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Wie der Digitalstandort Europa vom Hasen zum Igel wird

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China und die USA haben Europa bei der Digitalisierung überrundet. Von den 15 größten Digital-Unternehmen sitzt keines in Europa. Es fehlt hierzulande Risikobereitschaft und unternehmerisches Denken. Europa kann aber mehr, kommentieren Peter Kuhle und Siegfried Lettmann.

Peter Kuhle (l,) und Siegfried Lettmann sind Interim Manager.


"Die Amis bauen ihre Flugzeuge beim Fliegen", sagt ein Sprichwort. In Europa ist eher Zurückhaltung und passive Beobachtung das Credo. Erst, wenn sich ein Geschäftsmodell woanders bewährt hat, trauen sich Verantwortliche, es zu adaptieren. Und so laufen sie den digitalen Vorreitern in vielen Bereichen nur hinterher. Das ist fatal, denn es offenbart: Sobald ein neues Geschäftsmodell uns am Markt bedrohlich wird, fehlen uns oftmals die passenden Antworten darauf. Der raketenhafte Aufstieg Amazons hat das sehr gut gezeigt. Europäische Unternehmen sollten viel daransetzen, dass das im B2B-Sektor, in dem Europa stark ist, nicht genauso verläuft.

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Und wir haben in Europa sehr gute Voraussetzungen: Innovation wird großgeschrieben, die Infrastruktur ist gut, die Universitäten und Forschungseinrichtungen spielen weltweit in der ersten Liga, die wirtschaftliche Entwicklung ist stabil, die deutsche Ingenieurskunst wird weltweit geachtet – und laut einer Erhebung des niederländischen Serviceanbieters Daxx gibt es in Europa sogar mehr Softwareentwickler als in den USA. Was also hält uns zurück?

Transformation beginnt im Kopf

Die Antwort: ein eher skeptisches Mindset und fehlender unternehmerischer Mut. Wir lassen uns nicht so schnell von einer Sache begeistern. Erst, wenn sie perfekt durchdekliniert wurde, alle Stärken und Schwächen analysiert sind, lockern wir Europäer unseren Pessimismus-Knoten. Auch existiert noch kein gesamteuropäisches digitales Mindset. Ein Blick auf die EU-Länder zeigt: Jedes Land kocht immer noch sein eigenes digitales Süppchen. Es gibt keinen gemeinsamen digitalen Nenner. Die digitale Transformation ist – wie sollte es anders sein – ein digitaler Flickenteppich in Europa.

Der deutsche Digitalvisionär Christoph Keese hat vollkommen Recht, wenn er sagt: "Wir haben die erste Welle der Digitalisierung verschlafen." Und dennoch – oder gerade deshalb – sollten wir uns abwenden von den negativen Punkten und stattdessen unser Augenmerk auf die positiven Aspekte wenden. Transformation beginnt im Kopf. Fangen wir damit an, unser Skepsis-Mindset abzuschütteln. Daraus sollten wir dann Kraft und Inspiration schöpfen, um Visionen und Ziele zu entwickeln, die den Digitalstandort Europa stärken.

1. Industrie 4.0: Mehr zeigen

Es gibt eine Vielzahl positiver Beispiele europäischer Industrie 4.0 oder Internet of Things-Unternehmen sowie von erfolgreicher digitaler Transformation. Diese sollten wir präsenter machen und als Aushängeschilder darstellen, um andere europäische Unternehmen zu inspirieren. Das öffentliche Interesse können wir nur steigern, wenn wir erfolgreiche Digitalprojekte sichtbarer machen. Beispielsweise die spektakuläre digitale Transformation von Axel Springer: vom Verlagshaus redaktioneller Printmedien zum digitalen Medienmacher – mit dem auf Samsung-Geräten vorinstallierten Newsfeed-Service Upday und der hauseigenen Digitalberatung. Oder die Dark Factory von Philips im niederländischen Drachten, wo 128 Roboter und lediglich neun Mitarbeiter Rasierklingen herstellen.

Oder die Siemens Electronics Plant in Amberg, wo intelligente Maschinen mit Daten gefüttert werden und für eine ganzheitliche Effizienzsteigerung sorgen: verkürzte Innovationszyklen, höhere Produktivität und Qualität – und eine Zuverlässigkeitsrate von 99 Prozent. Oder die vernetzten Weinberge auf dem 200 Hektar großen spanischen Weingut Emilio Moro: IoT-Technologie von Vodafone, Satellitenbilder und Klimasensor-Stationen liefern präzise Daten für eine hochgradig effektive Weinernte. Das sind nur eine Handvoll Beispiele, die zeigen: Europa kann den Digitalmächten USA und China das Wasser reichen. Unternehmen sollten hierfür stärker in den Dialog mit anderen Branchen treten und Know-how sowie Erfahrungen austauschen. Dabei sollte die Technologie nur Mittel zum Zweck sein. Der Fokus muss auf der Wertschöpfung für den Kunden liegen.

2. Finanzierung: Mehr wagen

Der Betrag an Wagniskapital-Investitionen in Europa lag 2019 bei stolzen 39,8 Milliarden US-Dollar – und damit noch vor China (33,5 Milliarden). Der Abstand zu den USA (116 Milliarden.) ist dagegen ernüchternd. Dabei weiß doch jeder Unternehmer: Zukunftsfähig ist nur, wer innovationsfähig ist. Darum sollte einerseits noch mehr Wagniskapital ausgeschüttet werden, um Gründer zu animieren, innovative Tech-Unternehmen zu gründen. Andererseits sollte die Politik das Unternehmertum in der Öffentlichkeit stärken und fördern. Ein Start-up zu gründen, ist in vielen europäischen Ländern immer noch negativ konnotiert. Dieses Mindset, diese Negativ-Kultur, muss sich ändern.

Natürlich benötigen wir in Europa weit mehr als nur innovative Start-ups. Um in Zukunft neben den USA und China eine digitale Vorreiterrolle zu spielen, sollten Unternehmen kreative nicht-lineare Ansätze wählen. Beispielsweise könnten sie Ökosysteme bilden, die über die klassische Cluster-Bildung hinausgehen, auch über Branchengrenzen hinweg: In Arbeitsgruppen mit Universitäten, Forschungseinrichtungen, Zulieferern, Kunden, Wettbewerbern und branchenfremden Playern könnten diese Ökosysteme gezielt in Co-Kreation Trends identifizieren und daraus digitale Geschäftsmodelle mit größerem Kontextbewusstsein und stärkerem Kundenfokus entwickeln. Unternehmerische Weitsicht, Mut und Geschwindigkeit sind dafür erforderlich.

3. Wirtschaftspolitik: Digitale Förderprogramme 

Um die EU als einheitlichen Digitalstandort zu stärken, müssen die Staaten ihre Hausaufgaben machen. Der Verband der Internetwirtschaft Eco fordert zu Recht den Ausbau digitaler Förderprogramme, ein verlässliches IT-Schutzniveau und synchronisierte Datensicherheit, flächendeckende hochleistungsfähige Gigabitinfrastrukturen, die Harmonisierung eines digitalen Binnenmarktes, Mindeststandards für digitale Lehr- und Lernkonzepte sowie dieselben Voraussetzungen für europäische KMU und Start-ups.

Fazit: Digitalstandort Europa ist langfristig stärker

Es gibt noch viel zu tun am Digitalstandort Europa, keine Frage. Darum sollten sich Entscheider in Unternehmen auch nicht zurücklehnen, sondern mutig die Digitalisierung vorantreiben. Es gilt, auch unkonventionelle Wege zu wählen, strategische Symbiosen mit Wettbewerbern oder branchenfremden Unternehmen einzugehen und eine neue digitale Haltung an den Tag zu legen. Wenn alle Mitgliedstaaten an einem Strang ziehen und wenn es gelingt, den von EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen gepredigten "Digitalen Wandel, der von Natur aus europäisch ist" zu gehen – dann könnte Europa langfristig die besseren Karten haben am digitalen Pokertisch. Arbeiten wir also daran, dass uns das gelingt.

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    Bildnachweise
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