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Über dieses Buch

Raimund Pousset gibt in diesem essential eine knappe Darstellung des Senizids, die moderne Form der kulturellen Altentötung. Er beleuchtet sowohl die Geschichte als auch die aktuelle Situation einer uralten Methode. Diese seit Jahrtausenden fast überall auf der Welt praktizierte Sitte, alte ‚nutzlose‘ Menschen aktiv zu beseitigen oder sich passiv selbst zu Tode zu befördern, wird heute zunehmend wiederbelebt. Der Senizid ist in unserer modernen, aufgeklärten Gesellschaft ein namenloser und stiller Skandal. Der Autor möchte diesen stillen Tod in den Fokus einer achtsamen Fachöffentlichkeit stellen, denn die Segregation des Alters und die Kostenlawine im Gesundheitswesen lassen vermuten, dass der Senizid weiter an trauriger Bedeutung gewinnen wird.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung

Der Senizid, der aktive oder passive Opfertod von alten Menschen oder die Senio-Euthanasie, reiht sich ein in die große Frage, wie eine gegebene Gesellschaft und aus welchen Gründen sie mit ihren Alten verfährt. Senizid ist eine seit langer Zeit weitverbreitete Maßnahme der Bevölkerungsregulation, um Kosten zu sparen oder des Überleben des Volkes zu sichern. Das Töten, die Thanasie von Menschen im Senium, dem Greisenalter, ist uns ganz nah. Nicht so sehr als Gewalttat, als Mord, sondern als rezente Selbsttötung (Autothanasie) durch die „Alten“, die Senioren selbst, etwa durch Erhängen, Vergiften oder Herabstürzen. Fixiert auf die Diskussion um den aktiven Altensuizid wird dabei fast immer übersehen, dass wir keine zurückgehaltenen oder zu viele Medikamente oder Giftspritzen brauchen, um Alte zu töten: es geht auch ganz legal, still und dezent im Senizid, einem Tod, der auf keinem Totenschein auftaucht. Insbesondere kommt hier der Inedia, dem freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF), Bedeutung zu. Der Prozess des Senizids, im Opfertod oder der Senio-Euthanasie, läuft bei uns seit vielen Jahren aktiv oder passiv, nahezu unbemerkt von der Forschung oder der reflektierten Praxis. Unser Sprachgebrauch zeigt uns, dass wir in unserer modernen Industriegesellschaft für diesen Tod kaum Blick oder Bewusstsein und schon gar keinen Begriff entwickelt haben. Dieser Tod ist namenlos bzw. wird – entlastend für die Gesellschaft – im ICD falsch über verschiedene Diagnosen etikettiert. Ein präziser Fachbegriff wie „Senizid“ oder auch „Gerontozid“ bzw. „Senilizid“ wird selbst in der deutschen Fachliteratur nur ganz selten verwendet und dann auch meist weit weg im Rahmen ethnologischer Forschung. Die Literatursichtung ergibt ein sehr überschaubares Bild, wenn wir die Suche auf die Fachbegriffe Senizid und Gerontozid oder im Englischen: senicide, senecide und geronticide bzw. gerontocide fokussieren. Ältere deutsche Autoren sprechen meist von „Altentötung“. Die vormoderne Altentötung wird primär von der Nützlichkeit, der moderne Senizid vom Kosten-Nutzen-Denken gesteuert. In neueren Veröffentlichungen wird das Thema Senizid zunehmend in eigenen Kapiteln oder Artikeln behandelt. Empirische Untersuchungen direkt zum Senizid existieren kaum. Hier in diesem Band werden die Ergebnisse einer eigenen kleinen, nicht repräsentativen Befragung vorgestellt.

Raimund Pousset

Kapitel 2. Senizid in der Vergangenheit

Der Senizid oder Alters-Pflicht-Suizid trat als Sitte global, aber nicht ubiquitär auf. Bis in die Erzählmotive hinein finden wir über weit entfernt liegende Kulturräume hinweg Gemeinsamkeiten und Konstanten, etwa das Tragen der moribunden Alten auf einen Berg. In frühen Erzählungen wird der Senizid umstandslos gerechtfertigt; spätere Berichte lassen bei der Überwindung und Warnung vor dem Töten der Alten humane Argumente zu. Oft äußerst sich die der Senizid rituell, öffentlich und festlich, manchmal auch still und individuell. Dem eigentlichen Senizid konnte eine lange Phase der Segregation – Marginalisierung, Missachtung und Ächtung vorausgehen – und geht heute wieder voraus! Die Alten wurden zunehmend verspottet, ignoriert, dann vernachlässigt, etwa indem ihnen das Essen weggenommen wurde und sie zum Betteln gezwungen waren, bis der Leidensweg in Euthanasie oder dem Verlöschen ein Ende fand. Ein Senizid ist nie Ausdruck einer extrem barbarischen Gesinnung, sondern setzt die hoch entwickelte Gedankenwelt von Bauern oder Hirten voraus und dient dem verantwortungsbewusstem Ziel, das Überleben des Clans zu sichern.

Raimund Pousset

Kapitel 3. Senizid heute

Heute werden beim aktiven Opfer-Tod von Senioren Methoden gewählt, die auch der aktive Suizid kennt, nur ist das Motiv hier altruistisch: etwa Erhängen, In-die-Tiefe-springen, Tabletten, Gift, Erschießen, Entleiben oder In-die Luft-Sprengen. Im Alter wirken wichtige Motive für den Suizid: Depressivität, mangelnde Selbstachtung und Hoffnungslosigkeit. Wir viele Befunde der Ethnologie zeigen, fanden überall auf der Welt Menschen einen Weg, passiv und still aus dem Leben zu scheiden. So konnten sie in die Savanne oder auf einen Berg gehen, um sich zum Sterben hinzulegen. Ego ist aufgrund seiner kulturellen Einbindung und Introjektion des Todeswunsches bereit, nach der als richtig erachteten Norm zu sterben. Bei Menschen jeden Alters kann in Extremsituationen im Psychogenen Tod ein Aufgeben oder ein „gebrochener Lebenswille“ mit Todesfolge ohne direkte medizinische Ursachen wie Störungen oder Krankheiten beobachtet werden. Émile Durkheim hat diese Todesart als fatalistischen Suizid erkannt, relativ kurz beschrieben und Gefängnisinsassen als Beispiel benannt. In dieser hoffnungslosen Tunnel- oder Käfig-Situation bringt ein selbstgewählter Tod per reiner Vorstellungskraft Erlösung. Hierbei opfert sich der alte Mensch nicht selbst, sondern er wird vom Umfeld geopfert. Euthanasie kann bona fide sowohl aktiv im „Gnadentod“ erfolgen, als auch passiv, etwa durch Abstellen von lebenserhaltenden Geräten, jeweils ohne Einwilligung von ego. Der Begriff „Euthanasie“ ist speziell in Deutschland mit problematischen Konnotationen verbunden, denn „Euthanasie“ wurde von den Nationalsozialisten aufgrund ihrer kruden Rassenlehre und Eugenik besonders in der T4-Aktion euphemistisch besetzt.

Raimund Pousset

Kapitel 4. Der Stille Tod

Sterbefasten (FVNF) durch Inedia kann als bewusster und autonomer Weg der Selbsttötung auftreten, derselbe Tod kann auch als Opfertod, also des Sterbens von ego primär für alter im Verlöschen stattfinden. Weiterhin kann ein alter Mensch im Psychogenen Tod (Stress-Tod) heteronom aus dem Leben scheiden. Diese drei Todesarten seien zusammengefasst „Stilles Sterben“ oder „Stiller Tod“ genannt, weil keine von außen kommende Gewalteinwirkung zu beobachten ist. Beim Stillen Tod im gewaltfreien Senizid führt ego die Autothanasie an sich selbst passiv durch, um Leiden anderer Personen (Familie, Clan) zu beenden oder (vorauseilend) fremde Wünsche oder Traditionen zu erfüllen. Alte Menschen sind betroffen, die alter „nicht mehr zur Last“ fallen wollen und sich einen natürlichen und gewaltfreien Weg suchen. Es werden also keine „harten“ Methoden angewendet, sondern stille oder natürliche. Der Moribunde hat den gesellschaftlichen Todeswunsch internalisiert, er gibt sich selbst auf. Stress und Angst führen dazu, dass ihn sein Lebenswille verlässt. Der Psychogene Tod als Teil des Stillen Todes ist ein reaktives Streben im Stresstod. Neben der natürlichen und der unnatürliche Todesart sollte man den Tod durch Inedia und den Psychogenen Tod besonders herausstellen. Wir könnten den Psychogenen Tod und Inedia als die „dritte Todesart“ oder auch die „stille Todesart“ bezeichnen. Für diese Todesart sollte das ICD eigene Ziffern und in der Todesbescheinigung („Totenschein“) eine eigene Rubrik „stiller Tod“ bereithalten.

Raimund Pousset

Kapitel 5. Überblicks-Schaubild: Suizid und Senizid

Wissenschaften wie Medizin, Gerontologie oder Thanatologie haben bisher kein fundiertes und standardisiertes Verständnis von Suizid (A), Senizid (B), Sterbehilfe (C) und Senio-Euthanasie (D) und ihrer „Methoden“ formuliert. Deshalb greift die höchste Rechtsprechung auch auf eigene Definitionen zurück, etwa was unter „Behandlungsabbruch“ zu verstehen sei. Ein umfassenden Verständnis der Thematik wird im nachfolgenden Schaubild versucht zu entwickeln.Das Überblicks-Schaubild (siehe: Tab. 1) hat dabei zuvörderst die beiden übergreifenden Bereichen Suizid (A) und Opfertod/Senizid (B) und ihr Verhältnis zueinander im Blick. Um auch sämtliche weitere Todesarten von Sterbehilfe (C) und Senio-Euthanasie (D) bestimmen zu können, sowie deren Förderung durch alter, ziehen wir die folgenden vier Dichotomien heran, die sog. Schwestern-Tugenden darstellen:Autonom – heteronomAktiv – passivEgoistisch – altruistischNatürlich – unnatürlichDer Senizid umfasst im Schaubild die Bereiche Opfertod/Senizid (B) Senio-Euthanasie (D).Jeder Gesamtüberblick wird, trotz aller Systematik, nicht ohne Graubereiche auskommen, nicht weil die Definitionen unklar wären, sondern weil nicht immer zutreffend von äußeren Handlungen auf die inneren Motive des Menschen geschlossen werden kann. Dinge lassen sich definieren, aber nicht immer hinreichend erkennen.

Raimund Pousset

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