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Über dieses Buch

Ferdinand Tönnies gilt als „Altmeister“ der deutschsprachigen Soziologie. Sein erstmals 1887 erschienenes Hauptwerk Gemeinschaft und Gesellschaft wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem Meilenstein innerhalb der Entwicklung der modernen Soziologie. Vermittels der Werke von Max Weber und Talcott Parsons sind seine soziologischen Grundbegriffe zum Gemeingut der internationalen Scientific Community geworden. Die in diesem Band veröffentlichten Schriften dokumentieren den intellektuellen Werdegang von Tönnies ausgehend von seinem ersten Entwurf zu Gemeinschaft und Gesellschaft aus den Jahren 1880-1881 bis hin zu seinem gleichnamigen Beitrag in dem von Alfred Vierkandt herausgegebenen und 1931 erschienenen Handwörterbuch der Soziologie.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Zusammenfassung
Ferdinand Tönnies wurde 1855 auf der zum Herzogtum Schleswig gehörenden Halbinsel Eiderstedt geboren und starb 1936 verarmt und zurückgezogen in Kiel, nachdem ihm die neuen Machthaber seinen dortigen Lehrauftrag entzogen und die ihm gesetzlich zustehenden Versorgungsansprüche auf ein Lebensminimum zusammengestrichen hatten. Sein Bildungsweg ist ähnlich komplex wie der von Georg Simmel und Max Weber und hat ihn wie diese durch eine Reihe von Fächern und Disziplinen geführt, die zwar die Hinwendung zu sozialwissenschaftlichen Fragestellungen begünstigten, jedoch noch genug Spielraum für darüber hinausgehende Forschungs- und Erkenntnisinteressen boten. Als Student ist er zeitweilig dem Einfluß der Schriften von Schopenhauer und Nietzsche erlegen, dem er sich allerdings bald wieder zu entziehen vermochte. Nach seiner Tübinger Promotion im Jahre 1877 wandte sich Tönnies auf Anraten des Berliner Philosophen und Pädagogen Friedrich Paulsen dann dem Studium der Schriften von Thomas Hobbes zu, das er bis zu seinem Tode betrieb und mit dem er sich den Ruf eines international angesehenen Hobbes-Forschers erwarb.
Ferdinand Tönnies

Gemeinschaft und Gesellschaft

Theorem der Kultur-Philosophie
Zusammenfassung
1. Die Erörterung, deren einleitende Kapitel hier vorgelegt werden, bezieht sich auf die Tatsachen des menschlichen Zusammenlebens. Wir haben Kunde von solchen Tatsachen: teils aus der Vergangenheit, teils aus der Gegenwart oder der uns umgebenden Wirklichkeit. Der Begriff der Geschichte pflegt auf die erstere beschränkt zu werden; ohne daß aber dies Merkmal mit Strenge festgehalten würde. In der Tat scheint es kaum möglich, eine Grenzlinie zu ziehen; denn was ist gegenwärtig? Der verrinnende Augenblick; und indem ich ihn denke, ist er schon in der Vergangenheit. Ihr gehört alles an, was in der Erfahrung als Ereignis enthalten ist. Dennoch hat jene Unterscheidung einen Sinn: wenn sie nämlich nicht auf Ereignisse, sondern auf Zustände bezogen wird, d. h. auf die bleibenden Bedingungen gleichartig sich wiederholender Ereignisse. Demnach reden wir von gegenwärtigen Zuständen, wenn wir glauben erwarten zu dürfen, dass gewisse Ereignisse bis in unbestimmte Zukunft unserer Beobachtung, unter sonst günstigen Umständen, jederzeit sich darbieten werden. Und unter vergangenen Zuständen sind also solche zu verstehen, welche ehemals, in einer gewissen Zeitdauer, Bedingungen solcher gleichartiger Ereignisse gewesen sind, von denen angenommen wird, daß sie in dieser Art jetzt nicht mehr geschehen, so daß sie der Beobachtung unzugänglich sind.
Ferdinand Tönnies

Gemeinschaft und Gesellschaft

Vorrede der ersten Auflage
Zusammenfassung
Der Gegensatz der historischen gegen die rationalistische Auffassung ist im Laufe dieses Jahrhunderts in alle Gebiete der Sozial- oder Kultur-Wissenschaften eingedrungen. Derselbe trifft an seiner Wurzel mit dem Angriff des Empirismus und der kritischen Philosophie auf das stabilisierte System des Rationalismus zusammen, wie es in Deutschland durch die Wolf ische Schule seine feste Darstellung gefunden hatte. Ein Verhältnis zu diesen Methoden zu gewinnen, ist daher auch für den gegenwärtigen Versuch einer neuen Analyse der Grundprobleme des sozialen Lebens von nicht geringer Bedeutung.
Ferdinand Tönnies

Status und contractus

Eine sozialpolitische Betrachtung
Zusammenfassung
Der ausgezeichnete Rechtshistoriker Sir Henry Sumner Maine hat den Gegensatz zwischen der mittelalterlichen und modernen Gesellschaftsordnung in die Worte status und contractus zusammengefaßt.
Ferdinand Tönnies

Historismus und Rationalismus

Zusammenfassung
Im Gebiet der Rechtslehre hat seit Anfang dieses Jahrhunderts die historische Auffassung die rationale verdrängt; hauptsächlich in Deutschland ist dies geschehen, unter dem Protest gegen ein „Allgemeines bürgerliches Gesetzbuch“, wonach damals das neue und befreite nationale Bewußtsein verlangte. Der Gedankengang, den Friedrich Carl von Savigny geltend machte, als er seinem Zeitalter den Beruf für Gesetzgebung absprach, war ein seltsam inkonsequenter.
Ferdinand Tönnies

Zur Einleitung in die Soziologie

Zusammenfassung
Die Einheit mehrerer Menschen kann wie jede Einheit auf doppelte Weise begriffen werden. Sie ist entweder vor der Vielheit, welche aus ihr entspringt, oder die Vielheit ist früher und die Einheit ist ihr Gebilde. In der wahrnehmbaren Natur ist jene das Wesen des Organismus, diese bezeichnet das anorganische Aggregat sowie das mechanische Artefakt. Dort ist die Einheit Realität; sie ist das Ding an und für sich selbst. Hier ist sie ideell, d. h. sie wird durch menschliches Denken bedingt, das (sei es nun aufgrund der Wahrnehmung oder nicht) die Vorstellung und endlich den Begriff eines solchen Ganzen gestaltet. Insofern aber als die Teile das Ganze zusammensetzen, kann, ja muß die Einheit allerdings auch als ihr Gebilde gedacht werden – selbst dann noch, wenn diese Zusammensetzung selbst wieder durch menschlichen Willen erzwungen worden ist. Im letzteren Fall Zweck, im ersteren wenigstens Folge der Zusammensetzung ist das Zusammenwirken der Teile in gleicher Richtung zu einheitlicher Bewegung oder Arbeit. Diese ist als selbst schon etwas Immaterielles daher das Gemeinsame und der objektiven Realität Zugehörige, was hier zugrunde liegt und für das Denken maßgebend ist.
Ferdinand Tönnies

Das Wesen der Soziologie

Zusammenfassung
Die Tatsachen des menschlichen Zusammenlebens unterliegen einer dreifachen wissenschaftlichen Betrachtung und Erkenntnis. Diese Arten pflegen nicht auseinandergehalten zu werden, und dies ist freilich auf vollkommene Weise nicht möglich. Sie pflegen aber auch nicht begrifflich unterschieden, also in ihrem Wesen nicht gehörig erkannt zu werden, und dies ist allerdings möglich; es ist auch geboten und notwendig. Man muß nämlich unterscheiden: A. die biologische, B. die psychologische und C. die eigentlich soziologische Ansicht der Tatsachen des menschlichen Zusammenlebens.
Ferdinand Tönnies

Die Sitte

Zusammenfassung
Das Wort Sitte ist ein Synonym für Gewohnheit und Brauch, von Herkommen und Überlieferung; aber auch für Mode, Manier, Gepflogenheit und dergleichen. Jene Wörter, die Gewohnheit bezeichnen, pflegen betrachtet zu werden, als ob das, was sie enthalten, seinem Wesen nach eindeutig wäre. In Wahrheit vermischt die Sprache, unbekümmert um tiefere Unterscheidungen, weit auseinander liegende Sinne.
Ferdinand Tönnies

Wege und Ziele der Soziologie

Zusammenfassung
Ich habe die Ehre, hiermit im Namen des Präsidiums den Ersten Deutschen Soziologentag zu eröffnen.
Ferdinand Tönnies

Gemeinschaft und Individuum

Zusammenfassung
Im Wesen jedes sozialen Verhältnisses liegt es, daß wenigstens von einer Seite, in einem vollkommenen, d. h. gegenseitigen Verhältnis aber von beiden – um von dem einfachen Fall eines Verhältnisses zweier Personen auszugehen, – der Anspruch auf ein gewisses Verhalten der anderen Person und die Erwartung eines solchen gehegt wird, und zwar eines Verhaltens, das aus dem freien Willen hervorgeht und dem Wunsch und Willen des Erwartenden gemäß ist: es wird also durch einen gemeinsamen, einen überindividuellen – sozialen – Willen gesetzt und geboten. Für das Wesen des sozialen Verhältnisses ist es gleichgültig, ob die „Erfüllung“ gleichzeitig auch durch einen anderen, übergeordneten, sei es individuellen oder sozialen Willen geboten ist, oder auch nur gedacht wird als z. B. durch einen „Gott“ befohlen und auferlegt. Zunächst und unmittelbar ist es das Verhältnis selbst, d. h. der darin enthaltene gemeinsame Wille, der eine solche „Pflicht“ oder „Obliegenheit“ erzeugt, die entsprechende „Forderung“ erhebt. Also erwächst aus jedem Verhältnis ein Sollen, eine Schuldigkeit, und wird dem Sollenden bewußt, insofern als er des Verhältnisses selbst bewußt ist. – Zu einem Teil sind soziale Verhältnisse als „sittliche“, zu einem anderen Teil als „rechtliche“ Verhältnisse Gegenstände der Erkenntnis.
Ferdinand Tönnies

Gemeinschaft und Gesellschaft

Vorrede der dritten Auflage
Zusammenfassung
Die vorliegende Schrift führte in der ersten Auflage (1887) den Untertitel: „Abhandlung des Kommunismus und des Sozialismus als empirischer Kulturformen. “ In der zweiten Auflage (1912) habe ich an dessen Stelle einen anderen gesetzt, der mir auch jetzt noch richtiger zu sein scheint.102 Jener dürfte nur von wenigen Lesern richtig verstanden worden sein. Heute ist es vielleicht an der Zeit, darauf zurückzukommen; einige erklärende Worte dazu hätte ich auch vor 32 Jahren nicht für überflüssig halten sollen. Jene berufenen Ausdrücke wollte ich nicht als Gebilde des Denkens und der Phantasie verstehen, wie es üblich war und ist – wobei man ehemals in der Regel Kommunismus als das weitergehende System auffaßte, worin auch die Verteilung durch das Gemeinwesen geregelt sei, während neuerdings die Theoretiker in Anlehnung an den herrschenden Sprachgebrauch die Begriffe Kommunismus und Sozialismus als gleichbedeutend hinzustellen pflegen. In dieser jüngsten sturmbewegten Zeit hat sich indessen wieder eine Parteiung erhoben, die geflissentlich den Namen „kommunistisch“ für sich in Anspruch nimmt, wie denn schon längst – die erwähnten Theoretiker hätten das nicht übersehen dürfen – dieses Beiwort in Verbindung mit dem Anarchismus gebraucht worden war, der in scharfem und bewußtem Gegensatz zum Sozialismus als Zukunftsideal, insbesondere auch zu dem System, das als „wissenschaftlicher Sozialismus“ eingeführt worden ist, eine Propaganda entfaltet hatte – besonders auch eine solche „der Tat“ –, deren Erfolg in Rußland und den romanischen Ländern vor einem Menschenalter und nachher die Gemüter tief erregt hat.
Ferdinand Tönnies

Der Begriff der Gemeinschaft

Zusammenfassung
Es hat lange als ein Vorzug der deutschen Wissenschaft gegolten, daß sie den Begriff des Staates, der von alters her den Mittelpunkt der Rechtsphilosophie gebildet hatte, durch den Begriff der Gesellschaft ergänzt habe.
Ferdinand Tönnies

Gemeinschaft und Gesellschaft

Zusammenfassung
Die Soziologie ist ein Studium des Menschen: nicht seines leiblichen, nicht seines seelischen, sondern seines sozialen Wesens; des leiblichen und des seelischen nur insofern, als es das soziale bedingt. Wir wollen also nicht nur die Gesinnungen und Beweggründe erforschen, die Menschen zu Menschen hinführen, sie zusammenhalten, zum Zusammenhandeln und Zusammenwirken veranlassen oder anregen, sondern besonders auch die Erzeugnisse menschlichen Denkens, die daraus hervorgegangen und das gemeinsame Wesen zu stützen, zu tragen bestimmt sind, erkennen und untersuchen. Diese vollenden sich in so bedeutenden, oft als Wirklichkeiten, ja zuweilen als solche übernatürlicher Art empfundenen Gestalten wie Gemeinde, Staat, Kirche.
Ferdinand Tönnies

Die Entstehung meiner Begriffe „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“

Zusammenfassung
Der Ursprung meiner soziologischen Begriffe liegt in dem für Deutschland bedeutenden Gegensatz der historischen gegen die rationalistische Denkungsart und Schule, welcher Gegensatz der vorherrschenden Auffassung nach mit der Überwindung des rationalistischen durch das historische Denken gelöst worden ist.
Ferdinand Tönnies

Mein Verhältnis zur Soziologie

Zusammenfassung
Ich hatte mich schon früh philosophischen Studien zugewandt und diese etwa von 1877 an auf Thomas Hobbes, besonders auf dessen rechts- und staatsphilosophische Schriften konzentriert. Von da aus ging mein Weg allgemein in die englische Literatur über diese Gegenstände und führte mich bald auch zu Herbert Spencer. Von ihm ging ich dann zurück auf Auguste Comte. Hier hatte ich die beiden großen Autoren der damaligen Soziologie, zu denen sich mir, als Deutscher von Gewicht, bald Albert Schäffle gesellte. Schäffles Werk Bau und Leben des sozialen Körpers ist gleich dem Spencerschen ganz organizistisch gedacht, aber noch mehr in die einzelnen Analogien ausgeführt, die mich damals sehr interessierten, indem ich mich gleichzeitig bemühte, meine biologischen Kenntnisse zu erweitern und zu vertiefen. In der Rechtsphilosophie empfing ich eine starke Anregung teils durch Rudolf von Ihering, teils durch Henry Sumner Maine, und beschäftigte mich auch mit der vorzugsweise deutschen Literatur des rationalen Naturrechts von Samuel Pufendorf sowie mit der historischen Rechtsschule als auch den Romantikern, die jenes Naturrecht verleugneten und ablösten. So habe ich damals (etwa 1881) auch Adam Müllers Buch Die Elemente der Staatskunst mit lebhaftem Interesse gelesen.
Ferdinand Tönnies

Backmatter

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