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2022 | OriginalPaper | Buchkapitel

2. Theoretisch-analytische Grundlegung

verfasst von: Martin Fensch

Erschienen in: News und Fake News zum Thema Impfen

Verlag: Springer Fachmedien Wiesbaden

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Zusammenfassung

Eine Auseinandersetzung mit Definitionen, Positionen und Reflexionen zum Begriff der „Wahrheit“ zeichnen jenen Hintergrund, vor dem das Phänomen der Fake News deutlich umrissen werden kann. Aufbauend auf der Reflexion von korrespondenztheoretischen Wahrheitskonzepten, den Arbeiten von Vollmer zur evolutionären Erkenntnistheorie, sowie dem rekonstruktiven Ansatz von Bentele, wird folgende Annahme zugrunde gelegt: ‚Es gibt eine objektiv existierende Welt, die uns durch die Wahrnehmung und kognitive Erkenntnis zugänglich ist. In einem Prozess der Selektion, Perspektivität und Konstruktion und dadurch Rekonstruktion entstehen in einem Wechselspiel zwischen objektiven und vorhandenen oder erworbenen subjektiven Strukturen Bilder der Wirklichkeit. Diese werden immer wieder im Rahmen von Erwartung mit der objektiv existierenden Welt verglichen und bei Unterschieden aktualisiert.‘ Der rekonstruktive Ansatz, der erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Ansätze in eine kommunikations- und medienwissenschaftliche Theorie übersetzt, in deren Mittelpunkt das Verhältnis von Wirklichkeit und medialer Wirklichkeit steht, schafft dabei gleichsam den theoretischen Rahmen, innerhalb dessen die (codierten) medialen Inhalte in Beziehung zu Wirklichkeit, Objekt und Kommunikationswirkung gesetzt werden können. Auf der Grundlage dieser Auseinandersetzung mit Wahrheit, Wirklichkeit und Medien wird das Phänomen der Fake News analysiert, historisch eingeordnet und definiert. Fake News sind nicht neu. In Anwendung eines Schichtenmodells werden Entwicklungs-, Adaptions- und Integrationsschritte bis zu den Anfängen der menschlichen Kommunikation aufgezeigt. Was sie aber zu einem Realphänomen der heutigen Zeit machen, sind die Möglichkeiten der digitalen Welt: Computertechnik und -programme, globale Vernetzung, breiter Zugang zu Informationen, Such- und Empfehlungsalgorithmen, die digitalen und vor allem die sozialen Medien. Fehlende Standards und Kontrollprozesse ermöglichen zudem die gezielte Erstellung von Fake News, die bestimmte Wahrnehmungsmuster bedienen und so zu intendierten Reaktionen der Rezipienten führen. Die Arbeit definiert Fake News in Abgrenzung zu bisherigen Definitionen wie folgt: ‚Fake News sind falsche Informationen, die antizipierte Wahrnehmungsmuster der Rezipienten bedienen, absichtlich hergestellt und in medialen Passungen zumeist zum Zwecke der Meinungsmanipulation verbreitet werden.‘ Auf die Verarbeitung von Informationen haben wiederum Aspekte wie erworbene Überzeugungen oder Glauben, Wissen und auch phylogenetische, moralische Grundeinstellungen Einfluss. Folgt man der Moral Foundations Theory können diese auch bei der Rezeption von Fake News zu intuitiven Affekten der Ablehnung führen. Mit dem Moral Foundations Questionnaire (MFQ) besteht ein Instrument, um moralische Dispositionen abzufragen und Kategorien zuzuordnen. Fragen aus dem MFQ und dessen Kategoriensystem wurden für die Analyse von Inhalten zum Thema „Impfen“ adaptiert, um zugrunde liegende moralische Position zu dekodieren. Zwischen ihnen, den journalistischen Medien und direkten Erfahrungen entstehen Agenda-Setting-Effekte, die letztlich ebenfalls die Wirklichkeitskonstruktion der Rezipienten und die öffentliche Wahrnehmung beeinflussen können.
Fußnoten
1
Aristoteles gilt als Vater der Korrespondenztheorie, nach der die Wahrheit als Ergebnis der Übereinstimmung von Seiendem und Gesagtem angesehen werden kann.
 
2
Hierzu Kant (1838) in der „Kritik der reinen Vernunft“: „Was ist Wahrheit? Die Namenerklärung der Wahrheit, dass sie nämlich die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande sei, wird hier geschenkt, und vorausgesetzt; (…)“, S. 93 f.
 
3
In seinem späteren Werk hat Wittgenstein diese Sicht revidiert. In „Philosophische Untersuchungen“ (1953) führt er das Bild des „Sprachspiels“ ein. Dieses reflektiert seine spätere Annahme, dass jede sprachliche Äußerung in einer menschlichen Praxis beheimatet ist, dass erst die Verwendung in diesem Kontext Sinn erzeuge. Damit rückte er gleichzeitig von der Annahme ab, dass jeder Satz ein Modell der Wirklichkeit und jeder wahre Satz einen Sachverhalt abbildet.
 
4
Tatsächlich bezieht sich E. v. Glasersfeld (1995) auf Seite 60 ausdrücklich auf Protagoras und formuliert den Homo-Mensura-Satz um in: „Heute würden wir sagen, dass jede Sicht der Welt notwendig die Sicht eines Menschen ist. Wenn wir nicht behaupten wollen, dass wir in irgendeiner Weise direkte mystische Offenbarung empfangen, dann muss all das, was wir Wissen nennen – unsere Ideen oder Begriffe und die Beziehungen zwischen ihnen, unserer Bilder von uns selbst und der Welt – menschlich sein; denn dieses Wissen wurde von uns auf unsere besondere Weise erzeugt, und wir sind, ob es uns gefällt oder nicht, von unseren menschlichen Fähigkeiten her begrenzt.“
 
5
Als Schlüsseltext gilt hier „La Condition postomderne“ von Jean-François Lyotards.
 
6
Beispielhaft: die Tugenden in Aristoteles (2018).
 
7
Deutscher Presserat (2020). Presskodex. Abgerufen unter: https://​www.​presserat.​de/​pressekodex.​html.
 
9
Netiquette Guideline (2019). Abgerufen von https://​tools.​ietf.​org/​html/​rfc1855 Abgerufen am 06.12.2020.
 
10
Neben den Journalisten sind in der heutigen Medienwelt auch jene zu nennen und zu ergänzen, die als öffentliche Kommunikation Inhalte auf sozialen Medien publizieren.
 
11
siehe Seite 2.1.3.1.
 
12
Hierunter ist bei Lorenz das Informationsverarbeitungssystem von Menschen und Lebewesen gemeint. W. Schulz regt an, diesen Begriff auch für Medien zu nutzen (Schulz, 2001, S. 4).
 
13
Diese These findet sich auch im kritischen Rationalismus von K. Popper wieder.
 
14
Zur Definition von Information bei Bentele: Bentele, 2008, S. 282.
 
15
Ereignisse, die als Anlässe für Berichterstattung geschaffen wurden.
 
16
Ausführlich dazu Gollasch (2017).
 
17
„Die ist so Fake“, sagte meine Tochter erst neulich über eine entfernte Schulbekannte. Was meint sie damit? Die Schulbekannte täusche vor zu sein, was sie nicht wäre, sie imitiere jemanden anderes, tue zu Erwachsen und übertreibe, so die Antwort meiner Tochter.
 
19
Guo, Rohde & Wu, 2020; Zhang, & Ho, 2020; Mahrt, & Scharkow, 2013; Lynn, Kilroy, v. d. Werff, Healy, Hunt, Venkatagiri, & Morrison, 2015, Vosoughi et al., 2018.
 
20
1925 enthüllte die New York Times, dass der Chef des Nachrichtendienstes der britischen Armee, John Charteris, der Urheber dieser Fake News war. Er hatte ein Bild von Pferdekadavern vor einer Abdeckerei mit falscher Bildunterschrift an eine Zeitung in Shanghai gesandt. Die Bildunterschrift suggerierte, es handele sich um menschliche Leichen. Charteris spekulierte aufgrund der traditionellen Ahnenverehrung in China auf große Empörung. Die trat ein und das Foto nebst Geschichte verbreitet sich um den Globus (Werner, 2017, S. 44).
 
21
Ausführlich zu den Effekten der Anonymität im Netz: Brodnig (2013).
 
22
Der Service der EU gegen Desinformation kann abgerufen werden unter: https://​euvsdisinfo.​eu
 
23
Beispielsweise Washington Post, Wall Street Journal, Correctiv, ARD Tagesschau, Reuters, factcheck.org, dpa, Le Monde.
 
24
Fake News sind falsche Informationen, die antizipierte Wahrnehmungsmuster der Rezipienten bedienen, absichtlich hergestellt und in medialen Passungen zumeist zum Zwecke der Meinungsmanipulation verbreitet werden.
 
25
Alte Berufsbezeichnung für den Betreiber oder Angestellte einer Badestube.
 
26
Sauhirte.
 
28
WMD ist die Abkürzung für „Weapon of mass destruction“
 
31
J. Graham, R. Iyver, B. A. Nosek, S. Koleva, P. H. Ditto, C. Joseph.
 
32
Auf einer Zugfahrt von Leipzig nach Berlin fragte mich Günter Bentele, warum ausgerechnet die Wahrheit nicht eine der Kategorien ist. Ich hatte meine Mühe, die Wahrheit als Wert einer der fünf Kategorien zuzuordnen und schrieb anschließend an Jonathan Haidt, um ihm die gleiche Frage zu stellen. Er antwortete, „when you ask people to say what is moral or immoral, honesty is high on everyone’s list. I didn’t find a clear evolutionary story that was distinct from cheating/unfairness. But I’m very open to it; there is so much writing on honest signals. We do evaluate how trustworthy people are. I think there are many moral foundations. Property or territory is the next one I think needs to be added.“
 
33
Beispielhaft: J. Kaplan et al., 2016; B.T. Rutjens & M. Brandt, 2019.
 
Metadaten
Titel
Theoretisch-analytische Grundlegung
verfasst von
Martin Fensch
Copyright-Jahr
2022
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-38032-8_2