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2022 | OriginalPaper | Buchkapitel

2. Street-level-Experimente: Forschungsstand und Analyserahmen

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Zusammenfassung

Ausgehend vom Street-level Bureaucracy-Ansatz nach Lipsky (1980) und dessen Weiterentwicklung zum Street-level Organizations-Ansatz bei Evelyn Brodkin (2011) werden zunächst Ansätze aus dem Bereich der Policy- und Implementationsforschung beschrieben, die sich mit der Frage auseinandersetzen, wie im direkten Kontakt mit den Adresat*innen von Politik politische Programme in konkretes Handeln auf dem Street-level umgewandelt werden. Daran anschließend wird in Anlehnung an die Tradition der Street-level Forschung der neue konzeptionelle Ansatz der Street-level-Experimente dargelegt. Das Kapitel endet mit der Beschreibung der drei zentralen sensibilisierenden Konzepte, die den empirischen Teil der Arbeit als Such- und Ordnungsmuster anleiten und strukturieren: machbare Problemstellungen, Arenen und soziale Welten.
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Fußnoten
1
Als Street-level bezeichnet Michael Lipsky jenen Bereich, in dem politische Programme in konkretes Handeln transformiert werden, sei es in Form von Leistungen, die eine Lehrkraft, ein*e Sozialarbeiter*in oder ein*e Sachbearbeiter*in im Sozialamt erbringt, oder in Form von Sanktionen, die ein*e Polizist*in oder ein*e Mitarbeiter*in des Ordnungsamtes verhängt. Entscheidend sei, dass die Mitarbeitenden auf dem Street-level in direktem Kontakt mit den Adressat*innen von Politik stehen (Lipsky 1980).
 
2
Das Buch von Hoffman „Climate governance at the crossroads. Experimenting with a global response after Kyoto“ ist im Jahr 2012 erschienen und wird im Gegensatz zur Angabe im Zitat im vorliegenden Literaturverzeichnis auch so aufgeführt (Hoffmann 2012).
 
3
Ein großer Teil der Studien, die an den Street-level-Ansatz von Lipsky anknüpfen, kommt zu dem Ergebnis, dass die Akteur*innen auf dem Street-level in der Regel nur mit unzureichenden Ressourcen ausgestattet sind, um ihren Aufgaben angemessen nachzukommen und deshalb unterschiedliche Coping-Strategien entwickelt werden, die die Umsetzung politischer Programme auf dem Street-level systematisch beeinflussen können (Lipsky 1980; Smith/Donovan 2003; Lindhorst/Padgett 2005; Brodkin 2012). Zum Beispiel ignorierten laut einer Studie von Lindhorst und Padgett die interviewten Sozialarbeiter*innen häufig explizit geäußerte Bedürfnisse der Betroffenen von häuslicher Gewalt, da sie diesen mit den gegebenen zeitlichen Ressourcen nur unzureichend begegnen könnten (Lindhorst/Padgett 2005).
 
4
Die skizzierten Erwartungen an Privatisierung und neue Management-Technologien stimmen in hohem Maße mit den Versprechungen überein, die häufig mit der Etablierung experimenteller Governance-Arrangements in Verbindung gebracht werden (Sabel/Zeitlin 2012).
 
5
Die idealtypische Beschreibung der experimentellen Governance-Arrangements liest sich auf den ersten Blick wie eine technische Beschreibung eines neutralen Prozesses, der durch die tentative, dezentrale und rekursive Vorgehensweise schlicht auf kontextspezifische Erfahrungen und kontextübergreifendes Lernen ausgerichtet ist. Allerdings wird beim genaueren Lesen insbesondere der Punkte drei und vier erkennbar, dass in dem Ansatz bestimmte Formate wie ein vergleichbares Berichtwesen, eine (quantifizierende) Leistungsmessung und Begutachtungsgremien angelegt sind. Brodkin beobachtet bei ihrer Untersuchung von SLOs ebenfalls eine Tendenz zur Vereinheitlichung, was die Ausgestaltung des organisationalen Settings angeht (Brodkin 2011). Während also eine Diversität der experimentellen Einheiten angestrebt wird, scheint der Ansatz gleichzeitig eine spezifische Art und Weise des Experimentierens voranzutreiben. Die Forschung zu SLEs und SLOs zeigt allerdings, dass dies zu einer systematischen Beeinflussung des Handelns auf dem Street-level beitragen kann (siehe Abschnitt 2.1).
 
6
Die häufigsten Versprechungen, die mit experimentellen Governance-Arrangements in Verbindung gebracht werden, können wie folgt zusammengefasst werden: Die besondere Nähe zu den Zielgruppen beziehungsweise Adressat*innen von Politik sowie die kontextspezifischen Kenntnisse darüber, was vor Ort funktioniert, führen zu passungsfähigeren und bedarfsgerechteren Ansätzen. Durch das rekursive Vorgehen und die Möglichkeit, Ziele und Ansätze immer wieder im Lichte der lokalen Erfahrungen anzupassen, können experimentelle Governance-Arrangements schnell und flexibel auf Veränderungen reagieren. Viele dezentrale Experimente generieren unterschiedliche Ansätze, reagieren dabei flexibel auf veränderte Anforderungen und Rahmenbedingungen und testen vor Ort, was sich als robust und hilfreich bewährt und was nicht funktioniert. Durch Vernetzung der vielen dezentralen Experimente kann aus Fehlern und Erfolgen auch über die einzelnen Kontexte hinaus gelernt werden und erfolgreiche Ansätze können auf andere Kontexte übertragen werden. (Sabel/Zeitlin 2012)
 
7
Diesen Mechanismus beschreibt bereits Lipsky unter dem Begriff creaming (vgl. Lipsky 1980).
 
8
Die Anpassung der Street-level-Praktiken an die Vorgaben der Leistungsmessung bezeichnet Brodkin als meeting the numbers (Brodkin 2011).
 
9
Kultur kann dabei mit Eckstein als „the variable and cumulatively learned patterns of orientations to action” definiert werden (Eckstein 1997: 26). Hoppe spricht sich zudem für einen umfassenderen Kulturbegriff aus, der über gelernte kognitive Muster im Sinne von Bedeutungen, Normen, Werten und Symbolen hinausgeht. Kultur sei einerseits als Art und Weise zu begreifen, wie Welt gemacht wird, also in welcher Art und Weise welche Konzepte und Kategorien verwendet werden, um unterschiedliche Phänomene begreifbar zu machen. Andererseits sei Kultur als Lebensstil zu begreifen, der sich sowohl als spezifische Mensch-Mensch-Interaktion als auch als Mensch-Artefakt und Mensch-Natur Interaktion beobachten lasse (Hoppe 2002.).
 
10
Ein entsprechender Vorschlag für die differenzierte Untersuchung von Policy stammt von Vincent Dubois: „We can see that such ethnographic fieldwork not only provides policy analysis with more precise and nuanced information, but is a key tool in shedding light on the fundamental contradictions of this policy.“ (Dubois 2009: 232)
 
11
Herbert Blumer stellt die Form der sensibilisierenden Konzepte (sensitizing concepts) definitiven Konzepten (definitive concepts) gegenüber: „A definitive concept refers precisely to what is common to a class of objects, and by the aid of a clear definition in terms of attributes or fixed bench marks […]. A sensitizing concept lacks such specification […]. Instead, it gives the user a general sense of reference and guidance in approaching empirical instances. Whereas definitive concepts provide prescriptions of what to see, sensitizing concepts merely suggest directions along which to look.“ (Blumer 1954: 7) Blumer folgend werden mit den sensibilisierenden Konzepten Vorschläge gemacht, wie auf ein bestimmtes Phänomen geschaut werden kann. Damit wird kein definitives und falsifizierbares Konzept an die Empirie herangetragen, sondern es werden Vorschläge unterbreitet, die sich mit Blick auf die Daten als mehr oder weniger hilfreich erweisen können.
 
12
Als Bezugsgruppe oder reference group bezeichnet Shibutani eine Gruppe, die eine bestimmte Perspektive bereitstellt, welche den zentralen Referenzrahmen des Handelns ihrer Mitglieder bildet (Shibutani 1955).
 
13
Der Ansatz wird auch von Strauss antideterministisch und dynamisch gedacht und betont damit „the creative potential of individuals and groups acting in the face of social limitations“ (Strauss 1978: 120).
 
Metadaten
Titel
Street-level-Experimente: Forschungsstand und Analyserahmen
verfasst von
Felix Maas
Copyright-Jahr
2022
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-38335-0_2