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11.04.2019 | Stadtplanung | Interview | Onlineartikel

"Mit modularem Konzept zu energieeffizienten Quartieren"

Autor:
Nico Andritschke
Interviewt wurde:
Jörg Knieling

Jörg Knieling ist Professor für Stadtplanung und Regionalentwicklung an der HafenCity Universität Hamburg.

Die Entwicklung energieeffizienter Quartiere in der Ostseeregion ist bis 2020 Ziel des transnationalen EU-Projekts Area 21. Professor Jörg Knieling beschreibt Herausforderungen und aktuelle Projekte.

Springer Professional: Am Forschungsprojekt Area 21 beteiligen sich seit 2017 mehrere Städte aus dem Ostseeraum. Wie fällt ihre Zwischenbilanz aus?

Jörg Knieling: Die Zwischenbilanz der internationalen Zusammenarbeit zeigt positiv, dass die Area-21-Städte in den jeweiligen Modellgebieten engagiert dabei sind, innovative und vielseitige Energiekonzepte zu entwickeln. Eine besondere Herausforderung für die gemeinsame Arbeit der Städte ist das Ziel, einen übertragbaren Ansatz der integrierten Energieplanung auf Quartiersebene zu entwickeln. Dies wirft eine Reihe von Fragen auf. So ist etwa jedes Modellgebiet sehr spezifisch, was die städtebauliche Struktur, die Eigentumsverhältnisse der Gebäude oder die Bewohnerschaft betrifft, und weist zudem unterschiedliche Rahmenbedingungen auf. In den beteiligten Ländern gibt es zum Beispiel jeweils eine eigene Organisation und verschiedene Kosten- und Finanzierungsstrukturen im Energiesektor, auch stadtplanerische und städtebauliche Rechtsvorgaben unterscheiden sich voneinander. Dies muss das Projektmanagement bei der Konzepterstellung berücksichtigen. Auch gibt es unterschiedliche Vorstellungen und Erfahrungen, wie die Stadt- und Regionalverwaltung, die Wirtschaft und die Zivilgesellschaft zusammenarbeiten können. Diese Kooperation ist ein zentrales Element von Area 21. Auf die Vielfalt in den Area-21-Städten werden wir reagieren, indem Area 21 ein modulares Konzept für die energieeffiziente Quartiersentwicklung erarbeitet, so dass jede Stadt einen maßgeschneiderten Weg für ihre spezielle Situation finden kann und die Ergebnisse so in Europa übertragbar sein werden.

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Zu Beginn des 21. Jahrhunderts lebten erstmalig mehr als 50 % der Menschen in Städten, welche zwischen 60 und 80 % der weltweit benötigten Energie verbrauchen. Die Transformation der Städte hin zu nachhaltigen Gesellschaften mit nachhaltigen Energiesystemen wird aber nicht nur durch die gebaute Umwelt, Technologien und Politik geprägt, sondern v. a. durch Systeminnovationen. 


Welche Energiesparpotenziale wurden identifiziert und welche Konzepte bislang entwickelt, um Wohnquartiere klimaneutral zu gestalten?

Ein Beispiel für die Energiesparpotenziale ist das Modellgebiet Annelinn in der estnischen Stadt Tartu. Das Gebiet besteht zum größten Teil aus Wohngebäuden. Um eine Energieeinsparung von 20 Prozent zu erzielen, werden die Gebäude umfassend renoviert. Außerdem bezieht die Stadt die Bewohnerinnen und Bewohner durch verschiedene Beteiligungsformen und ein innovatives IKT-Tool ein.

Auch innerhalb eines Klinikgeländes in Helsingborg in Schweden streben die Projektpartner eine Ener­­gie­einsparung von mehr als 20 Prozent an. Der Fokus liegt dabei auf der Vernetzung der Kran­ken­haus­gebäude, um den Energiebedarf intelligent steuern zu können. Zu diesem Zweck kommen unter anderem innovative smarte Technologien zum Einsatz. Perspektivisch soll der Klinikkomplex Teil des Energienetzwerks der Stadt werden und darüber zusätzliche Synergien zur Energieeffizienz erzielen.

Übergeordnetes Ziel ist die Entwicklung einer ganzheitlichen Strategie zur Steigerung der Energieeffizienz in Bestandsquartieren. Können Sie an einem Beispiel erklären, wie dies in der Praxis gelingen kann und welche Hindernisse dabei zu überwinden sind?

Ein Beispiel für eine ganzheitliche, integrative Strategie für mehr Energieeffizienz ist das Modellgebiet Wieniawa in der ostpolnischen Stadt Lublin. Das Bestandsquartier führt Kernelemente von Area 21 zusammen: mehr Energieeffizienz, Einsatz erneuerbarer Energien und ein höheres Energie­bewusst­sein in der Bevölkerung. Gemeinsam mit den lokalen Akteuren führen Maßnahmen in den Bereichen Effizienz, Bürgersensibilisierung sowie Photovoltaik und Solarthermie dazu, dass die Energie­einsparung 15 Prozent beträgt. In Lublin ist von Vorteil, dass es bereits gute Erfahrungen mit Bürger­beteiligung gibt. Allerdings erschweren die für ein Mischgebiet typischen unterschiedlichen Gebäude­funktionen und Nutzergruppen das gemeinschaftliche Engagement der Akteure. Und für die Haus- und Wohnungs­eigentümerinnen und -eigentümer stellen die Investitionskosten eine Herausforderung dar. 

Welche Rolle spielt der Einsatz smarter Technologien bei der Energieplanung von Gebäuden?

Die Kommunen und Energieversorger die sich an Area 21 beteiligen, setzen smarte Technologien ein, um die Bevölkerung zu motivieren, innovative Energielösungen zu erproben und den Energie­bedarf zu senken. Die Bewohnerinnen und Bewohner können auf diese Weise außerdem den Prozess der lokalen Energieplanung aktiv mitgestalten.

In Area 21 ist die Regionale Energieagentur Tartu für die gemeinsame Entwicklung neuartiger smar­ter IKT-Tools zuständig. Das Tool der Fachhochschule Tampere liefert beispielsweise Aufschluss darüber, welchen Anteil des Energiebedarfs die Nutzerinnen und Nutzer selbst reduzieren können und für welche Maßnahmen die Hauseigentümerinnen und -eigentümer zuständig sind. Das Instrument basiert auf einer umfassenden Datenerfassung von Elektrizität- und Wasserbedarf sowie der Umgebungs­bedingungen und liefert zusätzliche Informationen für das Benchmarking, also den Vergleich, welche Wohnungen oder Gebäude die besten Ergebnisse erzielen.

Skåne möchte mit dem Energieversorger Öresundskraft AB die südschwedische Region schon bis 2020 fossilfrei energetisch versorgen. Ein Vorbild für deutsche Kommunen?

Seit der Unterzeichnung der regionalen Strategie „A Fossil Free Skåne 2020“ hat die Region große Fortschritte erzielt: Bereits heute versorgt Skåne 99,1 Prozent der Liegenschaften mit fossilfreier Energie. Während 2009 noch ein Großteil der für die Fernwärme benötigten Energie aus fossilen Brennstoffen stammte, liegt der Prozentanteil heute bei 0,3 Prozent.

Als Erfolgskriterium auch für andere Regionen ist dabei besonders der Wandel des Selbstverständ­nisses wichtig, der die Arbeit von Öresundskraft AB auszeichnet: von dem traditionellen Kunden-Lieferanten-Denken hin zu einem partnerschaftlichen, kooperativen Verhältnis. Dies schließt regel­mäßige strategische Treffen zwischen Kommune und Energieversorger ein, bei dem die Partner die bestehende Strategie analysieren und gemeinsam danach suchen, welche Verbesserungen in den verschiedenen Geschäftsfeldern denkbar wären.

Welche der beteiligten Städte kommen bei der Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen am besten voran und was sind mögliche Gründe?

Antworten auf die Frage nach der Umsetzung zeichnen sich zum derzeitigen Zeitpunkt von AREA 21 erst in Ansätzen ab, da die Prozesse in den beteiligten Städten noch in vollem Gange sind. Aber es lassen sich Faktoren identifizieren, die eine kooperative Energieplanung und die Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen begünstigen. Diese beziehen sich unter anderem auf die jeweiligen Rahmenbedingungen der Bürgerbeteiligung, die Kooperationskultur sowie förderliche Anreize. In Städten, in denen die Bürgerbeteiligung bereits fest verankert ist und entsprechende Erfahrungen vorliegen, wie und mit welchen Beteiligungsformaten sie sich in die kommunalen Entscheidungs­prozesse einfügen kann, bestehen gute Ausgangsbedingungen für eine partizipative Energieplanung auf Quartiersebene. Positiv wirkt sich auch aus, wenn die Stadt gegenüber neuen Kooperations­formen, also der Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft und Energieversorgungsunternehmen und zivilgesellschaftlichen Initiativen, aufgeschlossen ist und gegebenenfalls bereits über entsprechende Routinen verfügt.

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