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05.11.2018 | Transformation | Im Fokus | Onlineartikel

Bei Industrie 4.0 ist langer Atem gefragt

Autor:
Stefan Heng

Industrie 4.0 steht für eine vollumfängliche Automatisierung der gesamten Wertschöpfungskette in allen Branchen. Als Fabrikausrüster der Welt eröffnen sich dadurch für Deutschland große Entwicklungschancen, schreibt Gastautor Stefan Heng.


Industrie 4.0 kann allein im engen Austausch der Forschungsinstitute und innovationsfreudiger Unternehmen aus Elektrotechnik, Maschinenbau und IT gelingen. Allerdings ist bei Industrie 4.0 langer Atem gefragt. Durchschlagende, betriebswirtschaftlich messbare Erfolge werden sich nur mittel- bis langfristig einstellen. Bei dieser evolutionären Veränderung braucht es also den weitblickenden Entrepreneur und weniger den allein auf kurzfristige Gewinne starrenden Hedge Fonds-Manager.

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Thema digitale Transformation ganzheitlich verstehen

Industrie 4.0 steht bei den wichtigen Technologie-Konferenzen und auch den politischen Programmen zur Standortsicherung wie etwa dem aktuellen Eckpunktepapier der Bundesregierung "KI Made in Germany" (PDF) weiterhin ganz oben auf den Tagesordnungen. Dabei zielt Industrie 4.0 auf die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft, und – als wäre das nicht schon Herkules-Aufgabe genug – auch auf die Bewältigung des inländischen Fachkräftemangels sowie die Reduzierung des weltweiten Ressourcenverbrauches.

Idee basiert auf umfassende Veränderungen

Das Konzept Industrie 4.0 steht für eine grundsätzliche Re-Organisation der Wirtschaft und verzahnt dabei Produktion, Marketing, Finance und Logistik eng miteinander. Das Konzept repräsentiert eine über alle Branchen hinweggehende, vollumfängliche Automatisierung der gesamten Wertschöpfungskette mitsamt dem medienbruchfreien Informationsaustausch in Echtzeit zwischen Mensch, Maschine und Werkstück, vom Rohmaterial bis hin zum Endverbraucher. Mittels moderner Informationstechnologie organisiert Industrie 4.0 alle Betriebsmittel, Produktionsstätten, Energieversorgung, Lager- und Logistiksysteme. Damit werden auch völlig neue Anforderungen an die Arbeitsorganisation gestellt.

Industrie 4.0 verspricht viel mehr als Kostensenkung

Diese Entwicklungen bei Automatisierung, Flexibilisierung und Integration werden für jedes Unternehmen im internationalen Wettbewerb immer mehr zum Muss. Dafür spricht beispielsweise die Studie "Deutsche Industrie 4.0 Index 2018" der Unternehmensberatung Staufen. Demnach gestehen derzeit nur noch rund zehn Prozent der befragten deutschen Unternehmen ein, sich gar nicht mit Industrie 4.0 zu beschäftigen. Gleichzeitig haben 52 Prozent der Unternehmen im operativen Bereich heute bereits Industrie 4.0-Projekte realisiert; 2014 noch waren dies nur 15 Prozent.

Dabei ist Industrie 4.0 allumfassend und geht weit über das Kostensenken allein in der Produktion hinaus. Tatsächlich eröffnet sich ein Großteil des Potenzials vor allem über fünf Hebel, also hohe Flexibilität, kurze Vorlaufzeiten, kleine Losgrößen und einem erweiterten Dienstleistungsanteil in der Produktion sowie attraktiven Arbeitsbedingungen in den Unternehmen:

So werden sich mit Industrie 4.0 die Geschäftsprozesse dadurch hoch-dynamisch erweisen, dass alle Elemente des Herstellungsprozesses von den Maschinen bis zu den Einzelteilen dann selbstorganisiert flexibel auf kurzfristige Änderungen der Nachfrage oder Ausfälle innerhalb der Wertschöpfungskette reagieren. Daneben verkürzen sich die Vorlaufzeiten dadurch wesentlich, dass alle relevante Daten medienbruchfrei, fehlerfrei und in Echtzeit an dem Ort vorliegen, wo sie gerade gebraucht werden. 

Dazu steigt mit Industrie 4.0 der Dienstleistungsanteil auch beim Verkauf haptischer Produkte, das heißt neben dem Produkt selbst erwartet der Kunde vom Hersteller auch immer mehr Beratung über die gesamte Lebenszeit hinweg. Darüber hinaus wird es mit Industrie 4.0 nun möglich, individuelle Kundenwünsche in der Losgröße eins so umzusetzen, dass diese nicht mehr als zuvor bei einer Massenproduktion kosten. Schließlich dürfte ein innovativer Arbeitgeber, der seinen Mitarbeitern zeitliche und räumliche Flexibilität bietet, beim War-for-Talents tendenziell die Nase vorn haben. Dies gilt umso mehr, wenn der Arbeitgeber ergänzend auch Fort- und Weiterbildung bietet.

Herausforderungen auf technischer, wirtschaftlicher, organisatorischer und juristischer Ebene

Mit Industrie 4.0 sind also vielversprechende Vorteile verbunden. Demgegenüber gibt es aber auch etliche Herausforderungen auf technischem, rechtlichem, wirtschaftlichem und unternehmensorganisatorischem Feld. Einige besonders wichtige dieser Herausforderungen betreffen die Geschwindigkeit der Datenverarbeitung, die Auslastung der Produktionskapazitäten, die Komplexität der Produktionsorganisation, die Bindung in der Wertschöpfungskette sowie die Fragen von Datenschutz und Datensicherheit.

Industrie 4.0 ist also keinesfalls ein Selbstläufer. Für eine zukunftsweisende Entwicklung braucht es nämlich auch weiterhin den engen Schulterschluss zwischen Politik, Wirtschaft, Forschung und Bildung. Nur in enger intensiver Zusammenarbeit dieser Akteure können die vielfältigen dringlichen Aufgaben überhaupt gemeistert werden; vom Infrastrukturausbau, also moderne Strom- und Kommunikationsnetze, über Sicherheit und Standardisierung, bis hin zur Aus- und Weiterbildung. Um das Thema an den entscheidenden Stellen voranzutreiben, hat die Bundesregierung den Digitalrat mit Vertretern aus Wirtschaft und Forschung berufen.

Ob sich mit dieser Berufung tatsächlich auch die Dynamik in diesem Feld erhöht oder diesbezüglich eher große Sorge geboten ist, wird alsbald sichtbar sein. So kritisiert auf Seiten der Bedenkenträger Heinz-Paul Bonn, Softwareunternehmer, dass Deutschland kein Erkenntnisproblem, sondern ein Durchsetzungsproblem hätte. Die Bundesregierung erhielte von vielen Seiten sowieso schon Hinweise auf Defizite bei der Digitalisierung. In die gleiche Richtung geht Linus Neumann, Sprecher des Chaos Computer Clubs, der meint, dass das eigentliche Problem ein gesellschaftliches sei, weil die Deutschen eher die Nachteile als die Vorzüge der Digitalisierung zu erkennen glaubten.

Fazit: Bestrebungen weiter forcieren

Abschließend bleibt festzuhalten, dass mit Industrie 4.0 große Versprechungen in Hinblick auf reduzierte Kosten, hohe Flexibilität, kurze Vorlaufzeiten, kleinen Losgrößen und einem erweiterten Dienstleistungsanteil in der Produktion sowie attraktiven Arbeitsbedingungen verbunden sind. Um diese tatsächlich auch realisieren zu können, muss aber zunächst auch ein Augias-Stall an Aufgaben auf technischem, rechtlichem, wirtschaftlichem und unternehmensorganisatorischem Feld angegangen werden.

Grundsätzlich ist bei Industrie 4.0 also langer Atem gefragt. Selbst im günstigsten Fall werde sich durchschlagende betriebswirtschaftlich messbare Erfolge nicht vor Mitte der anstehenden Dekade einstellen. Bei dieser evolutionären Entwicklung braucht es demnach den langfristig denkenden Entrepreneur und weniger den auf kurzfristige Gewinne fokussierten Hedge-Fonds-Manager.

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