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Über dieses Buch

Die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts ist geprägt von einem neuen Phänomen: dem strukturellen Überschuss des privaten Sparwillens im Verhältnis zum privaten Investitionswillen. Dies gilt auch bei Prosperität und niedrigen Zinsen. Das ist einerseits vom Wunsch getrieben, im Alter über ein ausreichendes Vermögen zu verfügen. Andererseits nimmt die Nachfrage nach Kapital im ungleichen Umfang zu, sodass Investitionen nicht mit dem steigenden Sparwillen Schritt halten. Die entstehende Lücke zwischen privatem Vermögenswunsch und der privaten Vermögensanlage kann nur durch eine zunehmende Verschuldung des Staates geschlossen werden. Die Kernthese des Buches lautet daher, dass eine freiheitliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nur stabilisiert werden kann, wenn dem Vermögenswunsch des Einzelnen unter Bedingungen der Preisstabilität stattgegeben wird. Dies ist ohne eine erhebliche Nettoschuld des Staates nicht möglich. Ein neues Denken über die Gesamtwirtschaft ist erforderlich.

Das Buch begründet diese neuartige Sichtweise und beschreibt die aktuellen Herausforderungen der Wirtschaftspolitik. Eine intensive Debatte über diesen Vorstoß in volkswirtschaftliches Neuland ist zu erwarten.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung: Privates Vermögen und Schulden des Staates

Zusammenfassung
Im Wirtschaftsraum der OECD-Länder plus China besteht knapp die Hälfte des privaten Vermögens aus Netto-Staatsschulden. Das private Vermögen ist nahezu doppelt so groß wie das private Realvermögen. Aufgrund der weiter steigenden Lebenserwartung wächst der Anteil der Staatsschulden am privaten Vermögen.
Wenn die Staatsschulden nicht zu hoch werden, können im 21. Jahrhundert die Realzinsen niedrig aber positiv sein. Hauptgrund dafür ist die private Zukunftsvorsorge angesichts hoher Lebenserwartung. Die Investitionen können mit der steigenden privaten Spartätigkeit nicht Schritt halten.
Im 21. Jahrhundert sind die Staatsschulden eine Steuerungsgröße. Mit ihr sorgt die Finanzpolitik dafür, dass auch weiterhin ein positives, aber niedriges Realzinsniveau vorherrscht.
Carl Christian von Weizsäcker, Hagen Krämer

Theorie und Empirie

Frontmatter

Kapitel 2. Der natürliche Zins und der optimale Zins im Steady State

Zusammenfassung
Der „natürliche Zins“ ist der hypothetische risikofreie Realzins, der bei Vollbeschäftigung in einer geschlossenen Volkswirtschaft gelten würde, wenn die Nettoverschuldung des Staates null wäre. Er ist wesentlich geringer als der optimale Steady State-Zins, der gleich der Wachstumsrate des Systems ist. Das gilt für ein sehr allgemeines „Meta-Modell“.
Auf dem optimalen Steady State-Pfad gilt die Fundamentalgleichung der Kapitaltheorie: T = Z – D mit T als volkswirtschaftliche Produktionsperiode, Z als repräsentative private „Warteperiode“ der Konsumenten und D als Staatsschuldenquote. Beim natürlichen Zins ist der Wohlstand mindestens 40 Prozent geringer als beim optimalen Zins.
Carl Christian von Weizsäcker, Hagen Krämer

Kapitel 3. Vermögen und Vermögenswunsch

Zusammenfassung
Mit steigendem allgemeinem Wohlstand erhöht sich der Vermögenswunsch schneller als der laufende Konsum. Es gibt somit einen säkularen Wachstumstrend für die „Warteperiode“ Z. Dies ist schon so aus demographischen Gründen, die für die gesamte Weltbevölkerung gelten. Der Anteil der Weltbevölkerung, der in absoluter Armut lebt, sinkt mit hoher Geschwindigkeit.
Ein kaufkraft-stabiles Geldsystem ist ein bedeutsamer Beitrag der Gesellschaft zur Ermöglichung einer ausreichenden privaten Zukunftsvorsorge.
Das „Spardreieck“ ist eine stark vereinfachte, dafür eingängige Darstellung dieser Zusammenhänge. Es gibt die Verhältnisse approximativ korrekt wieder.
Carl Christian von Weizsäcker, Hagen Krämer

Kapitel 4. Realkapital

Zusammenfassung
Durch Marx, Böhm-Bawerk und die moderne Neoklassik präformiert, herrscht die Meinung, dass das volkswirtschaftliche Grenzprodukt des Kapitals immer positiv sei. Mithilfe der „Produktionsperiode“ T definieren wir einen Koeffizienten der intertemporalen Substitution ψ, der immer nichtnegativ ist. Er lässt sich auch bei negativem Realzins anwenden. Mithilfe des Begriffs der „Warteperiode“ Z kann man auch für die Haushaltsseite einen immer nichtnegativen Koeffizienten der intertemporalen Substitution γ definieren.
Carl Christian von Weizsäcker, Hagen Krämer

Kapitel 5. Boden

Zusammenfassung
Das private Vermögen besteht zum Teil aus kapitalisierten künftigen Bodenrenten. Die Goldene Regel der Akkumulation bleibt auch bei der Einführung von Boden in das Meta-Modell erhalten.
Der urbane Boden ist weitaus wertvoller als der landwirtschaftliche Boden. Das mit dem Boden verbundene Risiko führt zu einem Wertabschlag in der Form einer „Risikoprämie“ α > 0. Bodenrenten können ohne Überwälzungsmöglichkeit und ohne Effizienzverlust besteuert werden; bei kompensierender Senkung der Einkommensteuer sogar mit Effizienzgewinnen und günstigen Verteilungseffekten. Staatliche Eingriffe in den Mietmarkt für Wohnungen bilden ein weiteres Wertrisiko für die Bodeneigentümer.
Die Sensitivität des Bodenwerts gegenüber Zinsänderungen und damit die Risikoprämie α steigen mit sinkendem Zinsniveau. Angesichts dieser vielfältigen Risiken ist Boden als Vermögensanlage nur ein begrenztes Substitut für Staatsanleihen und damit für die Privatvermögen vermehrende Staatsverschuldung.
Wir kalkulieren den Wert der Vermögenskategorie Boden in der Region OECD plus China. Dazu greifen wir primär auf Angaben von statistischen Ämtern zurück, soweit diese Werte für Boden in den volkswirtschaftlichen Vermögensbilanzen ausweisen. Unsere Kalkulationen ergeben, dass der Wert des Bodens in den Ländern der Region OECD plus China etwa dem Doppelten des Jahreskonsums dieser Region entspricht.
Carl Christian von Weizsäcker, Hagen Krämer

Kapitel 6. Staatsschulden

Zusammenfassung
Mehr als ein Drittel des privaten Vermögens in der Region OECD plus China besteht aus Anwartschaften auf Altersrenten, die der Staat schuldet. Hätte der Staat diese künftigen Verpflichtungen mittels eines Deckungsstocks abgesichert, entstünde ein unlösbares Kapitalanlageproblem. Nur mit einem Verzicht auf Deckungsstöcke ist der Sozialstaat des 21. Jahrhunderts kompatibel mit einem Regime der Preisstabilität bei nicht-negativen Realzinsen. Mit der Berechnung der staatlichen Verpflichtungen nach dem ADL-Verfahren erkennen die statistischen Ämter die impliziten Staatsschulden aus dem Rentensystem als Staatsschulden an. Auch die Systeme der gesetzlichen Krankenversicherung und der sozialen Pflegeversicherung generieren beträchtliche implizite Staatsschulden und entsprechendes privates Vermögen.
Das von Robert Shiller propagierte TRILL-System kann ein wichtiger Beitrag zur Stabilisierung der künftig nötigen hohen Staatsschulden bei niedrigen Realzinsätzen sein.Wir schätzen die Höhe der Staatsschulden in der Region OECD plus China empirisch ab. Für die Ermittlung der expliziten Staatsschulden greifen wir auf Daten des Internationalen Währungsfonds über die Netto-Staatsverschuldung zurück. Die impliziten Staatsschulden setzen sich vorwiegend aus den kapitalisierten Zahlungsverpflichtungen des Staates im Rahmen von gesetzlichen Renten- und Krankenversicherungen zusammen. Eine wichtige Datenbasis für die Berechnungen stellen die von einigen statistischen Ämtern veröffentlichten Anwartschaftsbarwerte von im Rahmen von Sozialschutzsystemen aufgelaufenen Alterssicherungsansprüchen dar. Wir schätzen, dass die gesamte Staatsverschuldung in der Region OECD plus China mehr als 600 Prozent des volkswirtschaftlichen Jahreskonsums dieser Region entspricht.
Carl Christian von Weizsäcker, Hagen Krämer

Kapitel 7. Investition, Ersparnis und Stagnation aus keynesianischer Sicht

Zusammenfassung
Auch aus einer keynesianischen Perspektive heraus kann gezeigt werden, dass geplante Investitionen und Ersparnisse im 21. Jahrhundert divergieren und dass ohne ein entsprechendes Gegensteuern des Staates eine dauerhafte (säkulare) Unterbeschäftigung droht. In diesem Kapitel wird gezeigt, mit welchen Argumenten keynesianische Autoren in Schriften älteren und jüngeren Datums die Möglichkeit einer säkularen Stagnation begründet haben und welche Möglichkeiten sie sahen, drohende stagnative Tendenzen zu überwinden. Es wird deutlich gemacht, dass trotz genereller Unterschiede im theoretischen Ansatz und einiger Unterschiede im Detail etliche Parallelen zwischen der keynesianischen Sichtweise und dem in diesem Buch präsentierten neuen neoklassischen Denkmodell existieren. Dies gilt sowohl für die Ursachen der strukturellen Divergenz von geplanten privaten Ersparnissen und privaten Investitionen als auch für die daraus resultierenden Konsequenzen.
Carl Christian von Weizsäcker, Hagen Krämer

Kapitel 8. Abschließende Bemerkungen zum negativen natürlichen Zins

Zusammenfassung
Die Große Divergenz: die Produktionsperiode T steigt nicht mehr. Die „Warteperiode“ Z steigt säkular mit dem steigenden Lebensstandard und der steigenden Lebenserwartung und dies weltweit. Im Interesse der Vollbeschäftigung muss diese Divergenz durch die Staatsschuldenperiode D kompensiert werden: T = ZD.
Mittels eines von uns entwickelten Extrapolationsverfahrens errechnen wir aus den vorhandenen empirischen Daten den privaten Vermögensstand der Region OECD plus China bei einem Realzins von Null: Heute schon machen die Netto-Staatsschulden fast die Hälfte des privaten Vermögens aus.
Unsere Theorie und Empirie wird zunehmend auch durch Arbeiten anderer Ökonomen bestätigt: so durch die These von Lawrence Summers zur säkularen Stagnation, so durch die Untersuchung von Jordà, Schularick und anderen zur säkularen Entwicklung des privaten Vermögens.
Carl Christian von Weizsäcker, Hagen Krämer

Wirtschaftspolitik

Frontmatter

Kapitel 9. Geldwertstabilität und Stabilität der Offenen Gesellschaft

Zusammenfassung
Der Sozialstaat ist gemäß historischer Erfahrung das Bindeglied zwischen Demokratie und Marktwirtschaft. Weder ein zu kleiner noch ein überdehnter Sozialstaat kann diese Bindegliedfunktion erfüllen.
Ein „Stabilitätspakt“ zwischen Bürger und Staat ist erforderlich: 1. Ein Sozialstaat zur Absicherung der Bürger auch im Alter. 2. Das Rentensystem muss aus Anreizgründen ein „Sparen“ (Zwangssparen) für das Alter sein. 3. Die meisten Bürger sparen darüber hinaus freiwillig. 4. Der Staat sorgt für stabile Kaufkraft des Geldes. 5. Der Staat setzt seine Fiskalpolitik im Sinne einer hohen Beschäftigung ein.
Ein modernes Verständnis von persönlicher Freiheit umfasst die Sicherheit, die ein ausgewogener Sozialstaat gewährt. Im 21. Jahrhundert folgt hieraus, dass die Bürger einen großen Teil ihres Vermögens in der Form von Nettoforderungen an den Staat halten.
Carl Christian von Weizsäcker, Hagen Krämer

Kapitel 10. Ein neues Zeitalter der internationalen Wirtschaftspolitik

Zusammenfassung
Wir unterscheiden zwischen einer „Friedman-Welt“ und einer „Keynes-Welt“; letztere durch das Zero-Lower-Bound Problem charakterisiert. Mit säkular sinkendem natürlichem Zins wird die Keynes-Welt der Normalfall. In der Keynes-Welt vertreten die Wähler vor allem ihre Produzenteninteressen und weniger ihre Konsumenteninteressen. Das stärkt an den Wahlurnen den Protektionismus.
Das Phänomen Trump ist Symptom dieser Kräfteverschiebung. Die USA sind immer weniger die Weltkonjunktur-Lokomotive mittels hoher Leistungsbilanzdefizite.
Zur Rettung des Freihandels bedarf es neben den WTO-Regeln einer internationalen Fiskalordnung: 1. Bei niedrigen Realzinsen verpflichten sich die Staaten mit Leistungsbilanzüberschüssen, diese durch Erhöhung der staatlichen Nettoneuverschuldung abzubauen. 2. Bei hohen Realzinsen verpflichten sich die Staaten mit Leistungsbilanzdefiziten, diese durch fiskalische Sparmaßnahmen abzubauen.
Carl Christian von Weizsäcker, Hagen Krämer

Kapitel 11. Europa, der Euro und eine demografische Wende in Deutschland

Zusammenfassung
Der Zugang zum heimischen Markt ist heute der Trumpf der Handelsdiplomatie. Dieser sticht umso höher, je größer der heimische Markt ist. Der Euro ist daher der entscheidende Stützpfeiler für den Gemeinsamen Europäischen Markt.
Die deutsche Schuldenbremse ist inkompatibel mit einem dauerhaft stabilen Euro. Denn mit ihr kann Vollbeschäftigung im Gesamtraum des Euro nie erreicht werden. Diese würde unter heutiger Fiskalpolitik utopisch hohe Exportüberschüsse voraussetzen. Ein zu Unterbeschäftigung verdammter Euro wird zerbrechen.
Daher muss die internationale Fiskalordnung auch auf die Nationalstaaten des Eurogebiets angewandt werden.
Die hieraus resultierenden Pflichten Deutschlands bieten die Chance für eine deutsche demografische Wende durch eine offensive Ermutigung zur Einwanderung von Fachkräften.
Carl Christian von Weizsäcker, Hagen Krämer

Kapitel 12. Weltökonomie nach dem Ende der Kapitalknappheit: Ein utopischer Entwurf

Zusammenfassung
Friedrich List 1841 extrapolierend erklären wir das Paradoxon China: Ein armes Land kann gerade dadurch stürmisch wachsen, dass es im Saldo Kapital exportiert und nicht importiert.
Mehr Wachstum der Entwicklungsländer kann durch Leistungsbilanzüberschüsse gegenüber der Region OECD plus China erzeugt werden. Die Staatsschulden der Region OECD plus China müssten dann so gesteuert werden, dass dort trotz des Leistungsbilanzdefizits Vollbeschäftigung erhalten bleibt. Eine solche Politik gereichte beiden Welten zum Vorteil.
Diese Gedanken sind vorerst Utopie. Ihre Verwirklichung bedeutet einen zusätzlichen Strukturwandel, der zu dem der Digitalisierung noch hinzukommt. Der Widerstand derjenigen, die hierbei ihre Arbeitsplätze verlieren könnten, wird dafür sorgen, dass eine derartige Umstellung der Welthandelspolitik für lange Zeit politisch nicht möglich sein wird.
Carl Christian von Weizsäcker, Hagen Krämer

Kapitel 13. Abschließende Bemerkungen zur Wirtschaftspolitik

Zusammenfassung
Die deutsche Schuldenbremse ist nicht kompatibel mit einem dauerhaft stabilen Euro. „Neues Denken“ erfordert: In der Keynes-Welt mit dauerhaft niedrigen Zinsen sind Staatsschulden und Preisstabilität nicht mehr Konkurrenten, sondern Verbündete.
Das vorgeschlagene Bilanzabkommen wird hier konkretisiert: Ein geeigneter Zielzinssatz (real) des Weltkapitalmarkts liegt ein Prozent p.a. bis 1,5 Prozent p.a. unter der Wachstumsrate der Region OECD plus China. Liegt der tatsächliche Zinssatz unterhalb des Zielzinssatzes, verpflichten sich die Staaten mit Leistungsbilanzüberschüssen dazu, ihre Staatsschuldenperiode D gemäß einer bestimmten Formel allmählich zu erhöhen. Bei einem „zu hohen“ Realzinssatz bestehen spiegelsymmetrische Pflichten der Staaten mit Leistungsbilanzdefiziten, die Staatsschuldenperiode zu senken.
Die Regeln des Bilanzabkommens ersetzen die Schuldenbremse. Sie sind Instrumente einer soliden Fiskalpolitik.
Carl Christian von Weizsäcker, Hagen Krämer

Backmatter

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