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12.04.2021 | Strategieentwicklung | Interview | Onlineartikel

"Aufsichtsräte brauchen mehr digitale Kompetenz"

Autor:
Annette Speck
4 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Arne Petersen

ist Chief Commercial Officer und Vorstand der Brainloop AG.

Aufsichtsräte müssen eine noch aktivere Rolle bei der Gestaltung der Unternehmensstrategie spielen, fordert Arne Petersen, Vorstand und Chief Commercial Officer der Brainloop AG im Interview. Das erforderten Entwicklungen wie der digitale Wandel. Eine besondere Rolle spiele zudem die Resilienz, vor allem gegenüber Cyber-Bedrohungen.

Springer Professional: Ihr Unternehmen hat das Deutsche Institut für Effizienzprüfung (diep) bei einer Studie unterstützt, die die Organisation, Zusammensetzung, Transparenz und Vergütung der Dax-Aufsichtsräte analysiert hat. Eine Erkenntnis daraus ist, dass der Anteil ausländischer Mitglieder auf über ein Fünftel gestiegen ist und sich der Frauenanteil seit 2010 mehr als verdoppelt hat. Werden damit primär Quoten erfüllt oder welche Motivation steckt dahinter?

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Arne Petersen: Es geht nicht so sehr um eine bestimmte Quote. Vielmehr erkennen immer mehr Unternehmen – und ganz besonders im Zuge der fortlaufenden Digitalisierung –, dass Aufsichtsräte mit unterschiedlichen Standpunkten und Erfahrungen notwendig sind, um auf die wachsende Komplexität und Unwägbarkeiten strategischer Fragestellungen die richtigen Antworten zu finden. Eine hohe Diversität ist also unverzichtbar, damit sich eine konstruktive Diskussion über Strategien entwickeln kann und so die optimalen strategischen Lösungen für Herausforderungen gefunden werden können.

Wo hakt es bei der Zusammensetzung der Aufsichtsräte in Deutschland?

Generell sollte es ein primäres Ziel bei der Zusammensetzung des Aufsichtsrates sein, zu viel Homogenität zu vermeiden. Und beim Thema Diversität besteht weiterhin noch Nachholbedarf. So liegt die Quote der Frauen in Aufsichtsräten zwar bei rund 37 Prozent, aber nur 26 Prozent von ihnen sind in Ausschüssen aktiv. Dieser Wert sollte deutlich steigen und lässt sich mit einer Umgestaltung der Aufgabenverteilung kombinieren. Denn nur, wenn der oder die Aufsichtsratsvorsitzende die Aufgaben entsprechend der Expertise seiner Mitglieder verteilt und teamfähig agiert, können Aufsichtsratsmitglieder ihr volles Potential entfalten. Das gilt im Übrigen auch im Allgemeinen und nicht spezifisch in Hinblick auf die Rolle von Frauen im Aufsichtsrat.

Wessen Expertise und Erfahrungen sind zu wenig vorhanden beziehungsweise werden besonders benötigt?

Alle Branchen sehen sich mit der Digitalisierung konfrontiert. Aufsichtsräte müssen daher ihre digitale Kompetenz erweitern. Nur dann können sie zusammen mit dem Vorstand die Geschäftsstrategie entsprechend gestalten. Bislang gibt es allerdings nur bei etwa 17 Prozent aller Dax-Unternehmen einen Digitalausschuss, der sich mit Fragen technologischer Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle des Unternehmens befasst.

Darüber hinaus benötigt der Aufsichtsrat Expertise auf dem Gebiet Cyber-Resilienz,  also dem Schutz von Daten und vertraulichen Informationen vor Hacker-Angriffen. Und das insbesondere in einer durch die Pandemie veränderten Arbeitswelt, schließlich steigt mit jedem weiteren Endgerät im Homeoffice auch das Risiko von Datenpannen und schwerwiegenden Compliance-Verstößen. Wichtig sind zudem hochsichere Datenräume, über die Aufsichtsräte untereinander und mit dem Vorstand sensible Informationen austauschen.

Welche Kernthemen treiben Aufsichtsräte besonders um und welche Rolle spielt dabei die Covid-19-Pandemie?

Der Aufsichtsrat muss sich heute verstärkt mit Faktoren wie nachhaltigem Wirtschaften und der sozialen Verantwortung des Unternehmens beschäftigen. So haben zum Beispiel ESG-Themen (Environmental, Social, Governance) stark an Relevanz gewonnen. Covid-19 hat zudem die digitale Transformation und den Trend zum Homeoffice deutlich beschleunigt. Hinzu kommt, dass immer schnellere Entscheidungsfindungen erforderlich sind, und das nicht nur in Krisenzeiten. Das bedeutet, Vorstand und Aufsichtsrat, aber auch weitere interne und externe Stakeholder, müssen sich in immer kürzeren Abständen abstimmen. Das lässt sich nur mithilfe sicherer, digitaler Kommunikationslösungen erreichen.

Schlagen sich die steigenden Ansprüche an Aufsichtsräte in der praktischen Arbeit der Gremien und der Vergütung nieder?

Ein Aufsichtsrat muss heute viel mehr Zeit für seine Tätigkeit aufwenden. Dafür gibt es viele Gründe, von der Digitalisierung über verschärfte regulatorische Anforderungen bis hin zu Krisen wie Covid-19. Daher haben laut der Studie des diep mittlerweile 86 Prozent der Dax-Unternehmen auf eine Fixvergütung umgestellt. Zudem stieg die durchschnittliche jährliche Vergütung in den vergangenen zehn Jahren um 44.000 Euro auf 172.000 Euro und geht mit einem breiteren Aufgaben- und Verantwortungsspektrum einher.

Wie schätzen Sie die Rolle von Aufsichtsräten in der Zukunft ein? Verändern sich die Aufsichtsratsmodelle sowie das Selbstverständnis der Gremien und ihrer Mitglieder?  

Es ist unumgänglich, dass der Aufsichtsrat in viel stärkerem Maß mit seiner Erfahrung und Expertise in die Mitgestaltung und Umsetzung der Unternehmensstrategie eingebunden wird. Entsprechende Modern-Governance-Konzepte wurden bereits erarbeitet, etwa von der Vereinigung Deutscher Aufsichtsräte mit Future Good Governance. Wir werden somit künftig zunehmend Aufsichtsräte sehen, die sich zu diesen Themen als aktive Sparringspartner des Vorstandes verstehen und sich auch einbringen.

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