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Über dieses Buch

Der Wiener Kreis ist aus dem Geistesleben des 20. Jahrhunderts nicht wegzudenken. Anknüpfend an Russell und Einstein versucht ein Team von Mathematikern, Naturwissenschaftlern und Philosophen die Grundlagen einer wissenschaftlichen Weltauffassung zu legen, im scharfen Gegenwind der reaktionären Politik der Zwischenkriegsjahre. Anschaulich, einfach und einprägsam stellt Karl Sigmund eine der spannendsten Episoden der radikalen Moderne dar - einer Episode, die vom Nationalsozialismus zerstört wurde, aber im angelsächsischen Exil reiche Früchte trug. Viele der damals angerissenen Fragen haben heute noch ihre Auswirkungen: Es führt eine Linie von der symbolischen Logik Carnaps und Gödels zur Informatik, und die wissenschaftliche Weltauffassung ist so selbstverständlich geworden, dass wir sie kaum mehr wahrnehmen. Ein Buch für alle an der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts Interessierten, das naturwissenschaftlich und geisteswissenschaftlich orientierte Leserinnen und Leser in gleichem Maß anspricht.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Der Wiener Kreis auf den Punkt gebracht

Im Jahr 1924 gründen ein Philosoph, Moritz Schlick, ein Mathematiker, Hans Hahn, und ein Sozialreformer, Otto Neurath, einen philosophischen Zirkel in Wien.
Moritz Schlick und Hans Hahn sind Professoren an der Universität Wien, Otto Neurath Direktor des Wiener Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums.
Ab 1924 trifft sich der Zirkel regelmäßig an Donnerstagabenden in einem kleinen Hörsaal in der Boltzmanngasse, um philosophische Fragen zu diskutieren: Wodurch zeichnet sich wissenschaftliche Erkenntnis aus? Haben metaphysische Aussagen einen Sinn? Worauf beruht die Gewissheit von logischen Sätzen? Wie ist die Anwendbarkeit der Mathematik zu erklären?
Karl Sigmund

2. Die streitbaren Zwillinge

Die Weichen für den Wiener Kreis wurden schon im Jahre 1895 gestellt, als man einen Physiker auf eine Lehrkanzel für Philosophie an die Wiener Universität berief. Der Physiker hieß Ernst Mach.
Die Stelle war Mach gewissermaßen auf den Leib geschneidert; aber wenig später musste er sie niederlegen, gelähmt durch einen Schlaganfall. Machs Vorlesung übernahm ein anderer Physiker, Ludwig Boltzmann. Auch das währte nicht lang, denn Boltzmann erhängte sich. Doch innerhalb weniger Jahre hatten die zwei weltberühmten Physiker durch ihre Passion für die Philosophie eine Generation von Studierenden geprägt. Das machte die beiden zu den Urvätern des Wiener Kreises.
Karl Sigmund

3. Urkreis und Umfeld

Die Persönlichkeiten von Mach und Boltzmann prägten die Generation der jungen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nach der Jahrhundertwende in Wien.
„Seltsam genug, aber in Wien waren alle Physiker Anhänger von Mach und Boltzmann. Es war nicht so, dass man wegen Mach irgendeine Abneigung gegen Boltzmanns Atomtheorie hatte.“
Das schrieb Philipp Frank (1884-1966), der seine Dissertation unter Ludwig Boltzmann begonnen und erst nach dessen Freitod abgeschlossen hatte. Frank gehörte zu jener kleinen Gruppe, die zum Vorläufer des Wiener Kreises wurde.
Karl Sigmund

4. Der Kreis kommt ins Rollen

Jemand musste die Pläne verraten haben, denn ehe die Truppen ihre Stellung bezogen, geriet die Ostfront gehörig ins Wanken. Die Stadt Czernowitz wurde bereits nach wenigen Kriegswochen von russischen Truppen besetzt. Hans Hahn verlor im Spätsommer 1914 sowohl sein Haus als auch seine scheinbar so sichere Stellung an der Franz-Josephs-Universität; seine Frau Lilly suchte mit ihrer kleinen Tochter in Wien Zuflucht.
Hahn wurde zur k.k. Armee eingezogen und kam an der italienischen Front zum Einsatz. Ein Schuss verwundete ihn 1915 schwer. Bis an sein Lebensende steckte eine Kugel in seinem Rückgrat, so nahe am Rückenmark, dass die Ärzte es nicht wagten, sie zu entfernen. Nach einem monatelangen Spitalsaufenthalt entließ die Armee den Invaliden.
Karl Sigmund

5. Der Wendepunkt des Kreises

Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus prägte den Schlick-Zirkel in seinen frühen Jahren.
„Das Interesse des Wiener Kreises“, notierte Karl Menger, „verschob sich von der Analyse der Empfindungen zur Analyse der Sprache, von Mach zu Wittgenstein.“
Auch Moritz Schlick ortete eine „Wende der Philosophie“. Wittgensteins orakelhafter Text faszinierte den Wiener Kreis und nicht nur das: Er polarisierte von Beginn an. Nicht alle Mitglieder stimmten den Thesen der knappen Abhandlung zu. So witterte Neurath hinter den meisten Sätzen Wittgensteins Metaphysik, in seinen Augen eine philosophische Todsünde. Doch Hahn und Schlick waren tief beeindruckt.
Karl Sigmund

6. Der Zirkel macht sich einen Namen

Der Schriftsteller Heimito von Doderer, Autor der Strudlhofstiege, hat den Ruhm mit einem Schlachtschiff verglichen: schwer in Fahrt zu setzen, doch dann kaum zu stoppen.
Schlicks Name wurde auch außerhalb des deutschen Sprachraums in Philosophenkreisen ein Begriff. Für das Sommersemester 1929 erhielt er eine Einladung nach Stanford, jener Universität, von der Ludwig Boltzmann als „El Dorado“ geschwärmt hatte.
Schlick nahm die Einladung gerne an. Seit seiner Vermählung mit Blanche im Jahr 1907 war er nicht mehr in den Vereinigten Staaten gewesen. Jetzt rückte schon die silberne Hochzeit heran. Kalifornien war gerade das Rechte für den sonnenhungrigen Philosophen; im Herbst wollte er wieder zurück in Wien sein.
Karl Sigmund

7. Der Wiener Umkreis

Auch während der zweiten, öffentlichen Phase des Wiener Kreises, also ab dem Jahr 1929, blieben seine Sitzungen eine rein private Angelegenheit: ein akademisches Privatissimum, zu dem man von Moritz Schlick eingeladen wurde.
Doch viele Mitglieder wollten mehr, als nur unbeschwert vor sich hin zu debattieren.
„Wir alle im Kreis“, schrieb Carnap später, „waren an sozialem und politischem Fortschritt stark interessiert. Die meisten von uns, ich eingeschlossen, waren Sozialisten.“
Karl Sigmund

8. Der Parallelkreis

Der kleine Karli Andermann war ein sehr aufgeweckter Bub. „Der Karl? Der wird ein Professor!“, sagte schon sein Volksschullehrer zur stolzen Mama. Die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium bestand der Zehnjährige mühelos.
Ein neuer Lebensabschnitt begann, mit neuen Mitschülern. Das war ein günstiger Moment für den lang geplanten Namenswechsel: der Bub hieß ab da Karl Menger. Mit allerhöchster Entschließung, also von Kaiser Franz Joseph per rescitum principis, wurde das uneheliche Kind im Jahr 1912 als Sohn des Hofrats Professor Carl Menger legitimiert. Der ehrgeizige Knabe begriff früh, welch hohes Ansehen der neue Familienname besaß. Doch sich im Glanz des Vaters zu sonnen, genügte ihm nicht. Er wollte sich seinen eigenen Namen machen – Karl Menger. Es ging um eine Initiale: ein K statt einem C.
Karl Sigmund

9. Der Kreis läuft heiß

Der alte Wiener Tischler, bei dem Karl Popper in die Lehre ging, besaß breitgefächerte Kenntnisse von der Art, wie sie bei Kreuzworträtseln gefragt sind. Er pflegte mit bescheidenem Stolz zu sagen: „Da können S‘ mi fragen, was Sie woll‘n: Ich weiß alles.“
Von seinem lieben, selbstgewissen Meister, so schrieb Popper, habe er mehr über Erkenntnistheorie gelernt als von irgendeinem anderen Lehrer. „Keiner hat so viel dazu beigetragen, mich zu einem Jünger von Sokrates zu machen.“
Sokrates sagte bekanntlich: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. – Und oft nicht einmal das, fügte Popper gern hinzu. Es gebe kein gesichertes Wissen. – Für jemanden mit dieser Auffassung war Popper, nach allgemeinem Urteil, ungemein rechthaberisch.
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10. … und dann kommt die Moral

Ein ehemaliger Mitschüler Ludwig Wittgensteins hatte es zum deutschen Reichskanzler gebracht und gedachte seine Herrschaft auszudehnen: Ganz oben auf der Wunschliste Adolf Hitlers stand die Einverleibung seiner österreichischen Heimat ins Deutsche Reich. Nach der Machtergreifung im Januar 1933 in Berlin wurde es ernst mit dieser „Heimführung“.
Auch in Österreich hatte die Nationalsozialistische Partei im vorangegangenen Jahr stark an Stimmen gewonnen. Die regierenden Christlich- Sozialen stützten sich auf die kleinstmögliche parlamentarische Mehrheit: zusammen mit den Splitterparteien von Landblock und Heimatblock betrug ihr Vorsprung eine einzige Stimme im Nationalrat.
Die beiden führenden Politiker der Rechten, Ignaz Seipel und Johann Schober, waren innerhalb eines Monats verstorben. Der neue österreichische Kanzler, Engelbert Dollfuß (1892-1934), erwies sich als kein wirklich überzeugter Demokrat. Er entdeckte einen Passus in der Verfassung, der es ihm erlaubte, mit Notverordnungen zu regieren und sich so die Parlamentsdebatten, die gelegentlich in Tumulten ausarteten, zu ersparen; die Grundlage dazu lieferte ein fast vergessenes Kriegswirtschaftliches Ermächtigungsgesetz.
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11. Der Kreis löst sich auf

Das Telegramm, das an einem frostigen Tag im Februar 1934 in Moskau einlangte, lautete lakonisch: „Carnap erwartet dich.“ Es war an Otto Neurath adressiert, c/o IZOSTAT an der Kuznezki Most. Diese Straße führt zur berüchtigten Lubyanka, wo das Volkskommissariat für Staatssicherheit seine Zentrale hatte, Folterkeller inklusive.
Die telegrafische Nachricht war kodiert; sie kam aus Wien und besagte: „Komm nicht zurück. Die Polizei sucht dich.“ Otto Neurath konnte diese Botschaft nicht überraschen. Den Text hatte er mit seiner Gefährtin vor seinem Reiseantritt abgesprochen. Marie Reidemeister war in Wien geblieben, um sich um seine Frau Olga und das Museum zu kümmern. „Carnap erwartet dich“ klang unverfänglich genug. Weder die Wiener Zensurbehörde noch Stalins Geheimpolizei sollten daran etwas aussetzen können.
Karl Sigmund

12. Fluchtpunkte

Als Hitlers Truppen im März 1938 in Österreich einmarschierten, bejubelt von fanatisierten Massen, befanden sich die meisten Mitglieder des Wiener Kreises bereits im Ausland.
„Ein wahrer Hexensabbat des Pöbels“, so schilderte es Carl Zuckmayer. Der Schriftsteller war im Jahr 1933, so wie viele andere, vor den Nationalsozialisten nach Österreich geflohen. Jetzt musste er wieder packen:
„Die Unterwelt hatte ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheußlichsten, unreinsten Geister losgelassen. Die Stadt verwandelte sich in ein Alptraumgemälde des Hieronymus Bosch: Lemuren und Halbdämonen schienen aus Schmutzeiern gekrochen und aus versumpften Erdlöchern gestiegen. Die Luft war von einem unablässig gellenden, wüsten, hysterischen Gekreische erfüllt, aus Männer- und Weiberkehlen, das tage- und nächtelang weiterschrillte. Und alle Menschen verloren ihr Gesicht, glichen verzerrten Fratzen; die einen in Angst, die anderen in Lüge, die anderen in wildem, hasserfülltem Triumph.“
Karl Sigmund

13. Nachhall

Die zerbombten Mauern der Universität Wien wurden nach Ende des Zweiten Weltkriegs rasch wieder aufgebaut. Ein provisorischer Vorlesungsbetrieb konnte noch im Sommersemester 1945 aufgenommen werden. An die glanzvolle Tradition anzuknüpfen, erschien jedoch mehr als schwierig. Der Aderlass in den Dreißigerjahren war zu verheerend gewesen.
Nach der Wiedererstehung Österreichs im Jahr 1945 wurden alle höheren Beamten, die Mitglieder der NSDAP waren, zwangspensioniert. Dazu zählten auch zahlreiche Professoren. Doch vielen dieser alten Parteigenossen gelang es, in den folgenden Jahren allmählich wieder an ihre Lehrkanzeln zurückzukehren.
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