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13.05.2022 | Selbstmanagement | Kolumne | Online-Artikel

Wut ist eine wertvolle Ressource

verfasst von: Amel Lariani

3:30 Min. Lesedauer
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Führungskräfte sind professionell, entscheidungsstark, leistungs- und lösungsorientiert, Teamplayer mit Contenance. Das Menschenbild des Homo oeconomicus, des zweck-rational handelnden Akteurs, stößt in der neuen Arbeitswelt aber an Grenzen. Emotionen wie Wut sollten neu bewertet werden.
 

Der berufliche Kontext macht einen Großteil unseres Lebens aus. Wir verbringen teilweise mehr Zeit am Arbeitsplatz als zu Hause. Selbst im Homeoffice, wie es derzeit der Fall ist, schalten wir auf Professionalität um. Diese Trennung zwischen Berufs- und Privatleben, mit allem was damit verbunden ist, braucht dringend einen Paradigmenwechsel.

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Wer als Führungskraft erfolgreich sein will, muss Mitarbeiter, Kollegen und Vorgesetzte für sich und die Ziele des Unternehmens gewinnen. Gerade in disruptiven Zeiten gelingt das nicht allein mit Fakten. 

Es ist notwendig, eine neue Sichtweise des Seins vorzubauen, um der Transformation nicht hinterherzuhinken. Gerade wenn wir von emotionalen Kompetenzen reden, braucht es Raum für Emotionen. Solange wir Wut als Charakterschwäche ansehen, sind wir für die neue Arbeitswelt nicht gerüstet. Wir brauchen ein ganzheitliches Menschenbild, ein Bild, in dem Körper, Seele und Geist sowie das Umfeld als lebendiges System miteinander verbunden sind. Sie beeinflussen sich gegenseitig, und als Ganzes machen sie den einzelnen Menschen aus.

Emotionen im Beruf gelten als schlecht

Wut und andere im beruflichen Kontext negativ belegte Emotionen spielten bislang im Konfliktmanagement wenig oder nur untergeordnet eine Rolle. Es konzentrierte sich stark auf die Sachebene, die Issues. Die meisten Ansätze machen die Interessen hinter den Positionen sichtbar, um es für das Konfliktgegenüber verständlich zu machen. Dabei wurden im Kommunikationsprozess Gefühle teilweise benannt, jedoch kaum bearbeitet oder gar als Ressource für die Konfliktlösung gesehen.

Wut ist eine machtvolle und ungenutzte Ressource, um in unsere Ganzheit zu kommen. Sie vermittelt klare Grenzen, setzt Warnsignale, befreit von inneren Spannungen und bringt Einsichten in die persönliche Schwachstellen im Umgang mit der Wut

Manche Forscher gehen davon aus, dass unterdrückte Wut zu Niedergeschlagenheit, Trauer, Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwäche bis hin zur Depression führen kann. In Anbetracht der gestiegenen Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund von Depression, wird es zunehmend wichtiger, die Wut differenziert zu betrachten. Und vor allem zu verstehen, in welchen Situationen sie uns helfen und weiterbringen kann - und wann sie uns schadet.

Wut als Katalysator nutzen

Neulich hat eine Führungskraft mich mit den Worten kontaktiert "Ein Kunde hat es geschafft mich so zu reizen, dass ich kurz explodiert bin. Ja, ist menschlich und ein Profi wäre cool geblieben." Als wir die Situation im Coaching analysiert haben, kam heraus, dass sie lediglich lautstark eine Grenze gesetzt hat, weil das ganze Projekt sich im Kreis drehte. Sie ist den Kunden weder persönlich angegangen, noch wurde sie ausfallend. Es war ein wütendes "Es reicht!“ 

Als Reaktion darauf wurden alle ruhig. Der machtvolle Ausdruck in der Wut ist transformativ, er veränderte die Stimmung schlagartig und das ist der Sinn von Wut. Eine klare Grenze zu setzen. Nach dem Meeting hat sie für den Kunden einen Lösungsvorschlag erarbeitet, um das Projekt zeitnahe freigeben zu können. Dieser wurde dankend angenommen. Was übrig blieb war die Unsicherheit über die Wirkung, die der Ausbruch hinterlassen hat und das Gefühl nicht professionell gehandelt zu haben. Wir haben eine Stunde lang über Wut als Ressource geredet und gemeinsam eine Vorgehensweise entwickelt, wie sie das Thema in ihrem nächsten Meeting anspricht.

Authentische Führung lässt Raum für Gefühle

Es ist wichtig, dass wir Zugang zu unserer emotionalen Welt finden, uns emotional anbinden, den Umgang im Ausdruck mit Emotionen bewusst erlernen. Emotion kommt von dem lateinische 'emovere' und bedeutet 'herausbewegen', 'zurückzuführen'. Worte wie Authentizität, emotionale Intelligenz oder Empathie verkommen zu leeren Worthülsen, wenn wir keinen Raum für Gefühle schaffen. Für mich persönlich war dieses Ereignis ein Paradebeispiel an authentischer Führung. Da ich die Führungskraft seit längerem begleite, weiß ich, das sie einen hohen Bewusstseinsgrad hat und es nicht ihrem Naturell entspricht, aus mangelnder Impulskontrolle, die Geduld zu verlieren. Sie hat sich der Situation angemessen herausbewegt.

Von daher wird es Zeit, sich in der Arbeitswelt die Frage zu stellen: Was braucht es, damit wir uns herausbewegen, um uns in unserer Ganzheit zu zeigen? Wenn wir dort ansetzen, kann wahrhaftig ein Kulturwandel stattfinden, in dem gesunde Organisationen entstehen. Mit den alten Menschen- und Führungsbildern werden Unternehmen in diesem transformativen Umbruch zunehmend an ihre Grenzen geraten.

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