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Über dieses Buch

Der vorliegende Band stellt den ersten in der Reihe Sozioökonomische Bildung und Wissenschaft dar und greift die Debatte um die theoretische, method(olog)ische, paradigmatische und curriculare Einseitigkeit der Volkswirtschaftslehre sowie der traditionellen ökonomischen Bildung auf, um Entwicklungslinien und Perspektiven sozioökonomischer Bildung und Wissenschaft zu konturieren. Die auf Pluralität, Interdisziplinarität, Multiparadigmatizität und (kritische) Reflexion angelegten Zugänge sozioökonomischer Bildung und Wissenschaft schlagen die Brücke zwischen ihren zentralen sozialwissenschaftlichen Bezugsdisziplinen Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Politikwissenschaft und Geographie sowie Geschichtswissenschaft, Philosophie und Erziehungswissenschaft. Die Beiträge sollen Impulse für die wissenschaftliche Diskussion über die Erneuerung der Ökonomik, der Ökonomie und der ökonomischen Bildung liefern.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Sozialwissenschaftlichkeit als sozioökonomiedidaktisches Prinzip

Die Sozioökonomiedidaktik konzipiert sozioökonomische Bildung als sozialwissenschaftliche Bildung. Zusammen mit dem Prinzip der Subjektorientierung zählt Sozialwissenschaftlichkeit zum Identitätskern sozioökonomischer Bildung. Das Prinzip Sozialwissenschaftlichkeit steht in einer langen Tradition der sozioökonomischen Bildung. In der Dimension des Wissenschaftsbezugs markiert es zugleich eine Differenz zur orthodoxen ökonomischen Bildung, die ihre Identität aus einer einzelnen, von ihr selbst definierten Disziplin ableitet. Der vorliegende Beitrag bestimmt die Grundlagen für das Prinzip der Sozialwissenschaftlichkeit und begründet es in bildungstheoretischer, fachdidaktischer und fachwissenschaftlicher Hinsicht.Wir erleben derzeit eine Renaissance der Traditionen der sozioökonomischen Fachdidaktik und der sozioökonomischen Bildung. In Lehrplänen und Schulen ist sozioökonomische Bildung seit langem curricular und fachkulturell verankert. In der Wissenschaft wird die jahrzehntealte sozioökonomische Tradition konzeptionell weiterentwickelt, fachwissenschaftlich und fachdidaktisch ausdifferenziert (z. B. Engartner und Krisanthan 2013; Fischer und Zurstrassen 2014; Fridrich 2017; Hedtke 2015a; Kahsnitz 2005; Weber 2013, 2015; Zurstrassen 2014b). In Öffentlichkeit und Bildungspolitik entzünden sich Debatten um die bessere ökonomische Bildung (z. B. Famulla et al. 2011). Die konzeptionellen Pole der Diskussionen bilden die sozioökonomische Bildung und die wirtschaftswissenschaftliche Bildung.Ein Kerncharakteristikum der sozioökonomischen Bildung ist das Prinzip der Sozialwissenschaftlichkeit. Im Folgenden wird dieses Prinzip, das sowohl für die Entwicklung von Curricula und Lernmaterialien als auch für die Unterrichtsplanung relevant ist, kurz vorgestellt und begründet. Ziel ist es darüber hinaus, auch einen Beitrag zur konzeptionellen Konsolidierung der Sozioökonomiedidaktik zu leisten.Zusammen mit dem Prinzip der Subjektorientierung zählt Sozialwissenschaftlichkeit zum Identitätskern sozioökonomischer Bildung, den wir zunächst kurz skizzieren. Dann setzen wir uns bildungstheoretisch, fachdidaktisch und fachwissenschaftlich mit Sozialwissenschaftlichkeit auseinander.

Reinhold Hedtke

Eckpfeiler sozioökonomischer Bildung – oder: Zur Bedeutsamkeit der Kontextualisierung ökonomischer Frage- und Problemstellungen

Ähnlich wie die neoklassische Standardökonomie als der vom wirtschaftsdidaktischen Mainstream identifizierte „Referenzrahmen“ vernachlässigen die monoparadigmatischen Ansätze ökonomischer Bildung kulturelle, historische, politische, ethische und gesellschaftliche Einflüsse, obwohl die Bezüge für die Analyse ökonomischer Sachverhalte thematisch aufschlussreich, (fach)didaktisch naheliegend und lernpsychologisch überzeugend sind. Weitestgehend ungeachtet der intensiven Debatten über die Notwendigkeit multi-, inter- und transdisziplinärer Zugänge in der Volkswirtschaftslehre halten sich gerade im Lehrkontext viele wirtschaftswissenschaftliche „Semifiktionen“ wie der homo oeconomicus unverändert – insbesondere auch in der eigentlich auf Situations- und Lebenswelt- statt auf Disziplin- und Modellorientierung verpflichteten schulischen (ökonomischen) Bildung. Vor diesem Hintergrund soll der vorliegende Beitrag die erkenntnistheoretischen, bildungspolitischen und fachdidaktischen Mängel der neoklassisch geprägten Wirtschaftsdidaktik benennen, um sodann wissenschaftstheoretische Annahmen, fachdidaktische Prinzipien und bildungspolitische Implikationen einer sozioökonomischen Bildung zu skizzieren.

Tim Engartner

„Die Welt mit anderen Augen sehen und meinen Weg finden“

Überlegungen zu einer Existenzorientierung sozioökonomischer Bildung

Der vorliegende Beitrag skizziert, welche grundlegenden Erschütterungen eine konsequente Orientierung an der Existenz des wirtschaftenden Menschen für die ökonomische Standardlehre hervorzurufen vermag; nicht, um diese Lehre gänzlich zu negieren, sondern in ihrer eigentlichen Fragwürdigkeit wieder klar zutage treten zu lassen und zugleich grundlegende Alternativen zu ihr zu entwickeln – vor allem im erkenntnistheoretischen Sinne. Die Existenzphilosophie entstand einst gleichsam als Suchbewegung aus einer Krise der Philosophie, insofern diese in einer Dichotomie von spekulativem Idealismus einerseits und wissenschaftsbejahendem Positivismus andererseits zu verharren drohte und damit die Probleme, die den Menschen eben mit einer unmittelbaren Dringlichkeit angehen, gänzlich aus dem Blick zu verlieren. In gewisser Weise sehe ich die Ökonomie heute in einer ähnlichen Krise, allerdings in einer spezifischen Gestalt. Mein Beitrag unternimmt den Versuch, erstmalig eine Existenzorientierung sozioökonomischer Bildung zu entwickeln, damit die sozioökonomische Forschung und Lehre zukünftig Menschen noch besser befähigen kann, sich unmittelbar dieser Gestalt zu stellen und schöpferisch mit ihr umzugehen. Dafür wählt er als einen ersten Ansatzpunkt die Existenzphilosophie Heinrich Barths als Dialogpartner.

Silja Graupe

Sozioökonomische Bildung an allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufe I und II in Österreich

Entwicklungslinien, Umsetzungspraxis und Plädoyer für das Integrationsfach Geographie und Wirtschaftskunde

Der Unterrichtsgegenstand Geographie und Wirtschaftskunde, welcher seit Jahrzehnten österreichweit und an den allgemeinbildenden Schulen durchgehend in der Stundentafel der gesamten Sekundarstufe (5. bis 12. Schulstufe) verankert ist, zählt als wichtigstes Trägerfach der sozioökonomischen Bildung in Österreich. Nach zwei Paradigmenwechseln wird Wirtschaft als gesellschaftlich eingebettet und mitgestaltbar verstanden: Im Zentrum steht der in gesellschaftlichen Kontexten räumlich und wirtschaftlich handelnde Mensch. Dies wird anhand von Entwicklungslinien dokumentiert. Zusätzlich werden – aus einer größeren Studie exemplarisch – empirische Ergebnisse über die schulische Umsetzungspraxis dieser sozioökonomischen Bildung im Hinblick auf Beliebtheit bei Lehrenden und auf Interesse bei Lernenden dargestellt. Die Ergebnisse werden ebenso wie die Sinnhaftigkeit dieses in sozialwissenschaftlicher Tradition der ökonomischen Bildung stehenden Integrationsfaches Geographie und Wirtschaftskunde diskutiert, was in ein klares Plädoyer für das Fach mündet.

Christian Fridrich

Ökonomische Bildung ist sozioökonomische Bildung

Grundlagen der Didaktik einer reflexiven Wirtschaftspädagogik

Ausgangspunkt dieses Beitrages ist die These, dass wir in einer ökonomisierten Gesellschaft leben, die durch Zweckrationalisierung, Quantifizierung, individuelle Ressourcenoptimierung und Beschleunigung gekennzeichnet ist. In unserer ökonomisierten Gesellschaft werden Wirtschaft und Wirtschaften lebensweltlich und wissenschaftlich ambivalent wahrgenommen. Wie also soll vor einem solchen Hintergrund sozioökonomische Bildung konzipiert sein? Im Sinne einer reflexiven Wirtschaftspädagogik wird eine bildungswissenschaftlich fundierte Didaktik der ökonomischen Bildung vorgestellt, welche den in Kultur und Gesellschaft eingebetteten Menschen in den Mittelpunkt stellt. Institutionen, Strukturen, Macht und Kontingenzen sind Bedingungen, welche für wirtschaftliche Entscheidungen von besonderer Bedeutung sind. Die Crux der ökonomischen Bildung liegt in der Unterscheidung zwischen der lebensweltlichen Ökonomie und der wissenschaftlichen Ökonomik, denn in der Mainstream-Ökonomik wird von diesen Bedingungen abstrahiert und die wirtschaftliche Handlung als eine egoistisch zweckrationale verstanden. Wirtschaft und Wirtschaften können in der ökonomischen Bildung aber nicht ausschließlich aus dieser Perspektive betrachtet werden, sondern müssen um die soziale, politische und ethische Dimension erweitert werden, wenn sie einen bildungswissenschaftlich begründeten pädagogisch-didaktischen Anspruch stellen will. Eine einseitige ökonomische Rationalität, die nur auf Effizienz abstellt, greift zu kurz, denn eine formale zweckrationale Input-Output-Relation alleine stellt keinen pädagogisch zu vermittelnden Wert dar. Erst der verantwortliche und sinnvolle Einsatz von Mitteln zur Erreichung verantwortlicher und sinnvoller Ziele kann einer kritischen Reflexion standhalten. Mit dem Rad der sozioökonomischen Bildung wird gezeigt, wie die wirtschaftlichen Dimensionen von Ökonomie und Ökonomik mit der sozialen, politischen und ethischen Dimension sowie den Wirklichkeitsebenen von Effizienz, Verantwortung und Sinn kombiniert werden und dadurch jede ökonomische Bildung zu einer sozioökonomischen Bildung wird.

Georg Tafner

Ökonomisierung der Produktion von Schulbüchern, Bildungsmedien und Vermittlungswissen

In dem Beitrag wird die in der Forschung wenig berücksichtigte Seite der Produktion von Bildungsmedien und ihrer Veränderungen beleuchtet. Auf der einen Seite tragen neue digitale Bildungsmärkte, der Wandel klassischer Schulbuchverlage zu Bildungsdienstleistern und eine zunehmende Anzahl privater Akteure wie Stiftungen, Unternehmen oder digitale Plattformen zu veränderten Produktions-, Angebots- und Distributionsformen bei, auf der anderen Seite aber auch die Liberalisierung bei der Zulassung von Schulbüchern/Bildungsmedien sowie die curricularen Veränderungen wie die kompetenzorientierten Bildungspläne. Wie sich zeigen lässt, führt diese umfassende Transformation zu neuen Formaten und Strukturveränderungen des Wissens in den Medien, wobei tendenziell auch eine Entdidaktisierung zu beobachten ist.

Thomas Höhne

Gestaltbarkeit aller Lebensbereiche

Der Bildungswert der Lebensweltorientierung für die sozioökonomische Bildung

Die Lebensweltorientierung wird in unterschiedlichen Fachdidaktiken zu einem zentralen Prinzip erklärt, bleibt dabei aber oft unhinterfragt. Der Aufsatz fasst den aktuellen Stand der Diskussion zum Prinzip der Lebensweltorientierung zusammen, um sich anschließend darauf zu fokussieren, welchen Bildungswert diese für die sozioökonomische Bildung hat. Dazu wird ein Einblick in Vorstellungen zu den Begriffen der Lebenswelt und des Bildungswertes gegeben, hierbei wird zum vertiefenden Verständnis auch explizit auf politikdidaktische Perspektiven zurückgegriffen. Da sich Lebensweltorientierung erst im Unterricht verwirklicht, wird abschließend der Bogen von der Theorie in die Praxis geschlagen und anhand von zwei Beispiel-Lernaufgaben verdeutlicht, dass „Lebensweltorientierung“ oftmals nur ein Etikett darstellt.

Tonio Oeftering, Julia Oppermann, Andreas Fischer

Die Rekonstruktion, die Dekonstruktion und die Konstruktion der Wirtschaftsordnung als Kern sozioökonomischer Bildung

Sozioökonomische Bildung orientiert und legitimiert sich dadurch, Wirtschaft in ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen (be)greifbar zu machen und Lernende auf dieser Grundlage zu einer aufgeklärten Teilhabe am Wirtschaftsleben zu befähigen. Dass Wirtschaft ein konfliktgeprägter Bereich der Gesellschaft ist, der Macht- und Herrschaftsinteressen unterliegt und deshalb einer politischen Gestaltung bedarf, spiegelt sich in der Wirtschaftsordnung wider. Der Beitrag zeigt, dass sich sozioökonomische Bildung deshalb notwendigerweise auf die Wirtschaftsordnung bezieht. Hauptanliegen ist es, Ansatzpunkte einer Didaktik aufzuzeigen, die Schülerinnen und Schüler befähigt, Wirtschaft vor dem Hintergrund der bestehenden Wirtschaftsordnung zu verstehen (= die Wirtschaftsordnung rekonstruieren zu können), sie im Gegensatz zu einer Institutionenkunde aber außerdem dazu herausfordert, diese „Wirtschaftsverfassungswirklichkeit“ kritisch zu hinterfragen (= zu dekonstruieren) und schließlich eigene Ideen einer „guten“ Wirtschaftsordnung zu konstruieren.

Moritz Peter Haarmann

Der Nachhaltigkeitsbürger in der soziökonomischen Bildung

Überlegungen zu einem wirtschaftsethisch fundierten sozioökonomischen Bildungsideal

Sozioökonomie und Wirtschaftsethik verbindet das gemeinsame Anliegen einer kritischen Auseinandersetzung mit der ökonomischen Bildung, wie sie gegenwärtig an (Hoch-)Schulen vorgefunden werden kann. Der vorliegende Beitrag untersucht, welchen Beitrag die Wirtschaftsethik in ihren Facetten für eine reflektiert-kritische ökonomische Bildung zu leisten vermag, wie sie ein für die sozioökonomische Bildung gehaltvolles Bildungsideal vorschlagen kann und wie ein solches Ideal die Adressaten der Bildung dazu befähigen mag, zu einer nachhaltigeren Entwicklung der Gesellschaft beizutragen. Dazu werden verschiedene Ansätze der Wirtschaftsethik auf ihre systematische Rolle des Individuums und ihren Gehalt für dessen Bildung hin untersucht. Mit der Idee des Nachhaltigkeitsbürgers soll das Bildungsideal gegenüber den bisherigen Vorstellungen der (Integrativen) Wirtschaftsethik zudem stärker kompetenzbasiert auf einen Beitrag zur nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung ausgerichtet werden.

Christoph Schank, Alexander Lorch

Backmatter

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