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2022 | Buch

Soziologisch denken mit Platon

Zwischen Philosophie und Politik

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Über dieses Buch

Wer nach den Grundlagen der Soziologie sucht, denkt üblicherweise nicht an Platon. Und wer sich grundlegend mit Platon beschäftigt, sucht üblicherweise nicht nach dessen Soziologie. Doch in beiden Fällen wird das Erkenntnispotenzial der Schriften des athenischen Akademielehrers nicht vollständig ausgeschöpft: Das Buch demonstriert, dass Platons Behandlung des Verhältnisses von Philosophie und Politik von einer soziologischen Konzeption getragen wird. Es entschlüsselt diese Konzeption vom Ausgangspunkt des sogenannten Siebten Briefs her, enthält einen systematischen Überblick des Ensembles sozialer Figuren, die Platon in seinen Dialogen auftreten lässt, und analysiert exemplarisch die soziale Dynamik im Hauptwerk Politeia. Auf diese Weise wird deutlich, dass die Lektüre Platons heutigen Soziologen helfen kann, die Grundlagen ihres Denkens besser zu verstehen, während umgekehrt soziologisches Denken allen Platon-Leser*innen ermöglicht, eine unbekannte Facette seiner Schriften zu entdecken.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Kapitel 1. Elemente der Biographie Platons
Zusammenfassung
Wenn wir etwas über die Person Platon erfahren wollen, ist die naheliegendste Quelle die autobiographische Erzählung im Rahmen seines sogenannten Siebten Briefs. Wie für viele der Schriften Platons gilt auch für den Siebten Brief, dass seine Authentizität unklar ist; es ist nicht einmal auszuschließen, dass Teile, womöglich Jahrhunderte nach Platons Tod, „nachträglich eingefügt“ wurden, und schon gar nicht, dass der Brief zwar auf ihn selbst zurückgeht, aber „in der Akademie“, d. h. seitens seiner Schüler, „noch einmal redigiert, vielleicht auch revidiert“ worden ist. Allgemein spricht also einiges dafür, den Siebten Brief als eine Art „Kunstbrief“ zu lesen, in dem die Dinge nicht so präsentiert werden, wie sie waren, sondern so, wie sie gesehen werden sollten. Es gibt andererseits keinen belegbaren Grund, warum wir nicht davon ausgehen sollten, dass hier eine Person namens Platon mit dem Anspruch, der Wahrheit Genüge zu tun, Dinge berichtet, die Zeitgenossen für glaubwürdig halten konnten. Wenn wir im Folgenden von Platons Autorschaft sprechen, so immer unter dieser Prämisse
Peter Gostmann
Kapitel 2. Corpus Platonicum: Überblick des Werks
Zusammenfassung
Wenn wir uns einen Überblick der Schriften Platons verschaffen wollen, haben wir es en gros mit demselben prinzipiellen Problem zu tun, das uns en detail bereits mit Blick auf den Siebten Brief beschäftigt hat: Der lange Zeitraum, der zwischen unserer und der Lebenszeit Platon liegt, die kaum präzise rekonstruierbaren Wechselfälle der Überlieferung seiner Schriften über die Zeit hinweg und der nicht rekonstruierbare Entstehungszusammenhang bringen mit sich, dass die Authentizität allgemein vergleichsweise unklar ist und deren fallweise Bestätigung (oder Ablehnung) nicht auf (relativ) sicherem Wissen basiert, sondern darauf, ob eine Schrift gewisse Kriterien erfüllt, die nach der Konvention einer Forscher*innengemeinde hinreichen, um sie authentische Schriften Platons zu nennen. Ein weiteres, aus dem Problem der Authentizität folgendes Problem mit eigenen Tücken ist die Genese der Schriften, d. h. die Beschreibung dessen, was man landläufig das ,Werk‘ des Autors Platon nennt, als einer tatsächlichen Entwicklungsreihe.
Peter Gostmann
Kapitel 3. Politeia: ‚Lehre vom Lebenslauf‘ und soziale Praxis
Zusammenfassung
Um das unbewegte Bild der sozialen Ordnung, das wir aus unserer Analyse der Konstellationen gewonnen haben, in die Platon Sokrates einschreibt, zum Bild einer sozialen Ordnung in Bewegung zu vervollständigen, d. h. um über die sozialgeometrische Seite der platonischen Soziologie hinaus ihre praktisch-politische Seite zu rekonstruieren, müssen wir uns nicht erst eine Apparatur ausdenken. Denn tatsächlich haben wir zum Zweck des Sammelns möglichst präziser sozialgeometrischer Informationen die Bewegungen, anhand derer Platon uns Sokrates und die diesen umlagernden sozialen Figuren vorführt, lediglich künstlich stillgestellt: Wir haben lediglich aus analytischen Gründen der ‚dramatischen‘ Logik, nach der Platon uns seinen exemplarischen Fall einer politischen Praxis erläutert, für die die Akademie einsteht, gegenüber einigen sozialen Sonderheiten, die die auftretenden Personen repräsentieren, wenig Aufmerksamkeit gewidmet – und es spricht nichts dagegen, nun von einem sozialgeometrisch konsolidierten Standpunkt aus diese ‚dramatische‘ Logik stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Mit anderen Worten, es geht im Folgenden nicht darum, die ‚Welt‘ der Akademie selbst in Bewegung zu setzen, sondern ihre Bewegung anhand der Entwicklung der Dialoge, anhand der kommunikativen Züge der sie tragenden sozialen Figuren (Generälen und Lehrern, Parteileuten und Dichtern, alte Familien und junge Leuten usw.) zu verfolgen.
Peter Gostmann
Kapitel 4. (Neo-)Sokratische Konstellationen
Zusammenfassung
Wenn wir gesagt haben, den Zielpunkt der reflexiven Möglichkeiten, die den Leser*innen der Politeia (und des Corpus Platonicum im Allgemeinen) sich eröffnen, bilde die Frage ihres Verhältnisses zu den Verbänden und Regimes, in und mit denen sie selbst leben, liegt die Frage nahe: was eine Leserin des 21. Jahrhunderts, die eine Haltung zu der Welt, in der sie lebt, gewinnen möchte, d. h. die ein soziologisches Anliegen hat, von Platon lernen kann. Die nächste Frage, die sich stellt, ist dann allerdings, ob die erste Frage überhaupt der Beschäftigung lohnt: Die ,Welt‘ Platons und die globale Welt, in der die Soziologin des 21. Jahrhundert lebt, scheinen auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben.
Peter Gostmann
Backmatter
Metadaten
Titel
Soziologisch denken mit Platon
verfasst von
Dr. Peter Gostmann
Copyright-Jahr
2022
Electronic ISBN
978-3-658-37427-3
Print ISBN
978-3-658-37426-6
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-37427-3