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07.02.2019 | Stickstoffoxide | Kommentar | Onlineartikel

Köhler-Papier erweist der Stickoxid-Debatte einen Bärendienst

Autor:
Christiane Köllner

Drei Seiten Papier lösen in Deutschland eine emotionale Debatte aus. Sind Stickoxide gar nicht so schädlich? Doch die Stellungnahme der Lungenärzte zu NOx steht mehr und mehr in der Kritik. Zu Recht. Denn sie erweist der wissenschaftlichen Diskussion einen Bärendienst. 

Über hundert Lungenärzte, die den Nutzen von Grenzwerten für Feinstaub und Stickoxide anzweifeln, haben deutschlandweit eine hitzige Debatte ausgelöst. Schließlich sind die Grenzwerte die Basis für Dieselfahrverbote in mehreren deutschen Städten. In der vom Pneumologie-Professor Dieter Köhler initiierten Stellungnahme heißt es, es gebe "keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und NOx". Gefordert wird eine Neubewertung der Studien durch unabhängige Forscher und die Aussetzung der aktuellen Grenzwerte. Das Positionspapier, das im Januar 2019 an mehr als 4.000 Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) versandt wurde, fand nach aktuellem Stand 133 Unterzeichner. Darunter in der Mehrzahl Pneumologen, aber auch zwei Ingenieure, zwei Physiker, zwei Atemtherapeuten und ein Rechtsmediziner. 

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2017 | OriginalPaper | Buchkapitel

Schadstoffe und ihre Wirkung

Heutige Kraftstoffe sind flüssige oder gasförmige Kohlenwasserstoffe, ggf. mit einem geringen Anteil an gebundenem Sauerstoff (Alkohole), Additiven und Verunreinigungen. Eine ideale Verbrennung von Kohlenwasserstoffen oxidiert den Kohlenstoff zu Kohlendioxid und den Wasserstoff zu Wasser.

Kritik am Köhler-Papier

Inzwischen regt sich Kritik an der Stellungnahme. Zahlreiche Experten widersprechen den Ansichten der Gruppe um Köhler, etwa das Forum der internationalen Lungengesellschaften FIRS, ein Zusammenschluss verschiedener internationaler pneumologischer Fachverbände mit rund 70.000 Mitgliedern. FIRS stimme den nationalen deutschen Standards, den europäischen Standards und denen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nachdrücklich zu, heißt es in einer in der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" veröffentlichten Stellungnahme

Und der Widerspruch wächst. Kürzlich stellte der Bundesverband der Pneumologen in einer spontanen Onlineumfrage unter 1.200 Pneumologen fest, dass die Unterzeichner des Köhler-Statements keineswegs die Meinung der deutschen Lungenärzte repräsentieren. Auch der Vorstand der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin distanziert sich vom Köhler-Papier. Kritik kommt auch von Wissenschaftlern um Annette Peters vom Helmholtz-Zentrum München. Die Forscher bekräftigen, dass die Luftschadstoffe Feinstaub, Ozon und Stickstoffdioxid die Gesundheit in Deutschland gefährden. Zusätzlich lassen Nachfragen des politischen Fernsehmagazins "Frontal 21" bei den Unterzeichnern des Köhler-Papiers an deren Fachwissen zweifeln.

DGP-Papier fordert sogar Grenzwert-Absenkung

Die Initiative um Köhler stellt sich auch gegen ein rund 100-seitiges Positionspapier ihrer eigenen Gesellschaft DGP vom November 2018, in dem es heißt: "Gesundheitsschädliche Effekte von Luftschadstoffen sind sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch bei Patienten mit verschiedenen Grunderkrankungen gut belegt." Sogar eine "weitere deutliche Reduktion der Luftschadstoffbelastung" sei geboten und eine "Absenkung der gesetzlichen Grenzwerte erforderlich".

Glaubt man Springer-Autor Kai Borgeest, dann ist bei Stickoxiden jedenfalls Vorsicht geboten: Im Kapitel Schadstoffe und ihre Wirkung aus dem Buch Manipulation von Abgaswerten schreibt er: "NO ist ein Blutgift, es ist kurzlebig und wird bei nicht zu hohen Temperaturen im Abgastrakt oder in der Luft größtenteils zu NO2 oxidiert. Das stechend riechende NO2 reizt die Atemwege, trägt zum sauren Regen bei und katalysiert im Sommer die Bildung atmosphärischen Ozons (O3), eines starken Reizgases", so der Springer-Autor weiter.

Aussage gegen Aussage?

Wer hat nun Recht? Die Gruppe um Köhler, die die Grenzwerte und Schädlichkeit von Feinstaub und Stickoxide anzweifelt, oder die Lungenärzte und Fachleute, die dieser Ansicht widersprechen? Stickoxide – vor allem Stickstoffdioxide – sind in den letzten Jahren vor allem durch den Dieselgate zum Inbegriff schlechter Luft geworden. Jetzt befeuert der Grenzwertstreit der Lungenärzte zusätzlich die Luftschadstoff-Diskussion. Wie gefährlich ist das Reizgas aber? 

Die wissenschaftlichen Fragen und Methoden sind jedenfalls so komplex, dass sie sich kaum öffentlich diskutieren lassen. Es ist zugegeben auch nicht einfach, sich selbst einen unabhängigen Überblick zu verschaffen. Allerdings offenbart ein nüchterner Vergleich des Positionspapieres der Lungenärzte um Köhler und dem offiziellen DGP-Positionspapier vom November 2018 bereits die offensichtlich unterschiedlichen Ansprüche an eine wissenschaftliche Arbeit. Im dreiseitigen Köhler-Papier, das eher in Form einer Presseerklärung daherkommt und nicht einer wissenschaftlichen Abhandlung oder Forschungsstudie gleicht, findet sich keine einzige Quelle und kein einziger Bezug auf eine Studie. Dagegen hat das DGP-Positionspapier einen Umfang von fast 100 Seiten und führt 451 Quellenangaben an.

Behauptungen ohne Quellenangaben

Im Köhler-Papier sucht man vergebens nach guten, wissenschaftlichen Argumenten. Vielmehr werden Behauptungen aufgestellt, die nicht durch konkrete Studien oder wissenschaftliche Quellen untermauert werden. Es wird lediglich die These aufgestellt, dass die Daten der WHO und der Europäischen Union (EU) bezüglich Luftverschmutzung, Feinstaub und Stickoxide einer soliden wissenschaftlichen Grundlage entbehren. Man sei zwar "gerne […] bereit, jede der einzelnen Aussagen näher mit Literatur zu belegen", doch warum tun es die Verantwortlichen des Papiers dann nicht einfach? Das ist keine wissenschaftliche Vorgehensweise und intransparent. Üblicherweise werden in wissenschaftlichen Abhandlungen die Quellen direkt genannt.

Die Thesen sind derart gravierend, dass man erwarten sollte, dass sie auch mit entsprechend validen und starken Argumenten, im besten Fall belastbaren, wissenschaftlichen Belegen im Papier fundiert werden. Unzählige Studien, die bereits zum Thema publiziert worden, werden so von einer dreiseitigen Stellungnahme, unterschrieben von nur rund drei Prozent der DGP-Mitglieder, ohne einen einzigen Beleg oder wenigstens substanziellen Vorschlag, wie konkret denn die fehlende wissenschaftliche Grundlage der Grenzwerte zu verbessern sei, einfach weggefegt. 

Populismus statt Wissenschaft

Das Köhler-Papier hilft in seiner Form der wissenschaftlichen Debatte in dieser wichtigen Frage der Luftreinhaltung nicht weiter. Es hilft erst recht nicht der gesellschaftlichen Debatte. Es verwirrt, verunsichert und klärt die Menschen nicht auf. Selbst der DGP-Präsident Klaus Rabe kritisiert die von Mitgliedern seines Verbandes ausgelöste Debatte über Abgasgrenzwerte in der "Welt am Sonntag". "Für einen Menschen, der die wissenschaftliche Debatte nicht überblickt, ist es kaum möglich zu unterscheiden, was wahr ist und was nicht. Das ist das Problem, wenn Populismus statt Wissenschaft die Debatten bestimmt", wird Rabe zitiert.

Über die Schärfe von Grenzwerten lässt sich sicherlich streiten. Doch es sollte bedacht werden, dass Grenzwerte vor allem dazu da sind, auch Kinder sowie schwächere und kranke Menschen zu schützen. Ebenso lässt sich über die Sinnhaftigkeit von Dieselfahrverboten diskutieren. Die jetzige Initiative ist jedoch ein Musterbeispiel für ein mediales Debakel: Nicht die angezweifelten Grenzwerte bleiben im Gedächtnis, sondern eine Bagatellisierung der Schadstoffbelastung. "Dieser Beitrag soll der Versachlichung der Diskussion dienen", steht am Ende des Köhler-Papiers. Doch genau dies tut das Papier nicht. Es erweist der Stickoxid-Debatte einen Bärendienst, da sie die Auseinandersetzung im Keim erstickt.

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