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Über dieses Buch

Dieses einzigartige Lehrbuch stellt die Grundtheorien der Entwicklungspsychologie dar. Alle Kapitel wurden von führenden Experten verfasst. So ist es ideal für Studierende im Bachelor-Studiengang Psychologie, wie auch für alle Studiengänge mit entwicklungspsychologischen Inhalten. Auch für Quereinsteiger auf Masterlevel, sowie Berufseinsteiger und Weiterbildungsteilnehmer im pädagogischen Bereich bietet es einen idealen und fundierten Überblick über die fundamentalen Theorien.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Der Entwicklungsbegriff in der Psychologie

Zusammenfassung
Am Anfang eines Lehrbuchs steht üblicherweise eine Definition. Definitionen dienen der Ab gren zung eines Gegenstandsbereichs (lat. definire = begrenzen). Während man in früheren Jahrhunderten davon ausging, dass Definitionen das Wesen bzw. den Kern einer Sache zum Ausdruck bringen sollten, hat sich infolge des linguistic turn in der Philosophie ein eher konventionelles Verständnis von Definitionen durchgesetzt. Definitionen sind dement sprechend weder wahr noch falsch. Sie geben lediglich Auskunft darüber, wie ein bestimmter Begriff zu einer ge ge benen Zeit in einer bestimmten sozialen Gruppe gebraucht wird. Sind Definitionen damit willkürlich? Eine solche Auffassung wäre kurzschlüssig, denn Definitionen sind mit vielen anderen Begriffen, Konzepten und Theorien vernetzt und verweisen damit auf Wissensgrundlagen, die sich auch verändern können. Definitionen akzentuieren bestimmte Aspekte eines Phänomens und eröffnen eine inhaltliche Auseinandersetzung darüber, wie ein bestimmter Wissensbereich verstanden werden soll.
Tobias Krettenauer

2. Entwicklung und Kultur

Zusammenfassung
Die Fähigkeit, eine kulturell organisierte Umwelt aufzubauen und darin zu handeln, ist ein universelles, artspezifisches Merkmal des Menschen. Kinder wachsen in dieser vorstrukturierten Welt auf, die das kulturelle Wissen ihrer Vorfahren enthält und den Alltag organisiert. Die Kultur wirkt sich dann auf die kindliche Entwicklung dadurch aus, dass sie zum Gegenstand von Interaktions- und Kommunikationsprozessen wird. Entwicklung ist infolgedessen ohne die Analyse des kulturellen Kontextes, in dem sie stattfindet, nicht verstehbar und Kultur damit zu einem Bestandteil der Erklärung von Entwicklung geworden. Insbesondere haben sich Individuum-Umwelt-Interaktionen und deren Veränderungen über die Zeit zu zentralen Fragestellungen in der Entwicklungspsychologie herausgebildet. Die Erforschung dieser Interaktionsprozesse hat schließlich zu Untersuchungen über den Stellenwert der Kultur bei der Herausbildung verschiedenster individueller Kompetenzen geführt und sogar Initiativen entstehen lassen, um Kultur, ihre Nischen, Milieus und Kontexte empirisch zu erfassen. Es ist das Anliegen des vorliegenden Kapitels, Stand und Stellenwert dieser Herangehensweise bei der Untersuchung von Entwicklungsprozessen zu skizzieren. Dabei machen wir uns intrakulturelle wie interkulturelle Zugänge und Erklärungsansätze zunutze.
Lieselotte Ahnert, Hendrik Haßelbeck

3. Entwicklung und Evolution

Zusammenfassung
Die evolutionäre Psychologie betrachtet menschliches Verhalten als Produkt von evolvierten psychischen Mechanismen der Informationsverarbeitung (EPMs), die für ihre Entwicklung und Aktivierung sowohl interne Inputs als auch solche aus der Umwelt benötigen (Buss, 2008; Confer et al., 2010). Diese EPMs sind bereichs- und kontextspezifische Berechnungsverfahren (Algorithmen), die in unserer evolutionären Vergangenheit zur Lösung konkreter Probleme des Überlebens und der Fortpflanzung ebenso beigetragen haben wie unsere körperlichen Ausstattungen oder wie die Gestaltung der Ontogenese. Sie stehen uns als − zumindest partiell − erbliche evolutionäre Mitgift immer noch zur Verfügung. Die theoretische Fundierung dieses Ansatzes − wie auch die der verwandten Disziplinen Ethologie, Soziobiologie und Verhaltensökologie − ist die Darwin‘sche Theorie der natürlichen und sexuellen Selektion (Darwin, 1859, 1871) in ihrer derzeitigen Form (z. B. Freeman & Herron, 2007; Stearns & Hoekstra, 2005).
Harald A. Euler

4. Theorien der Wahrnehmungsentwicklung

Zusammenfassung
Die Wahrnehmung stellt für uns von Beginn an das Portal für Informationen aus der Außenwelt und für Informationen über uns selbst dar. Ist ein neugeborenes Kind wach, so scheint schon für ein so junges Baby die Umwelt präsent sowie die eigene innere Befindlichkeit spürbar zu sein. Über viele Jahrzehnte wurde gerätselt, was ein Baby wohl sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken kann und wie es schließlich zu der Wahrnehmung kommt, die unsere Wahrnehmung als Erwachsene kennzeichnet. Erst mit zunehmendem methodischen Fort schritt konnte die Entwicklung der Wahrnehmung, insbesondere ihr ontogenetischer Ursprung, immer besser verstanden werden. Die Triebfeder dieser Forschungsarbeiten war jedoch nicht nur das alleinige Wissen-Wollen, wie Kinder unterschiedlichen Alters die Welt wahrnehmen. Die Forschungsarbeiten sollten vielmehr dazu dienen, Belege für verschiedene, zum Teil kontroverse theoretische Vorstellungen über die Wahrnehmung des Menschen und deren Veränderungen zu liefern. Ziel des vorliegenden Kapitels ist es, dieses Zusammenspiel zwischen den theoretischen Auffassungen über die Wahrnehmungsentwicklung des Menschen und ihre empirische Überprüfbarkeit in einer annähernd chronologischen Abfolge darzustellen.
Gudrun Schwarzer, Franziska Degé

5. Entwicklung begrifflichen Wissens: Kernwissenstheorien

Zusammenfassung
Wie entsteht Wissen? Wie kommen Kinder dazu, Lebewesen von unbelebten Objekten zu unterscheiden, zu zählen und zu rechnen und Begriffe wie Schwerkraft oder Ärger zu verstehen? Und wie kommt die Menschheit dazu, Konzepte wie Evolution oder Atom zu entwickeln? Diese Fragen beschäftigen Psychologie und Philosophie seit deren Anfängen. Seit der Antike spekulieren nativistische Theorien über angeborenes menschliches Wissen, während empiristische Theorien die Metapher der Tabula rasa benützten, um die Position zu untermauern, dass alles Wissen im Laufe des Lebens durch Erfahrung erworben werde. Empirische entwicklungspsychologische Forschung hat seit dem 20. Jahrhundert zur Aufklärung der Herausbildung begrifflichen Wissens in der Ontogenese beigetragen. Insbesondere in den letzten dreißig Jahren sind bei der entwicklungspsychologischen Erforschung des Denkens im Säuglingsalter entscheidende Fortschritte gemacht worden, die zur grundlegenden Revision unserer Vorstellungen über die geistigen Fähigkeiten des menschlichen Säuglings geführt haben. Während William James gegen Ende des 19.
Beate Sodian

6. Denkentwicklung aus dem Blickwinkel des strukturgenetischen Konstruktivismus

Zusammenfassung
Es ist kaum vorstellbar, dass in einer wissenschaftlichen Darstellung der geistigen Entwicklung in Kindheit und Jugend die mit dem Schweizer Forscher Jean Piaget verbundene Theorie ausgeklammert wird. Sie bildet den impliziten, häufig sogar den expliziten Ausgangspunkt für die meisten Untersuchungen und fließt stillschweigend in die aktuelle Theoriebildung ein, sei es auch nur, um Piaget zu widerlegen oder sich von ihm abzuheben. Deshalb kann es nicht verwundern, dass Bond und Tryphon (2007) bei der Auszählung der im Handbook of Child Psychology verwendeten Quellen herausfanden, dass Piaget der am häufigsten zitierte Autor war. Von der Biologie herkommend, galt sein primäres Interesse erkenntnistheoretischen (epistemologischen) Fragen. Jean Piaget gilt heute als der Begründer der genetischen Epistemologie, also jener Disziplin, welche die Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis dadurch zu verstehen versucht, dass sie deren Entwicklung beim Menschen beobachtet. Vor diesem Hintergrund hat Piaget eine genuin entwicklungspsychologische Theorie entworfen, die am treffendsten als strukturgenetischer Konstruktivismus bezeichnet werden kann. Es ist das Ziel dieses Kapitels, die komplexe Theorie auf verständlichem Niveau vorzustellen (siehe auch die Schlüsselbegriffe in Tabelle 6.1, S. 150) und dabei auch Veränderungen anzusprechen, die sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen haben.
Siegfried Hoppe-Graff

7. Die Erforschung menschlicher Intelligenz

Zusammenfassung
Stellen wir uns jeweils 20 neun- bis zehnjährige Kinder in drei Klassen A, B, C der vierten Jahrgangsstufe einer Grundschule vor, die von drei unterschiedlichen Mathematiklehrpersonen unterrichtet werden. Die Schüler/innen beherrschen bereits die numerischen Grundoperationen Addition und Subtraktion im kleinen Zahlenbereich, sollen nun aber erstmalig mathematische Textaufgaben folgender Art lösen: (a) Maria hat 8 Murmeln. Sie hat 3 Murmeln mehr als Hans. Michael hat 5 Murmeln. Er hat 2 Murmeln weniger als Elisabeth. Wie viele Murmeln haben Hans und Elisabeth zusammen? (b) Susanne zieht jeden Tag eine Hose mit einem T-Shirt an. Sie möchte gern jeden Tag anders angezogen sein. Sie hat 3 Hosen und 5 T-Shirts. An wie vielen Tagen kann sie anders angezogen sein? Zur Lösung derartiger Aufgaben müssen neben Kenntnissen über die mathematischen Grundoperationen zweifellos Fähigkeiten zum schlussfolgernden Denken, genauer genommen zum deduktiven Denken zur Anwendung kommen. Dabei müssen aus vorgegebenen Informationen neue Informationen erschlossen werden.
Elsbeth Stern, Roland H. Grabner

8. Gedächtnisentwicklung im Kindes- und Jugendalter

Zusammenfassung
Die Entwicklung des Gedächtnisses bei Kindern und Jugendlichen stellt nach wie vor ein zentrales Thema der kognitiven Entwicklungspsychologie dar. Schon vor mehr als hundert Jahren interessierte die Frage, was genau unter Gedächtnis zu verstehen ist und wie es sich aufbaut. Vor allem vor dem Hintergrund der bahnbrechenden Arbeiten Flavells, in deren Zentrum die Frage stand, ob intentionale Gedächtnisstrategien als „Mediatoren“ oder auch „Motoren“ der Gedächtnisleistung anzusehen sind und wie diese dann die Leistung in unterschiedlichen Altersgruppen beeinflussen, sind in den 1960er-Jahren grundsätzliche entwicklungspsychologische Gedächtnisvorgänge aufgedeckt worden. Zu ihrer Aufklärung hat dabei gleichzeitig die Etablierung einer Reihe allgemeiner Informationsverarbeitungstheorien beigetragen. Mittlerweile besteht deshalb in Bezug auf das Gedächtnis eine relativ große Übereinstimmung in der Begriffsbestimmung und den zentralen Modellannahmen.
Wolfgang Schneider, Nicole Berger

9. Die Erforschung menschlicher Motivation

Zusammenfassung
Sowohl im alltäglichen wie wissenschaftlichen Sprachgebrauch steht Motivation für Ursachen oder Gründe menschlichen Verhaltens. Die menschliche Motivation ist jedoch ein so vielschichtiges und facettenreiches psychisches Phänomen, dass es im konkreten Fall kaum möglich ist, genau Auskunft darüber zu geben, warum und wozu ein bestimmtes Verhalten ausgewählt und umgesetzt wurde. Außerdem kann Motivation nicht direkt erfasst und gemessen werden. Man ist auf Selbst- und Fremdeinschätzungen angewiesen oder muss Motivation durch experimentelle Manipulation erschließen. Dabei ergeben sich unterschiedliche motivationale Fragestellungen wie etwa die Auswahl eines Handlungsziels, die Entwicklung motivationaler Dispositionen (Motive) oder der Einfluss unterschiedlicher Arten der Motivation auf das Verhalten. Die genaue Bestimmung der Motivation einer Person wird darüber hinaus durch die große Bandbreite persönlicher Wertorientierungen und Interessen erschwert, die im Laufe des Lebens in Auseinandersetzung mit konkreten Lebenssituationen das Handlungsgeschehen prägen und vielfältigen Wandlungen unterworfen sind.
Andreas Krapp, Tina Hascher

10. Theorien der Lern- und Leistungsmotivation

Zusammenfassung
Die Lern- und Leistungsmotivation ist zu einem gewichtigen Gebiet für viele Subdisziplinen der Psychologie und Pädagogik geworden, denn sie stellt eine wichtige Voraussetzung für die Leistungsfähigkeit des Menschen im Dienst einer gelungenen Anpassung und Entwicklung in vielen Lebensbereichen dar. Ihre Erforschung wird im vorliegenden Kapitel unter zwei Perspektiven beschrieben. Zum einen wird danach gefragt, wie sich die Lern- und Leistungsmotivation über die Lebensspanne verändert und durch welche Einflussfaktoren sie in eine bestimmte Richtung gelenkt wird („Entwicklung der Lern- und Leistungsmotivation“). Zum anderen interessiert, welchen Stellenwert die Lern- und Leistungsmotivation in der menschlichen Individualentwicklung einnimmt: Inwieweit kann sie zur Erklärung der Kompetenzentwicklung, aber auch der Persönlichkeitsentwicklung insgesamt herangezogen werden? Analysiert wird dabei insbesondere, welche Bedeutung die Lern- und Leistungsmotivation für den Lernerfolg und die individuelle Leistungsentwicklung hat („Motivation der Entwicklung“).
Andreas Krapp, Tina Hascher

11. Modelle der Handlungsmotivation zur erfolgreichen Entwicklung

Zusammenfassung
Wie kann erfolgreiche Entwicklung im Erwachsenenalter, vor allem aber im höheren Lebensalter, gelingen? Diese Frage haben in den vergangenen Jahren insbesondere sozial-motivationale Theorien zu beantworten versucht, von denen wir in diesem Kapitel die wichtigsten vorstellen. Diese fokussieren sich auf die Handlungsmotivation des Menschen und stellen sie in den Kontext der erfolgreichen Interaktion eines Menschen mit seiner sozialen Umwelt. Gilt eine Person als erfolgreich, wenn sie besonders leistungsfähig ist? Oder wenn sie – vielleicht trotz schlechter Leistungen – glücklich ist? Wie lange muss da Glück vorhalten, damit man von erfolgreicher Entwicklung sprechen kann? Wie hoch muss die Leistung sein? In welchem Leistungsbereich? Oder geht es vor allem darum, dass man gesund ist oder sozial gut eingebettet? Geht es darum, bei einem bestimmten Entwicklungsziel anzukommen, oder sollte vor allem der Weg der Entwicklung zählen? Diese Fragen verdeutlichen, wie schwierig es ist, jenseits der eigenen Wertvorstellungen allgemeine Kriterien für eine erfolgreiche Entwicklung zu bestimmen und damit den Rahmen dafür festzulegen, womit wir uns in diesem Kapitel beschäftigen.
Alexandra M. Freund, David Weiss, Jana Nikitin

12. Theorien zu Imitation und Handlungsverständnis

Zusammenfassung
Im Rahmen der Anpassung eines menschlichen Säuglings an seine Umwelt ist es für ihn essentiell, Kontakt zu den umgebenden Personen aufzunehmen, deren Zuwendungsbereitschaft zu erlangen und mit ihnen zu kooperieren. Deshalb haben in den letzten zwei Jahrzehnten wissenschaftliche Untersuchungen Interesse erregt, die zeigen, wie Säuglinge die Handlungen anderer Personen wahrnehmen und interpretieren. Als Erwachsene erleben wir die Aktivitäten anderer Personen als zielgerichtet und schließen aus dem beobachteten Verhalten auf zugrundeliegende interne Zustände wie Absichten, Wünsche oder Gefühle. Säuglinge können zwar im ersten Lebensjahr schon imitieren, aber es ist fraglich, ob sie auch ein Verständnis für die inneren Zustände der anderen haben und wie und wann sie diese Fähigkeit herausbilden. Dieses Kapitel beleuchtet dazu verschiedene theoretische Ansätze, bei denen es vor allem um die Fähigkeit zur Imitation und die Frage geht, inwiefern die kindliche Imitation Auskunft darüber gibt, wie die Kinder auch die Handlungen anderer Personen verstehen und für sich selbst zunutze machen.
Birgit Elsner

13. Soziale Lerntheorien

Zusammenfassung
Lernen bringt Entwicklung. Daher werden seit mehreren Jahrzehnten viele entwicklungspsychologische Ansätze durch lerntheoretische Perspektiven ergänzt, die besagen, dass die aktive Auseinandersetzung des Kindes mit der Umwelt einer der wichtigsten Katalysatoren seiner Entwicklung ist und Lernprozesse beinhaltet. Darüber hinaus haben sich jedoch auch eigenständige Entwicklungsmodelle über soziales Lernen entwickelt, die auf die individuellen und alltäglichen Erfahrungen des Menschen in seiner Umwelt Bezug nehmen. Diese sozialen Lern- und Entwicklungstheorien wurden aus grundsätzlichen, philosophisch und historisch geprägten Betrachtungen über die menschliche Existenz und Entwicklung hergeleitet. Daher beginnt das vorliegende Kapitel zunächst mit den philosophischen Grundlagen ausgewählter Lerntheorien. Im weiteren Verlauf werden diese Lerntheorien dann erläutert und mit empirischen Studien beispielhaft untermauert. Schließlich erörtern wir, wie die klassischen Ansätze sozialen Lernens ergänzt und erweitert wurden.
Angela Ittel, Diana Raufelder, Herbert Scheithauer

14. Psychoanalytische Zugänge zur frühen Kindheit

Zusammenfassung
Obwohl über die Psychoanalyse zumeist im Singular gesprochen wird, steht der Begriff der Psychoanalyse heute für ein weitverzweigtes Netz von unterschiedlichen Theorie- und Praxistraditionen, in denen ebenso vielgestaltige Forschungsaktivitäten verfolgt und diskutiert werden (Eagle, 1988). Den Ausgangspunkt all dieser Entwicklungen stellen Sigmund Freuds Bemühungen dar, seine neurotisch erkrankten Patient/inn/en zielführend psychotherapeutisch zu behandeln, sowie die Erfahrungen, die er dabei machte, zu systematisieren und theoretisch zu fassen. Dabei war er von Beginn an daran interessiert, Theorien über das Wesen psychopathologischer Zustandsbilder und deren Veränderbarkeit im psychotherapeutischen Prozess mit Aussagen über deren Ätiologie zu verknüpfen.
Wilfried Datler, Michael Wininger

15. Psychoanalytische Entwicklungs betrachtungen der Jugend

Zusammenfassung
Die psychoanalytische Entwicklungstheorie der Adoleszenz ist kein geschlossenes Gebäude, sondern eher eine Ansammlung von theoretischen Ideen und Konzeptionen, die sich in den letzten hundert Jahren seit den historischen Anfängen durch Freud entwickelt haben. Dies hängt auch damit zusammen, dass der Fokus der psychoanalytischen Entwicklungstheorie bis heute auf der frühen Kindheit liegt. Dennoch sind die entstandenen Konzeptionen interessant und nachdenkenswert und sie haben die psychologische Forschung des Jugendalters zu zahlreichen Studien angeregt. Die psychoanalytischen Konzeptionen stehen – und auch dies ist eine bemerkenswerte Anregung – in einem interessanten Kontrast zu gängigen entwicklungspsychologischen Vorstellungen über das Jugendalter.
Inge Seiffge-Krenke

16. Die Bindungstheorie

Zusammenfassung
Die Erforschung zwischenmenschlicher Interaktionen und Beziehungen wird seit nunmehr sechs Jahrzehnten von der Bindungstheorie dominiert. In ihrem Zentrum stehen besondere Formen der Sozialbeziehungen, die sich durch emotionale Sicherheit und Vertrautheit auszeichnen und mit nur wenigen Personen entstehen. Diese Bindungsbeziehungen werden zunächst mit den primären Bezugspersonen erworben, weiten sich jedoch auch auf signifikante andere Personen im weiteren Lebenslauf eines Menschen aus. Die bisherige Forschung konzentrierte sich vornehmlich auf Mutter-Kind- Bindungen, weshalb diese sog. primäre Bindung den Ausgangspunkt der Darstellung bildet. Wir wollen zunächst ihre begriffliche Bestimmung vornehmen und ihre Funktionsweise so darstellen, wie sie sich in der frühen Kindheit zeigt, und werden dafür die Zugangsebenen der klassischen Bindungstheorie benutzen. Diese Beschreibungsebenen werden danach durch weiterentwickelte behaviorale und biopsychologische Erklärungsmodelle ergänzt, die bis in die Bindungsstörungen hineinreichen und die gesamte Lebensspanne umfassen. Schließlich werden wir über aktuelle Brennpunkte der Bindungsforschung diskutieren, die sich mit den verschiedensten Formen von Bindungsrepräsentationen, ihrer transgenerationalen Weitergabe und ihren biopsychologischen Grundlagen beschäftigen. Die Auswahl der vielschichtigen theoretischen Perspektiven und empirischen Befunde werden wir auch hier deutlich begrenzen müssen und verweisen den Leser schon jetzt auf einen umfassenden Überblick in Cassidy und Shaver (2008).
Lieselotte Ahnert, Gottfried Spangler

17. Die Erforschung menschlicher Emotionen

Zusammenfassung
Emotionen sind alltäglich und allgegenwärtig. Wer hat nicht selbst schon einmal Freude, Trauer, Ärger oder Scham erlebt, bei seinen Mitmenschen beobachtet und darüber gesprochen? Aber für wissenschaftliche Untersuchungen sind Emotionen nur schwer zugänglich. Woran erkennt man eigentlich genau, dass Emotionen erlebt werden und welche das im Einzelnen sind? Haben alle Menschen das gleiche Repertoire an Emotionen, egal zu welcer Altersgruppe oder Kultur sie gehören? Die Erforschung dieser Fragen hat zu kontroversen Antworten geführt. Sie haben in der Folge unterschiedliche Theorietraditionen der entwicklungspsychologischen Emotionsforschung begründet, die wir im vorliegenden Kapitel vorstellen und diskutieren wollen. Wir werden sowohl die klassischen Befunde beschreiben wie auch einen Ausblick auf die aktuellen Forschungstrends geben.
Manfred Holodynski

18. Theorien zum Spracherwerb

Zusammenfassung
Ein Bewusstsein für das Besondere menschlicher Sprachfähigkeit ist historisch schon sehr früh dokumentiert. Insbesondere sind jedoch Experimente bekannt geworden, die die Frage zu beantworten versuchten, wie Sprache überhaupt zustande kommt und welche die „Ursprache“ unter der Vielzahl der Sprachen sei. Dafür wurden heute ethisch nicht vertretbare Experimente durchgeführt, in denen Kinder in totaler Isolation gehalten wurden, um die sich vermutlich spontan entwickelnde Ursprache letztendlich entdecken zu können. Der ägyptische Pharao Psammetich I. (664–610 v. Chr.), aber auch einige mittelalterliche Herrscher wie beispielsweise Kaiser Friedrich II. (1194–1250) sollen derartige „royal investigations“ angeordnet haben (vgl. Campbell & Grieve, 1982; Deutsch & El Mogharbel, 2007). Diese Bemühungen blieben jedoch erfolglos, da die meisten Kinder die Deprivationsexperimente nicht überlebten. Das heutige Wissen über den individuellen Spracherwerb und die unterschiedlichen Ansätze zur Erklärung der dabei beteiligten Strukturen und Prozesse sollen im vorliegenden Kapitel dargestellt werden. In einem solchen übergreifenden Abriss können diese Inhalte allerdings lediglich skizziert werden.
Werner Kany, Hermann Schöler

19. Skinner und Chomsky: zwei Protagonisten der Spracherwerbsforschung

Zusammenfassung
Erklärungsansätze zum Spracherwerb stehen vor der Frage, ob ein Kleinkind ein spezifisch sprachliches Vorwissen braucht, um eine Sprache zu erlernen, oder ob es mit seinen zu diesem Zeitpunkt erworbenen kognitiven Kompetenzen auskommt. Im vorliegenden Kapitel wird diese Frage auf recht unterschiedliche Weise beantwortet. Würde man diese zwei Zugänge auf einer bipolaren Dimension anordnen, deren Pole einen nativistischen und einen empiristischen Zugang repräsentierten, stünden am empiristischen Pol die theoretischen Überlegungen von Burrhus Frederic Skinner für einen funktions- und verhaltensanalytischen Erklärungsansatz. Am nativistischen Pol wäre die theoretische Position von Noam Chomsky zu finden und prototypisch für ein nativistisch-strukturanalytisches Herangehen zur Erklärung des Spracherwerbs. Im vorliegenden Kapitel sollen diese Unterschiede in Theorie und Methodik aufgezeigt und ihre Bedeutung für die Erforschung des Spracherwerbs herausgearbeitet werden.
Werner Kany, Hermann Schöler

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