wurde initiiert, um früher als bisher die Menschen anzusprechen, die erst im Laufe ihres Lebens mit einem Sehverlust konfrontiert werden und Rat und Hilfe suchen. Die Besonderheit besteht darin, dass hier Betroffene von Betroffenen unterstützt werden. Letztlich wollte der DBSV mit Blickpunkt Auge einen Beitrag zur Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit Sehverlust und ihren Angehörigen leisten. Dieses Ziel verfolgt auch das Aktionsbündnis „Sehen im Alter“, jedoch anders als Blickpunkt Auge auf der gesellschaftlichen, fachlichen und politischen Ebene.
Der Beitrag gibt einen Überblick über die Entwicklung von Blickpunkt Auge vom Projekt zum Regelangebot. Daneben wird der Zusammenhang mit dem Aktionsbündnis „Sehen im Alter“ hergestellt und der Träger beider Initiativen, der DBSV, vorgestellt.
Angelika Ostrowski
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