"Nicht Preissignale zu eliminieren, sondern Extremspitzen dämpfen"
- 31.03.2026
- Stromnetze
- Interview
- Online-Artikel
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Wiederkehrende Phasen mit wenig Sonne und Wind treiben die Strompreise am Spotmarkt in einzelnen Stunden auf extreme Höhen – mit spürbaren Folgen für Industrie, Mittelstand und private Haushalte.
Dr. Georg Geier ist seit 2017 Geschäftsführer des Weltmarktführers Siempelkamp Gießerei in Krefeld und seit 2010 im Unternehmen. Der promovierte Metallurge studierte in Österreich und arbeitete bereits in verschiedenen leitenden und technischen Positionen in mittelständischen Unternehmen der Gießerei- und Fertigungsindustrie.
Siempelkamp/Steve Jacoby
Besonders energieintensive Unternehmen geraten dadurch zunehmend unter Druck. Gleichzeitig stehen konventionelle Kraftwerke der Netzreserve, die von allen Stromkunden finanziert werden, häufig ungenutzt bereit.
Im Interview erläutert Dr. Georg Geier, Geschäftsführer der Siempelkamp Gießerei, warum er dafür plädiert, diese Reservekraftwerke an wenigen klar definierten Hochpreistagen temporär für den Strommarkt zu öffnen. Ziel sei es, extreme Preisspitzen zu begrenzen, Investitionssicherheit zu stärken und zugleich die Kosten der Netzreserve zu senken.
springerprofessional.de: Die Netzreserve ist bewusst vom Markt getrennt. Warum halten Sie es dennoch für richtig, dieses Prinzip punktuell aufzuweichen, ohne neue Risiken für Netzstabilität und Versorgungssicherheit zu schaffen?
Georg Geier: Die Trennung der Netzreserve vom Markt bleibt grundsätzlich richtig und sollte nicht infrage gestellt werden. Unser Vorschlag zielt ausdrücklich auf klar definierte Ausnahmesituationen ab – auf wenige Stunden an außergewöhnlichen Hochpreistagen. Gerade dann stehen Reservekraftwerke einsatzbereit zur Verfügung, dürfen aber bislang keine preisliche Wirkung entfalten. Eine kontrollierte und zeitlich eng begrenzte Marktöffnung erhöht weder das Risiko für die Netzstabilität noch für die Versorgungssicherheit. Im Gegenteil: Sie nutzt bestehende Kapazitäten systemdienlich.
Preisspitzen gelten als wichtiges Investitionssignal für Speicher, Flexibilität und neue Kraftwerke. Besteht nicht die Gefahr, dass Ihr Vorschlag genau diese Investitionen ausbremst?
Solche Investitionen basieren in der Regel nicht auf einzelnen Extremstunden, sondern auf der erwarteten Gesamtsituation am Energiemarkt. Problematisch sind jedoch extreme untertägige Preisspitzen, weil sie massive Unsicherheit erzeugen. Diese Unsicherheit erschwert Investitionen im Industrieland Deutschland. Unser Ziel ist nicht, Preissignale zu eliminieren, sondern Extremspitzen zu dämpfen. Das erhöht die Investitionssicherheit, statt sie zu gefährden.
Wer sollte aus Ihrer Sicht festlegen, wann ein "Hochpreistag" vorliegt – und wie verhindern Sie politische oder industrielle Einflussnahme auf diese Schwelle?
Wir sprechen bewusst von klar definierten Hochpreistagen. Die Festlegung sollte bei unabhängigen Expertengremien oder der Bundesnetzagentur liegen. Es braucht objektive, transparente Kriterien und Schwellwerte, die regulatorisch verankert werden. Entscheidend ist, dass Auslösung und Einsatz regelgebunden, nachvollziehbar und überprüfbar erfolgen – nicht politisch ad hoc. Die Erfahrungen aus der Energiekrise zeigen, dass solche Mechanismen praktikabel sind.
Die Erfahrungen aus der Energiekrise waren eine Ausnahmesituation. Warum ist dieses Instrument aus Ihrer Sicht heute noch angemessen für ein strukturelles Marktproblem der Energiewende?
Die aktuelle Lage ist längst keine reine Ausnahmesituation mehr. Sie spiegelt ein strukturelles Übergangsproblem der Energiewende wider: volatile Erzeugung, Engpässe und fehlende steuerbare Kapazitäten in einzelnen Stunden. Die Netzreserve kann hier als Brückeninstrument wirken – bis neue steuerbare und möglichst klimafreundliche Kraftwerke tatsächlich zur Verfügung stehen.
Wie stellen Sie sicher, dass eine zeitlich begrenzte Marktöffnung der Netzreserve nicht schleichend zu einem dauerhaften Markteingriff wird?
Die Maßnahme ist ausdrücklich als Brückeninstrument konzipiert und auf wenige Situationen im Jahr begrenzt. Ein Dauerbetrieb der Reservekraftwerke wird ausgeschlossen. Die klare zeitliche Begrenzung, die Zweckbindung und die bestehenden rechtlichen Erfahrungen aus der Energiekrise setzen hier eine wirksame Grenze gegen eine schleichende Verstetigung.
Können regionale Netzrestriktionen dazu führen, dass der Einsatz der Netzreserve zwar netztechnisch hilft, aber kaum preisdämpfend wirkt?
Regionale Effekte sind bekannt. Sie ändern jedoch nichts am Grundproblem. Wenn in Hochpreissituationen zusätzliche steuerbare Erzeugung verfügbar ist, kann sie extreme Preisspitzen dämpfen und die Volatilität reduzieren. Es geht nicht um eine vollständige Preisglättung, sondern um die Begrenzung extremer Ausschläge, die heute zu doppelten Belastungen für industrielle und private Verbraucher führen.
Wo ziehen Sie persönlich die Grenze zwischen pragmatischer Brückenlösung und einer Marktintervention, die langfristig Investitionssicherheit gefährdet?
Die Grenze verläuft dort, wo Eingriffe dauerhaft, unklar geregelt oder investitionsersetzend wirken. Der vorgeschlagene Einsatz der Netzreserve erfüllt keines dieser Kriterien. Er ist zeitlich eng begrenzt, regelgebunden, transparent und nutzt ein Instrument, das ohnehin von allen Stromkunden finanziert wird. Genau darin liegt sein pragmatischer Charakter.