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Über dieses Buch

Die Unternehmerfamilie ist bisher kaum ein Thema der Familiensoziologie. Gerade weil mehr als Zweidrittel aller Unternehmen familiengeführt sind, erstaunt es, dass die Soziologie die Unternehmerfamilie bisher nicht als Forschungsfeld entdeckt hat. Mit diesem Buch wird sie zum Inhalt systematischer familiensoziologischer Reflexionen gemacht. Ein zentraler Ausgangspunkt der Theoriebildung und Forschung zu Unternehmerfamilien ist, dass es diese Familienform mit besonderen sozialen Herausforderungen zu tun hat, weil sich in ihr zwei soziale Sphären strukturell verbinden, vermischen und verkoppeln, die im Zuge der Modernisierung der Gesellschaft gemeinhin auseinandergezogen werden, und zwar Familien als Teil der privaten Lebenswelt und Unternehmen als formale Organisation des Wirtschaftssystems.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Grundlagen, Entwicklungslinien und Perspektiven einer Soziologie der Unternehmerfamilie – eine Einführung

Zusammenfassung
Zu zahlreichen familialen Themen und sich entwickelnden Familienformen hat die Familiensoziologie empirische Forschung initiiert und Theorien entwickelt. Erstaunlich erscheint in diesem Zusammenhang, dass eine Familienform von der Familiensoziologie bisher wenig Beachtung erfährt, nämlich die Unternehmerfamilie. Ähnlich vernachlässigt wurde das Thema in der klassischen wirtschaftswissenschaftlichen Forschung, wo jedoch erwartungsgemäß vor allem das Familienunternehmen und nicht die Unternehmerfamilie in den Blick genommen wird.
Heiko Kleve, Tobias Köllner

Grundlagen

Frontmatter

Der Hunger nach Humankapital: Industriegesellschaft und familiäre Entwicklung

Zusammenfassung
Die Entwicklung der Industriegesellschaften im 19. Jahrhundert war nur möglich, weil die systematische und organisierte Entwicklung von Ideen durch einzelne Individuen, die es in allen Jahrhunderten gegeben hatte – man denke an die Arbeiten von Leonardo da Vinci – ergänzt und erweitert wurde durch eine ebenso methodische „rationale Arbeitsorganisation“ sowie durch offene Märkte, wo alle Teilnehmer auf der Basis gleicher Regeln handelten. Erst durch diese rationale Arbeitsorganisation und die offenen Märkte wurde es möglich, aus einer Idee, die ein Handwerker als Einzelprodukt durchaus umsetzen konnte, nun massenhaft Produkte zu schaffen, die in gleicher Weise und gleicher Qualität produziert werden konnten.
Hans Bertram

Westliche (Unternehmens-)Familienmodelle im historischen Wandel: Eine prozess-soziologische Skizze

Zusammenfassung
Die Trennung von Wohnen und Wirtschaften ist historisch eine relativ junge Erscheinung, die sich in Europa vor allem in den vergangenen zwei Jahrhunderten verbreitete. Von der griechischen und römischen Antike über das Mittelalter bis zur frühen Neuzeit waren Hausgemeinschaften die zentrale identitätsvermittelnde Institution der vormodernen agrarischen Gesellschaften, in denen der Großteil der Menschen lebte und arbeitete. Diese Haushalte setzten sich aus verwandten und nicht-verwandten Personen zusammen.
Désirée Waterstradt

Familien und Organisationen: Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Verknüpfungen

Zusammenfassung
Die Stärke der Systemtheorie ist, dass sie die unterschiedlichen Logiken in verschiedenartigen sozialen Systemen begreifbar machen und für ihre Analysen nutzen kann. In der Systemtheorie werden bei der Behandlung moderner Gesellschaften immer nur zwei Differenzierungsformen behandelt – die funktionale Differenzierung zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern wie Wirtschaft, Politik, Recht, Wissenschaft oder Massenmedien und die Ebenendifferenzierung zwischen Interaktionen, Organisationen und Gesellschaft.
Stefan Kühl

Empirische Befunde zu Unternehmerfamilien in Deutschland

Zusammenfassung
Die deutsche Wirtschaft zeichnet sich durch einen hohen Anteil an Familienunternehmen aus. Verschiedene empirische Studien belegen dies. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim (Gottschalk und Keese 2014) schätzt auf Basis von Registerdaten, den Anteil der Familienunternehmen an allen deutschen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als € 50.000 auf 96 %.
Isabell Stamm, Fabian Bernhard, Nicole Hameister

Entwicklungslinien

Frontmatter

Vom Familienunternehmen zur Unternehmerfamilie: Zur Erweiterung einer sozialwissenschaftlichen und systemtheoretischen Perspektive

Zusammenfassung
Der Begriff „Familienunternehmen“ ist eigentlich unserer Alltagssprache entnommen. Es ist keine spezifische Rechtsform damit gemeint. Die offiziellen Statistiken knüpfen in der Regel ebenfalls nicht an diesen Begriff an. Die Kriterien, die üblicherweise mit dem Begriff „Klein- und Mittelbetriebe“ (KMU) bzw. mit dem Begriff „Mittelstand“ verbunden werden, eignen sich für ein adäquates Erfassen dessen, was Familienunternehmen in ihrer Substanz ausmachen, nicht. Deshalb ist es auch gar nicht so leicht zu sagen, wie viele Unternehmungen dieser Sorte es letztlich gibt.
Rudolf Wimmer, Fritz B. Simon

Gesellschaftliche Pluralität und familiäre Identität: Zur Evolution der Unternehmerfamilie am Beispiel der Nachfolge in Familienunternehmen

Zusammenfassung
„Familienbetriebe haben einen ganz großen Vorteil und einen ganz großen Nachteil, nämlich die Familie. Eine Familie in Frieden ist das Beste, was es für ein Unternehmen geben kann, eine Familie in Unfrieden dagegen das Schlimmste.“
Gabriela Leiß

Die Unternehmerfamilie als Familie eigener Art im Prozess gesellschaftlicher Veränderungen: Herausforderungen und Chancen am Beispiel der weiblichen Nachfolge

Zusammenfassung
Das Vorhaben, das Forschungsfeld Familienunternehmen zu verstehen, führt den Blick fast automatisch auf die Unternehmerfamilie als Kern. Gleich einer Tautologie ist der kleinste gemeinsame Nenner (Wiechers 2006), welcher die Vielzahl theoretischer Ansätze zur Bestimmung des Begriffs Familienunternehmen rahmt, die Unternehmerfamilie (Jäkel-Wurzer 2010). Sie ist die grundlegende Bedingung dieses Unternehmenstyps: „Es ist die Familie, die den Unterschied für Familienunternehmen macht“ (Wiechers 2006, S. 48; Klett 2005).
Daniela Jäkel-Wurzer

Sozialisations- und Erziehungsprozesse in Unternehmerfamilien

Zusammenfassung
In der Kernfamilie repräsentieren Eltern neben Großeltern und Geschwistern die wichtigsten Sozialisationsagenten für ihre Kinder und wirken in einem latenten Prozess des Zusammenlebens auf die Ausbildung sozialer Normen, Rollen und Wertvorstellungen ein. In diesem Kapitel werden Sozialisations- und Erziehungsprozesse in Unternehmerfamilien anhand empirischer Beispiele beleuchtet, insbesondere die Wertevermittlung zwischen Eltern und Kindern sowie die Bedeutung elterlicher Handlungsweisen für die Entwicklung unterschiedlicher Nachfolgemotivationen Jugendlicher in Familienunternehmen. Zentrales Anliegen der Elterngeneration in Unternehmerfamilien ist es, Werte wie Bindung an Familie und Unternehmen, Zusammenhalt und gesellschaftliche Verantwortung an die nachrückende Generation weiterzugeben (Schröder 2011).
Elke Schröder

Perspektiven

Frontmatter

Die dynastische Großfamilie: Skizze eines spezifischen Typus von Unternehmerfamilien

Zusammenfassung
Im Unterschied zum klassischen Typus der Kleinfamilie in der westlichen Gesellschaft durchbrechen Unternehmerfamilien die Zerfallsmuster verwandtschaftlicher Beziehungen, die in Familie der Gegenwart in unserer Kultur zu erwarten sind. Diese haben selten über mehr als drei Generationen hinaus Bestand (Gestrich et al. 2003). Der Zusammenhalt einer Eigentümerfamilie geht oft weit darüber hinaus. Die kollektive Bindung dieser verwandtschaftlich verflochtenen Menschen an ein gemeinsames unternehmerisches Eigentum stellt dabei die zentrale Grundvoraussetzung für diesen besonderen generationenübergreifenden Zusammenhalt dar (Lueger und Frank 2018; Simon et al. 2005; Wimmer et al. 2018).
Tom A. Rüsen, Arist von Schlippe, Heiko Kleve

Die „verdreifachte“ Familie Dynastische Unternehmerfamilien als Familien, Organisationen und Netzwerke: Skizze einer Theorieerweiterung

Zusammenfassung
Inzwischen liegt als Kern einer Systemtheorie der Unternehmerfamilie ein Konzept der „verdoppelten Familie“ vor (v. Schlippe et al. 2017). Es entstand aus einem Projekt, an dem zwölf der größten deutschen Familienunternehmen teilgenommen haben. Sie hatten sich auf der Basis eines qualitativen Forschungsdesigns, ausgehend vom Konzept der systemischen Aktionsforschung (Burns 2007), zu einem gemeinsamen Lern- und Entwicklungsprozess zusammengefunden. Denn Ziel des Projekts war es, zum einen Forschungsergebnisse zu generieren, zum anderen auch praktikable Lösungen für die jeweils anstehenden Probleme der Unternehmerfamilien zu suchen, indem Mitglieder dieser Familien, insbesondere Repräsentanten der Familiengremien, ihre familienstrategischen Überlegungen und Praktiken einander vorstellten.
Heiko Kleve, Arist von Schlippe, Tom A. Rüsen

Unternehmen, Familie, Unternehmerfamilie: Systemtheoretische Perspektiven zur Erweiterung des Drei-Kreis-Denkens

Zusammenfassung
Das Systemdenken ist in der Familienunternehmensforschung weit verbreitet. Mindestens seit Robert G. Donelley (1964) wird von den zwei Kreisen „Familie“ und „Unternehmen“ und damit – implizit wie explizit – von zwei unterschiedlichen Systemen gesprochen. Später kam noch der dritte Kreis „Eigentum“ hinzu. Diese drei Systeme – darin sind sich wohl alle Forscher einig – prägen sowohl das Familienunternehmen wie auch die Unternehmerfamilie. Eine wichtige Entwicklungsfrage der Forschung ist jedoch, wie das Verhältnis dieser Systeme zueinander konzipiert ist: Nebeneinander, parallel, gekoppelt, überlappend?
Arist von Schlippe, Torsten Groth

Die Unternehmerfamilie der Gesellschaft: Funktion, Code und Medium eines ungewöhnlichen Sozialsystems

Zusammenfassung
Seit Ende der 1990er Jahre werden sowohl aus wirtschafts- als auch aus sozialwissenschaftlicher Perspektive Familienunternehmen als eine besondere Unternehmensform hinsichtlich ihrer Spezifika verstärkt beleuchtet. Ein Ausgangspunkt dieses Interesses ist die gesellschaftliche Relevanz, vor allem die volkswirtschaftliche Bedeutung dieser Unternehmensform. In Europa gelten rund 70 bis 80 % aller Unternehmen als familiengeführt. Damit sind etwa 40 bis 50 % aller Beschäftigten Mitarbeiter/innen in Familienunternehmen.
Heiko Kleve
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