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04.06.2020 | Transformation | Im Fokus | Onlineartikel

Familienunternehmen verschlafen Digitalisierung

Autor:
Anne Steinbach
3:30 Min. Lesedauer

Digitalisierung, Blockchain, KI oder Social Media wirken für einige Familienunternehmen wie Fremdwörter. Noch nie gehört, noch nie drüber nachgedacht und noch nie eingesetzt. Warum das in der Zukunft zu einem Problem werden könnte, zeigt eine Studie auf.

Laut einer Studie der WHU sind Familienunternehmen zögerlich mit der Umsetzung von Digitaltechnologien. Für die Analyse wurde untersucht, welche digitalen und IT-Technologien deutsche Familienunternehmen heute wirklich in die Realität umsetzen. Dazu wurden 1.444 Unternehmen befragt, davon 689 Unternehmen in mehrheitlichem Familienbesitz und 755 im Nicht-Familienbesitz. 92 Prozent der Antwortgeber sind Führungskräfte, davon 53 Prozent Mitglieder der Geschäftsführung beziehungsweise des Vorstands und 34 Prozent der/die jeweils Vorsitzende dieses Gremiums. 

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Herausgekommen ist, dass sich zwar 55 Prozent der deutschen Familienunternehmen grundsätzlich auf die digitale Transformation vorbereitet fühlen, jedoch nutzt nur eine kleine Minderheit Technologien wie Cloud Computing (38 Prozent), Big Data (19 Prozent) oder Anwendungen für Künstliche Intelligenz (5 Prozent). 

Digitale Technologien gegen Nischen-Abhängigkeit 

Die Springer-Autoren Sven Cravotta, Sinikka Gusset-Bährer und Markus Grottke beschreiben jedoch im Buchkapitel "Nischenstrategien in Familienunternehmen: Neue Optionen durch Digitalisierung?" wie wichtig es ist, als Familienunternehmen digitale Technologien in Anspruch einzusetzen  "Viele Familienunternehmen sind auf einen sehr engen Markt und einige wenige Produkte beschränkt. Dadurch sind sie über die Zeit häufig in Abhängigkeitsstrukturen geraten (z. B. als Zuliefererbetrieb in der Automobilindustrie, als Zuliefererbetrieb für den Lebensmitteleinzelhandel etc.). Durch sich ändernde Geschäftsmodelle im Rahmen der Digitalisierung eröffnen sich neue Möglichkeiten, diese Abhängigkeitsstrukturen abzumildern." (Seite 65). 

"Erschreckend ist, dass selbst in der Anwendung der Basis-IT nur knappe Mehrheiten diese Anwendungen überhaupt im Einsatz haben", sagt Professorin Nadine Kammerlander, Leiterin des Lehrstuhls Familienunternehmen an der WHU, die diese Studie inhaltlich begleitet hat. 

Zur Basis-IT zählt die Expertin ERP-Systeme zur Steuerung von Geschäftsprozessen und Lieferanten (66 Prozent), den elektronischen Versand von Rechnungen (55 Prozent), die Nutzung von sozialen Netzwerken (52 Prozent) und ein digitales System für das Management von Kundenbeziehungen (50 Prozent). Dazu kommt, dass vor allem wegweisende Technologien wie Blockchain oder Künstliche Intelligenz, aber auch Big Data und Industrie 4.0 fast gar nicht im Einsatz sind. 

Scheitert Digitalisierung in Familienunternehmen an Finanzen?

"Was heute im öffentlichen Diskurs nahezu omnipräsent erscheint, hat lediglich eine Minderheit der Familienunternehmen in Deutschland im Einsatz", so Kammerlander. Laut Studie wurde in anderen mittelständischen Firmen und Konzernen schon weitaus früher mit modernen Technologien gearbeitet und experimentiert. Grund dafür sind, laut der befragten Familienunternehmen, die gehobeneren Möglichkeiten, was Budget und Spezialwissen angeht. Beides gebe es laut Studie in den wenigsten Familienunternehmen. 

Dabei wissen die knapp 1.500 befragten Unternehmen ganz genau, was eigentlich das Problem ist. "50 Prozent der Unternehmen haben uns mitgeteilt, dass sie über die Anwendungsmöglichkeiten und das Leistungspotenzial moderner Informationstechnologie schon Bescheid wissen", sagt Nadine Kammerlander. "Als große Hürde wurde aber genannt, dass insbesondere das Fehlen technologischer Schnittstellen zwischen existierenden Anwendungen und neuen Technologien in der Praxis die Einsatzmöglichkeit limitieren würde. Ebenso wurden als Schwierigkeiten Anschaffungs- und Einführungskosten und fehlendes Spezial-Wissen beschrieben." 

Familienunternehmen handeln zu langsam 

Viele Familienunternehmen agieren hier ganz nach ihrer DNA: Erst wenn sie vom Einsatz einer Technologie vollends überzeugt sind und glauben, dass sich diese auch rechnet, investieren sie. Das ist eine durchaus legitime Strategie. Allerdings führt das gleichzeitig dazu, dass sie keine Erfahrungen mit den neuen Trends und Technologien abseits von Vorträgen und der Presselektüre sammeln können. Die Minderheit, die heute bereits neue Technologien nutzt und ausprobiert, wird in der Zukunft eher dazu fähig sein, notwendige Veränderungen schneller, gezielter und effizienter herbeizuführen. Die Mehrheit der Familienunternehmen könnte im schlimmsten Fall die möglichen Wettbewerbsvorteile der Zukunft schon heute aufgeben.

Und das ist natürlich innerhalb des Nischenmarktes von Familienunternehmen und vor allem in Anbetracht des steigenden Wettbewerbs eine echte Hürde. "Nicht jede neue Technologie wird unmittelbar Umsatz oder Gewinn steigern", bestätigt Mike Zöller, Partner bei der auf Restrukturierung spezialisierten Beratungsgesellschaft Andersch. "Es geht vielmehr darum, schon heute zu investieren, um morgen wettbewerbsfähig zu bleiben."

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