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Über dieses Buch

Die Autoren dieses Bandes entwickeln am Beispiel des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 soziologische Perspektiven auf die Beteiligung der Ordnungspolizisten am Holocaust. In den Beiträgen geht es nicht vorrangig darum, bislang unbekannte beziehungsweise in Vergessenheit geratene historische Sachverhalte darzustellen, sondern neue soziologische Perspektiven auf historisch bereits erschlossene Sachverhalte zu entwickeln. Die Autoren leisten damit Beiträge für eine soziologische Analyse des Holocaust, die sich von den dominierenden Analysen der Geschichtswissenschaft durch ihre theoretische Perspektive unterscheiden.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Autoritätsakzeptanz und Folgebereitschaft in Organisationen

Zur Beteiligung der Mitglieder des Reserve-Polizeibataillons 101 am Holocaust
Zusammenfassung
In diesem einleitenden Beitrag explizieren die Autoren den theoretischen Hintergrund der in diesem Sammelband enthaltenen „Soziologischen Analysen des Holocaust“. Die Überlegungen in der Monographie über die „Ganz normalen Organisationen“ (Kühl 2014a, S. 73ff.) erweiternd, arbeiten sie einerseits das Konzept der Generalisierung von Verhaltenserwartungen in Organisationen für eine neue Einsichten generierende Anwendung in der Holocaustforschung aus. Andererseits schlagen sie vor, das Konzept der Indifferenzzone für eine Analyse der Gehorsamsbereitschaft in Organisationen zu dynamisieren. Sie entwickeln somit eine theoretische Basis für eine vergleichende Analyse der Organisationen des Holocaust und plausibilisieren an Beispielen die Tragfähigkeit ihres Ansatzes.
Alexander Gruber, Stefan Kühl

„…zunächst wurde nach Freiwilligen gesucht.“

Soziologische Erklärungsansätze zur freiwilligen Beteiligung von Ordnungspolizisten an der „Endlösung“
Zusammenfassung
Der Beitrag schließt an die durch historische Aufarbeitungen aufgeworfene Frage an, inwiefern die Mitglieder deutscher Polizeibataillone sich freiwillig an Vernichtungseinsätzen gegen die jüdische Bevölkerung der besetzten Gebiete in Osteuropa beteiligen. Freiwilligkeit und Verweigerungsmöglichkeiten bei den Einsätzen der Polizeibataillone im Rahmen der „Endlösung“ werden daraufhin analysiert, wie sie in Befehlssituationen inszeniert werden und damit letztendlich und paradoxerweise zur Durchführung von Vernichtungsaktionen beitragen. Es geht also nicht um die historische Nachweisbarkeit, sondern um eine Rekonstruktion der Voraussetzungen und Besonderheiten der Freiwilligkeit der Beteiligung an Vernichtungsaktionen, die sich interaktions- und organisationsspezifisch interpretieren lassen. Ich möchte auf diese Weise Erklärungsansätze zu der Frage, wie die Freiwilligkeit situativ nahegelegt, erreicht, genutzt und konterkariert wird, aufzeigen. Außerhalb meines Interesses liegen hingegen die Fragen, ob es Freiwilligkeit und Verweigerungsmöglichkeiten in Einzelfällen gibt, welche Personen diese Möglichkeit nutzen bzw. daran beteiligt sind, und wie diese Vorfälle moralisch und rechtlich zu bewerten sind.
Alexander Gruber

Mythos Vera Wohlauf

Empörung und Ensemblebildung bei der Deportation von Międzyrzec Podlaski
Zusammenfassung
Międzyrzec Podlaski im Jahr 1942: Tausende Menschen werden unter anderem von Mitgliedern des Reserve-Polizeibataillons 101 brutal aus ihren Häusern zur Deportation getrieben. Es handelt sich um die größte Deportation in der Einsatzgeschichte des Bataillons. Irritierend erscheint vor diesem Hintergrund ein Ereignis, das auch noch zwanzig Jahre später kolportiert wird: Die Bataillonsmitglieder berichteten von der kollektiven Empörung über die Anwesenheit der Ehefrau des Kompaniechefs Wohlauf bei ebenjener Deportation. Angesichts der Taten der Mitglieder in Międzyrzec Podlaski erscheint diese Empörung zunächst verstörend und unverständlich. Dieser Beitrag entwickelt unter anderem auf Basis von Gerichtsprozessakten vier interaktionsbasierte Erklärungsstränge, wie das scheinbar nebensächliche Ereignis der Anwesenheit einer Ehefrau bei einer Deportation eine derartige Bedeutung für die Mitglieder des Reserve-Polizeibataillons erlangen konnte. Die entscheidende Erklärungskraft für das Phänomen der kollektiven Empörung und ihrer Erinnerung ist eher in der Verletzung von basalen Interaktionsregeln und weit weniger in der Verletzung inhaltlich-moralischer Wert- und Moralüberzeugungen zu sehen.
Stefanie Büchner

Organisierte Entmenschlichung

Zur Produktion, Funktion und Ersetzbarkeit sozialer und psychischer Dehumanisierung in Genoziden
Zusammenfassung
Das Konzept der ‚Dehumanisierung‘, der Entmenschlichung der Opfer genozidaler Gewalt in der Wahrnehmung und dem Bewusstsein der Täter, nimmt in der Genozidforschung einen zentralen Stellenwert ein. Der Text unterbreitet zwei Vorschläge für eine soziologische Modifikation dieses Konzeptes: Die Unterscheidung psychischer (auf Wahrnehmung bezogener) Dehumanisierung von sozialer (durch Kommunikation und Handeln vollzogener) Dehumanisierung einerseits und die Fokussierung auf die Frage nach den Funktionen dieser beiden Formen von Dehumanisierung andererseits.
Die Fruchtbarkeit dieser Modifikation wird anhand einer Betrachtung der Einsätze der deutschen Polizeibataillone 61 und 101 während des Zweiten Weltkrieges demonstriert, in deren Rahmen die Mitglieder dieser beiden Bataillone zwischen 1939 und 1943 eine Vielzahl an Juden und Polen erschossen haben. Anhand von Schulungsmaterialien, Bilddokumenten und Gerichtsakten, welche die Behandlung der polnischen und jüdischen Opfer durch die deutschen Polizisten thematisieren, erweist sich soziale Dehumanisierung als eigenständiges und für die Durchführung von Genoziden bedeutsameres Phänomen als psychische Dehumanisierung.
Die in der Genozidforschung weithin behauptete Unverzichtbarkeit von Dehumanisierung in Genoziden muss jedoch auch in Hinblick auf ihre soziale Form bezweifelt werden, da die im Text nachgezeichnete Begrenztheit von Dehumanisierungsprozessen keine Störungen der Massentötungen nach sich zog. Daraus schließt der Text zum einen auf eine Überschätzung menschlicher Tötungshemmungen in weiten Teilen der Genozidforschung und zum anderen auf die Fähigkeit von Organisationen, die Bedeutsamkeit kognitiver Sachverhalte zu neutralisieren und funktionale Äquivalente zu psychischer und sozialer Dehumanisierung hervorzubringen.
Martin Weißmann

Organisierte Plötzlichkeit

Timing, Territorialität und die Frage, wie aus Ordnungspolizisten Massenmörder werden
Zusammenfassung
Am 13. Juli 1942 töten hunderte Polizisten des Reserve-Bataillons 101 auf Anweisung im polnischen Józefów etwa 1.500 jüdische Frauen, Kinder und Männer. Im Vergleich mit acht weiteren Fällen, in denen deutsche Ordnungspolizisten während des Zweiten Weltkriegs massenhaft Zivilisten erschießen, wird gezeigt, dass der Zeitpunkt, zu dem die Schützen von ihren Einsätzen erfahren, zu erklären hilft, wie Ordnungspolizisten zu Massenmördern werden. In Józefów sowie in zwei weiteren Fällen von Massenerschießungen fahren die Polizisten zunächst zu ihrem Einsatzort, ohne über den genauen Auftrag Bescheid zu wissen. Erst hier wird ihnen von ihren Vorgesetzten eröffnet, dass sie in Kürze Menschen erschießen sollen. Die These des Beitrags ist, dass die Polizisten den Weisungen in dieser Situation mehrheitlich Folge leisten, weil aufgrund der Plötzlichkeit der Auftragsbekanntgabe und der gemeinsamen Organisationsmitgliedschaft der Polizisten die legitimen Optionen, sich den geplanten Erschießungen vor Ort zu entziehen, stark eingeschränkt sind (‚organisierte Plötzlichkeit‘). Orientierung, um sich in dieser für die meisten Polizisten ungewohnten und emotional belastenden Situation nach organisationalen Maßstäben angemessen zu verhalten, bietet nahezu nur noch das Einsatzziel selbst.
Thomas Hoebel

Kameradschaft im Reserve-Polizeibataillon 101 und der Genozid an den Juden

Eine soziologische Rekonstruktion von Verhaltenserwartungen in Extremsituationen
Zusammenfassung
Kameradschaft lässt sich aus funktionaler Perspektive als eine Verhaltenserwartung beschreiben. Die Erwartung, dass Soldaten, Polizisten (aber auch Feuerwehrleute oder Bergbauarbeiter) einander in Not- und Gefahrensituationen beistehen, wird durch diesen Begriff geweckt und insbesondere durch die Selbstbeschreibungen der Organisationen Militär und Polizei kommuniziert. Im vorliegenden Text behaupte ich, dass es nicht die Organisationen, sondern die Extremsituationen sind, die an die anwesenden Personen Verhaltenserwartungen richten, welche Kameradschaft in der harten strukturellen Realität erforderlich und aus soziologischer Sicht in Abgrenzung zu bekannten Begriffen wie beispielsweise denen der Kollegialität, Clique oder Primärgruppe beobachtbar machen. Am Beispiel des Reservepolizeibataillons 101 rekonstruiere ich Kameradschaft als eine Verhaltenserwartung, die auch in der Extremsituation der ersten Massentötungen am 13. Juli 1942 in Józefów dazu beigetragen haben kann, dass die in anwesenden Polizisten sich am Genozid an der jüdischen Bevölkerung beteiligten. Auf der Grundlage der Systemtheorie argumentiere ich, dass Kameradschaft die soziale Funktion zufällt, Handlungssysteme in Extremsituationen zu stabilisieren. Als Merkmal geregelter Interaktionen kann sie maßgeblich zur Erfüllung der Zwecke von militärischen Organisationen beitragen.
Sven Grüneisen

Heinz Bumanns ungestrafter Entzug bei der „Endlösung“ in Polen

Eine Fallstudie zu den Grenzen der Formalisierbarkeit von Mordaufträgen
Zusammenfassung
Die Arbeit untersucht Ursachen und Grenzen von Entzugsmöglichkeiten beim Holocaust am Fall eines Mitgliedes des 101. Reserve-Polizeibataillons. Die in den Geschichtswissenschaften diskutierten Erklärungsansätze, welche Entzug mit psychischen Besonderheiten der jeweiligen Person begründen, werden kritisiert. Das Problem ist, dass sich alternative Erklärungen nicht ausschließen lassen. Die Täterforschung wurde, durch den Verweis auf den organisationalen Rahmen, von dem Nachweis individueller Motive entlastet. Die Annahme ist, dass die Teilnahme an den Massenerschießungen zur Bedingung für die weitere Mitgliedschaft erhoben und so durchgesetzt wurde. Die Umstände von Bumanns Entzug deuten demgegenüber auf Schwierigkeiten der formalen Durchsetzung seitens der Organisation hin. Es kann geschlossen werden, dass Bumanns Entzug gerade deshalb möglich war, weil die Beteiligung in den entsprechenden Situationen nicht formal erwartet werden konnte.
Sebastian Matysek

„Befehl ist Befehl“

Drei Fälle systemfunktionaler Rollendistanz im Holocaust
Zusammenfassung
Der Beitrag geht der Frage nach, wieso die Mitglieder mehrerer Polizeibataillone im Holocaust ihren Organisationen angesichts durchzuführender Massenerschießungen keine Probleme bereitet haben. Mit Hilfe des Konzepts der Rollendistanz Erving Goffmans, das im Gegensatz zu Harald Welzers „innerer Distanzierung“ die Darstellung eines bestimmten Verhaltens vor einem Publikum beschreibt, das eine Ablehnung der aktuellen Rolle impliziert, nimmt der Beitrag vor allem das Verhalten der Vorgesetzten in den Blick und analysiert es hinsichtlich der Funktion, die die Darstellung von Rollendistanz für die Organisation erfüllt. Anhand dreier aus der Literatur bekannter Fälle wird argumentiert, dass die untersuchten Kommandeure durch die Ausübung von Rollendistanz vor ihren Untergebenen zur Aufrechterhaltung der Handlungssysteme beigetragen haben, indem sie zwischen den Anforderungen der Mitglieder und den Anforderungen der Organisation vermitteln. Die Funktion dieser systemfunktionalen Rollendistanz, so die These, liegt in der Neutralisierung von Problemlagen für die Organisation. Die Kommandeure der Polizeibataillone konnten einem potentiellen Widerspruch der Mitglieder entgegenwirken, indem sie sich von ihrer Vorgesetztenrolle distanziert haben.
Dominic Ionescu
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