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Über dieses Buch

In 2012 wurden für diese wissenschaftliche Studie 38 prominente professionelle Kapitalmarktakteure, überwiegend Vorstände und Geschäftsleiter von Banken, zu deren Ethikverständnis befragt. Insbesondere interessierte, welche Rolle Ethik an der Schnittstelle zwischen Gewinnerzielung und Moral spielt, wie die Mechanismen der Ethik wirken und wie diese gezielt genutzt werden, um Eigeninteressen zu verschleiern. Die Einordnung gesellschaftlich relevanter Phänomene wie Gerechtigkeit und Gleichheit in diesen Kontext war ebenso ein Anliegen der Autorin wie die Darstellung der tatsächlichen ethischen Verfasstheit der Kapitalmarktakteure: Der häufig geäußerte pauschale Vorwurf, die professionellen Kapitalmarktakteure hätten kein Verständnis von Ethik und Moral, ist keinesfalls gerechtfertigt. Das bedeutet nicht, dass es bei den Kapitalmarktakteuren ein hohes Niveau an ethischer Orientierung gibt. Hier könnte die akademische Ethik einen deutlichen Mehrwert leisten, die immer noch Ethik und Ökonomie trennt: wer ökonomisch optimieren möchte, kann nicht gleichzeitig ethisch handeln. Die vorliegende Untersuchung ist insofern auch der Versuch, brauchbare Antworten auf die Frage zu geben, wie Ethik und Moral in das hoch technisierte und ökonomisch volatile Kapitalmarktgeschäft einfließen können, ohne dass per se angenommen wird, man habe es mit unvereinbaren Gegensätzen zu tun.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Das Bankgeschäft. Eine Standortbestimmung am Anfang des 21. Jahrhunderts

Zusammenfassung
Einige markante Begebenheiten machen die Dimensionen deutlich, mit denen die Menschen im Kontext der Krise konfrontiert wurden: Etablierte Banken wie die Commerzbank AG und die HypoVereinsbank Member of UniCredit Bank AG gerieten durch exorbitante Verluste an die Schwelle der Insolvenz. Länder wie Griechenland, Italien und Spanien mussten aufgrund ihrer durch Schulden belasteten Staatshaushalte einräumen, dass sie nicht mehr uneingeschränkt zahlungsfähig waren. Nachdem Griechenland aus Mitteln der Europäischen Union gestützt worden war, wurde monatelang öffentlich der Ausschluss Griechenlands aus der Europäischen Union diskutiert, der Konkurs des griechischen Staates für möglich, ja für wahrscheinlich, gehalten und der Euro als gemeinsame Währung in Europa in Frage gestellt. Innerhalb der Europäischen Union wurden Rettungsschirme für Banken aufgespannt, deren Größenordnung die Grenzen des bis dahin Vorstellbaren bei weitem überschritten.
Irina Kummert

2. Zum Verhältnis von Ökonomie und Moral

Zusammenfassung
Wenn in der Auseinandersetzung mit einer These David Graebers die Behauptung aufgestellt wird, dass die Menschen die soziale von der ökonomischen Sphäre als getrennt erleben wollen, soll damit nicht gesagt werden, dass ökonomische Prozesse kategorisch getrennt von moralischen Erwägungen ablaufen müssen. In der Auseinandersetzung mit den Thesen der Diskursethik und der Homannschen Ökonomik kommen wir vielmehr zu dem Ergebnis, dass der dort angenommenen Trennung ökonomischer Prozesse von der sozialen Sphäre nicht ohne weiteres zuzustimmen ist. Die ökonomischen Prozesse können nicht von der sozialen Sphäre abgekoppelt werden, weil wir ökonomische Prozesse immer auch moralisch bewerten und bewerten wollen. Anderenfalls wäre jeder Versuch, Ökonomie durch Ethik und Moral zu humanisieren, vergeblich, und wir müssten mit Marxens Revolutionsthese annehmen, dass der Kapitalismus abzuschaffen sei, weil er niemals ein humanes Angesicht erlangen könne. Es ist zwar grundsätzlich möglich, auch ohne die Berücksichtigung ethischer Grundsätze, quasi moralfrei, Geschäfte zu machen. Allerdings wird das vermutlich nicht sehr lange funktionieren, wenn nicht gleichzeitig soziale Sphären unabhängig vom ökonomischen Kalkül aufrechterhalten werden. Zudem birgt jede auf Dauer angelegte Geschäftsbeziehung den Wunsch der Geschäftspartner, fair behandelt zu werden.
Irina Kummert

3. Positionen ausgewählter Kapitalmarktakteure

Zusammenfassung
Die Liste der im Verlauf der Kapitalmarktkrise aufgetretenen Störfälle im Bankensektor ist zu lang, um sie hier vollständig abzubilden. Daher seien nur einige wenige Ereignisse erwähnt, die exemplarisch für eine Trendwende im modemen Bankgeschäft stehen könnten. 2009 geriet mit der Hypo Real Estate eine bedeutende Bank durch intransparente Finanztransaktionen ins Straucheln. Dieses Institut wurde wie auch die Commerzbank AG staatlich gestützt, um weiter gehenden volkswirtschaftlichen Schaden abzuwenden. Hannes Rehm, Sprecher des Leitungsausschusses des Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (SoFFin), forderte im März 2009 in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung „die schwer angeschlagene Hypo Real Estate zu verstaatlichen.
Irina Kummert

4. Occupy Wall Street. Erster Indikator für eine moralische Revolution?

Zusammenfassung
Die Ereignisse im Verlauf der Finanzmarktkrise haben die Wahrnehmung der Menschen bezüglich der Angreifbarkeit und potenziellen Instabilität unserer Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme zwangsläufig beeinflusst und die Grenzen des bis dahin für möglich Gehaltenen verschoben. Diese Verschiebung könnte ein Auslöser für die Entstehung nicht nur einer systemischen, sondern darüber hinaus einer zunehmenden emotionalen Dysbalance in unserer Gesellschaft sein. Insbesondere auch die 2011 unter dem Slogan Occupy Wall Street bekannt gewordenen, aus der Bevölkerung kommenden, Protestbewegungen gegen das Bankensystem könnten ein Indiz dafür gewesen sein, dass sich durch die Finanzmarktkrise sowie deren Folgen etwas in der mentalen Verfassung der Menschen verändert hat und diese Veränderung mittelfristig Konsequenzen für die Architektur unserer Gesellschaft haben könnte. Thierry Paternot, unter anderem Mitglied des Aufsichtsrats bei Henkel, antwortete in einem Interview auf die Frage, welche Folgen die Kapitalmarktkrise und der damit einher gehende Vertrauensverlust nach seiner Ansicht haben wird: „Wenn die Menschen kein Vertrauen mehr in die geschäftliche Elite haben, und das ist der Fall, dann werden sie die Konsequenzen nicht lautlos akzeptieren.Erste Unruhen haben wir bereits in Griechenland und Frankreich gesehen, und das ist noch längst nicht das Ende.“
Irina Kummert

5. Ein Beitrag der akademischen Philosophie: Die Strategie von Michael Sandel

Zusammenfassung
Die akademische Philosophie bietet eine Vielfalt an Ethikkonzepten an, auf die in dieser Arbeit nicht dezidiert eingegangen werden kann. Als praxisorientierte Disziplin könnte die Philosophie ein hohes Maß an gesamtgesellschaftlichem Nutzen stiften. Nehmen die modernen Philosophen ihre Aufgabe wahr, durch ihre Konzepte zur Verbesserung des Gemeinwohls beizutragen? Es könnte sein, dass sie diesem Anspruch noch nicht in ausreichendem Maße gerecht werden.
Irina Kummert

6. Empirische Untersuchung: Experteninterviews

Zusammenfassung
Zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Arbeit entwickelte sich, wie bereits ausgeführt wurde, aus der öffentlichen Wahrnehmung von Ethik und Moral an der Schnittstelle zum Kapitalmarktgeschehen zunehmend eine gesamtgesellschaftliche Brisanz. Die Aussagen der professionellen Kapitalmarktakteure auf Seiten der Banken, Kapitalanlagegesellschaften, berufsständischen Versorgungswerke sowie in der Industrie dazu, an welchem Moralverständnis und nach welchen ethischen Grundsätzen sie ihr unternehmerisches Handeln konkret ausrichten, waren in der öffentlichen Wahrnehmung entweder nicht vorhanden, unklar oder inkonsistent. Gleichzeitig flossen von Seiten der Medien, der Politik und anderer gesellschaftlicher Gruppierungen, wie dargestellt werden konnte, vielfach subjektive Interessen in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs ein. Alle Beteiligten waren sich einig darin, dass Ethik und Moral im Kapitalmarktgeschäft eine Rolle spielen und debattierten darüber, von welcher Qualität diese denn sei und zu sein habe.
Irina Kummert

7. Fazit und Ausblick

Zusammenfassung
Die in dieser Studie behandelten Forschungsfragen lauteten im Wesentlichen:
  • Welchem Ethikverständnis folgen die Kapitalmarktakteure, von denen erwartet wird, dass sie ihr Handeln in hohem Maße an ethischen Grundsätzen ausrichten?
  • Gibt es ein einheitliches Verständnis der Kapitalmarktakteure davon, was Ethik bedeutet und welchen ethischen Grundsätzen fühlen sie sich verpflichtet?
  • Haben die Kapitalmarktakteure, von denen erwartet wird, dass sie ihr Handeln in hohem Maße an ethischen Grundsätzen ausrichten, überhaupt ein konkretes Verständnis von Ethik?
  • Auf welche Weise finden Ethik und Moral Eingang in das Handeln der Kapitalmarktakteure und wie hoch ist der Grad der Bewusstheit bei den Akteuren für die Mechanismen von Ethik und Moral?
Irina Kummert

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