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18.07.2019 | Stadtplanung | Interview | Online-Artikel

"Städtebau muss räumliche und strategische Konzepte und Bausteine anbieten"

verfasst von: Christoph Berger

4:30 Min. Lesedauer

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Interviewt wurde:
Christa Reicher

Christa Reicher, Architektin und Stadtplanerin, ist seit Oktober 2018 Inhaberin des Lehrstuhls für Städtebau und Entwerfen sowie Leiterin des Instituts für Städtebau und Europäische Urbanistik an der Fakultät für Architektur der RWTH Aachen University.

Städte stehen vor enormen Herausforderungen. Welche das sind, wie Städtebauer ihnen begegnen und warum die Disziplin "Städtebau" wieder zur Königsdisziplin wird, erklärt die Architektin und Stadtplanerin Christa Reicher.

Springer Professional: Frau Reicher, der Städtebau hatte im Laufe seiner Geschichte Lösungen für unterschiedlichste Anforderungen zu entwickeln – in Ihrem Buch geben Sie den Leserinnen und Leser einen kurzen historischen Abriss. Welches sind heute die großen Herausforderungen, auf die der Städtebau Antworten und Lösungen zu finden hat?

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Christa Reicher gibt einen Überblick über die Grundbegriffe und die historischen Phasen des Städtebaus sowie unterschiedliche Theorien. Das städtische Gefüge setzt sich aus verschiedenen Bausteinen und Nutzungen zusammen, die erläutert und in …


Christa Reicher: In den letzten Jahren hat sich in vielen Teilen Europas ein grundlegender Paradigmenwechsel vollzogen: von einer Phase des Schrumpfens und Stagnierens hin zu enormem Wachstum von Städten und Regionen. Nicht nur die Großstädte geraten regelrecht unter Druck, auch Mittel- und Kleinstädte sehen sich der Herausforderung ausgesetzt, wie einerseits dem Anspruch an Klimawandel und der damit einhergehenden Freiflächensicherung und andererseits der Verdichtung und Bereitstellung von Flächen für das Wohnen und Arbeiten Rechnung getragen werden kann. Städtebau muss räumliche und strategische Konzepte und Bausteine anbieten, die nachhaltig Lebensqualität sichern.

Im Kapitel "Städtebauliche Herangehensweisen und Philosophien" stellen Sie vier Herangehensweisen vor. Gibt es für die heutigen Herausforderungen den einen passenden Weg?

Die Beschäftigung mit den 'Städtebaulichen Philosophien' hat gezeigt, dass jede dieser Herangehensweise die Probleme ihrer Zeit lösen wollte und zugleich neue erzeugt hat. Vor diesem Hintergrund halte ich dogmatische Philosophien für schwierig. Wenn ich den aus heutiger Sicht zielführenden Weg skizzieren müsste, dann wäre das ein "integrativer Städtebau", der in einem mehrdimensionalen Ansatz die zeitlichen Dimensionen – also kurzfristig umsetzbare Stadtbausteine mit einer langfristigen räumlichen Vision – verbindet und der zugleich höchste ästhetische Qualitäten und Ansprüche an den Stadtraum mit den Bedürfnissen der Menschen vor Ort in Einklang bringt. Neben diesen zeitlichen und räumlichen Dimensionen spielt beim 'integrativen Städtebau' auch der interdisziplinäre Ansatz, also die Art und Weise, wie ökologische, ökonomische, soziale, ästhetische und räumliche Aspekte zu einem überzeugenden Konzept verbunden werden können, eine zentrale Rolle. Mit der Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt ist bereits ein gutes inhaltliches Fundament gelegt, das eine zeitgemäße und keine rückwärtsgerichtete räumliche Übersetzung benötigt.

Zur Sprache kommt in dem Kapitel auch, dass die Nutzer – neben den Planern und Entwerfern – als gleichberechtigte und aktive Partner, die als Koproduzenten in die Konzeption und Ausgestaltung von Stadträumen einbezogen werden sollten, eine Rolle spielen. Wie gehen Städtebauer mit diesen nun einzubindenden Akteuren um, sind sie auf die Kommunikation mit den Nutzern vorbereitet? 

Städtebau ist in erster Linie dem Menschen verpflichtet und muss das Ziel verfolgen, die Lebensqualität in unseren Quartieren, Städten und Regionen zu verbessern oder auch in Teilen einfach zu sichern. Partizipation bedeutet für mich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen der Menschen vor Ort. Dabei geht es nicht um die Umsetzung von lautstark artikulierten Einzelinteressen, sondern um konstruktive Diskurse mit der Zivilgesellschaft mit dem Ziel, das inhaltliche Fundament für ein Konzept zu erarbeiten, das in der Folge dann von Experten und Expertinnen umgesetzt wird. Städtebauer haben erkannt, dass sie keine Konzepte verordnen können und dass sie diskursiver im Vorfeld und während des Planungsprozesses mit den Nutzern und Beteiligten umgehen müssen. Kommunikation ist dabei das 'A und O'; und diese muss von den Städtebauern erprobt und teilweise auch erlernt werden. 

In Ihrem Fazit wird die Komplexität der Aufgaben – vor allem auch im Zusammenspiel mit den unterschiedlichsten Stakeholdern – noch einmal deutlich. Wie können Städtebauer dabei die Übersicht behalten?

Planungsprozesse und -verfahren sind in den vergangenen Jahren zunehmend komplexer geworden. Und zugleich verläuft jeder Prozess anders. Es gibt nicht "die" Blaupause, die übertragen werden und als Patentrezept dienen kann. Überzeugende städtebauliche Konzepte entstehen dann, wenn die Raumexperten – also die Städtebauer, Architekten und Ingenieure – sich mit den Interessen der Politik, der Investoren, der Kreativwirtschaft u.a. auseinandersetzen und sich auf die Komplexität vor Ort einlassen. Das bedeutet in erster Linie, dass die Städtebauer eine Sensibilität für den Ort, die Aufgabenstellung und die Akteure entwickeln. Dann kann schon gar nicht mehr viel schieflaufen.

Und wie sehen Sie die Städte aufgestellt: Gibt es dort ausreichend qualifizierte Städtebauer, um den Herausforderungen auch erfolgreich zu begegnen?

Städtebau wird langsam aber spürbar wieder zu einer "Königsdisziplin" werden. Diese Qualifikation erfährt derzeit eine äußerst hohe Nachfrage von allen Seiten. Die Zeiten, in denen sich Architekten und Architektinnen auf den Entwurf des einzelnen Gebäudes konzentrieren konnten, sind definitiv vorbei. Der Einfluss auf die langfristige Qualität eines Ortes durch ein gutes und tragfähiges städtebauliches Konzept wird durchweg gewürdigt. Wenn das Gebäude schlecht ist, kann es irgendwann wieder abgerissen werden, wenn der Städtebau schlecht ist, hat das tiefgreifende Auswirkungen auf die Wahrnehmung einer Stadt, auf die Stadtrendite und nicht zuletzt auf die Lebensqualität ihrer Menschen. Die Bedeutung der Disziplin ist erkannt, allerdings benötigen wir eine umfangreiche Weiterentwicklung der Ausbildung – an den Hochschulen und als berufsbegleitende Fortbildung für diejenigen, die mit der Komplexität von Stadtentwicklung konstruktiv umgehen müssen.

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