Theorie und Theater
Zum Verhältnis von wissenschaftlichem Diskurs und theatraler Praxis
- 2014
- Buch
- Herausgegeben von
- Astrid Hackel
- Mascha Vollhardt
- Verlag
- Springer Fachmedien Wiesbaden
Über dieses Buch
Die Theaterwissenschaft beruft sich gern auf den gemeinsamen Ursprung von Theorie und Theater. Ein Grund zu fragen, auf welche Weise akademische Diskurse Eingang in zeitgenössische Performances, Tanz- und Theaterinszenierungen finden und was diese umgekehrt zur Vermittlung oder sinnlichen Fremdwerdung theoretischen Wissens beitragen können. Untersucht werden die zahlreichen Verflechtungen und Unwägbarkeiten zwischen Theorie und Theater, die szenische Selbstreferenzialität und Widerständigkeit gegen die eigene Theoretisierbarkeit, die Herausforderungen im Umgang mit humanwissenschaftlichen, (post-)feministischen und queeren Theorien sowie der Stellenwert von Sprache, Sinn und Sinnlichkeit in zeitgenössischen Inszenierungen.
Inhaltsverzeichnis
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Frontmatter
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Endlose Fragen. Eine Einleitung
Astrid Hackel, Mascha VollhardtZusammenfassungOb das so genannte postdramatische Theater (Lehmann 1999) oder der nicht mehr dramatische Theatertext (Poschmann 1997), das Kunst, Unterhaltung und Wissenschaft vereinende Format der Lecture Performance (Peters 2011), das vor allem mit dem Namen René Pollesch assoziierte Diskurstheater oder neuere zwischen Diskurs und nachepischer Verfremdung, dokumentarischem und interventionistischem Anspruch anzusiedelnde Arbeiten – die zeitgenössischen Verflechtungen zwischen theoretischen Diskursen und theatralen Praktiken sind ebenso vielfältig wie die wissenschaftlichen Perspektiven darauf. Für die unmittelbare Auseinandersetzung mit gesellschaftsrelevanten Fragen und die Erprobung des Theoretischen auf seine Praxis- bzw. Alltagskompatibilität hin scheint das Theater nach wie vor ein geeigneter Ort zu sein. Texte müssen verkörpert, verlautbart, verwandelt und wieder entkörpert werden können; auch darauf scheint sich ein verbreitetes Bedürfnis, sich Theorien ‚einzuverleiben’, sie sich vertraut zu machen, sie zum ‚Sprechen’ zu bringen, zu beziehen. -
Falsche Freunde. Von der Unversöhnbarkeit von Theater und Theorie
Adam CzirakZusammenfassungDer Beitrag widmet sich dem ästhetischen und politischen Status des Zitats in Theater und Performance der Gegenwart. Fokussiert werden textuelle Rekursionen, die Effekte der Wiedererkennung produzieren, doch hinsichtlich ihrer sinnstiftenden Potenziale unkontrollierbar werden und eine diegetische oder narrative Kohärenz aufbrechen. Am Beispiel von Inszenierungen René Polleschs, Nicolas Stemanns, Laurent Chétouanes und des Nature Theater of Oklahoma werden Zitate untersucht, die als faux amis, als falsche Freunde des Zuschauers/der Zuschauerin bezeichnet werden können, insofern sie referenzielle Verwirrungen stiften oder eine Dramaturgie des Nicht-Verlässlichen etablieren. Ins Auge gefasst werden v. a. Redefigurationen, deren Bedeutungsebene von einer unbeherrschbaren Ironie, von der Täuschung oder von einer zerstörerischen Akustik stimmlicher Materialität befallen wird. Darüber hinaus soll aus den jeweiligen Szenenanalysen hervortreten, dass das Verhältnis von Theater und Theorie – trotz ihrer gemeinsamen etymologischen Wurzel – von aporetischen Spannungen durchwaltet und auf Unversöhnbarkeit fundiert ist. -
Disco und Diskurs: Die performing society als Denkfigur zwischen Kapitalismuskritik und Performancekunst (Boyan Manchev & Willy Prager)
Astrid HackelZusammenfassungDer Beitrag konfrontiert die Tanzperformance Transformability (2012) von Willy Prager mit dem gleichnamigen Plädoyer des Kulturphilosophen Boyan Manchev, das eine Neuaufstellung der Tanz- und Performancekunst im Zeichen der Transformation bzw. Metamorphose einfordert.Ausgehend von der Beobachtung aufführungsgenerierter Widersprüche wird gefragt, inwiefern die Performance gerade eigene Diskurse erzeugen und Partizipationsmöglichkeiten artikulieren kann, indem sie ihre Vorlage bewusst torpediert. Pragers Choreographie begnügt sich nicht mit der Vorführung von Theorie, sondern ermöglicht durch deren spielerische Erprobung eine doppelte Perspektive darauf. Einerseits wird das Plädoyer in seinem streng didaktischen Duktus auf diese Weise lustvoll demontiert, andererseits die sinnlich-ästhetische wie politische Verbindung zur Theorie gesucht und durch physische Anstrengung herausgestellt, wodurch ein produktiver Antagonismus zwischen Theorie und Performancekunst, Arbeit und Verweigerung sowie Ernst und Unterhaltung zutage tritt. -
Enacting Theory. Zur theatralen Rezeption humanwissenschaftlicher Diskurse bei René Pollesch am Beispiel von Das purpurne Muttermal
Franziska BergmannZusammenfassungMit seinem sogenannten Diskurstheater konnte sich René Pollesch in den vergangenen 15 Jahren als einer der wichtigsten Köpfe der deutschsprachigen Theaterlandschaft etablieren. In seinen Produktionen geht es ihm darum, Theaterabende zu gestalten, die das Normale in Frage stellen und es als Konstruktion sichtbar werden lassen. Diese Konstruiertheit des Normalen und die Kontingenz sozialer Lebenswelten rückt Pollesch in den Blick, indem er seine Texte mit zahlreichen Versatzstücken aus aktuellen humanwissenschaftlichen Debatten anreichert – daher der in Forschung und Feuilletons zirkulierende Begriff des ‚Diskurstheaters‘. Am Beispiel von Polleschs Das purpurne Muttermal untersucht der Beitrag, welche Konsequenzen die Übersetzung abstrakter, mitunter sperriger theoretischer Konzepte aus dem Bereich der Tierphilosophie von Donna Haraway in das konkrete theatrale Spiel hat. Es geht in den Beitrag darum zu fragen, wie sich die intermedialen Bezüge Polleschs auf schriftlich fixierte Theorietexte im Kontext der plurimedialen Kunstform der Theateraufführung gestalten. -
(Feministische) Theorie und Alltag. Theorie als theatrale Praxis in Sex. Nach Mae West und Die Welt zu Gast bei reichen Eltern von René Pollesch
Mascha VollhardtZusammenfassungDie Theatertexte von René Pollesch zeichnen sich durch eine besondere Form der Theorieaffinität aus: die dramatische Figurenrede wird ersetzt durch einen mäandernden Diskurs, der sowohl Zitate aus der gegenwärtigen Popkultur als auch aus akademischen Theoriediskursen versammelt und umschreibt. Vor allem Texte aus der feministischen Theoriebildung stehen im Mittelpunkt, wobei diese aber nicht als erkennbare Zitate eingefügt werden, sondern vielmehr in der 1. Person als ‚Apparate‘ zur Selbstreflexion der Situation der Performer_innen dienen sollen. Mein Artikel fokussiert auf die spezifische Art und Weise, mit welcher diese Theoriediskurse Eingang in Theatertexte, hier Die Welt zu Gast bei reichen Eltern von 2007 sowie Sex. Nach Mae West von 2002, finden, insbesondere der Rezeption der Theorien Donna Haraways und Judith Butlers wird nachgegangen. Die Bearbeitung von Alltagsphänomenen mithilfe von feministischer Theorie als eine ‚Sehhilfe‘ wird bei Pollesch als textuelle und theatrale Praxis performativ hergestellt. -
(Post-)Feminismus als Theater? Überlegungen zu Frauenbewegung und feministischer Theorie in Inszenierungen von She She Pop, Fräulein Wunder AG und Katarina Schröter
Gesche GerdesZusammenfassungEinige Jahrzehnte nach der Zweiten Frauenbewegung wird in den Medien wieder verstärkt über Feminismus und Gleichberechtigung diskutiert. Nach dem Roman „Feuchtgebiete“, der Gründung der Zeitschrift „Missy Magazine“ und der digitalen Vernetzung von jungen Bloggerinnen wird die Debatte auch ins Theater getragen: anhand von drei Beispielen untersucht dieser Beitrag die Inszenierung von Frauenbewegung und Feminismus im zeitgenössischen Theater. Dabei wird sowohl ein Vergleich mit feministischen Performances der 70er Jahre hergestellt als auch die Besonderheiten der aktuellen Inszenierungspraxen herausgestellt. Neben dem Performance-Kollektiv She She Pop und der Fräulein Wunder AG steht das Stück „Frauenbewegung ja, aber rhythmisch“ im Mittelpunkt der Analyse. Gefragt wird nach dem Stellenwert des Biographischen und nach dem Umgang mit der frauenbewegten Geschichten in den drei Inszenierungen. -
Theoriebezüge und -diskurse in der Queer Performance. Fünf Gespräche mit Berliner Performer_innen
Jenny SchrödlZusammenfassungQueer Performances, vor allem in Form von Drag, Travestie und Cross-Dressing, spielen in den Theoriebildungen der Gender und Queer Studies seit den 1990er Jahren bis heute eine entscheidende Rolle. Vor dem Hintergrund ist es allerdings umso mehr verwunderlich, dass umgekehrt im deutschsprachigen Raum nur wenig darüber bekannt ist, was queere Performer_innen eigentlich selbst über diese Theoriebildungen denken, welche Rolle das Verhältnis von Theorie und Praxis für sie spielt und inwiefern theoretische Entwürfe und wissenschaftliche Diskurse für ihre Performances mitbestimmend sind. Der Beitrag nimmt diese Lücke zwischen queerer Theorie und Praxis zum Anlass und stellt verschiedene Berliner Performer_innen bzw. Performancegruppen in den Mittelpunkt, die eigens für den Aufsatz interviewt wurden: Antonia Baehr_Werner Hirsch, Bridge Markland, Moritz G. (Kingz of Berlin), Mitglieder von Dragzhaufen sowie von den Sissy Boyz und Ärzte ohne Ängste. -
Eine Theorie theatraler Spracherfahrung bei Valère Novarina
Kerstin BeyerleinZusammenfassungValère Novarina ist ein französischer Theaterautor und Regisseur, der in Frankreich zu den bekanntesten seiner Zunft zählt. In diesem Beitrag geht es darum, ihn in seiner Eigenschaft als Theatertheoretiker vorzustellen und seine Theorie einer theatralen Spracherfahrung zu skizzieren. Eine Besonderheit dieser Theorie besteht darin, in Form vielfach hermetischer aphoristischer Prosatexte aufzutreten. Ein Anliegen des Artikels ist es daher, mithilfe des adäquaten theoretischen Referenzrahmens ihren Gehalt diskursiv aufzuschlüsseln. Entsprechend wird aufgezeigt, dass Novarina, auf seine besondere Art, ein Vertreter postdramatischen, performativen Theaterdenkens ist und darüber hinaus in dieser Eigenschaft Neuland betritt, indem er diesen Theoriekomplex mit dem Thema der Spracherfahrung um einen wichtigen, bislang von der einschlägigen Forschung vernachlässigten Bereich erweitert. Im Detail zeichnet der Artikel schließlich nach, wie Novarina die Erfahrung von Sprache in seinem Theater denkt und erläutert die These, dass es sich hierbei um ein leibliches Spüren von Sprache handelt. Damit ist im Wesentlichen gemeint, dass unser konventionelles, allein auf Sinnverstehen ausgerichtetes Verhältnis zur Sprache um einen Zugang erweitert wird, der leiblichen, sinnlichen und affektiven Parametern einen größeren Stellenwert einräumt. -
Theorie und Theater: Eine melancholische Beziehung. Am Beispiel von Performances der Gruppe Nova Melancholia
Natascha SiouzouliZusammenfassungDer Artikel befasst sich mit dem griechischen Performancekollektiv Nova Melancholia und dessen Umgang mit theoretischen bzw. philosophischen Texten, die es auf die Bühne bringt. Speziell geht es hier um die Aufführungen Geschichtsphilosophische Thesen von Walter Benjamin (2009), Trauer und Melancholie von Sigmund Freud (2010) und Erste Meditation – Über das, was in Zweifel gezogen werden kann, beruhend auf dem gleichnamigen Text von Descartes (2011). Der Frage nach der Beziehung zwischen dem Text und seiner Inszenierung nähert sich der Beitrag in Anlehnung an die Studie Über das Zaudern des Philosophen Joseph Vogl; die Argumentation weist auf ein ‚melancholischen Verhältnis‘ hin, das als eine Methodik bzw. eine Strategie verstanden werden soll und die in sich ein subversives Potential birgt.
- Titel
- Theorie und Theater
- Herausgegeben von
-
Astrid Hackel
Mascha Vollhardt
- Copyright-Jahr
- 2014
- Electronic ISBN
- 978-3-658-04102-1
- Print ISBN
- 978-3-658-04101-4
- DOI
- https://doi.org/10.1007/978-3-658-04102-1
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