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30.04.2015 | Technische Informatik | Interview | Onlineartikel

Nicht das Volumen der Daten bestimmt ihren Wert, sondern der Bedarf

Autor:
Andreas Burkert

Wer nicht digitalisiert, hat keine Zukunft. Provokant aber wahr ist diese Aussage, erzählt uns die Professorin Claudia Linnhoff-Popien im Interview. Sie ist Inhaberin des Lehrstuhls für Mobile und Verteilte Systeme der LMU München und Mitautorin des Springer-Fachbuchs Märkte im Umbruch.

Frau Professorin Linnhoff-Popien, gleich zu Beginn schreiben Sie in Märkte im Umbruch, "Wer nicht digitalisiert, hat keine Zukunft". Wie kommt es zu Digitalen Strategien für Unternehmen?

Digitalisierung bezeichnet zunächst erst einmal die Überführung analoger Größen in digitale Größen. So kennen wir eine analoge Uhr und eine Digitaluhr, ein klassisches Thermometer und ein digitales Thermometer. Aus einem Zeiger oder einem Meßstand mit einer bestimmten Position wird eine Zahl mit beliebig vielen Nachkommastellen. Diese Zahl kann ich speichern, verarbeiten und verteilen. Fehlererkennungs- und Fehlerkorrekturverfahren sorgen dafür, dass beim Kopieren oder Übertragen keinerlei Qualitätsverluste der Information entstehen.

Diese wunderschönen Eigenschaften lassen sich nicht nur auf Zahlen anwenden - sondern auch auf Text, Bilder, Töne, Filme - auf ganze Prozesse und ganze Branchen.

Digitalisierte Betriebsabläufe können wesentlich schneller und kostengünstiger abgewickelt werden. Damit entsteht eine Steigerung der Effizienz und eine größere Wirtschaftlichkeit. Völlig neue Geschäftsmodelle entstehen und neue Player treten am Markt auf. Digitale Strategien sind eine Prozess, in dessen Ergebnis ein Unternehmen in seinem Inneren und der Wirkung nach Außen ganzheitlich erfasst werden muss.

Aber bedeutet eine allumfassende Digitalisierung nicht auch die totale Offenbarung, durch das Preisgeben vertraulicher Informationen?

Die Industrie steht am Anfang einer digitalen Transformation. Sie ist mitten in einer digitalen Revolution. Im Ergebnis entsteht eine globale und internationale Vernetzung. Wer welche Informationen zugänglich gemacht bekommt - das kann der Eigentümer einer Ressource selbst entscheiden. Privacy und Security sind Forschungsbereiche, die mit der Digitalisierung mitwachsen. Jede Information bekommt in einem stabilen System nur der Adressat, der sie auch bekommen soll.

Der Wille eines Unternehmens, künftig sozusagen digital zu agieren, setzt voraus, dass die Netzinfrastruktur in Qualität und Bandbreite vorhanden ist. Ist sie aber nicht – zumindest in Deutschland. Sollen die Unternehmen Abwarten und Tee trinken?

Digitalisierung erfordert Hardware, Software, Netze und die Akzeptanz der Nutzer, sich auf neue Prozesse einzulassen. Diese vier Grundvoraussetzungen müssen einen Einklang bilden. Keinen dieser vier Aspekte darf man vernachlässigen und keinen dieser Aspekte überbewerten. Eine ausschließliche Fokussierung auf die Netzinfrastruktur löst keine Probleme - vielmehr muss auch Software und Algorithmik mit betrachtet werden - doch jede Software kann nur auf einer Hardware laufen, und diese wird immer leistungsfähiger. Und all dies geht nur mit der Bereitschaft der Unternehmen, sich auf Neues einzulassen.

Dennoch bleibt die Bandbreite das Nadelöhr einer erfolgreichen Digitalisierungsstrategie?

Bandbreite ist eine sehr wichtige Voraussetzung bei der Digitalisierung, und in der Tat ist Netzinfrastruktur derzeit nicht überall vorhanden. Zahlreiche Digitalisierungsaktivitäten in Deutschland werden jedoch mittelfristig für eine zunehmende Netzabdeckung sorgen – und in absehbarer Zeit wird die Situation eine ganz andere sein. Darauf müssen sich die Unternehmen bereits jetzt vorbereiten.

Kommt die Bandbreite nicht zum Unternehmen, so muss das Unternehmen dort hingehen, wo Bandbreite ist. Bandbreite bestimmt, welche Regionen wachsen und welche aussterben werden.

Welches sind Ihrer Ansicht nach die größten Fehler einer Digitalisierung im Unternehmen?

Überall wo Innovationen umgesetzt werden, ist ein Lernprozess unabdingbar. Neues bedingt, dass eine Lösung reifen muss, dass unvorhergesehene Effekte und Fehler entstehen, auf die man zeitig reagieren kann und muss. Fehler können in Demonstratoren und Pilotsystemen erkannt und ausgeräumt werden. Umfangreiche Tests sorgen dafür, dass ein Produkt optimalerweise völlig fehlerfrei ist.

Fehler bei der Digitalisierung bestehen in zweierlei Hinsicht: Zum einen ist es ein Fehler, Angst vor Neuem zu haben und sich auf diesen Prozess gar nicht einzulassen. Dadurch entgehen Chancen und das Unternehmen wird von Mitbewerbern überrollt.

Ein anderer Fehler besteht darin, die Digitalisierung alleine machen zu wollen. Digitalisierung ist ein sehr komplexer Prozess, bei dem immer mehr immer kleiner werdende Veränderungen zu einem großen Ganzen zusammen wirken. Dieser Prozess braucht Geschwindigkeit und Weitsicht - er braucht Partner.

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Wie stark wird der digitale Umbruch vom Mißbrauch des Internets durch die Geheimdienste behindert?

Ob und wie stark der digitale Umbruch durch Sicherheitsmängel in einer Gesamtarchitektur behindert wird, ist derzeit noch nicht absehbar. Dabei ist es nahezu unerheblich, ob die Daten durch Geheimdienste, Staaten, Mitbewerber oder Kriminelle missbraucht werden. Als Grundvoraussetzung für die Digitalisierung benötigen wir eine einfache, verlässliche und globale Sicherheitsarchitektur, sodass jeder Anwender die Kontrolle über seine Daten auch tatsächlich behält.

Welche Bedeutung kommt Big Data in wenigen Jahren zu? Ist ein Terabyte qualifizierter Daten bald gleichbedeutend mit einem Kilo Gold?

Wenn branchenübergreifend digitalisiert wird, so müssen zugrundeliegende Plattformen und Systeme intelligent werden. Sie müssen das Verhalten und die Entscheidung eines Menschen nachahmen um Probleme zu lösen. Dazu ist es nötig, große, komplexe und sich schnell ändernde Datenmengen einzusammeln, zu speichern und zu verarbeiten. Datenvolumen unterliegt einem exponentiellen Anstieg - immer mehr Daten werden in immer kürzerer Zeit generiert.

Doch alleine das Datenvolumen bietet noch keinen Mehrwert. Die richtigen Daten müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und mit geeigneten Algorithmen verarbeitet werden. Solche qualifizierten Daten sind ein wertvolles Gut. Das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage bestimmt den Wert der Daten. Nicht das Volumen der Daten bestimmt ihren Wert, sondern der Bedarf.

Hinweis: Bis zum 17.05.2015 können Sie durch Eingabe Ihrer E-Mail-Adresse sowie durch Weiterempfehlungen ein beliebiges Kapitel dieses Buchs kostenlos erhalten: Probieren Sie unsere Aktion zum Thema Virales Marketing doch einfach mal aus!

Zur Person

Professorin Dr. Claudia Linnhoff-Popien ist Inhaberin des Lehrstuhls für "Mobile und Verteilte Systeme" an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Informatik.

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