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Über dieses Buch

Keine Beobachtung (und auch kein Interview, keine Dokumentensichtung und Materialanalyse) ist theoriefrei denkbar. In dem vorliegenden Band wird dargestellt, wie Forschende im wissenschaftlichen „Tagesgeschäft“ zu theoretischen Einsichten gelangen. Konzeptionelle Ordnungen und Abgrenzungen werden mit Bezug auf empirische Gegenstände benannt, verfeinert, aus neuen Blickwinkeln hinterfragt und weitergeführt. Dabei wird erkennbar, dass Theorie und Empirie in aller Regel weit weniger „streng nach Lehrbuch“ als vielmehr unter forschungspragmatischen Gesichtspunkten verknüpft werden.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Zur Orientierung

Frontmatter

Theoretische Einsichten. Eine Einleitung

Zusammenfassung
In dieser Einleitung spreche ich einige Prinzipien an, die empirisch Forschenden weithin bekannt sein dürften, etwa die, dass keine Beobachtung (und auch kein Interview, keine Dokumentensichtung und Materialanalyse) je theoriefrei denkbar ist. Mit dem vorliegenden Band soll darauf aufmerksam gemacht werden, wie Forschende im wissenschaftlichen ‚Tagesgeschäft‘ jenseits polarisierter Vorstellungen empirischer Theorieentwicklung oder Theorieprüfung gleichwohl zu theoretischen Einsichten gelangen. Die Beiträge zeigen, dass sich kaum eine empirisch forschende Person an den potenziellen Rändern eines Spektrums bewegt, also entweder aus einem (sozialtheoretisch vorgeprägten) Gegenstand heraus eine Theorie mit hohem Reichweiteanspruch entwickelt oder einen strengen Theorietest mit ähnlichem Universalitätsanspruch anstrebt.
Nicole Burzan

Gibt es theoretische Einsichten?

Zur Empirie dessen, was wir wissen können
Zusammenfassung
Ob man aus empirischer Arbeit theoretische Ansichten erzielen kann, hängt davon ab, was die Einheit dieser Unterscheidung ist. Sieht man genau hin stößt man auf die Paradoxie, dass man eine der beiden Seiten nicht-kontingent setzen müsste, um die Frage zu beantworten. Der Beitrag verweigert sich dieser Antwort und stößt auf die Paradoxie, dass die beiden Seiten der Unterscheidung voneinander abhängig sind. Er demonstriert dies an der wohl strengsten Verhältnisbestimmung von Theorie und Empirie, nämlich an der „erklärenden Soziologie“, zeigt aber auch, dass das Problem konstitutiv für die Soziologie ist. Eine vorläufige Lösung findet der Beitrag in der Konzentration auf eine funktionale Methode - vorläufig deshalb, weil Paradoxien immer nur temporal auflösbar sind.
Armin Nassehi

Wider Emergenz und Zwang

Zur Kombinatorik in der Theoriearbeit
Zusammenfassung
Der Beitrag nimmt seinen Ausgang bei der Frage, wie aus unterschiedlichen Datenquellen gewonnene Hypothesen und Konzepte so miteinander in Bezug gesetzt werden können, dass sie als kohärentes Gebäude einen Aussagewert über soziologisch relevante (Forschungs-)Gegenstände beanspruchen können.Wie ‚werden‘ aus Daten, Hypothesen und Konzepten Theorien, d.h.logische Zusammenhänge? In kritischer Auseinandersetzung mit einer Basisannahme der „GroundedTheory“ wird ein Ansatz in der Tradition Alfred Schütz‘ stark gemacht, der die Alltagswelt des Forschers als unhintergehbare Basis soziologischer Analyse einbezieht. An der Reflektion eigener aktueller Forschungsprojekte ansetzend, wird daraufhin die „arscombinatoria“ als bislang selten thematisierte Denkbewegung bei der soziologischen Theoriearbeit identifiziert und charakterisiert. Sie ist dazu angetan, das Plädoyer für einen gelockerten, jedoch nicht beliebigenUmgang mit unterschiedlichen Sozialtheorien, Methodologien und Theorieverständnissen zu stützen, wodurch, wie gezeigt wird, dem Pragmatismus als wissenschaftstheoretischer Grundhaltung (wieder) mehr Bedeutung einzuräumen ist.
Tilo Grenz, David Emling

Von der Empirie zur Theorie

Frontmatter

Sich selbst beobachten

Das Fallbeispiel des öffentlichen Vortrags
Zusammenfassung
In den letzten Jahren hat sich die Diskussion über öffentliche Soziologie belebt. Das Grundproblem: Soziologinnen und Soziologen glauben, dass sie der Öffentlichkeit zu deren Nutzen etwas zu sagen hätten, sie beklagen sich aber zugleich darüber, dass ihnen niemand zuhöre. Natürlich hat der Anstoß, den Michael Burawoy (2005) gegeben hat, in eine verhängnisvolle Richtung geführt, da er doch öffentliche Soziologie bloß als Plattform für politische Agitation im Dienste belasteter und benachteiligter sozialer Gruppen angesehen hat – und dieses Bild einer „Engagiertheitssoziologie“ wird von vielen Soziologinnen und Soziologen nicht geteilt.
Manfred Prisching

Voluntaristischer Individualismus und republikanisches Pathos

Eine wissenssoziologische Kritik
Zusammenfassung
Der Beitrag rekonstruiert auf der Grundlage zeitgenössischer politischer Apelle und Kampagnen die Genese einer nachromantischen Ausprägung des modernen Individualismus. Dieser „voluntaristische Individualismus“ postuliert die konsequente Orientierung des Einzelnen auf sein bürgerliches Selbst und bildet die Grundlage einer gesamtgesellschaftliche Geltung beanspruchenden Kollektivsymbolik. Lässt sich bereits in den jeweiligen politischen Apellen und Kampagnen eine Abnahme diskursiv-argumentativer Darstellungs- und Umgangsformen beobachten, so setzt sich diese Tendenz im demokratietheoretisch bemerkenswerten Bildentwurf eines Bürgers weiter fort, der – statt sich im öffentlich-diskursiven »Gebrauch seiner Vernunft« (Kant) zu üben – seiner moralischen »Pflicht zum Erfolg« (Neckel) nachkommt.
Michael R Müller

Hybride Phänomene als Spielfelder des Neuen

Wissenssoziologische Überlegungen am Beispiel Hybrider Events
Zusammenfassung
Wie sämtliche Bereiche unserer Gesellschaft durchlaufen inszenierte Ereignisse aller Art einen fortgesetzten sozialen Wandel. In diesem Aufsatz geht es um eine spezifische Form der Innovation von Events beziehungsweise um ein besonderes Phänomen sozialen Wandels, das historisch zwar nicht neu, bisher aber weder theoretisch noch empirisch umfassend verstanden und beschrieben worden ist: Hybride Events als Beispiel für hybride Phänomene. Als Hybrides Phänomen werden solche sozialen Phänomene bezeichnet, bei denen mindestens zwei zu einem spezifischen historischen Zeitpunkt gesellschaftlich als verschieden typisierte Phänomene augenfällig kombiniert sind. Anhand von fünf Thesen sowie mithilfe von ebenso vielen Empirieexkursen aus dem Bereich Hybrider Events werden wissenssoziologisch inspirierte Ansätze einer Theorie hybrider Phänomene formuliert.
Gregor J Betz

Muße – Absichtsvolle Absichtslosigkeit

Zusammenfassung
Einige historische Erscheinungsformen derMuße werden in dem Beitrag so skizziert, dass in dieser Beschreibung eine Entwicklung vom Genuss der Muße als Kennzeichen eines ständischen Privilegs bis zurMuße als Haltung und Ausdruck der menschlichen Suche nach – und der Möglichkeitvon – Freiheiterkennbarwird. Über die Beschreibung des der Muße vorausgehenden,mühevollen Erzeugens von Mühelosigkeit und der internen Struktur einer besonderen‚Bewusstseinsspannung‘ in der Muße, wird die Möglichkeit einer ‚positivenAnthropologie‘ entworfen. Diese stellt dem vorgeblich universalen Wirklichkeitsdruckdes Faktischen die Wirklichkeitsferne der Muße und die Realitätsowohl des Möglichen als auch des Imaginären entgegen. Max Weberfolgend wird so ein ‚historisch-genetischer Idealtypus‘ von Muße entworfen,der einerseits die in ihr zum Ausdruck kommende Haltung des Menschen gegenüber sich selbst und der Welt vor Augen führt und andererseits den die Sinne freisetzenden Sinn der Muße ‚verstehend erklärt‘.
Hans-Georg Soeffner

Deutung von Deutungen in und zu Begegnungssituationen von Personen mit Demenz und Robotern

Zusammenfassung
Entlang exemplarischer Auszüge aus einer Begegnungssituation zwischen einer Person mit Demenz und einem robotischen Assistenzsystem wird ein Einblick in analytische Befunde im BMBF-Projekt EmoRobot (Emotionen stimulierende Assistenzroboter in der Pflege und Betreuung dementiell erkrankter Menschen in der stationären Langzeitpflege) gegeben. Hierbei geht es darum– das gezeigte Verhalten deutend– Relevanzen, Regeln und Engagements der im Interesse stehenden Person mit Demenz herauszuarbeiten – und demnach um dieDeutung der Deutungen von Personen mit Demenz zu robotischen Assistenzsystemen. Für die theoretische Verortung wird dabeiprimär auf Erving Goffmans Konzept der Interaktionsordnung zurückgegriffen, das trotz des „Sonderfallseiner (sozialen) Begegnung“ mit einem robotischen System einen fruchtbaren Rahmen bietet.
Sven Ziegler, Helma M Bleses

Die konstruierte Person

Zu einer Theorie der Subjektivierung aus der Empirie des Lebens im Wachkoma
Zusammenfassung
Ob ein im Zustand „Wachkoma“ lebender Mensch (noch) Eigenschaften hat, die eine Person ausmachen, ist ungewiss, weil seine mit alltäglichen Erkenntnismitteln beobachtbaren bzw. erfassbaren Merkmale und Verhaltensweisen hierauf keine hinlänglich sicheren Rückschlüsse zulassen. Gleichwohl behandeln nicht nur viele Angehörige, sondern auch viele professionell mit dem im Wachkoma lebenden Menschen befassten Akteure diesen wie eine Person.In meinem Beitrag versuche ich zu zeigen, dass sich von den in meine – im wesentlichen ethnographische – empirischeArbeit sozusagen untrennbar eingelassenen erkenntnistheoretischen Positionender phänomenologischen Lebensweltanalyse und der hermeneutischen Wissenssoziologie am konkreten Thema der dergestalt „konstruierten Person“ eine Theorie-Verbindung auchzu Aspekten des Gouvernementalitätsansatzesbzw sogar zur Idee des „postsouveränen Subjekts“ von Judith Butler herstellenlässt Allerdings folge ich einer Theorieder Subjektivierung nur in dem Maße, wie diese sich als empirisch fundierterweisen lässt.
Ronald Hitzler

Von der Theorie zur Empirie

Frontmatter

Zeitperspektiven der Mittelschicht in der Krise?

Empirische Befunde und Folgerungen für das Konzept sozialer Schichtung
Zusammenfassung
“Ausgehend von der generellen Frage, ob gegenwärtige Gesellschaften eine vertikale Schichtstruktur mit schichttypischen Haltungen und Handlungsmustern aufweisen, geht es im Beitrag darum, ob eine der Mittelschicht in jüngerer Zeit zugeschriebene ‚Krise‘ als solche wahrgenommen wird und zu Handlungsmustern führt, die ein Schichtprofil schärfen oder verwischen. Empirisch werden zunächst Typen des auf (Un-)Sicherheitsempfinden bezogenen Handelns und dazugehöriger Zeitperspektiven herausgearbeitet. Im Ergebnis sind grundsätzliche Sicherheitserwartungen typenübergreifend erkennbar; andere Befunde relativieren allerdings eine Annahme schichtspezifisch vergleichsweise homogener (längerfristig auf die Zukunft gerichteter) Zeitperspektiven deutlich. Theoretische Einsichten und Ausblicke richten sich im Weiteren darauf, wie eine potenzielle Schichtspezifik weiterführend konzeptionell differenziert und empirisch analysiert werden könnte.”
Nicole Burzan

Führung zur Selbstführung

Das Prinzip der Kosten-Nutzen-Kalkulation von Beschuldigten in polizeilichen Vernehmungen
Zusammenfassung
Polizeiliche Vernehmungsbeamte befinden sich bei ihren Bemühungen um ein Geständnis des Beschuldigten in einer schwachen Aushandlungslage, sodass die Beziehung zwischen Vernehmer und Beschuldigten zur maßgeblichen Quelle von Geständigkeit wird. Unter den Bedingungen einer wohlfahrtsstaatlichen Disziplinargesellschaft hat sich eine kommunikativ edukative Vernehmungssituation etabliert, in der der Beschuldigte zu seinem vermeintlich Besten, zum Geständnis, geführt werden soll. Dieses edukative Fundament polizeilichen Vernehmens scheint im Zuge der neoliberalen Umgestaltung unserer Gesellschaft zur Disposition zu stehen.
Mit einer hermeneutischen Einzelfallanalyse von einer Beschuldigtenvernehmung wird exemplarisch gezeigt, dass (a) polizeiliche Vernehmer – nun in der Rolle des Ratgebers eines Kosten kalkulierenden Beschuldigten – die edukative Dimension lediglich modifizieren, sodass das edukative Dispositiv im Neoliberalismus erhalten bleibt, und dass (b) eine solche Einsicht am ehesten in einer hermeneutischen Betrachtung von Einzelfällen zu gewinnen ist.
Norbert Schröer

„Und der Mann ist wieder Kavalier“

Die Rockabilly-Szene im Spannungsfeld zwischen traditionellen und modernen Geschlechtermustern
Zusammenfassung
Szenen bilden in individualisierten, pluralisierten Gesellschaften einen neuartigen Handlungsrahmen, in denen Individuen ungeachtet ihrer sozialen Herkunft und qua aktiver Teilhabe partizipieren können. Inwieweit auch Geschlechtermuster in juvenilen Szenen neu verhandelt, re-aktualisiert, ironisiert oder in Frage gestellt werden, ist die leitende Frage des Beitrages. Anhand von Gruppendiskussionen und Feldprotokollen wird rekonstruiert, dass die männlichen Szenegänger sowohl ein traditionelles als auch ein modernes Verständnis des Geschlechterverhältnisses vertreten. Diese Parallelität ergibt sich daraus, dass die traditionell orientierte Rockabilly-Szene eine Teil-(Zeit-)Wirklichkeit darstellt, die wiederum in die moderne Gegenwartsgesellschaft eingebettet ist.
Julia Wustmann, Babette Kirchner

Was ist eigentlich ein Glücksspiel?

Prolegomena zu einer soziologisch informierten Theorie des kommerziellen Glücksspiels
Zusammenfassung
Der Beitrag vertritt die Auffassung, dass statische und substantialistische Konzeptualisierungen einem Verständnis des Phänomens Glücksspiel soziologisch nicht angemessen sind. Gezeigt wird, dass sich durch die Berücksichtigung der pragmatistischen Einsicht, wonach die Wirklichkeit keine unabhängig von den Handelnden gegebene und ein für alle Mal stabile Existenz hat, sondern variabel und veränderlich ist, weil sie von Handelnden in ihrem Handeln kontinuierlich hervorgebracht wird, ein ungleich instruktiverer Blick auf das Glücksspiel gewinnen lässt.
Gerd Möll

Skandal! Ruf ohne Imperativ?

Von kommunikativen Referenzpunkten und moralischen Kollektiven
Zusammenfassung
Skandale leben von der Empörung – Medienskandale von der Inszenierung. Daraus folgt aber gerade nicht, dass der (massen-)mediale Skandalisierungsversuch mit dem Medienskandal per se gleichzusetzen ist und die kommunikative Dynamik dem Willen des Skandalisierers folgt. Die kollektive Empörung, die aus dem Skandalruf erst einen Skandal werden lässt, steht sowohl in Medienskandalen als auch in (lokalisierten) Skandalen als neuralgischer Punkt zentral. Der Unterschied besteht darin, dass die moralische Entrüstung auf massenmedialer Bühne weniger als Beobachtungs- sondern primär als Inszenierungsproblem erscheint, zumal unmittelbare Empörung erst dann weitreichend ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerät, wenn sie selbst wiederum Teil der kommunikativen Inszenierung wird. Im vorliegenden Beitrag wird dieses Problem der Inszenierung kollektiver Empörung theoretisch eingebettet und empirisch aufgearbeitet. Am Beispiel der Plagiatsaffäre um die Dissertation von Karl-Theodor zu Guttenberg in der Süddeutschen Zeitung kann nachgezeichnet werden, wie Medienskandale kommunikative Referenzpunkte hervorbringen, sich entlang dieser strukturieren und mit ihrer Hilfe eine gegenstandsgebundene Inszenierung moralischer Kollektive feilbieten, die den Skandalruf mit einer kollektiven Empörungssuggestion versehen.
Stefan Joller

Von der Empirie zur Postphänomenologie

Eine Suchbewegung zur theoretischen Verortung sozialer Robotik in der Demenzbetreuung
Zusammenfassung
Dieser Beitrag beschreibt vermutlich kein allgemeines Muster, sondern am konkreten Fall unserer Robotik-Forschung den Weg der Gewinnung „theoretischer Einsichten aus empirischer Arbeit“. Den dokumentierten Startpunkt unserer Empirie bildet ein Beobachtungsprotokoll vom 13. April 2013 über den Einsatz eines sogenannten Personal Assistance Robot in einem Altenpflegezentrum.
Michaela Pfadenhauer, Christoph Dukat

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