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Über dieses Buch

Die Fragen nach Bedingungen psychischer Gesundheit gewinnen in der öffentlichen Debatte zunehmend an Bedeutung. Dies findet z.B. einen Niederschlag in einer wachsenden Akzeptanz betrieblichen Gesundheitspräventionsprogrammen u. Gesundheitsmanagement u.v.a.m. . Der vorliegende Band arbeitet den Nutzen der Beratungsform Supervision für das Feld betrieblicher Prävention und Gesundheitsförderung heraus. Die versammelten Beiträge zeigen, wie Supervision im Kontext betrieblicher Prävention und Gesundheitsförderung systemische, (organisations-)psychologische, soziologische, psycho- und gruppendynamische Ansätze mit klinischen Erkenntnissen zur Beratung bei psychischen Beeinträchtigungen kombiniert. Damit gelingt es dem Band, die gesundheitsförderlichen und präventiven Wirkungen von Supervision in den Fokus zu rücken.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Zwischen Utopie und arbeitsweltlicher Wirklichkeit – Prävention und Gesundheitsförderung im Spiegel von Supervision und Organisationsberatung

Der Text setzt sich aus beraterischer Perspektive mit Chancen, Risiken und Nebenwirkungen von Prävention und Gesundheitsförderung auseinander. Die erkenntnisleitende Frage dabei ist, inwiefern präventive und gesundheitsförderliche Initiativen „strukturellen Optimismus“ oder „strukturellen Pessimismus“ begünstigen. Zur Beantwortung der Frage werden zeitdiagnostische Überlegungen angestellt; der Differenz von Prävention und Gesundheitsförderung nachgegangen; Modelle von Gesundheit und Krankheit vorgestellt und personenzentrierte, gruppenspezifische, organisationsbezogene sowie gesellschaftsorientierte „gesundheitsförderliche“ Interventionen skizziert. Der Argumentationsgang mündet in der Aussage: Supervision und Organisationsberatung bilden den Königsweg arbeitsweltlicher Prävention und Gesundheitsförderung.
Ronny Jahn

Kapitel 2. Das Unbehagen in der Arbeitswelt? Zeitdiagnosen zwischen störungs- und stimmungsbezogenen Ansätzen

Zeitdiagnostische Ansätze divergierender wissenschaftlicher Paradigmen und Disziplinen konkurrieren um die adäquate Beschreibung und Interpretation von Gegenwartsprozessen. Vielfach werden psychodiagnostische Studien als Aufweis für gesellschaftliche Krisen angeführt. Anhand einer Auseinandersetzung mit Arbeiten Martin Dornesʼ (Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse 69:115−160, 2015, Macht der Kapitalismus depressiv?, Fischer, Frankfurt am Main, 2016) wird in den auf Deutschland bezogenen Sachverhalt eingeführt, warum im Gesundheitssystem die Zahl psychischer Erkrankungen (Diagnoseprävalenz) gestiegen, aus epidemiologischer Sicht aber keine Zunahme psychischer Erkrankungen (Realprävalenz) zu verzeichnen ist. Damit wird das Zunahmeargument relativiert, die gleichbleibend hohe Rate psychischer Erkrankungen, ein Anstieg subklinischen Unbehagens und die Veränderung von Formen des Leidens dagegen bleiben erklärungsbedürftig. Diesen Phänomenen versuchen jene soziologischen und sozialpsychologischen Ansätze Rechnung zu tragen, die gesellschaftliche Stimmungen und subjektives Unbehagen in einer nicht-trivialen, wechselseitig aufeinander bezogenen Logik betrachten und analysieren.
Benedikt Salfeld, Benigna Gerisch

Kapitel 3. Rahmenbedingungen des BGM: gesundheitspolitische und betriebswirtschaftliche Grundlagen

Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) wirkt, sofern richtig gemacht. Das heißt, zu Beginn steht ein umfassendes Assessment, partizipative und organisatorische Ansätze werden verfolgt, Verhaltens- und Verhältnisprävention werden einbezogen, und es handelt sich nicht um einmalige oder unkoordinierte Einzelaktionen, sondern um ein nachhaltig konzipiertes und über Erfolgskontrollen evaluiertes BGM. In größeren Unternehmen hat sich dies weitgehend herumgesprochen, sodass BGM ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil einer modernen Unternehmenskultur geworden ist. Hierzu haben auch die zahlreichen Unterstützungsmöglichkeiten beigetragen, die die Krankenkassen, die Unfallversicherungsträger und der Fiskus für die Unternehmen bereithalten. Gesamtgesellschaftlich sind diese Hilfen zu begrüßen, denn die Vorteile einer möglichst gesunden, motivierten und produktiven Belegschaft kommen nicht nur den Unternehmen zugute, sondern auch den Sozialversicherungen und der Gesellschaft insgesamt. Mehr als 3000 Studien zu BGM und BGF belegen, welche Ansätze sich als besonders effektiv und auch kosten-effektiv bewährt haben. Diese Erkenntnisse auch in kleine und mittlere Unternehmen zu tragen und Umsetzungshindernisse zu identifizieren und anzugehen, bleibt als Aufgabe für Forschung, Beratung und Politik.
Hendrike Berger, Andreas Nolten

Kapitel 4. Arbeit und psychische Gesundheit: Präventionsleistungen der Deutschen Rentenversicherung und des Betrieblichen Gesundheitsmanagement

Psychische Störungen sind meist mit erheblichen persönlichen, gesundheitlichen Beeinträchtigungen und vielfältigen Problemen bei der Lebensgestaltung bzw. der Lebensbewältigung verbunden. Die hohe Prävalenzrate psychischer Störungen in der Arbeitswelt betrifft ca. ein Fünftel der Bevölkerung im aktiven Berufsleben. Neben der Gesundheitsdimension bei psychischen Erkrankungen gibt es auch eine ökonomische Betrachtungsweise. Sie bezieht sich auf die Arbeitnehmer selbst, ihre Arbeitgeber und volkswirtschaftliche Aspekte. Psychisch beeinträchtigte Arbeitnehmer sind z. B. von einer geringeren Beschäftigungsquote, einer höheren Arbeitslosenquote und einem damit verbundenen höheren Armutsrisiko betroffen. Die Arbeitgeber sehen sich durch höhere Fehlzeiten und steigende Frühinvalidisierungsraten mit einem höheren Verlust an Produktivität konfrontiert. Dies in Zeiten, in denen in vielen Branchen Fachkräftemangel herrscht. Vor diesem Hintergrund wächst das Bemühen, die Gesundheitsdimension im betrieblichen Alltag mehr und mehr mit in organisatorisches Handeln einzubeziehen. Die nationale Präventionsstrategie der Bundesregierung zielt dementsprechend auf eine Stärkung des Betrieblichen Gesundheitsmanagements ab. Es soll auf eine Konvergenz der Präventionsleistungen der gesetzlichen Unfallversicherung, der gesetzlichen Krankenversicherung und der Rentenversicherung im Hinblick auf die Gewährung koordinierter Präventionsleistungen hingewirkt werden. Das Ziel ist die Unterstützung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu gesundheitsrelevanten Themenkomplexen. Im vorliegenden Artikel werden insbesondere die Präventionsleistungen im Zuständigkeitsbereich der Deutschen Rentenversicherung skizziert und deren Umsetzung dargestellt.
Rüdiger Bangen, Eike-Christian Reinfelder

Kapitel 5. Der kritische Beitrag der Supervision zur Förderung betrieblicher Gesundheit

Der Versuch, mit Supervision zur Förderung betrieblicher Gesundheit beizutragen, eröffnet Perspektiven unterschiedlicher Art: professionspolitische, anthropologische, empirische, methodische und organisationale. Eine Besonderheit ist die Entwicklung der Supervision in den Organisationen, die selbst für die Herstellung der Gesundheit zuständig sind. Supervision kann ihrem Anspruch und dem Bedarf der Klienten gerecht werden, zur Gesundheitsförderung beizutragen, wenn sie persönliche, rollenbedingte, institutionelle und professionsbezogene Faktoren integriert. In einem „letzten Gedanken“ wird die Bedeutung von Krankheit und Tod in die Überlegungen miteinbezogen.
Wolfgang Weigand

Kapitel 6. Organisation als Gesundheitsrisiko

In allen Berufen, die einen hohen Anteil an interaktionsbasierter Arbeit von „Menschen mit Menschen“ haben, entwickelte sich Supervision als Mittel, die damit verbundenen Belastungen aufzufangen. Ein guter Teil derselben ist allerdings „hausgemacht“. Die Fokussierung des Zwischenmenschlichen in entsprechenden Settings ist daher zwar richtig, aber nicht hinreichend. Mit schöner Regelmäßigkeit taucht in den Problemanalysen die Organisation auf, teils als blinder Fleck, teils als Tabu. Im Folgenden wird erläutert, woran dies fast zwingend liegt und welch doppelgesichtiges Gebilde, welch zweischneidiges Schwert Organisation ist – zum einen ein unvermeidliches Mittel zur Verfolgung jeglicher Zielsetzung, zum anderen aber ein Ökotop, das die in ihnen Tätigen auch oft genug beschädigt. Der Organisation wird die Gruppe als sozialpsychologische und sozialtechnische Antithese gegenübergestellt. Den Abschluss bilden Falldarstellungen, die das Ineinanderwirken von Gruppen- und Organisationsdynamik zeigen und welche Kämpfe die Betroffenen zu bestehen haben, um ihr unbeschadetes Überleben in der Organisation bzw. im Verhältnis zu ihr sicherzustellen.
Lasciate ogni speranza, voi chʼentrate
Dante Alighieri
La divina commedia, 3. Gesang, Vers 9
Ewald E. Krainz

Kapitel 7. Supervisionsprozesse am Beispiel von Kindertagesstätten: Belastungserleben, Psychodynamik und emotionale Anteile der beruflichen Rolle

Die Welt der Kindertagesstätten hat sich gewandelt. In der vergangenen Dekade hielten eine Vielzahl von Veränderungen Einzug in die institutionelle Matrix von Kindertagesstätten, die von Organisationen und Professionellen bewältigt werden müssen. Gesellschaftspolitische Impulse (Ausbau der frühkindlichen Betreuung), pädagogische Rahmenprogramme (Bildungspläne) und Anforderungen an die Struktur- und Prozessqualität gehen mit erhöhtem Steuerungsaufwand einher, sodass die stetig wachsende Anforderung zur Professionalität zum „Professionalisierungs-Druck“ werden kann. Zugleich finden die Entwicklungen in einem Umfeld statt, das im hohen Maße in die Beziehungsarbeit mit Kindern und dem Familiensystem involviert ist. Die Integration verschiedener Fachkulturen aus den Bereichen der Betriebswirtschaft/Ökonomie und der dem Kinde zugewandten Beziehungsarbeit (Pädagogik, Psychologie) beeinflussen aufseiten der Professionellen wichtige Aspekte der beruflichen Identität, Motivation und individuellen Wertorientierung, was die berufliche Rolle im Hinblick auf psychische Belastungsfaktoren und Bewältigungsmechanismen prägt. Anhand von ausgewählten supervisorischen Kasuistiken werden die Veränderungen in der Praxis, ihre Konsequenzen für das Innenleben der Organisationen sowie die dazu entstehenden Dynamiken dargestellt. Im Fokus steht die Frage, ob die Dynamiken mit Krankheitsgeschehen in Organisationen in Verbindung gebracht werden können und welchem „Leiden“ die supervisorische Profession begegnet. Anhand eines gruppenanalytisch (psychodynamisch) orientierten Supervisionssettings werden Möglichkeiten und Grenzen von supervisorischen Interventionen zur Gesundheitsförderung dargestellt.
Eike-Christian Reinfelder

Kapitel 8. Die Bedeutung von Mentalisierung und Epistemischem Vertrauen für die Förderung psychischer Gesundheit durch Supervision – theoretische Zusammenhänge und erste Befunde einer empirischen Pilotstudie

Das Konzept der Mentalisierung wird zunächst vorgestellt. Es wird sodann in Bezug zu den Theorien der Resilienz und des Epistemisches Vertrauens gesetzt, die für die Erhaltung und Wiederaneignung psychischer Gesundheit wichtige und interdependente Faktoren darstellen. Das Beleuchten der Bedeutung von Mentalisierungsprozessen für Supervisionen im beruflichen Kontext stellt im nächsten Schritt das theoretische Fundament einer empirischen Untersuchung dar. Diese längsschnittliche Evaluationsstudie im Kontrollgruppendesign versucht an einer Stichprobe Studierender (n=30) erstmals zu erheben, ob ein 15-maliges Supervisionsangebot einen förderlichen Einfluss auf ihre Mentalisierungsfähigkeit hat. Die Ergebnisse werden abschließend unter Einbeziehung der berichteten Theorie diskutiert.
Stephan Gingelmaier, Nicola-Hans Schwarzer

Kapitel 9. Gesundheitscoaching im Gesundheitswesen – Placebo in Zeiten fortschreitender Ökonomisierung und Kommerzialisierung?

Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) und Gesundheitsförderung (BGF) sind Stiefkinder im Gesundheitswesen. Forderungen nach Wirtschaftlichkeit und Gewinn überlagern vielerorts die medizinische Logik von Heilung, Pflege, Prävention und Linderung. Unter diesem Druck gelingt es Führungskräften kaum, ihrer Vorbildfunktion nachzukommen und das eigene Verhalten gesundheitsförderlich zu gestalten. Fallvignetten können zeigen, dass sich psychodynamisches Gesundheitscoaching in psychisch belastenden Situationen positiv auf die Regulierung und die Stabilisierung des gesundheitlichen Gleichgewichts von Führungskräften auswirken. Eine Integration von Coaching und Gesundheitscoaching in BGM und BGF ist daher kein Placebo, sondern eine empfehlenswerte Ausgleichsmaßnahme zur fortschreitenden Ökonomisierung und Kommerzialisierung im Gesundheitssystem.
Beate West-Leuer

Kapitel 10. Jenseits von Balint – Selbsterfahrungsgruppen in der Allgemeinmedizin

Das Ehepaar Balint revolutionierte die Medizin mit ihren Selbsterfahrungsgruppen für Ärzte. Sie legten den Mitgliedern ihrer Gruppen nahe, nicht mehr sich selbst als das handelnde Subjekt bzw. den Patienten als das zu behandelnde Objekt zu betrachten. Ihr Ideal war eine Beziehung zwischen zwei verantwortlichen und erwachsenen Menschen. Solange der Arzt eine wirkliche Beziehung mit dem Patienten und dessen Familie herstellte, machte es Sinn, die Supervision auf Fallprobleme und die Übertragungsbeziehung zwischen Arzt und Patient zu fokussieren.
Beziehungen werden von der Politik und Verwaltung seit vier Jahrzehnten als primär betriebswirtschaftlich und leistungsorientiert angesehen. Aus dieser Sicht dient die Arzt-Patient-Beziehung der Kundenbefriedigung und der wirtschaftlichen Effizienz. Weswegen die Beziehung zwischen Arzt und Patient heutzutage nur noch beschränkt als haltend und heilungsfördernd angesehen werden kann. Eingebettet ist die heutige Arzt-Patienten-Beziehung in ein politisch regiertes Gesundheits- und Krankenwesen, das die Allgemeinmedizin in eine Art Fließbandsystem verwandelt hat. Der Arzt stellt nur noch Einzelkonsultationen zur Verfügung, nicht mehr eine heilsam wirkende Beziehung auf Dauer. Dies erscheint mir der schwerwiegendste Grund dafür zu sein, in Selbsterfahrungsgruppen mit Ärzten einen offenen, im Gegensatz zu einem eingeschränkten Reflexionsraum, zu eröffnen.
Mit anderen Worten: Jenseits von Balint, nämlich mithilfe der freien, analytischen Assoziationen ohne Thementabus und gruppenanalytisch, zu supervidieren.
Gerhard Wilke

Kapitel 11. Über die unbewusste Fantasie in Organisationen und Teams – ein Bericht aus der Praxis

Der Begriff der unbewussten Fantasie spielt in der Diskussion innerhalb der gruppenanalytischen Supervision und Organisationsberatung bislang eine untergeordnete Rolle. Im Folgenden werden die Bedeutung der unbewussten Fantasie ebenso wie mögliche Gründe für deren Vernachlässigen skizziert. Nach der Schilderung eines missglückten Gruppenprozesses (Vignette 0) wird der Begriff der unbewussten Fantasie erläutert. In zwei geglückten Gruppenprozessen wird die unbewusste Fantasie nicht verbalisiert (Vignette 1 und 2). Als Ziel der gruppenanalytischen Supervision wird das Unterscheidenkönnen zwischen neurotischem und alltäglichem Leid postuliert; diese Fähigkeit ermöglicht es, aus einer kranken eine gesunde Organisation entstehen zu lassen. In zwei weiteren Vignetten (3 und 4) wird das Konzept der unbewussten Fantasie in der Supervision explizit auf seine Praxistauglichkeit im beruflichen Gesundheitsmanagement überprüft. Abschließend wird die Frage erörtert, ob das Erforschen der unbewussten Fantasie andere notwendige Aspekte der supervisorischen Arbeit beeinträchtigt oder fördert.
Heribert Knott
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