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29.11.2021 | Stresstest | Nachricht | Onlineartikel

Forscher entwickeln Stresstest-Modell für Klimarisiken

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
3:30 Min. Lesedauer

Wie es um das Management von Klimarisiken bei Banken bestellt ist, werden die Stresstests ab 2022 zeigen. Forscher haben nun eine neue Methode entwickelt, die ermittelt, wie die CO2-Bepreisung Kreditausfall-Wahrscheinlichkeiten beeinflusst.

Steigende Klimarisiken erfordern von Banken und Sparkassen neue Risikomodelle. Neben extremen Wetterereignissen, die zu hohen wirtschaftlichen Schäden führen, gehören auch sogenannte Übergangsrisiken dazu. Diese transitorischen Risiken resultieren aus einer auf CO2-Reduktion ausgelegten Klimapolitik und den damit verbundenen Kosten, die die Unternehmen zur Umstrukturierung aufwenden müssen. Besonders betroffen sind davon CO2-intensive Branchen. Je größer deren finanzielle Belastung je höher steigt auch die Wahrscheinlichkeit, Kredite nicht mehr bedienen zu können. Wie gut die Finanzbranche ihr Risikomanagement darauf vorbereitet hat, prüfen ab 2022 entsprechende Stresstests. 

Forscher der Technischen Universität München (TUM) haben in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Institut für Risikomanagement und Regulierung (FIRM) für eine neue Methodik mehrere Szenarien einer CO2-Bepreisung analysiert, die Grundlage mehrerer Anwendungsfälle von Stresstests sein können. Ihre Ergebnisse haben sie in zwei Fallstudien auf eine Bank und zwei Fonds angewandt.

400 Euro-STOXX-Unternehmen in Fallstudie untersucht

Als Grundlage wurden transitorische Klimarisiken orientiert an anerkannten Prognosen wie den Shared Socioeconomic Pathways (SSP) definiert. Daraus ließen sich dann makroökonomische Analysen für Staaten, Branchen und der CO2-Fußabdruck von Unternehmen ableiten. Auf dieser Basis hat das Forschungsteam rund 400 Firmen untersucht, die im Aktienindex Euro STOXX 600 gelistet sind, und vier Szenarien errechnet, die sich 

  • durch verschiedene Werte bei der Bepreisung von CO2 (50 oder 100 Euro pro Tonne), 
  • bei der Fähigkeit der Unternehmen, CO2-Emissionen zu reduzieren sowie 
  • bei der Weitergabe der Kosten an die Verbraucher 

unterscheiden. Alle Szenarien gehen von einer abrupten Einführung einer Steuer auf CO2 aus.

Vermögensverluste von bis zu 30 Prozent möglich

Manche Branchen haben Vermögensverluste von bis zu 30 Prozent
In allen Szenarien müssen rund zehn Prozent der untersuchten Unternehmen eine Abwertung ihres Vermögens um mehr als 15 Prozent hinnehmen. Im ungünstigsten Fall hätten sechs Prozent der Betriebe einen Vermögensverlust von mehr als 30 Prozent zu befürchten. Die sechs am stärksten betroffenen Branchen müssten mit einem Minus zwischen 15 und 36 Prozent rechnen.

Mit diesen Ergebnissen unterzogen die Forscher eine große europäische Bank einem Stresstest. Sie berechneten die aus den Vermögensverlusten resultierenden höheren Kreditausfall-Wahrscheinlichkeiten der Unternehmen. Im ungünstigsten Szenario hätten 16 Prozent der Unternehmen ein Ausfallrisiko von mehr als drei Prozent, was als hohes Risiko gilt. Die sechs am stärksten betroffenen Sektoren hätten Ausfallrisiken zwischen fünf und 34 Prozent. 

Anhand der sogenannten risikogewichteten Aktiva bezogen auf diese Unternehmenskredite müsste das Institut je nach Szenario mit einem Rückgang des sogenannten harten Kernkapitals (CET1) zwischen 0,1 und 1,2 Prozentpunkten rechnen. Die Kernkapitalquote (Tier 1) würde zwischen 0,1 und 1,3 Prozentpunkten sinken. Die Gesamtkapitalquote wäre zwischen 0,2 und 1,6 Prozentpunkten geschmälert. Die durchschnittliche Kernkapitalquote europäischer Banken lag Ende 2020 bei 15 Prozent, sodass die untersuchten Szenarien Rückgänge zwischen einem und fast zehn Prozent bedeuten würden.

Risiken für Fonds sind unterschiedlich

In einem zweiten Stresstest berechnete das Forschungsteam die Auswirkungen der Vermögensabwertungen der Unternehmen auf einen Aktienfonds mit Euro-STOXX-600-Unternehmen und auf einen Mischfonds. Je nach Szenario müsste der Aktienfonds einen Verlust von 2,3 Prozent bis 9,1 Prozent hinnehmen, der Mischfonds einen Verlust von 1,2 Prozent bis 3,5 Prozent. 

Um die Ergebnisse in die Praxis umzusetzen, haben Bankpraktiker von FIRM zusammen mit den Ökonomen Empfehlungen für den Umgang mit Klimarisiken erarbeitet. Hierzu gehört ein intensives Monitoring von Klimarisiken und deren wirtschaftlicher Interdependenzen. 

Die über die Schuldner nötigen Daten zu generieren, sei aber nicht allein Aufgabe der Finanzbranche. Vielmehr bedürfe es globaler Standards zur einheitlichen Veröffentlichung von klimabezogenen Unternehmensdaten. Zudem sollten transitorische Klimarisiken in die etablierten Risikokategorien zum Management von Kreditrisiken aufgenommen werden.

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