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Sprachen des Unsagbaren

Zum Verhältnis von Theologie und Gegenwartsliteratur

  • 2017
  • Buch
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Über dieses Buch

Der Band widmet sich der aktuellen Frage nach der Wiederkehr von Religion in der Gegenwartsliteratur und beleuchtet das Potenzial wechselseitiger Annäherung und Abgrenzung von Literatur(wissenschaft) und Theologie. Was sind die Facetten und Dynamiken solcher Begegnungen und in welcher Beziehung stehen sie zur Gegenwart? Eine Ringvorlesung an der Humboldt-Universität zu Berlin lud AutorInnen, TheologInnen und LiteraturwissenschaftlerInnen zu Erkundungen im Grenzgebiet zwischen Eigenem und Fremden ein. Die vielseitigen Beiträge ermöglichen damit sowohl einen ersten Überblick über aktuelle Forschungstendenzen als auch die vertiefende Lektüre zu einzelnen Problemkonstellationen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Einleitung
Zusammenfassung
Theologie und Gegenwartsliteratur – damit greifen wir ein Forschungsfeld auf, das gegenwärtig wieder auflebt. Auch wenn die Beziehung zwischen Theologie und Dichtkunst nie ganz abgebrochen ist, findet derzeit, nach einer tiefen »Beziehungskrise«eine Wiederannäherung statt. Nachdem Religion lange suspektund tabuisiert war und sich explizit religiöse Werke zumindest dem Verdacht derästhetischen Minderwertigkeit ausgesetzt sahen, kehren religiöse Motive undFragestellungen gegenwärtig in die Literatur zurück, was sich anhand der Werke verschiedenster AutorInnen nachweisen lässt. Diese als »religious turn« oder »Renaissance der Religion« bezeichnete Entwicklung, wird nicht nur vom Literaturbetrieb, sondern auch von der wissenschaftlichen Forschung wahrgenommen. An dieser Stelle kann nur ein kleiner Ausschnitt der zahlreichen Publikationenzum Thema dargestellt werden. Dennoch sollen einige wichtige Arbeiten genanntwerden, an die der vorliegende Band anschließt.
Dörte Linke, Florian Priesemuth, Rosa Schinagl

Theologie

Frontmatter
»Ich gönne mir das Wort Gott«
Annäherungen an die Gottes-Rede in der Gegenwartsliteratur
Zusammenfassung
Gott in der Literatur unserer Zeit? Die Frage scheint schon lange beantwortet zu sein: »Verschwiegen« und verborgen, »verloren« und verabschiedet sei er, sogrundlegende Studien zur Thematik. Die hinter der Frage aufscheinende Suche finde nur ein Ergebnis: »Gott liebt es, sich zu verstecken«. Der Blick in die Gegenwartsliteraturkönnte dann nur eines erbringen: eine erneute Bestätigung derGottesverdunstung, der resignativen Einsicht in die ständig schwindende Präsenzdes Gottesgedanken in der Gegenwartskultur.
Georg Langenhorst
Vitalität des Abgesangs. Der protestantische Pfarrberuf in der Literatur
Zusammenfassung
Der evangelische Pfarrberuf ist fünfhundert Jahre alt und auf vielfältige Weisemit der Literatur verbunden. Obwohl dem Protestantismus gelegentlich eine »Literaturfeindschaft«nachgesagt wird, waren protestantische Pfarrer lange die dominierendenProduzenten, Rezipienten und Vermittler von Literatur. Ein »›Vorpostenliterarischer Kultur‹«in einem soziokulturellen Umfeld, das wenig vonLiteratur berührt war, mit den Pastoren aber Menschen fand, die literarischwirkten oder andere dazu befähigten, dies zu tun.
Maike Schult
Sibylle Lewitscharoff – »Pong« oder der Anspruch der Freiheit
Zusammenfassung
»Einem Verrückten gefallt die Welt wie sie ist, weil er in ihrer Mitte wohnt.«Der erste Satz des Romans ›Pong‹ von Sibylle Lewitscharoff.
1. Noch ist er namenlos,»der Mann«– so wird er auf der folgenden Seite vorläufiggenannt, »die Person«, wenig später. Dass er verrückt ist, scheint gleich mitdem ersten Satz des Romans ausgemacht, der Leser ist vorgewarnt und rechnetin der Folge damit. Die Autorin leitet ihn auf dieser Spur weiter, wenn sie beschreibt– ob sie wirklich beschreibt, werden wir noch sehen, aber zunächst einmal:– wenn sie beschreibt, die Autorin, wie der Verrückte in der Mitte der Welt lebt, erhärtet sie unseren Eindruck: tatsachlich verrückt.
Notger Slenczka
Blumenberg. Die absolute Metapher als Grenze der metaphorischen Theologie
Zusammenfassung
Begriffliche Sprache hat ihre Grenzen. Etwas auf den Begriff zu bringen, das Besondere unter ein Allgemeines zu fassen, macht, wenn man dem PhilosophenHans Blumenberg folgt, nicht das Ganze der Sprache aus. Um Unsagbares zu sagen,gebrauchen wir Metaphern. Wir sagen etwas mit anderen Worten, für das esvielleicht keine besseren gibt. Die Theorie der Metapher bewegt sich auf der Grenzevon Sagbarkeit und Unsagbarkeit und ist von daher für die Theologie von besonderemInteresse. Von Gott und den Menschen kann und muss mehr gesagtwerden, als sich auf den Begriff bringen lässt. Das ist der Ausgangspunkt einer sog. metaphorischen Theologie.
Florian Priesemuth
»Das Denken schöpft aus dem Sichtbaren seine Begriffe, um das Unsichtbare zu bezeichnen.«
Hannah Arendt und die Theologie
Zusammenfassung
Hannah Arendt ist berühmt für ihre Konzepte in politischer Theorie wie der Handlungstheorie, dem Recht, Rechte zu haben, für ihre Forschung über den Totalitarismus und die Publikation über den Eichmann-Prozess. Weniger bekannt ist ihre intensive Beschäftigung mit Theologie und Poesie, die bereits in ihrer Studienwahl Ausdruck fand und konzeptuell Ideen zu ihrer Theoriebildung beisteuerte. Dafür verwendet sie theologische Begriffe und Motive. In dem Artikel sollen die Spuren dieser sprachlich-theologischen Traditionen in Arendts Philosophie aufgezeigt werden. Dabei soll Hannah Arendt nicht zu einer säkularen Theologin stilisiert, sondern die Beziehung der Theologie zu ihren politischen Theorien skizziert werden.
Rosa Schinagl
»Am Leben ist noch immer mehr Kunst, als wir fassen können.«
Religion, Kunst und Lebenskunst bei Adolf Muschg
Zusammenfassung
Ausgehend von Adolf Muschgs Parzival-Neuerzählung Der Rote Ritter arbeitet der Beitrag das Verhältnis von Kunst und Lebenskunst im literarischen Oeuvre des Schweizer Gegenwartsautors heraus, das aufs engste mit der Dimension des Spirituellen verbunden ist. Beleuchtet wird Muschgs Auseinandersetzung mit dem Erbe protestantisch-reformierten Christentums wie seine intensive Beschäftigung mit dem japanischen Zen-Buddhismus. Diese ist eng verbunden mit der Mystik Meister Eckharts und der naturwissenschaftlich fundierten Weltfrömmigkeit Goethes, auf die sich Muschgs sperrig-herausforderndes Alterswerk bezieht. In Muschs fortgesetztem Nachdenken über das Ganze der Schöpfung spiegelt sich seismografisch höchst aufschlussreich Aktualität und Transformation des Religiösen in der Gegenwart.
Christoph Gellner

Germanistik und Literaturwissenschaft

Frontmatter
Liebe und/als Allegorie. Das Hohelied und seine Deutung in Umberto Ecos Der Name der Rose
Zusammenfassung
Wenn dieser Band den Titel Sprachen des Unsagbaren trägt, und wenn er, wie der Untertitel ankündigt, das »Verhältnis von Theologie und Gegenwartsliteratur« zum Thema haben soll, dann ist dies eine interessante Ausgangslage für meine folgenden Überlegungen zur Rezeption des Hohenliedes (Hld) in Umberto Ecos Roman Der Name der Rose (1980). Denn der Titel des vorliegenden Bandes setzt zweierlei voraus: Erstens, dass es, was keineswegs selbstverständlich ist, Sprachen des Unsagbaren gibt. Dies wirft ein uraltes sprachtheoretisches Problem auf: Was ist eine Sprache, die nicht ›gesagt‹ werden kann? Ist eine solche Sprache überhaupt als Sprache zu klassifizieren? Die zweite zumindest implizite Voraussetzung ist, dass zwischen Theologie und Literatur ein Zusammenhang besteht, was ebenfalls nicht selbstverständlich ist. Interessanterweise versucht dieser Band nicht, einen Zusammenhang zwischen Religion und Literatur zu konstruieren – diese Formel ist im Zuge des (ob zu Recht oder Unrecht) so genannten religious turn in den jüngsten Dekaden geradezu ein Allgemeinplatz geworden, und es gibt zahllose Studien, die sich mit religiösen Motiven in literarischen Texten auseinandersetzen. Stattdessen ist im Titel des vorliegenden Bandes ausdrücklich die Rede von einem Verhältnis zwischen der Theologie und der Literatur.
Caroline Sauter
Das Nachleben einer Opferung. Zu David Grossmans
Eine Frau flieht vor einer Nachricht
Zusammenfassung
Biblischen Mythen kommt ein inhärenter Gehalt zu, der stark von ihrer gesellschaftlichen Rezeption und Fuktion ständig geprägt und umformuliert wird. Die Rolle biblischer Bilder in der gegenwärtigen Politik kann als prominentes Beispiel für diese Wechselwirkung von Zeichen und Gemeinschaften dienen. Die Rolle biblischer Symbolen in der israelischen Gesellschaft stellt eine Besonderheit für diese Coabhängigkeit. Das betrifft im Besonderen ein bestimmtes biblisches Narrativ, das in der gegenwärtigen Kultur entscheidend ist: die Bindung Isaaks (Hebräisch: das Akedah). In israelischer Literatur ist die kulturelle Zentralität dieses Motivs verwoben mit der Betonung, die man damit besonders familiären Beziehungen verleihen kann. Die regelmäßige Wahl dieses Motivs wenn es um die Beteiligung eines Individuums an militärischen Aktivitäten geht, erhält ein nationales Drama eines Volkes als Rahmen aufrecht, in dem die individuelle Handlungsmacht politischer Entscheidungen vervollkommnet, verhandelt und herausgefordert wird.
Yael Almog
Judas, der Archetyp des Verräters
Zusammenfassung
Cäsar, einem in der Kunst des Verrats bewanderten Staatsmann, wird die Aussage zugeschrieben: »Proditionem amo, sed proditores non laudo« – wohl liebe er den Verrat, doch den Verräter wolle er deshalb nicht loben. Die Notwendigkeit des Verrats erkennt der gerissene Stratege an, aber auch den unvermeidlich üblen Ruf des Verräters: unter allen Untaten gilt Verrat als die tückischste, unter allen Übeltätern der Verräter als der verwerflichste. Er hat seine berühmten mythischen und literarischen Repräsentanten: in der Liebe ist es Don Juan, in der Sphäre der verrataffinen Politik sind es Kollaborateure wie Quisling oder Renegaten wie Leo Trotzki, aber auch Attentäter wie Claus von Stauffenberg – das Urteil über den Verrat sprechen die Verlassenen und Verratenen. Im Bereich der Religion ist es Judas, ein Name, der nicht nur in der westlich-christlichen Welt unmissverständlich als Synonym für den Verräter gilt – denn Judas Iskariot war es, der Jesus von Nazareth, seinen Herrn und Meister, für einen lächerlich geringen Betrag an die Obrigkeit auslieferte.
Hans R. Brittnacher
»Am Ende sei es natürlich ein Gottesproblem.«
Metaphysik in Marion Poschmanns Roman Die Sonnenposition
Zusammenfassung
Dieser Beitrag widmet sich Marion Poschmanns Roman Die Sonnenposition (2013). Aufgezeigt wird, dass Poschmann für die Gegenwart ein „Krise der Metaphysik“ skizziert, da sich tradierte Konzeptionen von Sinn, wie sie auch die Glaubenssysteme darstellen, in einer pluralen Postmoderne auflösen und fragwürdig werden. Dies stellt die Selbstdefinition des Menschen, der als erkennendes Subjekt und Gegenüber Gottes mit einer besonderen Würde ausgestattet war, fundamental in Frage. Er sieht sich daher gegenwärtig in völlig neuer Weise mit seiner Endlichkeit, den Fragen nach dem Sinn des Lebens und seiner selbst konfrontiert. Im zweiten Teil wird diese Problematik aufgegriffen durch die Versuche der beiden Protagonisten, sich weiterhin zur Transzendenz in Beziehung zu setzen, die allerdings scheitern. Skizziert werden die Auswirkungen dessen auf die Konzeption des Subjekts, um abschließend einen Vorschlag für eine „neue Subjektivität“ zu entwerfen.
Dörte Linke

AutorInnen

Frontmatter
Jubeljahre
Zur Aktualität theologischer Topoi in der deutschen Gegenwartslyrik
Zusammenfassung
Ende Mai 2016, ich saß am Schreibtisch und bereitete diesen Vortrag vor, erreichte mich eine Einladung zu der internationalen Tagung »Heilige Texte. Fortleben und Wiederkehr einer Denkfigur in der Moderne«. Der Gastgeber, das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin, vermerkte im Kommentar: In den letzten Jahrzehnten gibt es in der kritischen Theorie wie auch in der politischen Theorie, der Philosophie, der Kulturwissenschaft und der Literaturtheorie eine Wiederkehr der Religion zu verzeichnen: In den Werken so unterschiedlicher Autoren wie Giorgio Agamben, Alain Badiou, Harold Bloom oder Talal Asad ist die Religion so wichtig, dass bisweilen von einem religious turn (oder auch theological turn) gesprochen wurde.
Maximilian Czollek
Recherchen im Licht der Prophezeiung
Beobachtungen zum religiösen Sprechen im literarischen Subfeld der zeitgenössischen Lyrik
Zusammenfassung
Ein Marienzyklus als Zentrum meines Gedichtbandes »Picknick mit schwarzen Bienen«? Was für ein Himmelfahrtskommando! Jahrelanges Kopfschütteln bei Lektor und Verlegerin: Warum willentlich hinter die Errungenschaften der Postmoderne zurückgehen? Die flüchtigen lyrischen Ichs aufgegeben, die hart erkämpfte Freiheit von Identifikationspflicht? Unnötiger Verrat auch an den Tugenden der Avantgarde. Statt der Geste hin zu Utopie und Unvermögen wieder Abarbeiten am christlichen Mythos? Am Klischee?
Karla Reimert
»Ich fiel, weil ich den Menschen zu sehr liebte.«
Teufelsmonolog. Auszug aus dem Roman Die Unglückseligen
Zusammenfassung
Fuck you! Von Herzen geb ich’s dir zurück: Fuck you, Johanna! Dass so weit den faulen Zauber du getrieben, dass ganz und gar der Sinn dir nun verrückt! Ein noch erbärmlicheres Nichts sei ich als jener HErr, nur weil ich nicht als artig Helferlein vor deinem Kreise dir erschein? O Königin des ungerechten Urteils! Soll ein Geheimnis ich dir offenbaren: Nichts täte lieber ich, als beizuspringen dir in deinem Kampf – hätt’s hundertmal getan und tät es immer noch, selbst jetzt, da meiner Würde du so gröblich spottest.
Thea Dorn
Backmatter
Titel
Sprachen des Unsagbaren
Herausgegeben von
Dörte Linke
Florian Priesemuth
Rosa Schinagl
Copyright-Jahr
2017
Electronic ISBN
978-3-658-17347-0
Print ISBN
978-3-658-17346-3
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-17347-0

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