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18.05.2020 | Stressmanagement | Im Fokus | Onlineartikel

Produktiv im Eckbüro und andere Paradoxien

Autor:
Michaela Paefgen-Laß
4 Min. Lesedauer

Produktivitätsmessung ist für Chefs weltweit ein Buch mit sieben Siegeln. In Deutschland lassen sich Führungskräfte davon keine Kopfschmerzen bereiten. Und doch gibt es für die Bürokonzepte einiges zu lernen und für die Zeit nach Corona zu beachten. 

Allein mit der Yucca-Palme im Eckbüro, das ist eine Schreckensvision aus überholten Zeiten und nicht mehr kompatibel mit den Ansprüchen an Arbeit 4.0 oder New Work. Dass Mitarbeitende sich oft genug genau dahin wieder zurück wünschen, liegt nicht an eigenbrötlerischen Sonderinteressen, sie wollen lediglich produktiv arbeiten können. Im offenen Büro und ausgestattet mit moderner digitaler Technik fühlen sie sich gestört. Mit diesem Ergebnis überrascht die Führungskräftestudie 2019 The Technology Paradox von Jabra

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2019 | OriginalPaper | Buchkapitel

Produktiver durch Digitalisierung? – Produktivitätsparadox und Entgrenzung von Arbeit

Die Steigerung der Produktivität ist eine zentrale Hoffnung, die mit der zunehmenden Digitalisierung von Arbeitsprozessen einhergeht, die Vergrößerung der Möglichkeiten für Beschäftigte entgrenzt zu arbeiten eine weitere. 


Produktivitäts-Verantwortung wird durchgereicht

In Deutschland denken Chefs nicht wirklich daran, die Produktivität ihrer Mitarbeiter zu messen, und dass obwohl das Land zu den produktivsten der Welt gehöre, wundern sich die Studienautoren nach Auswertung von Online-Interviews mit 688 CEOs und leitenden Angestellten des C-Levels aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Schweden und Dänemark. In nur 66 Prozent aller deutschen Unternehmen wird dem Thema eine gewisse Bedeutung eingeräumt. Das ist deutlich unter dem Länderschnitt von 71 Prozent. Für das übrige Drittel der Deutschen hat die Sache dann auch überhaupt keine Relevanz. Vielleicht ist die Gelassenheit das Geheimnis. 

Andernorts aber drückt die Produktivitätsmessung den befragten Chefs und Managern gehörig auf den Magen. Und wie bei unbeliebten Angelegenheiten üblich, wird die Verantwortung durchgereicht: CEOs nehmen ihren Vorstand in die Pflicht (durchschnittlich 32 Prozent) und mehr als die Hälfte (durchschnittlich 52 Prozent) der Führungskräfte auf C-Ebene hält wiederum den CEO für zuständig. 

Lärm und Unruhe stören Angestellte weltweit 

Wissensarbeiter drückt beim Thema Produktivität über Ländergrenzen hinweg ein ganz anderer Schuh. Sie fühlen sich viel zu oft bei der Arbeit unterbrochen (35 Prozent) und vom Lärmpegel im Büro belästigt (45 Prozent). Deshalb wünscht sich fast die Hälfte (44 Prozent) im Einzel- oder Privatbüro arbeiten zu können. Nur 17 Prozent gaben an im offenen Büro produktiv arbeiten zu können und der Hälfte aller Befragten (50 Prozent) war die Arbeit im Homeoffice vor Corona nicht gestattet. Letzteres liegt vielleicht daran, dass 60 Prozent aller Chefs meinen, die Anwesenheit im Büro steigere die Produktivität. 

Doch damit der Irrtümer nicht genug. Knapp 20 Prozent aller Wissensarbeiter fühlen sich entweder von digitalen Geräten oder Kommunikationstechnologien überfordert und abgelenkt. Und dennoch setzen 62 Prozent der Befragten C-Levels auf multiple Kommunikationsplattformen zur Produktivitätssteigerung. Was rettet Mitarbeiter aus dem Wirrwarr und lässt sie produktiv arbeiten?

Geistige Arbeit unter ständiger Geräuscheinwirkung und mit ständigen Unterbrechungen führt zu Konzentrationsverlust, lähmt die Motivation und schürt Unmut gegenüber allen Geräuschemachern. Das beißt sich mit der New-Work-Vorstellung vom Büro als Beschleuniger von Wissensarbeit, Innovation und körperlichen wie geistigem Wohlbefinden bei der Arbeit. Die neue Büroarchitektur mit flexiblen Formen ist Sparring-Partner der modernen Organisation, das funktionale Einzelbüro meist nur noch kurzzeitiger Rückzugsort für konzentriertes Arbeitern oder vertrauliche Gespräche. 

Wer arbeitet in welchem Büro am besten?

Springer-Autor Mitja Jurecic kritisiert in "Gut zu wissen: die Wirkung von Büroumgebungen auf unterschiedliche Arbeitstypen" die vorwiegend tätigkeitsorientierte Gestaltung von Arbeitsumgebungen für Wissensarbeiter. Vermisst wird eine nutzerzentrierte Betrachtung, die "auf Basis einer Typisierung von Büroarbeitern wesentliche Wirkungszusammenhänge und Hinweise für eine typspezifische Gestaltung von Büroumgebungen beleuchtet" (Seite 332). Um diese Lücke zu schließen, befragte er mehr als 13.000 Beschäftigte in den DACH-Staaten. Die Analyse der Ergebnisse gestatte es ihm, sieben Arbeitstypen zu identifizieren. Diese sind (Seite 334):

  • Typ Silent Worker (41 Prozent): Fast ausschließlich im Büro, still und konzentriert 
  • Typ Thinker (16 Prozemt): Extern mobil und hochkonzentriert
  • Typ Caller (10 Prozent): Vielsprecher am Arbeitsplatz, vor allem viele Telefonate
  • Typ Communicator (10 Prozent): Intern mobil und hochkommunikativ
  •  Typ Hands-on (8 Prozent): Häufige Arbeit mit Gegenständen/Materialien und/oder Aufenthalt in der Werkstatt/Labor
  • Typ Hypercross (8 Prozent): Extern mobil und hochkommunikativ
  • Typ Traveller (7 Prozemt): Extern mobil und Vielsprecher am Arbeitsplatz

Aber wie verhalten sich die Typen in den verschiedenen Büroformen (Einzel-, Kombi-, Zweipersonen, Mehrpersonen-, Gruppen-, Großraumbüro und Multispace)? Welchen Einfluss hat die Umgebung auf die Erfolgsfaktoren Wohlbefinden, Motivation und Performance? Die höchsten Erfolgswerte wurden in den Büroformen Multispace, Kombibüro und Einzelbüro erzielt. Im Multispace und im Einzelbüro läuft etwa der Silent Worker zu Bestform auf. Ideale Arbeitsplätze für Communicator sind das Kombibüro und das Einzelbüro. Arbeitgeber sollten beide Typen von einer Versetzung ins Großraumbüro verschonen. Dort werden sie aller Wahrscheinlichkeit nach die schlechtesten Ergebnisse erzielen.

Fazit: Die von Jabra befragten C-Level und Mitarbeiter waren sich nicht einig über die produktivste Arbeitsumgebung und wie produktivere Arbeitsplätze geschaffen werden können. "Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es Tendenzen gibt, welche Büroformen für welche Mitarbeitertypologien im Allgemeinen eher besser oder schlechter geeignet sind", schreibt Jurecic (Seite 339) . Für die moderne Arbeitswelt bedeutet das, Bürogestaltung muss dem Nutzer mehr dienen als seiner Tätigkeit. Dann kommt auch die Produktivität in Schwung.

Oder aber Unternehmen ziehen wie Twitter die Lehren aus der Corona-Homeoffice Zeit. Denn der Kurznachrichtendienst stellt seinen Mitarbeitern, von denen derzeit viel von zu Hause aus arbeiten, frei, ob sie nach der Pandemie ins Büro zurückkehren oder weiter Work from Home betreiben. 

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