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Subjektive Sicherheit und politische Kultur

Erkenntnisse aus Sachsen

  • 2026
  • Buch

Über dieses Buch

Dieser Sammelband schlägt eine Brücke zwischen der kriminologischen Forschung zu Sicherheitsgefühl bzw. Kriminalitätsfurcht und der politischen Kulturforschung. Die gemeinsame Datengrundlage aller Beiträge bildet die Bevölkerungsbefragung „Sicherheit und Kriminalität in Sachsen“. Im Fokus des Bandes stehen drei zentrale Fragen: Wie lässt sich Kriminalitätsfurcht konzeptionell und empirisch erfassen? Welche Auswirkungen hat sie auf politisch-kulturelle Einstellungen, etwa die Legitimität des politischen Systems und das Vertrauen in dessen zentrale politische Akteure? Und wie prägen solche Unsicherheitsgefühle das politische Verhalten, etwa in der Form von Wahlentscheidungen und politischem Protest? Der Band richtet sich gleichermaßen an Forschende der politischen Wahl- und Einstellungsforschung, der kriminologischen Forschung zum Sicherheitsgefühl sowie angrenzender Fachdisziplinen. Darüber hinaus bietet der Sammelband auch Anknüpfungspunkte für die polizeiliche und zivile Präventionsarbeit.

Inhaltsverzeichnis

  1. Frontmatter

  2. Einleitung der Herausgeber

    1. Frontmatter

    2. Politische Kultur und Sicherheitsgefühl: Erkenntnisinteresse, Datengrundlage, Systematik

      Christoph Meißelbach, Reinhold Melcher, Bernhard Weßels
      Zusammenfassung
      Die Gewährleistung innerer Sicherheit zählt zu den fundamentalen Aufgaben des modernen Staates und spielt auch in anderen Politikfeldern eine zentrale Rolle. Das subjektive Sicherheitserleben dürfte demnach auch politische Einstellungen, Institutionenvertrauen und Beteiligungsverhalten der Bürgerinnen und Bürger prägen – und damit die politische Kultur demokratischer Gesellschaften. Der Forschungsstand zum Einfluss der Kriminalitätsfurcht auf die politische Kultur ist allerdings noch wenig ausgebaut. Hier setzt der vorliegende Sammelband an. Im Mittelpunkt stehen zwei Ziele: zum einen das bessere Verständnis von Gestalt und Ursachen der verschiedenen Dimensionen von Kriminalitätsfurcht selbst; zum anderen die Analyse ihrer Auswirkungen auf die demokratische politische Kultur. Datengrundlage aller Beiträge ist die Befragungsstudie „Sicherheit und Kriminalität in Sachsen 2022“ des Sächsischen Instituts für Polizei- und Sicherheitsforschung (SIPS). Die empirischen Analysen beleuchten das Verhältnis zwischen subjektiver Sicherheit und politischer Kultur mit verschiedenen thematischen Schwerpunkten und aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven. Ziel des Bandes ist es, theoretisch und methodisch fundierte Beiträge zur Erklärung von Kriminalitätsfurcht und deren gesellschaftspolitischen Konsequenzen zu leisten, um zu einem integrierten Verständnis des Zusammenhangs von subjektiver Sicherheit und politischer Kultur zu gelangen. Der Band liefert damit auch Impulse für sozialwissenschaftliche Forschung sowie für sicherheits- und gesellschaftspolitische Debatten.
  3. Phänomenologie von subjektiver Sicherheit und Kriminalitätsfurcht

    1. Frontmatter

    2. Kriminalitätsfurcht: Spezifische Furcht oder Ausdruck allgemeiner (sozialer) Unsicherheit?

      Farina Rühs, Marie von Seeler
      Zusammenfassung
      Die Förderung des Sicherheitsgefühls aufseiten der Bevölkerung und eine Reduktion der Furcht vor Kriminalität sind neben der Kontrolle tatsächlich auftretender Kriminalität zentrale Anliegen innen- und sicherheitspolitischer Maßnahmen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil vielfältige Auswirkungen der Kriminalitätsfurcht auf Einstellungen von Bürger:innen zu politischen Maßnahmen und Akteur:innen/Institutionen angenommen werden (und damit auf wesentliche Aspekte der politischen Kultur). Grundlegend für die Erforschung solcher Auswirkungen sowie die erfolgreiche Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen, die spezifisch auf Kriminalitätsfurcht abzielen, ist eine klare Konzeptualisierung der Kriminalitätsfurcht. Es braucht neben einem zutreffenden Erklärungsmodell für Kriminalitätsfurcht auch hinreichende Argumente dafür, dass Kriminalitätsfurcht tatsächlich ein spezifisches Phänomen ist, dessen spezifische Adressierung im Rahmen politischer Maßnahmen erfolgsversprechend sein könnte. Im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs ist das umstritten. Es gibt sowohl Ansätze, die Kriminalitätsfurcht als spezifische Reaktion auf kriminalitätsbezogene Bedrohungen auffassen (Spezifitätsansatz) als auch solche, die die Furcht vor Kriminalität als Ausdruck tiefgreifender sozial-existenzieller Ängste und damit als ein „Sammelbecken“ vieler verschiedener Ängste und Furchtformen sehen (Generalisierungsansatz). Der vorliegende Beitrag stellt die beiden Ansätze gegenüber und prüft, ob die bevölkerungsrepräsentativen Daten des Befragungsprojekts „Sicherheit und Kriminalität in Sachsen“ Hinweise bereithalten, welche Konzeption in Bezug auf die sächsische Bevölkerung zutreffender ist. Dafür wurden aus den theoretischen Konzeptionen Hypothesen abgeleitet, welche empirischen Zusammenhangsmuster mit weiteren Variablen (weitere existenzielle Furchtformen wie Infektions- oder Extremismusfurcht, Indikatoren des sozial-ökonomischen Status, dispositionales interpersonelles Vertrauen und kriminalitätsbezogene Hinweisreize in der Nachbarschaft) bei Zutreffen der jeweiligen Konzeption erwartbar wären. Insgesamt sprechen die Befunde eher für eine Konzeption der Kriminalitätsfurcht als spezifische Reaktion auf kriminalitätsbezogene Reize (Spezifitätsansatz), wobei bei der Interpretation der Ergebnisse insbesondere Limitationen in der Operationalisierung der Variablen und die Populationsbezogenheit der getroffenen Aussagen berücksichtigt werden müssen.
    3. Wie sich das subjektive Kriminalitätserleben im Zeitverlauf verändert hat. Eine Analyse am Beispiel der Stadt Dresden, 1995–2024

      Karl-Heinz Reuband
      Zusammenfassung
      Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, welche Zusammenhänge zwischen objektiver Sicherheitslage und subjektivem Kriminalitätserleben sich in einer sächsischen Großstadt im Zeitverlauf seit den 1990er Jahren beobachten lassen und wie diese zu erklären sind. Grundlage der Analysen sind mehrere Bevölkerungsumfragen in Dresden in den Jahren 1995 bis 2024. Die Kriminalitätsbedrohung, gemessen an der Polizeilichen Kriminalstatistik, ist in Dresden in dieser Phase gesunken. Noch stärker gesunken ist die Kriminalitätsfurcht, gemessen an der personalen und der sozialen Kriminalitätsfurcht und ihren kognitiven, affektiven und konativen Dimensionen. Prozesse der Gewöhnung und ein sinkendes Anomie-Erleben stellen eine mögliche Erklärung für den überproportionalen Rückgang der Furcht dar, nicht hingegen die Entwicklung der lokalen Medienberichterstattung über Kriminalität. Diese ist im Zeitverlauf gestiegen. Einen herausgehobenen Stellenwert für die affektiv-personale Kriminalitätsfurcht nimmt die subjektive Anomie ein, zusammen mit der kognitiv-sozialen Kriminalitätsfurcht, die sich auf allgemeingesellschaftliche Bedrohungssituationen bezieht.
    4. Stadt, Land, Furcht: Kriminalitätsfurcht in unterschiedlichen räumlichen Kontexten

      Tuuli-Marja Kleiner
      Zusammenfassung
      Die vorliegende Studie untersucht, wie sich Kriminalitätsfurcht in unterschiedlichen räumlichen Kontexten – urbanen, semiurbanen und ländlichen Räumen – manifestiert und welche individuellen, sozialen und politischen Einflussfaktoren dabei wirksam sind. Basierend auf repräsentativen Umfragedaten aus Sachsen werden raumtypische Unterschiede analysiert und mithilfe linearer Regressions- und Interaktionsmodelle vertiefend untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass ländliche Räume signifikant geringere Ausprägungen von Kriminalitätsfurcht aufweisen als urbane Räume – ein Effekt, der auch unter Kontrolle soziodemografischer, sozialer und politischer Variablen bestehen bleibt. Besonders das subjektive Erleben der sozialen Nahumgebung – etwa durch Kohäsion oder Desorganisation – entfaltet ein starkes Erklärungspotenzial. Darüber hinaus wirken sich politische Einstellungen unterschiedlich je nach Raumtyp aus. Die Ergebnisse unterstreichen, dass Kriminalitätsfurcht ein komplexes, raumvermitteltes Phänomen ist, das politische wie gesellschaftliche Aufmerksamkeit verdient. Die Studie leistet einen Beitrag zur kontextsensiblen Sicherheitsforschung und spricht sich für eine differenzierte Präventionspolitik aus, die räumliche Besonderheiten stärker berücksichtigt.
    5. Grenzen der Furcht: Der Einfluss von Grenznähe, Urbanität und politischer Einstellung auf personale Kriminalitätsfurcht

      Kristin Weber, Deliah Wagner, Klara Steinmetz, Jennifer Führer, Claas Pollmanns, Frank Asbrock
      Zusammenfassung
      Kriminalitätsfurcht ist in Sachsen angesichts zunehmender registrierter Kriminalität ein politisch und gesellschaftlich wichtiges Thema. Durch die Außengrenzen zu Polen und Tschechien muss sich der Freistaat Sachsen mit einem weiteren, sehr spezifischen Kriminalitätsphänomen auseinandersetzen: der Grenzkriminalität. In diesem Kapitel wird der Frage nachgegangen, ob die Kriminalitätsfurcht bei Bewohner:innen in der Nähe der sächsischen Außengrenzen stärker ausgeprägt ist als bei Personen in anderen Regionen des Freistaats. Dabei steht neben der Grenznähe auch die Urbanität der Region als Prädiktor für Kriminalitätsfurcht im Fokus. Weiterhin wird analysiert, ob die Zusammenhänge zwischen Grenznähe, Urbanität und Kriminalitätsfurcht von der politischen Orientierung der Befragten abhängen. Insbesondere in einer Zeit globaler Migration und politischer Spannungen stellt sich die Frage, wie die geografische und ideologische Positionierung von Individuen ihre Wahrnehmung von Sicherheit und Kriminalitätsrisiken beeinflusst. Die Analysen beruhen auf Befragungsdaten aus dem Projekt „Sicherheit und Kriminalität in Sachsen“ (SKiSAX). Die Ergebnisse zeigen, dass die drei untersuchten Prädiktoren kaum mit der Kriminalitätsfurcht zusammenhängen. Insbesondere die Grenznähe und die Urbanität der Region haben einen vernachlässigbaren Einfluss auf die Kriminalitätsfurcht. Daraus lässt sich ableiten, dass die Kriminalitätsfurcht nicht von der Nähe zu den sächsischen Außengrenzen abhängt.
    6. Der Gender Fear Gap im Vermeidungsverhalten in Sachsen: Eine empirische Analyse gängiger Erklärungsmodelle von Kriminalitätsfurcht

      Tanja Dannwolf
      Zusammenfassung
      Die vorliegende Studie untersucht den sogenannten Gender Fear Gap im Vermeidungsverhalten in Sachsen auf Basis der Daten der SKiSAX-Studie (Melcher et al. 2024). Der Geschlechterunterschied ist in der internationalen und deutschen Forschung gut dokumentiert: Frauen zeigen signifikant häufiger als Männer kriminalitätsvermeidendes Verhalten, etwa durch das Meiden bestimmter Orte oder indem sie vermeiden, allein im Dunkeln unterwegs zu sein. Ziel der vorliegenden Analyse ist es, gängige Erklärungsmodelle der Kriminalitätsfurcht auf ihre Erklärungskraft für diesen Gender Fear Gap hin zu überprüfen. Die Studie greift gängige theoretische Ansätze aus der Literatur zur Erklärung von Sicherheitsgefühl auf und untersucht, inwiefern diese zur Erklärung des Gender Fear Gaps im Vermeidungsverhalten beitragen. Dabei werden theoretische Konzepte wie Vulnerabilität, Viktimisierung, die Rolle der affektiven Furcht vor Sexualdelikten und Gewalt, die Wirkung von Disorder und informelle soziale Kontrolle sowie die Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen untersucht. Auf Basis dieser Theorien werden geschlechtsspezifische Hypothesen aus der Literatur abgeleitet und mit multivariaten Regressionsmodellen sowie einer Oaxaca-Blinder-Dekomposition überprüft. Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere die deliktspezifische affektive Kriminalitätsfurcht einen starken Einfluss auf das Vermeidungsverhalten hat. Frauen zeigen häufiger Furcht vor sexueller Belästigung und Gewalt, was sich signifikant auf ihr Vermeidungsverhalten auswirkt. Diese Furcht erklärt einen großen Teil des beobachteten Gender Fear Gaps. Auffällig ist jedoch, dass auch bei Männern die Furcht vor Gewalt ein relevanter Prädiktor für Vermeidungsverhalten ist – sogar stärker als bei Frauen. Dies widerspricht der Annahme, dass nur Frauen durch spezifische Viktimisierungsfurcht beeinflusst werden. Weitere relevante Erklärungsfaktoren sind Persönlichkeitsmerkmale, insbesondere Neurotizismus und Gewissenhaftigkeit, die bei Männern stärker mit Vermeidungsverhalten korrelieren. Die Wahrnehmung von Incivilities im Wohnumfeld hat hingegen nur geringe direkte Effekte auf das Vermeidungsverhalten. Es zeigt sich die Notwendigkeit, unterschiedliche Arten von Incivilities zu unterscheiden, da diese unterschiedlich wirken. Beispielsweise hat zwar die Präsenz von Jugendgruppen einen starken Effekt, aber gleichermaßen bei beiden Geschlechtern, während physische Incivilities nur bei Frauen signifikant wirken. Ebenso reduziert eine höhere soziale Kohäsion in der Nachbarschaft das Vermeidungsverhalten, allerdings ebenfalls in erster Linie bei Männern. In der Oaxaca-Blinder-Dekomposition zeigt sich, dass der beobachtete Gender Fear Gap im Vermeidungsverhalten nur zum Teil durch Unterschiede in den erklärenden Variablen entsteht. Ein erheblicher Teil des Gender Gaps lässt sich auf Unterschiede in der Stärke der Koeffizienten zurückführen, beispielsweise bei den Furchtvariablen, physischen Incivilities und Persönlichkeitsmerkmalen. Die Studie liefert somit differenzierte empirische Evidenz dafür, dass der Gender Fear Gap im Vermeidungsverhalten sowohl auf strukturelle Unterschiede in der Lebenssituation als auch auf unterschiedliche emotionale und psychologische Reaktionen auf wahrgenommene Bedrohungen zurückzuführen ist. Sie unterstreicht die Notwendigkeit, Kriminalitätsfurcht als verhaltensprägendes Phänomen mit weitreichenden Auswirkungen auf die gesellschaftliche Teilhabe zu begreifen.
  4. Subjektive Sicherheit, Vertrauen und die Zufriedenheit mit der Demokratie

    1. Frontmatter

    2. „Angst essen Demokratie auf.“ Ist die politische Kultur in Sachsen von Angst beeinflusst?

      Gert Pickel, Susanne Pickel
      Zusammenfassung
      Die Zahl regionaler Studien zur politischen Kultur ist auch heute noch übersichtlich. Gleiches gilt für die Thematisierung von Ängsten oder negativen Emotionen. Im vorliegenden Fall ergibt sich mit den SKiSAX-Daten die Möglichkeit, sowohl eine regionale Studie durchzuführen als auch den Einfluss von Ängsten und Furcht auf die politische Kultur, genauer die politische Unterstützung, zu untersuchen. Dies geschieht durch eine Anlehnung an die Theorie des Wertewandels oder genauer an die Bedürfnispyramide von Maslow sowie durch eine differenzierte Messung von politischer Unterstützung. Das Untersuchungsgebiet ist Sachsen. Die Ergebnisse sind gemischt. Allerdings wird deutlich, dass Ängste eine negative Rolle für die politische Unterstützung in Sachsen spielen. Dabei ist zwischen persönlichen Ängsten, die den eigenen Nahbereich betreffen, und Makroängsten, wie zum Beispiel die Angst vor Islamismus, Linksextremismus und Rechtsextremismus, zu unterscheiden. Auffällig sind auch die – angesichts der Krisendebatten – erstaunlich positiven Werte der politischen Unterstützung in Sachsen. Vor allem soziales Vertrauen erweist sich als Faktor dieser Werte. Diskriminierungserfahrungen wirken dagegen negativ auf die politische Unterstützung.
    3. Sicherheit für Recht und Ordnung? Über die Auswirkungen von Kriminalitätseinstellungen auf das Polizeivertrauen im Freistaat Sachsen

      Charlotte Müller, Sandro Corrieri
      Zusammenfassung
      Unsicherheitsgefühle beeinträchtigen nicht nur das individuelle Wohlbefinden, sondern können auch das Vertrauen in staatliche Institutionen wie die Polizei untergraben. Diese ist jedoch auf die Kooperation der Bevölkerung angewiesen – eine Bereitschaft, die maßgeblich durch eine positive Einstellung zur Polizei gefördert wird. Das Verantwortlichkeitsmodell, die Annahme, dass wahrgenommene Sicherheitsdefizite der Polizei angelastet werden, wurde im deutschsprachigen Raum bislang nur vereinzelt überprüft. Im vorliegenden Beitrag wird daher untersucht, wie sich unterschiedliche Aspekte der personalen und sozialen Kriminalitätseinstellungen auf das Vertrauen in die Polizei und die Zufriedenheit mit ihrer Arbeit auswirken. Sequenzielle Regressionsanalysen zeigen, dass polizeibezogene Einstellungen eher von anderen Faktoren abhängen als von der Einschätzung der subjektiven und öffentlichen Sicherheit. Ebenso wird allerdings deutlich, dass die Zufriedenheit mit der Arbeit der Polizei von anderen Variablen beeinflusst wird als das Vertrauen in sie, das wiederum auf Bundesebene anderen Einflussfaktoren unterliegt als auf Landesebene. Die Ergebnisse sprechen für eine differenziertere Erfassung der subjektiven Sicherheit und der Einstellungen zur Polizei, denn eine vertiefte empirische Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen von Unsicherheitsgefühlen ist unerlässlich, um populistischen Sicherheitsdiskursen fundiert begegnen zu können.
    4. Diskriminierung = Vertrauensverlust? Der Einfluss von Diskriminierungserfahrungen auf das soziale und politische Vertrauen

      Patricia Kamper
      Zusammenfassung
      Wer vertraut, überträgt Kontrolle in der Annahme, dass die übertragene Kontrolle nicht missbraucht wird. So steuert das Vertrauen unsere alltäglichen Entscheidungen und Verhaltensweisen und bildet die Grundlage für alle zwischenmenschlichen Beziehungen. Doch wovon hängt Vertrauen ab? Vertrauen basiert auf in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen und den daraus resultierenden emotionalen Assoziationen, aus denen Erwartungen für die Zukunft abgeleitet werden. Dabei können negative Erfahrungen zu einem Vertrauensverlust führen. Daran anknüpfend wird in diesem Beitrag der Frage nachgegangen, inwiefern Diskriminierungserfahrungen das Vertrauen beeinflussen. Weil Vertrauen sowohl auf die Mitglieder der Gesellschaft als auch auf politische Institutionen gerichtet sein kann, wird dabei auf die in der Forschungsliteratur gängige Unterscheidung zwischen sozialem und politischem Vertrauen zurückgegriffen. Zugleich werden über die Diskriminierung aufgrund der Herkunft hinaus verschiedene Diskriminierungsarten betrachtet. Für die empirischen Analysen wird das im Rahmen des Projekts „Sicherheit und Kriminalität in Sachsen“ erhobene Datenmaterial herangezogen. Den Analyseergebnissen zufolge vertrauen Personen, die zuvor Opfer von Diskriminierung geworden sind, ihren Mitmenschen sowie politischen Institutionen weniger als Personen ohne entsprechende Diskriminierungserfahrungen. Der negative Effekt der Diskriminierungserfahrungen auf das soziale sowie das politische Vertrauen zeigt sich hinsichtlich mehrerer Diskriminierungsarten (v. a. aufgrund der Herkunft, des Alters, der politischen Einstellung sowie einer Behinderung). Des Weiteren lässt sich feststellen, dass das politische Vertrauen von politisch rechts orientierten Personen stärker durch Diskriminierungserfahrungen aufgrund der politischen Einstellung beeinträchtigt wird als das politische Vertrauen von politisch links orientierten Personen.
    5. Gefahr durch Extremismus – Furcht vor Extremismus? Der Hotspot Sachsen und die Wahrnehmungen und Sorgen der Bevölkerung

      Tom Thieme
      Zusammenfassung
      Wahlerfolge, wachsende Personenpotenziale, die Zunahme an Straf-, Gewalt- und Terrortaten – multiple Krisen der Gegenwart und die Konflikte um Themen wie Klimawandel, Migration, Covid-19 und den Ukraine-Krieg haben im vergangenen Jahrzehnt zu einer Verstärkung der vielfältigen Herausforderungen durch den politischen Extremismus für die liberale Demokratie geführt. Welche Auswirkungen sich daraus für das Sicherheitsgefühl der sächsischen Bevölkerung ergeben, ist Gegenstand dieses Beitrags. Die SKiSAX-Daten schaffen dafür erstmalig die Voraussetzungen, denn beim Thema „Extremismusfurcht“ handelt es sich um ein Desiderat der Forschung. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses steht, ob sich das im bundesweiten Vergleich hohe Maß an Extremismus in Sachsen in einer verbreiteten Extremismusfurcht spiegelt, ob es Unterschiede bei den Sorgen und Wahrnehmungen zwischen rechten, linken und islamischen Extremismusvarianten gibt und welche Ursachen sich identifizieren lassen. Dafür ist zunächst der Begriff der „Extremismusfurcht“ zu definieren und zu operationalisieren. Daran anschließend werden die zentralen Befunde für Sachsen herausgearbeitet und mögliche Erklärungsfaktoren offengelegt (Viktimisierung, Medienwirkung, Besonderheiten der politischen Kultur). Die Ergebnisse zeigen einerseits verbreitetere Sorgen der Sächsinnen und Sachsen als dies in den wenigen vergleichbaren Studien für das gesamte Bundesgebiet der Fall ist. Andererseits dominiert im Freistaat die Furcht vor dem Rechtsextremismus, während auf der gesamtdeutschen Ebene der Islamismus überwiegt. Eine wesentliche Erklärung dieser Spezifika dürfte in den Besonderheiten einer von Skepsis und Polarisierung geprägten politischen Kultur Sachsens zu finden sein.
  5. Subjektive Sicherheit und politisches Verhalten

    1. Frontmatter

    2. Angst an der Wahlurne: Geschlechtsspezifische Einflüsse von sozialer Kriminalitätsfurcht auf die Wahlpräferenz für die Alternative für Deutschland

      Maria-Anna Hirth, Cyrill Otteni
      Zusammenfassung
      In den letzten Jahren hat Kriminalität zunehmend an Bedeutung in der Kommunikation rechtspopulistischer Parteien und Akteure gewonnen. Dennoch bleibt unklar, ob und in welchem Maße Kriminalitätsfurcht die Unterstützung solcher Parteien beeinflusst. Dieser Beitrag geht der Frage nach, ob ein Zusammenhang zwischen Kriminalitätsfurcht und der Wahlpräferenz für die Alternative für Deutschland (AfD) besteht. Dabei liegt ein besonderer Fokus darauf, ob und wie dieser durch das Geschlecht moderiert wird. Auf Basis logistischer Regressionen zeigt die Analyse, dass weder die Wahrnehmung einer steigenden Kriminalitätsentwicklung noch die Sorge darüber allein signifikant mit der Wahlpräferenz für die AfD zusammenhängen. Allerdings offenbart die Untersuchung eine geschlechtsspezifische Moderation: Während Kriminalitätsfurcht die Wahrscheinlichkeit, die AfD zu wählen, bei Männern nicht erhöht, zeigt sich bei Frauen ein deutlicher Effekt. Der Beitrag leistet damit einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte, indem er die Schnittstelle zwischen kriminologischer und politikwissenschaftlicher Forschung beleuchtet.
    3. Zuwanderung, Sorgen vor Islamismus und AfD-Wahl: Eine Studie auf Gemeindeebene in Sachsen

      Alexander Langenkamp, Christian Czymara
      Zusammenfassung
      Diese Studie untersucht den Zusammenhang zwischen lokalen Migrationsbewegungen auf Gemeindeebene und individueller Wahrnehmung islamistischer Bedrohung sowie der nachgelagerten Wahlpräferenz für die AfD im Bundesland Sachsen. Anhand der Umfrage „Sicherheit und Kriminalität in Sachsen“ des Sächsischen Instituts für Polizei- und Sicherheitsforschung aus dem Jahr 2022 analysieren wir Daten von 1559 Personen aus 22 Gemeinden. Entgegen der Konflikttheorie zeigen unsere Ergebnisse, dass Personen in Gemeinden mit höherer Zuwanderung in den letzten zehn Jahren weniger Sorgen vor Islamismus äußerten. Zudem wählen Personen in diesen Regionen mit geringerer Wahrscheinlichkeit die AfD, was teilweise über geringere Bedrohungswahrnehmungen vermittelt wird. Diese Befunde stützen die Kontakttheorie, die einen Abbau von Vorurteilen durch interethnischen Kontakt annimmt.
    4. Führt Kriminalitätsfurcht zu politischer Abstinenz oder Mobilisierung?

      Reinhold Melcher, Christoph Meißelbach
      Zusammenfassung
      Politische Partizipation ist eine zentrale Säule demokratischer Systeme. Obwohl ihre Einflussfaktoren bereits intensiv erforscht wurden, ist die Rolle der Kriminalitätsfurcht als potenzieller Treiber oder Hemmnis politischer Beteiligung bislang unzureichend untersucht. Der vorliegende Beitrag analysiert auf Basis der SKiSAX-Befragung den Zusammenhang zwischen Kriminalitätsfurcht und politischer Partizipation und unterscheidet dabei zwischen personaler Kriminalitätsfurcht (Furcht, selbst Opfer einer Straftat zu werden) und sozialer Kriminalitätsfurcht (Wahrnehmung der Kriminalitätsentwicklung als gesamtgesellschaftliches Problem). Mithilfe von Strukturgleichungsmodellen und Probit-Regressionen wird überprüft, wie sich diese Dimensionen der Kriminalitätsfurcht auf die Wahlbeteiligung und politische Proteste auswirken. Die Ergebnisse zeigen, dass personale Kriminalitätsfurcht zwar kaum Einfluss auf politische Partizipation hat, allerdings den Einfluss der sozioökonomischen Ressourcenausstattung auf die politische Beteiligung moderiert: Bei Unterprivilegierten wirkt personale Kriminalitätsfurcht hemmend, bei Privilegierten hingegen nicht. Soziale Kriminalitätsfurcht wirkt sich dagegen zwar nur schwach auf die Wahlbeteiligung aus, verringert jedoch die diffuse Unterstützung des politischen Systems und erhöht dadurch die Protestneigung. Diese Befunde bergen weitreichende demokratietheoretische Implikationen und tragen zu einem vertieften Verständnis der Zusammenhänge zwischen Sicherheitsgefühl, sozialer Ungleichheit und politischer Beteiligung bei.
    5. Politische Kultur und das behaviorale Immunsystem. Der Einfluss von Infektionsangst auf Vertrauen, Fremdenfürchtigkeit und Konservatismus

      Christoph Meißelbach, Kai Pierre Willführ
      Zusammenfassung
      Der Beitrag untersucht, inwiefern die Hypothese des behavioralen Immunsystems (BIS), die vorbewusste evolutionäre Anpassungen zur Infektionsvermeidung beschreibt, zur Erklärung politisch-kultureller Einstellungen beitragen kann. Auf Basis der Befragung „Sicherheit und Kriminalität in Sachsen (SKiSAX)“ analysieren die Autoren, ob wahrgenommene pathogene Bedrohung – operationalisiert über Infektionssorgen – mit zwischenmenschlichem Misstrauen, der Ablehnung von Fremdgruppen und konservativen Einstellungen zusammenhängt. Die empirischen Analysen zeigen schwache, aber konsistente Hinweise auf einen positiven Zusammenhang zwischen Infektionssorge und Misstrauen sowie der Ablehnung kulturell fremder Gruppen. Für konservative Einstellungen fällt die Evidenz hingegen uneinheitlich aus. Insgesamt bietet die Studie Indizien für das Vorhandensein und für gesellschaftspolitisch relevante Auswirkungen des BIS. Dies unterstreicht die Relevanz vorbewusster psychologischer Mechanismen nicht nur für die Erklärung politischer Kultur, sondern auch für sozialwissenschaftliche Analyse insgesamt. Angesichts einiger methodischer Limitierung bedarf es aber weiterer Forschung zur konkreten Wirksamkeit des BIS, insbesondere mithilfe von Längsschnittanalysen.
  6. Schlussfolgerungen

    1. Frontmatter

    2. Was Kriminalitätsfurcht ist und wie sie die politische Kultur prägt

      Bernhard Weßels, Christoph Meißelbach, Reinhold Melcher
      Zusammenfassung
      Dieses Kapitel fasst die Erkenntnisse des Sammelbands „Subjektive Sicherheit und politische Kultur. Erkenntnisse aus Sachsen“ zusammen. Der Fokus liegt dabei auf der Frage, ob Kriminalitätsfurcht ein Ausdruck generalisierter Verunsicherungen oder ein spezifisch konstruiertes Phänomen mit eigenständiger Wirkung auf politische Einstellungen und politisches Verhalten darstellt. Die vorgelegten Befunde stützen überwiegend den Spezifizitätsansatz: Kriminalitätsfurcht – sowohl in ihrer personalen als auch der sozialen Dimension – ist ein distinktes Phänomen, das spezifische Auswirkungen auf politisches Vertrauen, Demokratiezufriedenheit, Wahlverhalten und politische Partizipation zeigt. Während die personale Kriminalitätsfurcht eng an individuelle Vulnerabilität und persönliche Erfahrungen tatsächlicher oder befürchteter Viktimisierung gekoppelt ist, gründet soziale Kriminalitätsfurcht stärker in der Wahrnehmung eines allgemeinen Verlusts sozialer Kontrolle und erweist sich als insgesamt wesentlich relevanter für die politische Kultur. In der Gesamtschau zeigen die Ergebnisse, dass Kriminalitätsfurcht nicht als bloßes Epiphänomen allgemeiner Ängste und Verunsicherungen verstanden werden kann, sondern als eigenständiger, kontextsensibler Einflussfaktor mit bedeutsamen Folgen für die demokratische politische Kultur – insbesondere im Fall der sozialen Kriminalitätsfurcht. Ihre Bekämpfung erfordert mehr als Kriminalitätsreduktion; sie benötigt differenzierte, langfristige Maßnahmen zur Stärkung sozialer Kontrolle und gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Titel
Subjektive Sicherheit und politische Kultur
Herausgegeben von
Reinhold Melcher
Christoph Meißelbach
Bernhard Weßels
Copyright-Jahr
2026
Electronic ISBN
978-3-658-49448-3
Print ISBN
978-3-658-49447-6
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-49448-3

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