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28.09.2018 | Transformation | Interview | Onlineartikel

"Ganze Berufsfelder werden früher oder später obsolet"

Autor:
Andrea Amerland

Die digitale Transformation führt zu massiven Veränderungen in der Arbeitswelt. Einige Jobs sind bereits bis zum Jahr 2020 gefährdet, warnt Thomas R. Köhler. Welche Jobs das sind und welche Soft Skills künftig besonders gefragt sind, erklärt der Digitalexperte im Gespräch.


Springer Professional: Herr Köhler, Sie prognostizieren, dass die ersten Berufe ab 2020 durch die Digitalisierung bedroht sind. Welche sind das unter anderem und warum? 

Thomas R. Röhler: Die digitale Wandel unserer Arbeitswelt ist kein wirklich neues Phänomen. Bereits Ende der 90er Jahre gab es eine rege Debatte, ob der aufkommende Internet- und E-Mail-Boom zu signifikanten Arbeitsplatzverlusten führen würde. Heute – gut 20 Jahre später – sehen wir die damals prognostizierten Veränderungen überall, wenn wir nur genau genug hinsehen. 

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Können Sie konkrete Beispiele dafür nennen?

Die Stellenanzeige in der Zeitung ist ein Auslaufmodell, ebenso die Bewerbungsmappe in blauem Glanzkarton samt Postversand. Vergleichbares gilt für den Bankmitarbeiter, der beim Ausfüllen des Überweisungsträger hilft. Onlinebanking und Self Service Terminals haben diese Vorgänge weitgehend ersetzt und da sind alternative Zahlungsverfahren à la Paypal und Co noch gar nicht berücksichtigt. Eine vergleichbare Erosion an den Rändern sehen wir in den letzten Jahren bei Juristen. Einfache Sachverhalte werden längst automatisiert angeboten. Wer als Endverbraucher heute etwa Ärger mit seiner Airline wegen Verspätungen oder Flugausfällen hat wird sich wohl in den meisten Fällen direkt an eines der vielen Fluggastrechte-Portale wenden und kaum selbst zum Anwalt gehen. All diese Entwicklungen sind längst Realität und haben bereits in den meisten Berufsbildern ihre Spuren hinterlassen.

Was wird die Zukunft noch bringen? 

Der eigentliche Wandel steht noch bevor. Wir erleben derzeit eine neue Welle der Automatisierung. Es geht ans Herz zahlreicher Berufsfelder. Denken wir etwa an Human Ressources. Hier ist der Schritt bis zur Vollautomation nicht weit. Bewerber-Interviews können vom Chatbot besser und neutraler übernommen werden. Automatisierte Tests stellen Vergleichbarkeit sicher, lediglich die Endauswahl der Kandidatenvorschläge verbleibt beim Menschen. Bis dahin ist Automatisierung nicht nur möglich, sondern in greifbarer Reichweite. Gleiches gilt für die laufende Bewertung von Mitarbeitern. 

Was wird sich im juristischen Umfeld noch tun?

Neue Softwareprogramme durchforsten zum Beispiel automatisch Vertragstexte und identifizieren wichtige Fragestellungen und juristische Stolpersteine. Was bis heute vielfach eine undankbare Arbeit für Junganwälte war und ist, macht mancherorts bereits Kollege Computer und heißt nun Legal Tech. In einem Leistungsvergleich zwischen 20 erfahrenen Vertragsanwälten mit einer Vertragsanalysesoftware in den Vereinigten Staaten ergab sich kürzlich ein erschütterndes Bild für den Menschen. Die Software arbeitet schneller, ohne Pause und ähnlich präzise wie ein Volljurist. Heute endet die Arbeit der Maschine noch bei der Analyse. Die Interpretation macht der Mensch. Aber auch hier ist eine noch weitergehende Automatisierung absehbar und auch im Richterberuf denkbar.

Wo sehen Sie Kollege Roboter in naher Zukunft noch sitzen?

Vergleichbare Entwicklungen sehen wir auch in verwandten Feldern, wie in der Unternehmensberatung oder Wirtschaftsprüfung. Ein immer höherer Automatisierungsgrad bedroht hier wie da den bisherigen Kern der Wertschöpfung. Auch handwerklich geprägte Tätigkeitsfelder werden eine neue Veränderungswelle erleben, etwa die Baubranche. Derzeit arbeitet man dort noch wie vor Jahrzehnten und mit mit entsprechenden Fehlerquote beziehungsweise Ineffizienz. Kommen nun disruptive Technologien wie der 3D Druck in Reichweite, dann wird es schnell gehen. Es fragt sich nur, ob es die Baufirmen selbst, die Zulieferer aus der Baustoffbranche oder neue Player am Markt sind, die das große Geschäft machen. Auf der Strecke bleiben werden einfache Tätigkeiten am Bau.  

Welche Qualifikationen sind in Zukunft richtig gefragt?

Lassen Sie mich das an dem oben diskutierten Beispiel mit den Anwälten erläutern: Automatisierung im Anwaltsberuf heißt nicht, dass Absolventen nach dem Jurastudium direkt in der Arbeitslosigkeit landen. Digitalisierung der Bürowelt bedeutet jedoch immer, dass sich Aufgaben verschieben oder konkret die grundlegende Analysearbeit tatsächlich zum Teil verschwindet. Die Interpretation des Gefundenen, die Gespräche mit dem Mandanten und die Verhandlung mit dem Gegner und damit ganz konkret die Bedeutung von Soft Skills, rücken verstärkt in das Anforderungsprofil des digitalisierten Anwaltsberufs. Diese Entwicklung vollzieht sich bei vielen anderen Berufsbildern: Mehr Interaktion, mehr persönliche Ansprache, vielleicht auch mehr Emotion. 

Sie haben das Stichwort Soft Skills selbst erwähnt. Welche brauchen Berufstätige in Zukunft?

Ein wichtigter Faktor ist die persönliche Veränderungsbereitschaft. Digitalisierung ist kein einmaliger Vorgang, sondern ein kontinuierlicher Prozess und kommt zumeist von den Rändern. Anders als bisher werden damit ganze Berufsfelder früher oder später obsolet. Zwar ist es bis zum selbstfahrenden Auto, dass nicht nur den Taxifahrer überflüssig macht, sondern auch selbständig in die Werkstatt fährt und mit den dort anwesenden Robotern die Wartung durchführt und als mögliche selbständige wirtschaftliche Einheit auch abrechnet, noch ein weiter Weg. Aber dieser Weg ist vorgezeichnet. Bis heute haben die positive wirtschaftliche Entwicklung und das sogenannte Informationstechnologie-Produktivitäts-Paradoxon gnädig die frühen Arbeitsmarkteffekte der Digitalisierung verdeckt. Wir werden sie aber in den nächsten Jahren mit voller Wucht zu spüren bekommen.  

Wie müssen wir uns die Arbeitswelt beziehungsweise den Arbeitsplatz der Zukunft vorstellen? 

Die nächsten Jahrzehnte werden geprägt sein von einer zunehmenden Mensch-Maschine-Interaktion. Den Arbeiter in der Fabrik, der Hand in Hand mit einem Roboter arbeitet, gibt es bereits. Ähnliches werden wir in den Büros erleben. Insbesondere wenn wir es in den nächsten Jahren schaffen, Anwendungsfelder von Künstlicher Intelligenz zu schaffen, die jenseits der bisherigen überwiegend trivialen Aufgaben aus dem maschinellen Lernen liegen, werden wir mit permanenten Verschiebungen der Aufgabenverteilung zwischen Mensch und Maschine leben müssen. Wir werden quasi die Zusammenarbeit immer wieder neu aushandeln. Veränderung wird zum Dauerthema für die Arbeitswelt.  

Was bedeuten diese Veränderungen für Unternehmen und das Management?

Die Wirkung des digitalen Wandels auf die Führung ist bisher ein Tabuthema. Wenn alles jederzeit messbar ist und automatisch gesteuert werden kann: Brauche ich dann wirklich noch vier oder fünf Managementebenen im Konzern? Wie kommen die Mitarbeiter und Führungskräfte mit einer permanenten Kontrolle und einem sich dadurch verschärfenden inter-personellem Wettbewerb klar? Dies ist weitgehend unerforscht, da bis auf wenige Ausnahmen bisher niemand konsequent derartige Mechanismen geschaffen hat.

Big Brother im Büro also. Das ist aber nicht nur rechtlich problematisch ...

Die nächste Generation der Softwaretools liefert aber genau das frei Haus. Hier sind die Arbeitnehmervertreter gefordert, klare Stellung zu beziehen. Der wichtigste Effekt für das Unternehmen geht bei solchen Betrachtungen vielfach unter: Paradoxerweise könnte, wenn wir nicht bewusst klar definierte Freiräume schaffen, die Digitalisierung zur Innovationsbremse werden. Inkrementelle Innovation durch immer bessere Abläufe steht hier natürlich nicht in Frage. Sprung-Innovationen entstehen jedoch selten bis nie aus der Verbesserung und Automatisierung der Abläufe. Es bleibt zu hoffen, dass auch das Unternehmen der Zukunft hinreichend viel Freiraum bietet. 

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